Renaturierte Ösper: Kompromiss zwischen zu viel und zu wenig Pflege Claudia Hyna Petershagen. Vor sechs Jahren wurde die Ösper im Bereich des alten Hafens renaturiert: Arbeiter entfernten ein steiles Betonbauwerk und legten eine flache Rampe an, damit Fische und Kleinstlebewesen durchwandern können. Aufgabe des Wasserverbands Weserniederung ist es seitdem, das neue Bauwerk und auch die Nebenflächen dieses Bereiches hinter dem Schloss Petershagen von zuviel Bewuchs frei zu halten. „Es gibt Menschen, denen kann es nicht kurz genug sein – und solche, die sagen, ihr sollt hier überhaupt nicht eingreifen“, beschreibt Geschäftsführer Joachim Weike den Zwiespalt, in dem sich der Verband befindet. Mitte Juni schnitten Arbeiter einen kurzen Abschnitt der Böschung an der Nordseite der Ösper frei, Ende August soll die Südseite folgen. Diese Arbeiten laufen in der Regel einmal im Jahr, teilt Weike mit. Dabei soll – wie im vergangenen Jahr erstmals erprobt – erneut eine sogenannte Mähraupe zum Einsatz kommen. Ein Leser fragt, ob für den Einsatz dieses Roboters nicht ein Zeitpunkt außerhalb der Vegetationsperiode gewählt werden könne. „Mit Grausen“ habe er 2020 das Gefährt bei der Arbeit beobachtet. „Der macht alles platt“, sagt der Petershäger Burkhard Pfaff. Alles, was sich dem mit Raupenfahrwerk ausgestatteten Fahrzeug entgegenstellt, werde geschreddert. Insekten, Kleintieren und Amphibien werde damit der Lebensraum entzogen. Ihm stelle sich grundsätzlich die Frage, ob ein Lebensraum, der in einen naturnahen Zustand zurück versetzt werden soll, überhaupt durch menschliches Zutun bewirtschaftet werden müsse. „Wir können hier nicht sagen: Wir machen gar nichts mehr“, sagt der Experte vom Wasserverband dazu. Schließlich handele es sich im Bereich des alten Ösperhafens auch um ein Überschwemmungsgebiet. Gehölze dürften zwar zugelassen werden, aber eine Riegelbildung müsse man entsprechend der wasserrechtlichen Genehmigung für die Maßnahme vermeiden. Vorteil von Gehölzen sei, dass sie zum einen für Schatten sorgen, zum anderen Laub und Totholz als Nahrung für Kleinstlebewesen im Gewässer dienen, wie etwa Köcherfliegenlarven. Beginnend vom Ösperhafen aufwärts werde der gesamte Böschungsbereich (unter anderem Brennnesseln, Disteln, Quecken, Schafgarbe) bis hinunter zur Wasserlinie bearbeitet, so der Vorwurf von Burkhard Pfaff. Dem widerspricht Weike. Im Bereich der Böschungsfußpunkte und an der Rampe werden unterschiedlich breite Bereiche geschont („Krautsäume“), in den tief liegenden Bereichen werde überwiegend überhaupt nicht mehr gemäht. Der Wasserverband wisse um die sensible Tier- und Pflanzenwelt in dem Bereich und habe aus dem Grund den Mähroboter erst ab 12. August bestellt. Der wahrscheinliche Termin für die Mahd wäre dann Ende August oder Anfang September. Im vergangenen Jahr kam er bereits am 20. Juli zum Einsatz. Die Verantwortlichen versuchten zum Beispiel abzuwarten, bis ein Großteil der Vögel fertig sei mit der Brut, die Fische gelaicht hätten und amphibische Jungtiere ausreichend groß geworden seien – aber auf alles könne man keine Rücksicht nehmen. „Der Zeitkorridor, es allen vorkommenden Tier- und Pflanzenarten mit ihren unterschiedlichen Lebensraumanforderungen recht zu machen, ist einfach zu klein.“ Daher bleibe nur, einen Kompromiss zu finden. Es werde darauf geachtet, dass gerade in renaturierten Bereichen solche Arbeiten eher später im Jahr stattfinden. In Naturschutzgebieten würden sie zum Teil erst ab 1. Oktober aktiv. Da habe in den vergangenen Jahren auf jeden Fall ein Umdenken stattgefunden. Vor der Renaturierung sei an der Ösper alles „ratzekahl“ von Hand und bis unten ans Wasser freigeschnitten worden, blickt Joachim Weike zurück. „Da gab es hier auch keinen Baum, sondern nur Beton und relativ öden und eintönigen Bewuchs.“ Vorteil des Roboters sei, dass die Arbeiter deutlich sicherer stehen. Der Job sei bei der Hangneigung von 45 Grad nicht ungefährlich, gerade nach Regenfällen. Auch sei es auf diese Weise weniger anstrengend für die Mitarbeiter, schneller gehe es auch vonstatten. Eines wolle er klar stellen: Nur weil die Mähraupe zum Einsatz komme, werde nicht mehr gemacht. Aktuell werde die Maschine etwa vier Wochen im Jahr ausgeliehen. Nun überlege der Verband, sich ein eigenes Gerät anzuschaffen, denn es gebe noch mehr Einsatzorte. Im vergangenen Jahr wurde eine Raupe mit Sichelmähwerk getestet, in diesem Jahr soll es ein Gerät mit einem Schlegelmähwerk sein. So solle getestet werden, welches für die Zwecke des Verbandes sinnvoller ist. Der Schlegelmäher mit seiner rotierenden Welle zerkleinert das Grün stärker, so dass der liegen bleibende Mulch schneller vergeht. Für die Fauna hier sei er aber auf jeden Fall schädlicher. Der Bereich, der sich in seiner Entwicklung selbst überlassen bleibe, bleibe von den Mäharbeiten unberührt. Joachim Weike ist überzeugt: „Wir schaffen hier Vielfalt und Platz für das Gewässer, außerdem lassen wir der natürlichen Entwicklung – wo möglich – ihren Raum. Aber auch Flächen, die gemäht werden, sind Lebensräume.“ Der Zustand, der sich in den letzten sechs Jahren entwickelt hat, sei aber nicht in Stein gemeißelt und müsse nicht für alle Zeit erhalten bleiben. Möglich sei, dass in fünf Jahren alles ganz anders aussehe. Schließlich wolle man an der Stelle keinen Zoo bauen. Die Natur gestalte vieles selber, in diesem Fall suche sich die Ösper immer wieder einen eigenen, neuen Weg zur Weser. „Manchmal trauen wir Menschen der Natur vielleicht auch nicht genug zu.“

Renaturierte Ösper: Kompromiss zwischen zu viel und zu wenig Pflege

Die Fischtreppe in der Ösper überwindet einen Höhenunterschied von 120 Metern. Einige Bereiche bleiben hier sich selbst überlassen, andere werden demnächst gemäht. MT-Foto: Alex Lehn © lehn

Petershagen. Vor sechs Jahren wurde die Ösper im Bereich des alten Hafens renaturiert: Arbeiter entfernten ein steiles Betonbauwerk und legten eine flache Rampe an, damit Fische und Kleinstlebewesen durchwandern können. Aufgabe des Wasserverbands Weserniederung ist es seitdem, das neue Bauwerk und auch die Nebenflächen dieses Bereiches hinter dem Schloss Petershagen von zuviel Bewuchs frei zu halten. „Es gibt Menschen, denen kann es nicht kurz genug sein – und solche, die sagen, ihr sollt hier überhaupt nicht eingreifen“, beschreibt Geschäftsführer Joachim Weike den Zwiespalt, in dem sich der Verband befindet.

Mitte Juni schnitten Arbeiter einen kurzen Abschnitt der Böschung an der Nordseite der Ösper frei, Ende August soll die Südseite folgen. Diese Arbeiten laufen in der Regel einmal im Jahr, teilt Weike mit. Dabei soll – wie im vergangenen Jahr erstmals erprobt – erneut eine sogenannte Mähraupe zum Einsatz kommen.

Joachim Weike erklärt, wie es vor der Renaturierung aussah. - © chyna
Joachim Weike erklärt, wie es vor der Renaturierung aussah. - © chyna

Ein Leser fragt, ob für den Einsatz dieses Roboters nicht ein Zeitpunkt außerhalb der Vegetationsperiode gewählt werden könne. „Mit Grausen“ habe er 2020 das Gefährt bei der Arbeit beobachtet. „Der macht alles platt“, sagt der Petershäger Burkhard Pfaff. Alles, was sich dem mit Raupenfahrwerk ausgestatteten Fahrzeug entgegenstellt, werde geschreddert. Insekten, Kleintieren und Amphibien werde damit der Lebensraum entzogen. Ihm stelle sich grundsätzlich die Frage, ob ein Lebensraum, der in einen naturnahen Zustand zurück versetzt werden soll, überhaupt durch menschliches Zutun bewirtschaftet werden müsse.

„Wir können hier nicht sagen: Wir machen gar nichts mehr“, sagt der Experte vom Wasserverband dazu. Schließlich handele es sich im Bereich des alten Ösperhafens auch um ein Überschwemmungsgebiet. Gehölze dürften zwar zugelassen werden, aber eine Riegelbildung müsse man entsprechend der wasserrechtlichen Genehmigung für die Maßnahme vermeiden. Vorteil von Gehölzen sei, dass sie zum einen für Schatten sorgen, zum anderen Laub und Totholz als Nahrung für Kleinstlebewesen im Gewässer dienen, wie etwa Köcherfliegenlarven. Beginnend vom Ösperhafen aufwärts werde der gesamte Böschungsbereich (unter anderem Brennnesseln, Disteln, Quecken, Schafgarbe) bis hinunter zur Wasserlinie bearbeitet, so der Vorwurf von Burkhard Pfaff. Dem widerspricht Weike. Im Bereich der Böschungsfußpunkte und an der Rampe werden unterschiedlich breite Bereiche geschont („Krautsäume“), in den tief liegenden Bereichen werde überwiegend überhaupt nicht mehr gemäht.

Der Wasserverband wisse um die sensible Tier- und Pflanzenwelt in dem Bereich und habe aus dem Grund den Mähroboter erst ab 12. August bestellt. Der wahrscheinliche Termin für die Mahd wäre dann Ende August oder Anfang September. Im vergangenen Jahr kam er bereits am 20. Juli zum Einsatz.

Die Verantwortlichen versuchten zum Beispiel abzuwarten, bis ein Großteil der Vögel fertig sei mit der Brut, die Fische gelaicht hätten und amphibische Jungtiere ausreichend groß geworden seien – aber auf alles könne man keine Rücksicht nehmen. „Der Zeitkorridor, es allen vorkommenden Tier- und Pflanzenarten mit ihren unterschiedlichen Lebensraumanforderungen recht zu machen, ist einfach zu klein.“ Daher bleibe nur, einen Kompromiss zu finden. Es werde darauf geachtet, dass gerade in renaturierten Bereichen solche Arbeiten eher später im Jahr stattfinden. In Naturschutzgebieten würden sie zum Teil erst ab 1. Oktober aktiv. Da habe in den vergangenen Jahren auf jeden Fall ein Umdenken stattgefunden.

Vor der Renaturierung sei an der Ösper alles „ratzekahl“ von Hand und bis unten ans Wasser freigeschnitten worden, blickt Joachim Weike zurück. „Da gab es hier auch keinen Baum, sondern nur Beton und relativ öden und eintönigen Bewuchs.“ Vorteil des Roboters sei, dass die Arbeiter deutlich sicherer stehen. Der Job sei bei der Hangneigung von 45 Grad nicht ungefährlich, gerade nach Regenfällen. Auch sei es auf diese Weise weniger anstrengend für die Mitarbeiter, schneller gehe es auch vonstatten. Eines wolle er klar stellen: Nur weil die Mähraupe zum Einsatz komme, werde nicht mehr gemacht.

Aktuell werde die Maschine etwa vier Wochen im Jahr ausgeliehen. Nun überlege der Verband, sich ein eigenes Gerät anzuschaffen, denn es gebe noch mehr Einsatzorte. Im vergangenen Jahr wurde eine Raupe mit Sichelmähwerk getestet, in diesem Jahr soll es ein Gerät mit einem Schlegelmähwerk sein. So solle getestet werden, welches für die Zwecke des Verbandes sinnvoller ist. Der Schlegelmäher mit seiner rotierenden Welle zerkleinert das Grün stärker, so dass der liegen bleibende Mulch schneller vergeht. Für die Fauna hier sei er aber auf jeden Fall schädlicher.

Der Bereich, der sich in seiner Entwicklung selbst überlassen bleibe, bleibe von den Mäharbeiten unberührt. Joachim Weike ist überzeugt: „Wir schaffen hier Vielfalt und Platz für das Gewässer, außerdem lassen wir der natürlichen Entwicklung – wo möglich – ihren Raum. Aber auch Flächen, die gemäht werden, sind Lebensräume.“ Der Zustand, der sich in den letzten sechs Jahren entwickelt hat, sei aber nicht in Stein gemeißelt und müsse nicht für alle Zeit erhalten bleiben. Möglich sei, dass in fünf Jahren alles ganz anders aussehe. Schließlich wolle man an der Stelle keinen Zoo bauen. Die Natur gestalte vieles selber, in diesem Fall suche sich die Ösper immer wieder einen eigenen, neuen Weg zur Weser. „Manchmal trauen wir Menschen der Natur vielleicht auch nicht genug zu.“

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