Platt im Kindergarten: Angebot in Wietersheim soll fortgesetzt werden Claudia Hyna Petershagen-Wietersheim. Mit ihren eigenen Kindern hat Karin Fabry kein Platt gesprochen. „Das war verpönt, damals in den 60er/70er Jahren“, sagt die Erzieherin im Ruhestand. Dass die Sprache 30 Jahre später wiederbelebt würde, hätte keiner geglaubt. Doch so war es. Zahlreichen Kindern hat die heute 80-Jährige das Plattdeutsche nahe gebracht. Nun beendet sie das Projekt – und der Kindergarten Wietersheim wünscht sich einen Ersatz. Als Karin Fabry im März 2020 wie gewohnt ihre Vormittagsveranstaltung in der Einrichtung anbot, ahnte sie nicht, dass es das letzte Mal sein würde. Die Corona-Pandemie führte zu Einschränkungen im Kindergartenalltag. Unter anderem durften sich die Gruppen nicht mehr mischen und keine Externen die Räume betreten. Nun ist sie kürzlich 80 Jahre alt geworden und meint: Ein guter Zeitpunkt zum Aufhören. Von 1979 bis 2001 leitete sie den evangelischen Kindergarten Wietersheim. Erst mit Mitte 30 hatte sie ihre Berufung gefunden und eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert. In den Anfängen waren die Mädchen und Jungen lediglich bis 12 Uhr dort, von 14 bis 16 Uhr gab es zusätzliche Angebote wie Turnen und Basteln. „Warum nicht auch Plattdeutsch?“, dachte sich Karin Fabry. Sie wusste, dass in einigen Familien viel Dialekt gesprochen wurde.Als sie jung war, seien noch Kinder eingeschult worden, die kein Wort hochdeutsch sprachen. Sie hatte die Idee, die Sprache zu erhalten und anderen Kindern zugänglich zu machen. Das Interesse war von Anfang an groß. „Es gab Zeiten, da konnten wir der Nachfrage nicht gerecht werden“, erinnert sich die heutige Leiterin Edelgard Albers.Zeitweise war Plattdeutsch für alle Schulanfänger verpflichtend. Da es Kinder gab, die keine Lust dazu hatten, ging man zu einem freiwilligen Angebot am Vormittag über, an dem meist zehn bis zwölf Kinder teilnahmen. „Ick heite Karin – und wie heitst du?“, mit diesen Worten leitete Karin Fabry ihre Stunde ein. Dann ging es weiter mit Dingen, die die Kinder betreffen: Körper, Kleidung, Umfeld. Lieder wurden gesungen und Spiele gespielt. Besonders beliebt waren Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser (wie deep is dat Water)? und Taler, Taler (Doaler, Doaler), du musst wandern. Das Plattdeutsche sei nicht leicht zu lesen, da es keine einheitliche Rechtschreibung gebe, erklärt die 80-Jährige. In den Anfängen sei es schwer gewesen, an Literatur zu kommen. In Bremen wurde Karin Fabry fündig. Nach ihrem Ruhestand 2001 übernahm Angelika Volkening, mit der sie das Projekt aufgebaut hatte. „Sie sprach auch auf den Fluren Plattdeutsch mit den Kindern“, sagt Edelgard Albers. Nach ihrem zu frühen Tod stieg die Pensionärin 2016 wieder ein. „Ich war immer neugierig und habe gern über den Tellerrand geguckt“, beschreibt sie ihre Motivation, als Rentnerin mit Kindern zu arbeiten. Und auch, wenn sie immer noch fit sei, so fiel es ihr immer schwerer, im Spiel auf dem Boden zu sitzen und aufzuspringen, berichtet sie.Viele wünschten sich, dass ihre Kinder zweisprachig aufwachsen, hat sie erfahren. Die meisten hätten dabei Englisch im Blick. Der Wert von Mehrsprachigkeit ist unbestritten, sagt dazu Dr. Reinhard Goltz vom Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen. Das Alter bis drei Jahre sei am besten für den Spracherwerb geeignet; bis sechs Jahre lassen sich Fertigkeiten auf muttersprachlichem Niveau entfalten, so seine Erfahrung.Edelgard Albers hat festgestellt, dass der Spracherwerb gut fürs Selbstwertgefühl der Kinder ist. Zu wissen „Das kann ich auch“, wirke sich immer positiv aus. Insgesamt sei es eine Bereicherung für den Kindergarten. Außerdem stärke es das Sprachgefühl der Kinder. Karin Fabry hat nicht nur aus dem Grund die Hoffnung, dass auch in den Grundschulen mehr Plattdeutsch gesprochen wird. Jahrhundertelang hatte Platt das Leben der Menschen im Norden bestimmt. Während das Hochdeutsche an Ansehen gewann, verlor die Regionalsprache an Wertschätzung, sagt Goltz. Mit dem Einsetzen der weltweiten Kommunikation wuchs der Wunsch nach Erdung und regionaler Verankerung – und damit kamen die Regionalsprachen auf. In den 1990er Jahren setzte eine Neubesinnung ein. Seitdem ist Plattdeutsch vor allem in Kindergärten im Norden zu hören.Es erfreut sich zwar großer Beliebtheit, so Goltz weiter – die Sprecherzahlen sinken aber nach wie vor. Der Kindergarten Wietersheim möchte dem mit seinem Angebot entgegensteuern. Um die Tradition zu erhalten, sucht die Einrichtung nun einen ehrenamtlichen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin. Karin Fabry wäre bereit, der Person beim Einstieg zu helfen. Denn das Plattdeutsche liegt ihr – genau wie die Kinder – am Herzen. „Et maokede vierl Spoass un dei Kinner habt et in Huse wieder vertellt“, so beschreibt sie ihre Zeit als Plattdeutsch-Oma.

Platt im Kindergarten: Angebot in Wietersheim soll fortgesetzt werden

Karin Fabry war jahrelang die Plattdeutsch-Oma in Wietzen (Wietersheim). MT-Foto: Alex Lehn

Petershagen-Wietersheim. Mit ihren eigenen Kindern hat Karin Fabry kein Platt gesprochen. „Das war verpönt, damals in den 60er/70er Jahren“, sagt die Erzieherin im Ruhestand. Dass die Sprache 30 Jahre später wiederbelebt würde, hätte keiner geglaubt. Doch so war es. Zahlreichen Kindern hat die heute 80-Jährige das Plattdeutsche nahe gebracht. Nun beendet sie das Projekt – und der Kindergarten Wietersheim wünscht sich einen Ersatz.

Als Karin Fabry im März 2020 wie gewohnt ihre Vormittagsveranstaltung in der Einrichtung anbot, ahnte sie nicht, dass es das letzte Mal sein würde. Die Corona-Pandemie führte zu Einschränkungen im Kindergartenalltag. Unter anderem durften sich die Gruppen nicht mehr mischen und keine Externen die Räume betreten. Nun ist sie kürzlich 80 Jahre alt geworden und meint: Ein guter Zeitpunkt zum Aufhören.

Von 1979 bis 2001 leitete sie den evangelischen Kindergarten Wietersheim. Erst mit Mitte 30 hatte sie ihre Berufung gefunden und eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert. In den Anfängen waren die Mädchen und Jungen lediglich bis 12 Uhr dort, von 14 bis 16 Uhr gab es zusätzliche Angebote wie Turnen und Basteln. „Warum nicht auch Plattdeutsch?“, dachte sich Karin Fabry. Sie wusste, dass in einigen Familien viel Dialekt gesprochen wurde.

Als sie jung war, seien noch Kinder eingeschult worden, die kein Wort hochdeutsch sprachen. Sie hatte die Idee, die Sprache zu erhalten und anderen Kindern zugänglich zu machen. Das Interesse war von Anfang an groß. „Es gab Zeiten, da konnten wir der Nachfrage nicht gerecht werden“, erinnert sich die heutige Leiterin Edelgard Albers.

Zeitweise war Plattdeutsch für alle Schulanfänger verpflichtend. Da es Kinder gab, die keine Lust dazu hatten, ging man zu einem freiwilligen Angebot am Vormittag über, an dem meist zehn bis zwölf Kinder teilnahmen. „Ick heite Karin – und wie heitst du?“, mit diesen Worten leitete Karin Fabry ihre Stunde ein. Dann ging es weiter mit Dingen, die die Kinder betreffen: Körper, Kleidung, Umfeld. Lieder wurden gesungen und Spiele gespielt. Besonders beliebt waren Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser (wie deep is dat Water)? und Taler, Taler (Doaler, Doaler), du musst wandern.

Das Plattdeutsche sei nicht leicht zu lesen, da es keine einheitliche Rechtschreibung gebe, erklärt die 80-Jährige. In den Anfängen sei es schwer gewesen, an Literatur zu kommen. In Bremen wurde Karin Fabry fündig. Nach ihrem Ruhestand 2001 übernahm Angelika Volkening, mit der sie das Projekt aufgebaut hatte. „Sie sprach auch auf den Fluren Plattdeutsch mit den Kindern“, sagt Edelgard Albers. Nach ihrem zu frühen Tod stieg die Pensionärin 2016 wieder ein. „Ich war immer neugierig und habe gern über den Tellerrand geguckt“, beschreibt sie ihre Motivation, als Rentnerin mit Kindern zu arbeiten. Und auch, wenn sie immer noch fit sei, so fiel es ihr immer schwerer, im Spiel auf dem Boden zu sitzen und aufzuspringen, berichtet sie.

Viele wünschten sich, dass ihre Kinder zweisprachig aufwachsen, hat sie erfahren. Die meisten hätten dabei Englisch im Blick. Der Wert von Mehrsprachigkeit ist unbestritten, sagt dazu Dr. Reinhard Goltz vom Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen. Das Alter bis drei Jahre sei am besten für den Spracherwerb geeignet; bis sechs Jahre lassen sich Fertigkeiten auf muttersprachlichem Niveau entfalten, so seine Erfahrung.

Edelgard Albers hat festgestellt, dass der Spracherwerb gut fürs Selbstwertgefühl der Kinder ist. Zu wissen „Das kann ich auch“, wirke sich immer positiv aus. Insgesamt sei es eine Bereicherung für den Kindergarten. Außerdem stärke es das Sprachgefühl der Kinder. Karin Fabry hat nicht nur aus dem Grund die Hoffnung, dass auch in den Grundschulen mehr Plattdeutsch gesprochen wird.

Jahrhundertelang hatte Platt das Leben der Menschen im Norden bestimmt. Während das Hochdeutsche an Ansehen gewann, verlor die Regionalsprache an Wertschätzung, sagt Goltz. Mit dem Einsetzen der weltweiten Kommunikation wuchs der Wunsch nach Erdung und regionaler Verankerung – und damit kamen die Regionalsprachen auf. In den 1990er Jahren setzte eine Neubesinnung ein. Seitdem ist Plattdeutsch vor allem in Kindergärten im Norden zu hören.

Es erfreut sich zwar großer Beliebtheit, so Goltz weiter – die Sprecherzahlen sinken aber nach wie vor. Der Kindergarten Wietersheim möchte dem mit seinem Angebot entgegensteuern. Um die Tradition zu erhalten, sucht die Einrichtung nun einen ehrenamtlichen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin. Karin Fabry wäre bereit, der Person beim Einstieg zu helfen. Denn das Plattdeutsche liegt ihr – genau wie die Kinder – am Herzen. „Et maokede vierl Spoass un dei Kinner habt et in Huse wieder vertellt“, so beschreibt sie ihre Zeit als Plattdeutsch-Oma.

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