Pfeifen bis unters Scheunendach: Ilveser baut Orgel für Kasseler Kirche Oliver Plöger Petershagen-Ilvese. In einer Scheune am Ilveser Gnadenhof entsteht gerade eine Orgel mit tausend Pfeifen. Mag sein, dass hier früher mal ein Lanz Bulldog knatterte, jetzt testet Jens Salzmann die höchsten Töne. Bis unters Dach füllt das Instrument die Scheune aus, viel Platz zum Bewegen ist hier nicht mehr. Zuweilen wirkt Salzmann, der mit weißen Handschuhen arbeitet, wie ein Akrobat. Wenn sie fertig ist, soll die „Königin der Instrumente“ zerlegt und in einer Kirche in Kassel erneut aufgebaut werden. Und in Gedanken hört man ihn schon: den Anfang von Bachs Toccata in d-Moll. Und wer ein bisschen Ahnung hat, hört vielleicht auch die Fuge. Ahnung hat Jens Salzmann auf jeden Fall, denn der 41-Jährige ist gelernter Harmonium- und Orgelbauer. Seit knapp zehn Jahren wohnen die Salzmanns in Ilvese, Jens Salzmann hilft seiner Frau nach Kräften beim Gnadenhof, den sie auf dem Gelände hier am Brokenkamp betreibt. Sein Hauptberuf ist ihm wichtig, zu den Aufträgen zieht er meist übers Land. Wenn der 41-Jährige mit Pfeifenputzern und Staubsaugern anrückt, dann können Organisten und Zuhörer sicher sein, dass das Instrument schon bald wieder so göttlich klingt, wie es eben klingen soll. Zu den seltenen und besonderen Aufträgen aber gehört der komplette Bau einer Orgel. So wie jetzt. Es sieht schon beeindruckend aus, was gerade unter den Händen von Jens Salzmann entsteht. Fast fünfeinhalb Meter hoch ist das Instrument, die meisten Pfeifen sind neu und werden noch im eingeschweißten Zustand angebracht, einige aber – eine Besonderheit – sind schon über 120 Jahre alt, hölzern und warm tönend. „Hier“, zeigt der gebürtige Dortmunder auf die tiefste Pfeife ganz rechts, „steht es handgeschrieben: 1898“. Auch wenn der Großteil der Pfeifen bei diesem Auftrag neu ist: Manche Teile aus alten Orgeln seien noch gut verwendbar, sagt Salzmann, der als Profi immer nach solchen Schätzen sucht. Dass es dabei Überraschungen gibt, liegt nahe: Eine blieb stumm, Jahrzehnte hatte niemand ins Innenleben geguckt. „Manchmal findet man verunglückte Vögel oder Fledermäuse in tonlosen Pfeifen“, weiß Jens Salzmann. Diesmal aber waren es Bienen, die wohl vor etlichen Jahren in die Pfeifenfüße geflogen waren und dort unter der Windkammer Nester gebaut hatten. Vertrocknete Puppenhüllen zeugten noch von dieser summenden Vergangenheit. Wo genau die Pfeifen einst geklungen haben, weiß er nicht, doch in Ilvese und später bei der evangelischen Kirchengemeinde in Kassel sollen sie wieder zum Leben erweckt werden. Auf zwei Manualen kann der Organist das Instrument dann bedienen, hinzu kommen Pedal und die charakteristischen Koppeln – ein kompletter Spieltisch. Ja, und den könne auch Salzmann selbst bespielen. „Ein wenig schon“, sagt er bescheiden. Um immer wieder zu testen, wie alles klingt. Schon früh hatte sich Jens Salzmann für klassische Musik interessiert, speziell für Bach, Beethoven, Haydn und natürlich Wolfgang Amadeus Mozart. Salzmann erzählt die Geschichte vom Brief an den Vater 1777, in dem Mozart schreibt, die Orgel sei in seinen Augen und Ohren „der König aller Instrumente“. Jens Salzmann selbst hatte sein Handwerk in einem Orgelbaubetrieb in Höxter gelernt, steckt seit 2006 im Beruf. Wartung, Pflege, Reparatur, auch Umbau und die Anpassung an neue Räume gehören zum Portfolio. Eines der Highlights bisher war die Beteiligung an der Restaurierung der Orgel in der Universitätskirche San Girlamo della Cariá in Rom. Erbaut 1884 war das Instrument nicht mehr bespielbar, eingestaubt und schlimm verstimmt. Mit einem Kollegen aus Holzwickede ging Salzmann ans Werk – mit nachklingendem Erfolg, denn die beiden bekamen gleich auch einen Wartungsauftrag. Hier in Petershagen hatte Salzmann vor vier Jahren die Orgel in Windheim restauriert, über 30 Jahre alt und teilweise schon angeschimmelt. Sporen, so weiß der Fachmann, sind seit der Installation von Heizungen ein Problem. Auch in Heimsen, Schlüsselburg, Wasserstraße, Neuenknick und in Minden-Dankersen hatte Salzmann Orgeln gereinigt oder vom Schimmel befreit. Und nein, Orgeln mit Pfeifen stehen nicht nur in Kirchen. Zu den von ihm selbst gebauten Instrumenten gehört eine Hausorgel für privat mit sieben Registern. Jetzt aber ist wieder eine Kirchengemeinde der Auftraggeber. Alles ist größer, passt aber gerade so in die Werkstatt in Ilvese. Die Arbeit ist schon weit fortgeschritten, ein paar Tage wird er allerdings noch brauchen, bis Salzmann die Orgel komplett wieder zerlegt und sie nach Kassel transportiert. Und eines muss auch noch bestellt werden: das Typenschild. Damit auch in der Kasseler Kirche bekannt ist, wer dieses Instrument gebaut hat. Wo sie entstand, nämlich in einer Scheune in Ilvese, wird dann wohl nicht mehr von Interesse sein – nur die Musik entfaltet dann ihre Wirkung.

Pfeifen bis unters Scheunendach: Ilveser baut Orgel für Kasseler Kirche

Nur noch das Instrument: Viel Platz bleibt in der Werkstatt am Brokenkamp nicht mehr. © Oliver Plöger

Petershagen-Ilvese. In einer Scheune am Ilveser Gnadenhof entsteht gerade eine Orgel mit tausend Pfeifen. Mag sein, dass hier früher mal ein Lanz Bulldog knatterte, jetzt testet Jens Salzmann die höchsten Töne. Bis unters Dach füllt das Instrument die Scheune aus, viel Platz zum Bewegen ist hier nicht mehr. Zuweilen wirkt Salzmann, der mit weißen Handschuhen arbeitet, wie ein Akrobat. Wenn sie fertig ist, soll die „Königin der Instrumente“ zerlegt und in einer Kirche in Kassel erneut aufgebaut werden. Und in Gedanken hört man ihn schon: den Anfang von Bachs Toccata in d-Moll. Und wer ein bisschen Ahnung hat, hört vielleicht auch die Fuge. Ahnung hat Jens Salzmann auf jeden Fall, denn der 41-Jährige ist gelernter Harmonium- und Orgelbauer.

Seit knapp zehn Jahren wohnen die Salzmanns in Ilvese, Jens Salzmann hilft seiner Frau nach Kräften beim Gnadenhof, den sie auf dem Gelände hier am Brokenkamp betreibt. Sein Hauptberuf ist ihm wichtig, zu den Aufträgen zieht er meist übers Land. Wenn der 41-Jährige mit Pfeifenputzern und Staubsaugern anrückt, dann können Organisten und Zuhörer sicher sein, dass das Instrument schon bald wieder so göttlich klingt, wie es eben klingen soll. Zu den seltenen und besonderen Aufträgen aber gehört der komplette Bau einer Orgel. So wie jetzt.

Streckt sich für die neue Orgel: Jens Salzmann bringt die frisch gelieferten Orgelpfeifen an. Zum Schutz bleiben sie noch in Folie verpackt. MT-Fotos: Oliver Plöger - © Oliver Plöger
Streckt sich für die neue Orgel: Jens Salzmann bringt die frisch gelieferten Orgelpfeifen an. Zum Schutz bleiben sie noch in Folie verpackt. MT-Fotos: Oliver Plöger - © Oliver Plöger

Es sieht schon beeindruckend aus, was gerade unter den Händen von Jens Salzmann entsteht. Fast fünfeinhalb Meter hoch ist das Instrument, die meisten Pfeifen sind neu und werden noch im eingeschweißten Zustand angebracht, einige aber – eine Besonderheit – sind schon über 120 Jahre alt, hölzern und warm tönend. „Hier“, zeigt der gebürtige Dortmunder auf die tiefste Pfeife ganz rechts, „steht es handgeschrieben: 1898“.

Auch wenn der Großteil der Pfeifen bei diesem Auftrag neu ist: Manche Teile aus alten Orgeln seien noch gut verwendbar, sagt Salzmann, der als Profi immer nach solchen Schätzen sucht. Dass es dabei Überraschungen gibt, liegt nahe: Eine blieb stumm, Jahrzehnte hatte niemand ins Innenleben geguckt. „Manchmal findet man verunglückte Vögel oder Fledermäuse in tonlosen Pfeifen“, weiß Jens Salzmann. Diesmal aber waren es Bienen, die wohl vor etlichen Jahren in die Pfeifenfüße geflogen waren und dort unter der Windkammer Nester gebaut hatten. Vertrocknete Puppenhüllen zeugten noch von dieser summenden Vergangenheit.

Wo genau die Pfeifen einst geklungen haben, weiß er nicht, doch in Ilvese und später bei der evangelischen Kirchengemeinde in Kassel sollen sie wieder zum Leben erweckt werden. Auf zwei Manualen kann der Organist das Instrument dann bedienen, hinzu kommen Pedal und die charakteristischen Koppeln – ein kompletter Spieltisch. Ja, und den könne auch Salzmann selbst bespielen. „Ein wenig schon“, sagt er bescheiden. Um immer wieder zu testen, wie alles klingt.

Schon früh hatte sich Jens Salzmann für klassische Musik interessiert, speziell für Bach, Beethoven, Haydn und natürlich Wolfgang Amadeus Mozart. Salzmann erzählt die Geschichte vom Brief an den Vater 1777, in dem Mozart schreibt, die Orgel sei in seinen Augen und Ohren „der König aller Instrumente“.

Jens Salzmann selbst hatte sein Handwerk in einem Orgelbaubetrieb in Höxter gelernt, steckt seit 2006 im Beruf. Wartung, Pflege, Reparatur, auch Umbau und die Anpassung an neue Räume gehören zum Portfolio. Eines der Highlights bisher war die Beteiligung an der Restaurierung der Orgel in der Universitätskirche San Girlamo della Cariá in Rom. Erbaut 1884 war das Instrument nicht mehr bespielbar, eingestaubt und schlimm verstimmt. Mit einem Kollegen aus Holzwickede ging Salzmann ans Werk – mit nachklingendem Erfolg, denn die beiden bekamen gleich auch einen Wartungsauftrag.

Hier in Petershagen hatte Salzmann vor vier Jahren die Orgel in Windheim restauriert, über 30 Jahre alt und teilweise schon angeschimmelt. Sporen, so weiß der Fachmann, sind seit der Installation von Heizungen ein Problem. Auch in Heimsen, Schlüsselburg, Wasserstraße, Neuenknick und in Minden-Dankersen hatte Salzmann Orgeln gereinigt oder vom Schimmel befreit. Und nein, Orgeln mit Pfeifen stehen nicht nur in Kirchen. Zu den von ihm selbst gebauten Instrumenten gehört eine Hausorgel für privat mit sieben Registern.

Jetzt aber ist wieder eine Kirchengemeinde der Auftraggeber. Alles ist größer, passt aber gerade so in die Werkstatt in Ilvese. Die Arbeit ist schon weit fortgeschritten, ein paar Tage wird er allerdings noch brauchen, bis Salzmann die Orgel komplett wieder zerlegt und sie nach Kassel transportiert. Und eines muss auch noch bestellt werden: das Typenschild. Damit auch in der Kasseler Kirche bekannt ist, wer dieses Instrument gebaut hat. Wo sie entstand, nämlich in einer Scheune in Ilvese, wird dann wohl nicht mehr von Interesse sein – nur die Musik entfaltet dann ihre Wirkung.

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