Pfarrer Hans-Hermann Hölscher startet in den Ruhestand: „Ich mache hier erstmal nichts“ Oliver Plöger Petershagen-Lahde. Wenn schon Abschied, dann richtig. „Ich mache hier ein Jahr lang nichts“, sagt Hans-Hermann Hölscher, seit 1999 Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Lahde und seit heute im Ruhestand. Ausnahme soll da nur die Bitte von Interimspastor Hendrik Rethemeier sein, der wegen der Konfirmationsgottesdienste nachgefragt hatte. „Das mache ich noch, ansonsten bin ich raus.“ An diesen Gedanken müssten sich alle gewöhnen, die Menschen hier und auch er selbst. Einer neuen Pfarrerin oder einem neuen Pfarrer gegenüber wäre das auch unfair, wie er sagt. Seit über einem Jahr wohnen die Hölschers bereits in Cammer, das Pfarrhaus in Lahde steht leer. Wie genau die eigene Zukunft aussehen wird, weiß Hans-Hermann Hölscher nicht. „Mal gucken“, sagt er. Soziales Engagement könnte er sich vorstellen: „Überall dort, wo ich noch etwas entdecken kann und wo man rüstige Rentner braucht.“ Außerdem gebe es Dinge aus der Vergangenheit, die zu seinem Leben gehören. „25 oder 30 Jahre habe ich nicht mehr Klavier gespielt. Und dann bin ich Segler und fahre gerne Motorrad. Und beim Fahrrad habe ich mir 2.000 Kilometer pro Jahr vorgenommen.“ Hölscher ist Jahrgang 1958, geboren in Bielefeld. Eigentlich wollte er Medizin studieren, doch als er die Reifeprüfung in der Tasche hatte, war klar: Ich werde Pfarrer. „Naturwissenschaft ist nicht mein Thema, das Physikum wäre mir nicht leichtgefallen. Was mich wirklich interessierte, waren Sprachen, auch die alten Sprachen.“ Ausprobiert hatte sich Hölscher im Zivildienst beim CVJM in Essen, fuhr nachmittags zur Gruppenarbeit aufs Dorf. Prägend sei das gewesen. Theologie studierte er in Wuppertal, Göttingen und Tübingen. „Mit Begeisterung“, wie er sagt. Dass er – mittlerweile verheiratet – kurz vor dem Examen noch einmal eine andere Richtung einschlug, sollte ihm jede Menge Erfahrungen bringen. „Ich wollte nicht die Wohnung kündigen, ohne zu wissen, ob ich das Examen auch wirklich bestanden habe. Deshalb habe ich ein halbes Jahr Pause eingeschoben und als Hilfsarbeiter im Metallbau gearbeitet.“ Das Geld mit der Hände Arbeit zu verdienen, sei eine wertvolle Erkenntnis gewesen. „Das also könnte ich zur Not auch.“ Froh war Hans-Hermann Hölscher dann 1986 doch über sein Vikariat in Balve und das dort schon sehr eigenständige Arbeiten, dann das Sondervikariat in der Krankenhausseelsorge in Lüdenscheid, schließlich ab 1989 die Pfarrstelle in der evangelisch-lutherischen Gemeinde Halver. „Wir waren ein tolles.“ Nach zehn Jahren sei dennoch die Zeit für eine Neuorientierung gekommen. „Ich hatte den Eindruck, hier in Lahde stehen die Türen offen.“ Bis dahin kannte er Petershagen nur aus Schulzeiten: „Wir hatten gegen die im Volleyball immer verloren.“ Wichtig sei ihm immer gewesen, alle drei Jahre gemeinsam mit den Presbytern zu hinterfragen, ob es okay ist, noch weiter zu bleiben. Die Frage hatte er für sich stets mit Ja beantwortet. „Weil ich noch etwas vorhatte in der Gemeinde, weil ich Ziele hatte und weil es familiär passte.“ Sechs Kinder zog er mit seiner Frau Ulla groß. Und nach zwölf Jahren habe das Presbyterium gesagt: „Jetzt kannst du auch bis zur Rente bleiben.“ Am Herzen lagen ihm Jugendarbeit (Hölscher war von 1999 bis 2015 Jugendpfarrer im Kirchenkreis Minden), neue Gottesdienstformen, Glaubenskurse, der Besuchsdienst oder die Seniorenfreizeiten. „Es gibt hier in Lahde viele Dinge, über die ich mich freue, aber auf die ich nicht unbedingt stolz bin“, sagt Hölscher. Eben weil sie nicht seine Erfindung seien. Etwa die Konfifreizeiten. „Du brauchst ein Mitarbeiterteam. Dass sich dann aus der ersten Freizeit gleich eine Band entwickelt hat, ist nicht mein Verdienst, aber wir hatten immer frische Musik, auch in unseren Gottesdiensten. Inzwischen haben wir die dritte Band. Aber nie, weil das einer von den Kollegen gepusht hätte, sondern weil das die Menschen waren, die etwas gewollt haben.“ Genauso sei es auch bei den Besuchsdiensten gewesen, die er nicht – wie traditionell vielleicht erwartet – als Pfarrer alleine leisten wollte. „Es gab immer Leute, die die Gemeindearbeit nicht als One-Man-Show des Pfarrers verstanden haben, sondern die sich selbst engagieren.“ Hölscher mag das Bild des Spielertrainers beim Fußball, desjenigen, der die Mannschaft taktisch einstellt. „Da gibt es diese Typen, die sich kurz vor Schluss selber einwechseln. Und so verstehe ich mich: Ich will schon noch mal auf dem Platz stehen und mit Hand anlegen. Aber grundsätzlich bin ich derjenige, der coacht.“ Ein Berufsleben als Pfarrer – für Hans-Hermann Hölscher war es der richtige Weg, auch wenn es nicht immer leicht war. Ja, es habe immer Situationen gegeben, bei denen ihm Tränen gekommen sind. Wenn es um Kinder ging, wenn es um Leute ging, zu denen er eine besondere Beziehung hatte. Die Nähe zu den Menschen bei Beerdigungen sei am größten. Hölschers Verabschiedung – den offiziellen Gottesdienst gibt es Pfingsten – ist mit großen Veränderungen innerhalb der Gemeinde verbunden. Lahde und Bierde feiern nur noch einen sonntäglichen Gottesdienst, immer blockweise über sechs Wochen im Wechsel. Pfarrer Matthias Rohlfing geht zum 1. September Richtung Äthiopien, ein multiprofessionelles Team, in dem der bewährte Jugendreferent Matthias Garrelts bereits gesetzt ist, leitet die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Presbyterium. Die alten Pfarrbezirksgrenzen zwischen Lahde und Bierde sollen keine Rolle mehr spielen, beide Gemeindezentren sollen von der gesamten Gemeinde genutzt werden. All das ist das Ergebnis der schon vor Jahren eingeleiteten Perspektiventwicklung, an der Hölscher maßgeblich „mitgecoacht“ hat – auch so ein Lieblingsthema. Als ausgebildeter Coach hatte er auch andere Gemeinden in Westfalen zum Thema Zukunft beraten. Wer seine Nachfolge antritt, ist noch nicht bekannt. Unklar ist auch, wie das jetzt schon leerstehende Pfarrhaus künftig genutzt wird. „Man wird sehen“, sagt der Ex-Pfarrer. Und spannend bleibt die Frage, wie sich der entschleunigte Hölscher wieder in „seiner“ alten Gemeinde sehen lässt.

Pfarrer Hans-Hermann Hölscher startet in den Ruhestand: „Ich mache hier erstmal nichts“

Freut sich auf den Ruhestand und will sich überraschen lassen, was die nächste Zeit so bringt Hans-Hermann Hölscher, der seit 1999 Pfarrer in Lahde war. Seiner Nachfolgerin oder dem Nachfolger will er nicht in die Quere kommen. MT-Foto Oliver Plöger © Ploeger

Petershagen-Lahde. Wenn schon Abschied, dann richtig. „Ich mache hier ein Jahr lang nichts“, sagt Hans-Hermann Hölscher, seit 1999 Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Lahde und seit heute im Ruhestand. Ausnahme soll da nur die Bitte von Interimspastor Hendrik Rethemeier sein, der wegen der Konfirmationsgottesdienste nachgefragt hatte. „Das mache ich noch, ansonsten bin ich raus.“ An diesen Gedanken müssten sich alle gewöhnen, die Menschen hier und auch er selbst. Einer neuen Pfarrerin oder einem neuen Pfarrer gegenüber wäre das auch unfair, wie er sagt. Seit über einem Jahr wohnen die Hölschers bereits in Cammer, das Pfarrhaus in Lahde steht leer.

Wie genau die eigene Zukunft aussehen wird, weiß Hans-Hermann Hölscher nicht. „Mal gucken“, sagt er. Soziales Engagement könnte er sich vorstellen: „Überall dort, wo ich noch etwas entdecken kann und wo man rüstige Rentner braucht.“ Außerdem gebe es Dinge aus der Vergangenheit, die zu seinem Leben gehören. „25 oder 30 Jahre habe ich nicht mehr Klavier gespielt. Und dann bin ich Segler und fahre gerne Motorrad. Und beim Fahrrad habe ich mir 2.000 Kilometer pro Jahr vorgenommen.“ Hölscher ist Jahrgang 1958, geboren in Bielefeld. Eigentlich wollte er Medizin studieren, doch als er die Reifeprüfung in der Tasche hatte, war klar: Ich werde Pfarrer. „Naturwissenschaft ist nicht mein Thema, das Physikum wäre mir nicht leichtgefallen. Was mich wirklich interessierte, waren Sprachen, auch die alten Sprachen.“ Ausprobiert hatte sich Hölscher im Zivildienst beim CVJM in Essen, fuhr nachmittags zur Gruppenarbeit aufs Dorf. Prägend sei das gewesen.

Theologie studierte er in Wuppertal, Göttingen und Tübingen. „Mit Begeisterung“, wie er sagt. Dass er – mittlerweile verheiratet – kurz vor dem Examen noch einmal eine andere Richtung einschlug, sollte ihm jede Menge Erfahrungen bringen. „Ich wollte nicht die Wohnung kündigen, ohne zu wissen, ob ich das Examen auch wirklich bestanden habe. Deshalb habe ich ein halbes Jahr Pause eingeschoben und als Hilfsarbeiter im Metallbau gearbeitet.“ Das Geld mit der Hände Arbeit zu verdienen, sei eine wertvolle Erkenntnis gewesen. „Das also könnte ich zur Not auch.“

Froh war Hans-Hermann Hölscher dann 1986 doch über sein Vikariat in Balve und das dort schon sehr eigenständige Arbeiten, dann das Sondervikariat in der Krankenhausseelsorge in Lüdenscheid, schließlich ab 1989 die Pfarrstelle in der evangelisch-lutherischen Gemeinde Halver. „Wir waren ein tolles.“ Nach zehn Jahren sei dennoch die Zeit für eine Neuorientierung gekommen. „Ich hatte den Eindruck, hier in Lahde stehen die Türen offen.“ Bis dahin kannte er Petershagen nur aus Schulzeiten: „Wir hatten gegen die im Volleyball immer verloren.“

Wichtig sei ihm immer gewesen, alle drei Jahre gemeinsam mit den Presbytern zu hinterfragen, ob es okay ist, noch weiter zu bleiben. Die Frage hatte er für sich stets mit Ja beantwortet. „Weil ich noch etwas vorhatte in der Gemeinde, weil ich Ziele hatte und weil es familiär passte.“ Sechs Kinder zog er mit seiner Frau Ulla groß. Und nach zwölf Jahren habe das Presbyterium gesagt: „Jetzt kannst du auch bis zur Rente bleiben.“ Am Herzen lagen ihm Jugendarbeit (Hölscher war von 1999 bis 2015 Jugendpfarrer im Kirchenkreis Minden), neue Gottesdienstformen, Glaubenskurse, der Besuchsdienst oder die Seniorenfreizeiten. „Es gibt hier in Lahde viele Dinge, über die ich mich freue, aber auf die ich nicht unbedingt stolz bin“, sagt Hölscher. Eben weil sie nicht seine Erfindung seien. Etwa die Konfifreizeiten. „Du brauchst ein Mitarbeiterteam. Dass sich dann aus der ersten Freizeit gleich eine Band entwickelt hat, ist nicht mein Verdienst, aber wir hatten immer frische Musik, auch in unseren Gottesdiensten. Inzwischen haben wir die dritte Band. Aber nie, weil das einer von den Kollegen gepusht hätte, sondern weil das die Menschen waren, die etwas gewollt haben.“

Genauso sei es auch bei den Besuchsdiensten gewesen, die er nicht – wie traditionell vielleicht erwartet – als Pfarrer alleine leisten wollte. „Es gab immer Leute, die die Gemeindearbeit nicht als One-Man-Show des Pfarrers verstanden haben, sondern die sich selbst engagieren.“ Hölscher mag das Bild des Spielertrainers beim Fußball, desjenigen, der die Mannschaft taktisch einstellt. „Da gibt es diese Typen, die sich kurz vor Schluss selber einwechseln. Und so verstehe ich mich: Ich will schon noch mal auf dem Platz stehen und mit Hand anlegen. Aber grundsätzlich bin ich derjenige, der coacht.“ Ein Berufsleben als Pfarrer – für Hans-Hermann Hölscher war es der richtige Weg, auch wenn es nicht immer leicht war. Ja, es habe immer Situationen gegeben, bei denen ihm Tränen gekommen sind. Wenn es um Kinder ging, wenn es um Leute ging, zu denen er eine besondere Beziehung hatte.

Die Nähe zu den Menschen bei Beerdigungen sei am größten. Hölschers Verabschiedung – den offiziellen Gottesdienst gibt es Pfingsten – ist mit großen Veränderungen innerhalb der Gemeinde verbunden. Lahde und Bierde feiern nur noch einen sonntäglichen Gottesdienst, immer blockweise über sechs Wochen im Wechsel. Pfarrer Matthias Rohlfing geht zum 1. September Richtung Äthiopien, ein multiprofessionelles Team, in dem der bewährte Jugendreferent Matthias Garrelts bereits gesetzt ist, leitet die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Presbyterium. Die alten Pfarrbezirksgrenzen zwischen Lahde und Bierde sollen keine Rolle mehr spielen, beide Gemeindezentren sollen von der gesamten Gemeinde genutzt werden.

All das ist das Ergebnis der schon vor Jahren eingeleiteten Perspektiventwicklung, an der Hölscher maßgeblich „mitgecoacht“ hat – auch so ein Lieblingsthema. Als ausgebildeter Coach hatte er auch andere Gemeinden in Westfalen zum Thema Zukunft beraten. Wer seine Nachfolge antritt, ist noch nicht bekannt. Unklar ist auch, wie das jetzt schon leerstehende Pfarrhaus künftig genutzt wird. „Man wird sehen“, sagt der Ex-Pfarrer. Und spannend bleibt die Frage, wie sich der entschleunigte Hölscher wieder in „seiner“ alten Gemeinde sehen lässt.

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