„Oh, das ist aber schön hier“: So brachten Kindheitserinnerungen einen Petershäger aus der Großstadt zurück aufs Land Oliver Plöger Petershagen-Maaslingen. Er weiß gar nicht mehr so genau, warum er Barbara damals das alte Bauernhaus in Maaslingen zeigen wollte. Vielleicht, weil es mit so vielen schönen Erinnerungen verbunden war, weil er hier als Kind so oft Tante und Onkel besucht hatte. Christian Busse lebte mit seiner Freundin längst in München, war aber gerade zu Besuch bei den Eltern in Meßlingen. „Und als wir wieder zurückfahren wollten, habe ich gedacht, ich zeige ihr jetzt mal den Hof im Nachbardorf." Barbara habe geguckt und gesagt: „Oh, das ist aber schön hier." Und bei Christian Busse blitzte es auf: Wer weiß? Vielleicht ziehen wir ja wirklich mal hierhin. Ein für ihn schöner Gedanke, der im Familienleben dann erstmal keine Rolle mehr spielte – bald sollten sie heiraten und zwei Kinder bekommen. „Ich komme aus Meßlingen, bin in Petershagen zum Gymnasium gegangen und damals wollte ich erstmal raus, möglichst weit weg", sagt der heute 42-Jährige. Die Bundeswehr kam ihm gelegen: „Da war ich in Münster und Holland stationiert." Zum Studium – Fachrichtung Produktdesign – ging es 2000 nach Schwäbisch-Gmünd, mittendrin gab es ein Semester in London. Dort erlebte Christian Busse die Demonstration gegen den zweiten Irakkrieg hautnah mit. „Wahnsinn: Eine Million Leute im Hyde-Park." Den ersten Job hatte er in einer Designagentur in München. „Ich dachte, als Ostwestfale sei das schwierig, aber an die bayrische Mentalität habe ich mich schnell gewöhnt." Etwa beim Thema Fußball: „Jedes Jahr gibt es auf dem Marienlatz die Meisterfeier, die man schon im Jahr vorher gebucht hatte", lacht Busse. Die Agentur, die internationale Designaufträge hatte, stillte derweil sein Fernweh mit Geschäftsreisen in die USA oder nach China. In München, wo Christian Busse auch seine spätere Frau kennenlernte, fühlte er sich wohl. Nach fünf Jahren zog das Paar – weil sich beruflich in Bonn eine Gelegenheit ergab – ins Rheinland, zunächst nach Köln, „weil Barbara dort studiert hatte", dann aber direkt in die Nähe des Arbeitsplatzes. „Das Pendeln mit mittlerweile zwei kleinen Kindern machte überhaupt keinen Sinn." In Bonn hatten beide gute Jobs in einem großen Konzern und, wie Christian Busse sagt, „einen tollen Freundeskreis." So hätte es weitergehen können. Bei der Einschulung der Tochter stellten sich die jungen Eltern dann aber doch die alles entscheidende Frage: Was ist uns wichtig? „Die Wohnung im Haus wurde zu klein, viele Freunde um uns herum waren auch schon aus den Häusern ausgezogen", sagt Christian Busse. Außerdem: „Wenn du kleine Kinder hast, kannst du die Vorteile einer Stadt gar nicht mehr nutzen. Du hockst dann die ganze Zeit in einer kleinen teuren Bude und gehst nicht aus." Bonn sei eine schöne Zeit gewesen, irgendwann habe es aber auch berufliche Zweifel gegeben: „Willst du ewig in einem Konzern sitzen, in dem du merkst, dass die Leute mit Mitte fünfzig ausgespuckt werden, weil sie zu teuer sind?" Und dann war da wieder dieser Gedanke an Maaslingen, an die alte Heimat und daran, dass Christian als Kind so oft bei Tante und Onkel war. Und der Gedanke an den großen Hof, die hohen Räume, die Fliesen, die ihn so faszinierten. „Und der Ausblick: Früher war der Wald noch nicht da, da konnte man bis aufs Wiehengebirge gucken", sagt Christian Busse, und: „Ganz ehrlich: Wenn wir weiter irgendwo in Bonn wohnen würden, könnten wir uns vielleicht ein kleines Reihenhäuschen leisten, hier können wir es uns so machen, wie wir es haben wollen." Einzige Hürde schien zunächst noch das Internet zu sein, da feststand, dass sich Barbara Busse mit einer Designagentur selbstständig machen wollte. „Das Internet hat geklappt und den Weg frei gemacht." 2016 hatten die Busses den Hof übernommen und starteten ihr Hausprojekt, entkernten die Gebäude, machten aus dem Stall ihr Wohnzimmer, legten die unter Laminat versteckten Dielen im Haupthaus frei. Böden abschleifen, alte Tapeten und Putz entfernen – viel hätten sie selbst gemacht, ansonsten aber auf Handwerker gesetzt. Und es gehe immer weiter: Das Wort „Fertig" habe Christian Busse aus seinem Wortschatz gestrichen. Kein Wunder bei einer Hofstelle, die seit Generationen existiert. Nein, das genaue Baujahr kennt er nicht, nur beim ehemaligen Schweinestall: 1798. Der Rest sei in den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts abgebrannt, aber aus den Grundmauern wieder aufgebaut worden. „Beim Umbau haben wir die alte Russschicht gefunden." Wenn Christian Busse erzählt, ist der Reihenhausplan in Bonn ganz weit weg. Die Großstadt fehle ihm nicht, sagt er. „Wenn wir in den Urlaub fahren, besuchen wir Freunde in München. Oder wir besuchen Freunde in Berlin. " Täglich in der Stadt – das brauche er nicht mehr. Dort sei man doch ständig auf der Suche nach einem Kinderspielplatz. Und Platz gebe es hier allein auf dem etwa einen Hektar großen Grundstück in Maaslingen genug. Christian Busse zieht den Vergleich: „Wenn das Wetter gut ist und du aus der Stadt raus willst, packst du das Auto, fährst eine Stunde und bist irgendwo im Wald. Dann wird das Wetter schon wieder schlecht. Du fährst zurück und das war der Tag. Hier kommt die Sonne raus, du öffnest du die Tür und sagst am Ende: Es war ein sonniger Tag, obwohl es vielleicht acht Stunden geregnet hat." Dass er zurückgekommen ist, hält Busse für den richtigen Weg. Für die vielfach beschworenen Defizite auf dem Lande sieht der 42-Jährige Lösungen – zumindest für seine Familie und sich. Das schnelle Internet, beruflich ein ganz wesentlicher Faktor, sei sogar noch schneller geworden. „Wir haben seit zwei Wochen eine Satellitenlösung." Die Versorgung mit Lebensmitteln? Der Einkaufsmarkt sei nur wenige Autominuten entfernt. Fehlende Busverbindungen? „Das Problem haben wir nicht. Wir fahren mit dem Auto dahin, wo wir hinkommen wollen. Die Kids erreichen ihre Ziele mit den Fahrrädern." Christian Busse ist – auch als Produktdesigner und mit dem Wissen seiner Frau als Trendforscherin – davon überzeugt: „In fünf bis zehn Jahren gibt es autonome Fahrzeuge und dann wird sich das Problem lösen." Was die ärztliche Versorgung betrifft, sei die aus seiner Sicht gar nicht so schlecht. Er selbst besuche die Arztpraxis in Kutenhausen, in der er schon als Kind war. „Inzwischen sind wir vollends angekommen", sagt Christian Busse. „Die Kids können mit den Nachbarskindern spielen und die Erwachsenen treffen sich abends unkompliziert auf ein Bier." Er selbst mischt auch wieder bei der Feuerwehr mit, so wie früher als Jugendlicher. Und falls die Kinder – heute elf und acht Jahre jung – irgendwann mal ankündigen, dass sie nach ihrer Schulzeit „möglichst weit weg" wollen, dann hat Christian Busse die Antwort schon jetzt: „Unbedingt." Irgendwann kommen sie wieder.

„Oh, das ist aber schön hier“: So brachten Kindheitserinnerungen einen Petershäger aus der Großstadt zurück aufs Land

Platz ohne Ende: Christian Busse in der Dachscheune in Maaslingen. Seite 2016 restauriert die Familie den Hof. „In der Stadt hätten wir mit der Investition kaum ein kleines Reihenhaus bekommen.“ Fotos: Kai Senf

Petershagen-Maaslingen. Er weiß gar nicht mehr so genau, warum er Barbara damals das alte Bauernhaus in Maaslingen zeigen wollte. Vielleicht, weil es mit so vielen schönen Erinnerungen verbunden war, weil er hier als Kind so oft Tante und Onkel besucht hatte. Christian Busse lebte mit seiner Freundin längst in München, war aber gerade zu Besuch bei den Eltern in Meßlingen. „Und als wir wieder zurückfahren wollten, habe ich gedacht, ich zeige ihr jetzt mal den Hof im Nachbardorf." Barbara habe geguckt und gesagt: „Oh, das ist aber schön hier." Und bei Christian Busse blitzte es auf: Wer weiß? Vielleicht ziehen wir ja wirklich mal hierhin. Ein für ihn schöner Gedanke, der im Familienleben dann erstmal keine Rolle mehr spielte – bald sollten sie heiraten und zwei Kinder bekommen.

„Ich komme aus Meßlingen, bin in Petershagen zum Gymnasium gegangen und damals wollte ich erstmal raus, möglichst weit weg", sagt der heute 42-Jährige. Die Bundeswehr kam ihm gelegen: „Da war ich in Münster und Holland stationiert." Zum Studium – Fachrichtung Produktdesign – ging es 2000 nach Schwäbisch-Gmünd, mittendrin gab es ein Semester in London. Dort erlebte Christian Busse die Demonstration gegen den zweiten Irakkrieg hautnah mit. „Wahnsinn: Eine Million Leute im Hyde-Park." Den ersten Job hatte er in einer Designagentur in München. „Ich dachte, als Ostwestfale sei das schwierig, aber an die bayrische Mentalität habe ich mich schnell gewöhnt." Etwa beim Thema Fußball: „Jedes Jahr gibt es auf dem Marienlatz die Meisterfeier, die man schon im Jahr vorher gebucht hatte", lacht Busse. Die Agentur, die internationale Designaufträge hatte, stillte derweil sein Fernweh mit Geschäftsreisen in die USA oder nach China. In München, wo Christian Busse auch seine spätere Frau kennenlernte, fühlte er sich wohl.

Nach fünf Jahren zog das Paar – weil sich beruflich in Bonn eine Gelegenheit ergab – ins Rheinland, zunächst nach Köln, „weil Barbara dort studiert hatte", dann aber direkt in die Nähe des Arbeitsplatzes. „Das Pendeln mit mittlerweile zwei kleinen Kindern machte überhaupt keinen Sinn." In Bonn hatten beide gute Jobs in einem großen Konzern und, wie Christian Busse sagt, „einen tollen Freundeskreis." So hätte es weitergehen können.

Bei der Einschulung der Tochter stellten sich die jungen Eltern dann aber doch die alles entscheidende Frage: Was ist uns wichtig? „Die Wohnung im Haus wurde zu klein, viele Freunde um uns herum waren auch schon aus den Häusern ausgezogen", sagt Christian Busse. Außerdem: „Wenn du kleine Kinder hast, kannst du die Vorteile einer Stadt gar nicht mehr nutzen. Du hockst dann die ganze Zeit in einer kleinen teuren Bude und gehst nicht aus." Bonn sei eine schöne Zeit gewesen, irgendwann habe es aber auch berufliche Zweifel gegeben: „Willst du ewig in einem Konzern sitzen, in dem du merkst, dass die Leute mit Mitte fünfzig ausgespuckt werden, weil sie zu teuer sind?"

Ein Fitnessstudio braucht er nicht: Christian Busse hebt einen Kabelschacht für die Scheune aus. - © Senf
Ein Fitnessstudio braucht er nicht: Christian Busse hebt einen Kabelschacht für die Scheune aus. - © Senf

Und dann war da wieder dieser Gedanke an Maaslingen, an die alte Heimat und daran, dass Christian als Kind so oft bei Tante und Onkel war. Und der Gedanke an den großen Hof, die hohen Räume, die Fliesen, die ihn so faszinierten. „Und der Ausblick: Früher war der Wald noch nicht da, da konnte man bis aufs Wiehengebirge gucken", sagt Christian Busse, und: „Ganz ehrlich: Wenn wir weiter irgendwo in Bonn wohnen würden, könnten wir uns vielleicht ein kleines Reihenhäuschen leisten, hier können wir es uns so machen, wie wir es haben wollen." Einzige Hürde schien zunächst noch das Internet zu sein, da feststand, dass sich Barbara Busse mit einer Designagentur selbstständig machen wollte. „Das Internet hat geklappt und den Weg frei gemacht."

2016 hatten die Busses den Hof übernommen und starteten ihr Hausprojekt, entkernten die Gebäude, machten aus dem Stall ihr Wohnzimmer, legten die unter Laminat versteckten Dielen im Haupthaus frei. Böden abschleifen, alte Tapeten und Putz entfernen – viel hätten sie selbst gemacht, ansonsten aber auf Handwerker gesetzt. Und es gehe immer weiter: Das Wort „Fertig" habe Christian Busse aus seinem Wortschatz gestrichen.

Kein Wunder bei einer Hofstelle, die seit Generationen existiert. Nein, das genaue Baujahr kennt er nicht, nur beim ehemaligen Schweinestall: 1798. Der Rest sei in den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts abgebrannt, aber aus den Grundmauern wieder aufgebaut worden. „Beim Umbau haben wir die alte Russschicht gefunden."

Wenn Christian Busse erzählt, ist der Reihenhausplan in Bonn ganz weit weg. Die Großstadt fehle ihm nicht, sagt er. „Wenn wir in den Urlaub fahren, besuchen wir Freunde in München. Oder wir besuchen Freunde in Berlin. " Täglich in der Stadt – das brauche er nicht mehr. Dort sei man doch ständig auf der Suche nach einem Kinderspielplatz. Und Platz gebe es hier allein auf dem etwa einen Hektar großen Grundstück in Maaslingen genug. Christian Busse zieht den Vergleich: „Wenn das Wetter gut ist und du aus der Stadt raus willst, packst du das Auto, fährst eine Stunde und bist irgendwo im Wald. Dann wird das Wetter schon wieder schlecht. Du fährst zurück und das war der Tag. Hier kommt die Sonne raus, du öffnest du die Tür und sagst am Ende: Es war ein sonniger Tag, obwohl es vielleicht acht Stunden geregnet hat."

Dass er zurückgekommen ist, hält Busse für den richtigen Weg. Für die vielfach beschworenen Defizite auf dem Lande sieht der 42-Jährige Lösungen – zumindest für seine Familie und sich. Das schnelle Internet, beruflich ein ganz wesentlicher Faktor, sei sogar noch schneller geworden. „Wir haben seit zwei Wochen eine Satellitenlösung." Die Versorgung mit Lebensmitteln? Der Einkaufsmarkt sei nur wenige Autominuten entfernt. Fehlende Busverbindungen? „Das Problem haben wir nicht. Wir fahren mit dem Auto dahin, wo wir hinkommen wollen. Die Kids erreichen ihre Ziele mit den Fahrrädern."

Christian Busse ist – auch als Produktdesigner und mit dem Wissen seiner Frau als Trendforscherin – davon überzeugt: „In fünf bis zehn Jahren gibt es autonome Fahrzeuge und dann wird sich das Problem lösen." Was die ärztliche Versorgung betrifft, sei die aus seiner Sicht gar nicht so schlecht. Er selbst besuche die Arztpraxis in Kutenhausen, in der er schon als Kind war.

„Inzwischen sind wir vollends angekommen", sagt Christian Busse. „Die Kids können mit den Nachbarskindern spielen und die Erwachsenen treffen sich abends unkompliziert auf ein Bier." Er selbst mischt auch wieder bei der Feuerwehr mit, so wie früher als Jugendlicher. Und falls die Kinder – heute elf und acht Jahre jung – irgendwann mal ankündigen, dass sie nach ihrer Schulzeit „möglichst weit weg" wollen, dann hat Christian Busse die Antwort schon jetzt: „Unbedingt." Irgendwann kommen sie wieder.

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