Nitrat-Messstellen sorgen für Diskussionen zwischen Landwirten und dem Landesumweltamt Oliver Plöger Petershagen. Sie wollen nicht, dass die Nitrat-Messstellen verschwinden. Aber „gerecht“ sollen sie sein. So zumindest bezeichnen es die Landwirte selbst. Andernfalls sind sie in Sorge, dass ganze Landstriche nur noch unter verschärften Auflagen bewirtschaftet werden können. Deshalb, so Heiner Müller aus Gorspen-Vahlsen, erheben jetzt mehr als 100 Landwirte in der „Interessengemeinschaft gerechte Messstellen Petershagen, Hille, Minden“ ihre Stimme. Für Landwirt Müller und seine Vorstandskollegen sind die in den Boden eingelassenen Indikatoren am Radweg in Ovenstädt ein negatives, aber eben passendes Beispiel. Sie befinden sich in unmittelbarer Nähe einer ehemaligen und damals legitim betriebenen Lagerstätte organischen Abfalls, würden heute aber für die amtliche Darstellung als so genanntes „Rotes Gebiet“ kartiert, ausstrahlend bis nach Niedersachsen. Grund: Die Nitratbelastung liege an dieser Markierung über der Grenze von 50 Milligramm pro Liter. Aus den hier punktuell erhobenen Messergebnissen, so Müller, hätten Landwirte nach den neuen EU-Verordnungen konkrete Nachteile. So müsse die Stickstoffdüngung gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent verringert werden, der Ertrag gehe zwangsläufig zurück. Das ärgert auch Müllers Berufskollegen Friedhelm Hüneke aus Wasserstraße, stellvertretender Vorsitzender der neuen IG: „Die Qualität des Getreides, des Rapses und anderer Früchte ist auf diesen roten Gebieten dann deutlich geringer.“ Die Folge sei ein Mindererlös. Der Ertragsverlust, so Müller, liege zwar nicht unbedingt bei 20 Prozent, aber immerhin bei zehn. Und da die Werte jährlich angepasst werden, geraten die Landwirte nach eigener Befürchtung in eine Spirale, die sich immer weiter nach unten drehe: „Ich dünge weniger und bekomme weniger Ertrag“, so Müller. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (Lanuv), das die Messstellen betreibt, bewertet die Sache deutlich anders, wie Pressesprecher Wilhelm Deitermann auf MT-Anfrage betont: „Als Landesumweltamt ist es unsere Aufgabe, Messnetze zu betreiben und aus den Ergebnissen die gesetzlich vorgegebenen Maßnahmen abzuleiten.“ Bereits 2016 habe die Behörde ein hydrologisches Gutachten in Auftrag gegeben, das vermutete Schwachstellen des bestehenden Grundwasser-Messnetzes untersucht. In Nordrhein-Westfalen gebe es rund 1.500 für die Nitratbewertung relevante Grundwasser-Messstellen, in Petershagen sind es 13, die dann auch als ausschlaggebend für das Wasserrahmenrichtlinien-Messnetz (WRRL) herangezogen werden. Das Lanuv in einer Presseinformation: „Wo Mängel auftreten, werden sie behoben. Ist die Ergiebigkeit einer Messstelle, bedingt durch Alterungsprozesse beeinträchtigt, wird sie gespült und gereinigt. Wenn die Defizite nicht behoben werden können oder eine Sanierung nicht wirtschaftlich ist, werden fehlerhafte Messstellen ausgesondert und sukzessive ersetzt.“ Das bestätigte gestern auch Dr. Sabine Bergmann, beim Lanuv für Grundwasser, Wasserversorgung und Trinkwasser zuständig und in Maaslingen bei einer Messstellen-Funktionsprüfung vor Ort. Die Kritik nach der neuen Düngeverordnung sei absehbar gewesen, meinte Bergmann. „Wir können das Grundwasser an den Messstellen nur so untersuchen, wie wir es vorfinden. Natürlich sind die Standortbedingungen unterschiedlich.“ Ganz klar laut Bergmann: „Wenn man einen mit Nitrat belasteten Boden hat, verträgt er weniger Stickstoffaustrag.“ Insofern könne man nicht von „ungerechten Messstellen“ reden, vielmehr von ungerechten Standorten. Messstellen, so Bergmann, hätten nämlich auch die Aufgabe, nicht nur landwirtschaftliche Einflüsse darzustellen, ebenso Einflüsse aus Siedlungsbereichen. Genau die würden aber die Ergebnisse verfälschen, wie Heiner Müller sagt. Aus der Messstelle am Timpen in Quetzen sei sogar Koffein nachgewiesen worden, laut Müller ein Hinweis darauf, dass es die direkte Beeinflussung eben durch die Siedlung gibt und nicht nur durch die Landwirtschaft. Bergmann beschwichtigte: „Wir sind dankbar für Hinweise und wir gucken uns das auch an.“ Zum generellen Prüfschema gehöre es, ob es größere Oberflächenwassereinflüsse gibt, einen Misthaufen vielleicht oder Kleinkläranlagen. Letzteres sei etwa in Friedewalde der Fall gewesen. Die Messstelle habe man deshalb aufgegeben. In Quetzen gehöre zwar in der Tat die Siedlung dazu, der überwiegende Teil des Einzugsbereiches aber sei landwirtschaftliche Fläche. Koffein sei in der Konzentration so gering, dass es sich nicht um unverdünntes Abwasser handeln könne, Nitrat aus Hausklärungen sei in dieser Höhe ohnehin eher untypisch. Dr. Michael Eisele, ebenfalls vom Lanuv-Fachbereich Grundwasser, schließt Messfehler nach den bestehenden Gutachten aus: „Besteht die Nitratbelastung über 50 Milligramm pro Liter seit vielen Jahren in zahlreichen Proben, so ist diese Belastung offensichtlich reproduzierbar gegeben und nicht auf einen Messfehler zurückzuführen.“ Und in Ovenstädt? Da, so Heiner Müller, habe der unweit entfernte Trinkwasserbrunnen kein Nitrat, im Gegensatz zur Messstelle am Radweg: „Warum wird ausgerechnet hier gemessen?“ Für Sabine Bergmann ist das keine Frage: Die Messstelle in Ovenstädt gelte – wie alle anderen im Monitoring – als Frühwarnsystem: Irgendwann könnte des Nitrat in die Trinkwasserversorgung kommen, was es auf jeden Fall zu verhindern gelte. Prüfungen, so Bergmann gestern, werden von Gutachtern durchgeführt, das Lanuv selbst bewerte die Gutachten erneut: „So sind wir zum Ergebnis gekommen, dass die Messstellen am Quetzer Timpen und in Ovenstädt repräsentativ sind.“ Für Müller und seine Interessengemeinschaft steht unterdessen fest, dass nur eine Aufschlussbohrung an den fraglichen Messstellen letzte Sicherheit geben kann. Für die neue Interessengemeinschaft gilt: „Wir arbeiten weiter daran, zukünftig durch ein faires und repräsentatives Messstellennetz beurteilt und gemessen zu werden.“ Für die IG ist das nicht der Fall, fürs Lanuv dagegen sehr wohl.

Nitrat-Messstellen sorgen für Diskussionen zwischen Landwirten und dem Landesumweltamt

Misstrauen dem Standort der Messstelle in Ovenstädt (von links): Karl-Christian Ebenau (Schriftführer), Friedhelm Hüneke (zweiter Vorsitzender), Heiner Müller (Vorsitzender) und Jochen Teikemeier (Kassenwart). MT-Fotos: Oliver Plöger © Plöger

Petershagen. Sie wollen nicht, dass die Nitrat-Messstellen verschwinden. Aber „gerecht“ sollen sie sein. So zumindest bezeichnen es die Landwirte selbst. Andernfalls sind sie in Sorge, dass ganze Landstriche nur noch unter verschärften Auflagen bewirtschaftet werden können. Deshalb, so Heiner Müller aus Gorspen-Vahlsen, erheben jetzt mehr als 100 Landwirte in der „Interessengemeinschaft gerechte Messstellen Petershagen, Hille, Minden“ ihre Stimme.

Für Landwirt Müller und seine Vorstandskollegen sind die in den Boden eingelassenen Indikatoren am Radweg in Ovenstädt ein negatives, aber eben passendes Beispiel. Sie befinden sich in unmittelbarer Nähe einer ehemaligen und damals legitim betriebenen Lagerstätte organischen Abfalls, würden heute aber für die amtliche Darstellung als so genanntes „Rotes Gebiet“ kartiert, ausstrahlend bis nach Niedersachsen. Grund: Die Nitratbelastung liege an dieser Markierung über der Grenze von 50 Milligramm pro Liter. Aus den hier punktuell erhobenen Messergebnissen, so Müller, hätten Landwirte nach den neuen EU-Verordnungen konkrete Nachteile. So müsse die Stickstoffdüngung gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent verringert werden, der Ertrag gehe zwangsläufig zurück.

Im Dialog: IG-Vorsitzender Heiner Müller und Dr. Sabine Bergmann verfolgen die Funktionsüberprüfung der Messstelle in Maaslingen, durchgeführt von Dr. Christoph Weidner (vorn) und Sebastian May (rechts). - © plöger
Im Dialog: IG-Vorsitzender Heiner Müller und Dr. Sabine Bergmann verfolgen die Funktionsüberprüfung der Messstelle in Maaslingen, durchgeführt von Dr. Christoph Weidner (vorn) und Sebastian May (rechts). - © plöger

Das ärgert auch Müllers Berufskollegen Friedhelm Hüneke aus Wasserstraße, stellvertretender Vorsitzender der neuen IG: „Die Qualität des Getreides, des Rapses und anderer Früchte ist auf diesen roten Gebieten dann deutlich geringer.“ Die Folge sei ein Mindererlös. Der Ertragsverlust, so Müller, liege zwar nicht unbedingt bei 20 Prozent, aber immerhin bei zehn. Und da die Werte jährlich angepasst werden, geraten die Landwirte nach eigener Befürchtung in eine Spirale, die sich immer weiter nach unten drehe: „Ich dünge weniger und bekomme weniger Ertrag“, so Müller.

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (Lanuv), das die Messstellen betreibt, bewertet die Sache deutlich anders, wie Pressesprecher Wilhelm Deitermann auf MT-Anfrage betont: „Als Landesumweltamt ist es unsere Aufgabe, Messnetze zu betreiben und aus den Ergebnissen die gesetzlich vorgegebenen Maßnahmen abzuleiten.“ Bereits 2016 habe die Behörde ein hydrologisches Gutachten in Auftrag gegeben, das vermutete Schwachstellen des bestehenden Grundwasser-Messnetzes untersucht. In Nordrhein-Westfalen gebe es rund 1.500 für die Nitratbewertung relevante Grundwasser-Messstellen, in Petershagen sind es 13, die dann auch als ausschlaggebend für das Wasserrahmenrichtlinien-Messnetz (WRRL) herangezogen werden. Das Lanuv in einer Presseinformation: „Wo Mängel auftreten, werden sie behoben. Ist die Ergiebigkeit einer Messstelle, bedingt durch Alterungsprozesse beeinträchtigt, wird sie gespült und gereinigt. Wenn die Defizite nicht behoben werden können oder eine Sanierung nicht wirtschaftlich ist, werden fehlerhafte Messstellen ausgesondert und sukzessive ersetzt.“

Das bestätigte gestern auch Dr. Sabine Bergmann, beim Lanuv für Grundwasser, Wasserversorgung und Trinkwasser zuständig und in Maaslingen bei einer Messstellen-Funktionsprüfung vor Ort. Die Kritik nach der neuen Düngeverordnung sei absehbar gewesen, meinte Bergmann. „Wir können das Grundwasser an den Messstellen nur so untersuchen, wie wir es vorfinden. Natürlich sind die Standortbedingungen unterschiedlich.“ Ganz klar laut Bergmann: „Wenn man einen mit Nitrat belasteten Boden hat, verträgt er weniger Stickstoffaustrag.“ Insofern könne man nicht von „ungerechten Messstellen“ reden, vielmehr von ungerechten Standorten. Messstellen, so Bergmann, hätten nämlich auch die Aufgabe, nicht nur landwirtschaftliche Einflüsse darzustellen, ebenso Einflüsse aus Siedlungsbereichen.

Genau die würden aber die Ergebnisse verfälschen, wie Heiner Müller sagt. Aus der Messstelle am Timpen in Quetzen sei sogar Koffein nachgewiesen worden, laut Müller ein Hinweis darauf, dass es die direkte Beeinflussung eben durch die Siedlung gibt und nicht nur durch die Landwirtschaft. Bergmann beschwichtigte: „Wir sind dankbar für Hinweise und wir gucken uns das auch an.“ Zum generellen Prüfschema gehöre es, ob es größere Oberflächenwassereinflüsse gibt, einen Misthaufen vielleicht oder Kleinkläranlagen. Letzteres sei etwa in Friedewalde der Fall gewesen. Die Messstelle habe man deshalb aufgegeben. In Quetzen gehöre zwar in der Tat die Siedlung dazu, der überwiegende Teil des Einzugsbereiches aber sei landwirtschaftliche Fläche. Koffein sei in der Konzentration so gering, dass es sich nicht um unverdünntes Abwasser handeln könne, Nitrat aus Hausklärungen sei in dieser Höhe ohnehin eher untypisch.

Dr. Michael Eisele, ebenfalls vom Lanuv-Fachbereich Grundwasser, schließt Messfehler nach den bestehenden Gutachten aus: „Besteht die Nitratbelastung über 50 Milligramm pro Liter seit vielen Jahren in zahlreichen Proben, so ist diese Belastung offensichtlich reproduzierbar gegeben und nicht auf einen Messfehler zurückzuführen.“

Und in Ovenstädt? Da, so Heiner Müller, habe der unweit entfernte Trinkwasserbrunnen kein Nitrat, im Gegensatz zur Messstelle am Radweg: „Warum wird ausgerechnet hier gemessen?“ Für Sabine Bergmann ist das keine Frage: Die Messstelle in Ovenstädt gelte – wie alle anderen im Monitoring – als Frühwarnsystem: Irgendwann könnte des Nitrat in die Trinkwasserversorgung kommen, was es auf jeden Fall zu verhindern gelte. Prüfungen, so Bergmann gestern, werden von Gutachtern durchgeführt, das Lanuv selbst bewerte die Gutachten erneut: „So sind wir zum Ergebnis gekommen, dass die Messstellen am Quetzer Timpen und in Ovenstädt repräsentativ sind.“

Für Müller und seine Interessengemeinschaft steht unterdessen fest, dass nur eine Aufschlussbohrung an den fraglichen Messstellen letzte Sicherheit geben kann. Für die neue Interessengemeinschaft gilt: „Wir arbeiten weiter daran, zukünftig durch ein faires und repräsentatives Messstellennetz beurteilt und gemessen zu werden.“ Für die IG ist das nicht der Fall, fürs Lanuv dagegen sehr wohl.

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