Niemals geht sie so ganz: Auch im Ruhestand bleibt Liesel Schuschan dem Kindergarten Wietersheim erhalten Claudia Hyna Petershagen-Wietersheim. „Die Arbeit fehlt mir jetzt schon“, gesteht Liesel Schuschan. Nach 46 Jahren im Kindergarten Wietersheim ist die 64-Jährige vor wenigen Monaten in den Ruhestand gegangen. Da sie nicht weit entfernt von der evangelischen Einrichtung wohnt, sagt sie bei ihren Spaziergängen gerne dort Hallo. Und demnächst wird sie wieder häufiger dort zu sehen sein. Eigentlich hatte die gebürtige Wietersheimerin geplant, im Sommer 2020 Rentnerin zu werden. Doch Corona erschwerte die Antragstellung und sie entschied sich, noch bis Dezember zu verlängern. Dann kam Anfang dieses Jahres eine fünfte Gruppe neu hinzu (das MT berichtete) und sie sprang als Vertretung ein, bevor sie dann im April endgültig verabschiedet wurde – und zwar wahrhaft königlich. Das Team des Kindergartens hatte einen Bulli geschmückt, darin befand sich ein Thron für die langjährige Mitarbeiterin. Bei „Liesels letzter Dienstreise“ durfte sie aus dem Gefährt heraus dem Volk am Straßenrand winken und Kamelle verteilen. Ein herrliches Spektakel, dazu coronakonform mit viel Abstand und an der frischen Luft. Wie die Zeiten sich ändern, mag Liesel Schuschan gedacht haben, die kurz vor ihrem 18. Geburtstag im Kindergarten angefangen hatte. Ein Bewerbungsgespräch hatte die gelernte Kinderpflegerin nicht geführt. Der Pastor fragte bei ihrer Mutter an, ob die Tochter wohl Interesse an einer Stelle hätte – und sie hatte. So war das damals, im August 1974. Zusammen mit einer ausgebildeten Erzieherin als Leitung, einer weiteren Erzieherin und einer im Anerkennungsjahr sowie drei Müttern – auch das war damals so – war sie als Ergänzungskraft für 90 Kinder in drei altersgetrennten Gruppen verantwortlich. Heute beschäftigt die evangelische Einrichtung 18 pädagogische Mitarbeiter, diese kümmern sich um 100 Kinder in fünf Gruppen. Ihre Arbeit habe sie jeden Tag geliebt, sagt sie im Rückblick. Sie mag die Offenheit der Kinder, ihre Unbefangenheit, ihre Ehrlichkeit. Nach dem Unfalltod ihrer vierjährigen Tochter hätten einige Erwachsene die Straßenseite gewechselt, um nicht mit ihr reden zu müssen – die Mädchen und Jungen im Kindergarten fragten einfach, was passiert sei und waren mit ihr traurig. Das habe ihr bei der Bewältigung geholfen. Kinder seien auch nicht nachtragend. Wenn es mal nicht so rund läuft, sei das nach kurzer Zeit vergessen. „Sie reißen einen aus dem Alltag und fordern einen im Hier und Jetzt.“ Überraschend gefordert war Liesel Schuschan im Jahr 2007. Damals stellte ein neues Gesetz ihr Arbeitsleben auf den Kopf. Im Zuge des Kibiz musste sie mit 50 Jahren eine Zusatzausbildung absolvieren, um weiter im Kindergarten zu bleiben. Für sieben Einheiten fuhr sie drei Tage in der Woche nach Bielefeld. Eine Bereicherung, wie sie sagt. Ganz viel Wissenswertes habe sie an die Hand bekommen, unter anderem auch Neues in Sachen Musik und Kunst, aber auch pädagogische Theorie. „Endlich hatte ich gute Argumente, um zu erklären, warum etwas so gemacht werden soll“ – etwa, weil es die Motorik schulte. Was sie vorher schon wusste: Kinder lernen vom Vorbild. Bloße Worte helfen nicht, „du musst es auch vorleben“. Fünf Leitungen hat Liesel Schuschan in ihrer langen Dienstzeit kommen und gehen sehen, mit der heutigen Chefin Edelgard Albers arbeitet sie seit gut 40 Jahren zusammen. Albers ist voll des Lobes für ihre ehemalige Kollegin, die immer ein hohes Maß an Empathie und Engagement gezeigt habe. Die Chefin ist ihr dankbar, dass sie die Bereiche Religionspädagogik und Musik im Kindergarten etabliert hat. Liesel Schuschan hat viele Kinder erlebt, besonders gut erinnert sie sich noch an die der ersten Jahre. Aus der blauen Gruppe wurde irgendwann die Regenbogengruppe – die Kinder hätten sich aber nicht so sehr verändert, sagt die 64-Jährige. Es seien eher die Gegebenheiten, die heute anders sind. So sei es für Kinder ganz selbstverständlich, mit Medien aufzuwachsen. Wenn man ihnen aber gute Alternativen bietet – von denen habe der Kindergarten ein ganze Menge – hätten sie Handy, Fernseher und Co. schnell vergessen. Zum Beispiel ist Vorlesen immer noch sehr beliebt – und dazu und für andere Tätigkeiten, zu denen die Erzieherinnen im Arbeitsalltag oft keine Zeit haben, möchte die frischgebackene Rentnerin gerne morgens für einige Stunden wieder in die Einrichtung kommen und helfen. Kinder wachsen heute häufig sehr behütet auf, stellt sie fest, Eltern würden ihnen manches aus Angst vorenthalten. Liesel Schuschan ließ die Kleinen immer gerne ihre Wege gehen und sich ausprobieren. „Wo sie selber hochkommen, kommen sie auch wieder herunter.“ Auch Konflikte mit den Kindern müsse man aushalten können. Entscheidend sei, ihnen dabei zu signalisieren, dass man für sie da sei, dass man sie nicht alleine lässt. Kurz gesagt: „Immer gucken: Was brauchen die Kinder?“.

Niemals geht sie so ganz: Auch im Ruhestand bleibt Liesel Schuschan dem Kindergarten Wietersheim erhalten

„Liesel, komm her“. Beim Kurzbesuch in „ihrer“ Kita ist Liesel Schuschan als Spielkameradin für Janne (links) und Marlene gefragt. MT-Foto: Claudia Hyna © hy

Petershagen-Wietersheim. „Die Arbeit fehlt mir jetzt schon“, gesteht Liesel Schuschan. Nach 46 Jahren im Kindergarten Wietersheim ist die 64-Jährige vor wenigen Monaten in den Ruhestand gegangen. Da sie nicht weit entfernt von der evangelischen Einrichtung wohnt, sagt sie bei ihren Spaziergängen gerne dort Hallo. Und demnächst wird sie wieder häufiger dort zu sehen sein.

Eigentlich hatte die gebürtige Wietersheimerin geplant, im Sommer 2020 Rentnerin zu werden. Doch Corona erschwerte die Antragstellung und sie entschied sich, noch bis Dezember zu verlängern. Dann kam Anfang dieses Jahres eine fünfte Gruppe neu hinzu (das MT berichtete) und sie sprang als Vertretung ein, bevor sie dann im April endgültig verabschiedet wurde – und zwar wahrhaft königlich.

Das Team des Kindergartens hatte einen Bulli geschmückt, darin befand sich ein Thron für die langjährige Mitarbeiterin. Bei „Liesels letzter Dienstreise“ durfte sie aus dem Gefährt heraus dem Volk am Straßenrand winken und Kamelle verteilen. Ein herrliches Spektakel, dazu coronakonform mit viel Abstand und an der frischen Luft. Wie die Zeiten sich ändern, mag Liesel Schuschan gedacht haben, die kurz vor ihrem 18. Geburtstag im Kindergarten angefangen hatte.

Ein Bewerbungsgespräch hatte die gelernte Kinderpflegerin nicht geführt. Der Pastor fragte bei ihrer Mutter an, ob die Tochter wohl Interesse an einer Stelle hätte – und sie hatte. So war das damals, im August 1974. Zusammen mit einer ausgebildeten Erzieherin als Leitung, einer weiteren Erzieherin und einer im Anerkennungsjahr sowie drei Müttern – auch das war damals so – war sie als Ergänzungskraft für 90 Kinder in drei altersgetrennten Gruppen verantwortlich. Heute beschäftigt die evangelische Einrichtung 18 pädagogische Mitarbeiter, diese kümmern sich um 100 Kinder in fünf Gruppen.

Ihre Arbeit habe sie jeden Tag geliebt, sagt sie im Rückblick. Sie mag die Offenheit der Kinder, ihre Unbefangenheit, ihre Ehrlichkeit. Nach dem Unfalltod ihrer vierjährigen Tochter hätten einige Erwachsene die Straßenseite gewechselt, um nicht mit ihr reden zu müssen – die Mädchen und Jungen im Kindergarten fragten einfach, was passiert sei und waren mit ihr traurig. Das habe ihr bei der Bewältigung geholfen. Kinder seien auch nicht nachtragend. Wenn es mal nicht so rund läuft, sei das nach kurzer Zeit vergessen. „Sie reißen einen aus dem Alltag und fordern einen im Hier und Jetzt.“

Überraschend gefordert war Liesel Schuschan im Jahr 2007. Damals stellte ein neues Gesetz ihr Arbeitsleben auf den Kopf. Im Zuge des Kibiz musste sie mit 50 Jahren eine Zusatzausbildung absolvieren, um weiter im Kindergarten zu bleiben. Für sieben Einheiten fuhr sie drei Tage in der Woche nach Bielefeld. Eine Bereicherung, wie sie sagt. Ganz viel Wissenswertes habe sie an die Hand bekommen, unter anderem auch Neues in Sachen Musik und Kunst, aber auch pädagogische Theorie. „Endlich hatte ich gute Argumente, um zu erklären, warum etwas so gemacht werden soll“ – etwa, weil es die Motorik schulte. Was sie vorher schon wusste: Kinder lernen vom Vorbild. Bloße Worte helfen nicht, „du musst es auch vorleben“.

Fünf Leitungen hat Liesel Schuschan in ihrer langen Dienstzeit kommen und gehen sehen, mit der heutigen Chefin Edelgard Albers arbeitet sie seit gut 40 Jahren zusammen. Albers ist voll des Lobes für ihre ehemalige Kollegin, die immer ein hohes Maß an Empathie und Engagement gezeigt habe. Die Chefin ist ihr dankbar, dass sie die Bereiche Religionspädagogik und Musik im Kindergarten etabliert hat.

Liesel Schuschan hat viele Kinder erlebt, besonders gut erinnert sie sich noch an die der ersten Jahre. Aus der blauen Gruppe wurde irgendwann die Regenbogengruppe – die Kinder hätten sich aber nicht so sehr verändert, sagt die 64-Jährige. Es seien eher die Gegebenheiten, die heute anders sind. So sei es für Kinder ganz selbstverständlich, mit Medien aufzuwachsen.

Wenn man ihnen aber gute Alternativen bietet – von denen habe der Kindergarten ein ganze Menge – hätten sie Handy, Fernseher und Co. schnell vergessen. Zum Beispiel ist Vorlesen immer noch sehr beliebt – und dazu und für andere Tätigkeiten, zu denen die Erzieherinnen im Arbeitsalltag oft keine Zeit haben, möchte die frischgebackene Rentnerin gerne morgens für einige Stunden wieder in die Einrichtung kommen und helfen.

Kinder wachsen heute häufig sehr behütet auf, stellt sie fest, Eltern würden ihnen manches aus Angst vorenthalten. Liesel Schuschan ließ die Kleinen immer gerne ihre Wege gehen und sich ausprobieren. „Wo sie selber hochkommen, kommen sie auch wieder herunter.“ Auch Konflikte mit den Kindern müsse man aushalten können. Entscheidend sei, ihnen dabei zu signalisieren, dass man für sie da sei, dass man sie nicht alleine lässt. Kurz gesagt: „Immer gucken: Was brauchen die Kinder?“.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen