Mit Lumbricus den Boden checken: Pralles Leben im Totholz Oliver Plöger Petershagen. Dass im Totholz Leben tobt, gehört zu den Erfahrungen, die die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Petershagen jetzt vor Ort gemacht haben. Dabei setzt die Schule auf die Kooperation mit der Biologischen Station des Kreises Minden-Lübbecke und – wie schon vor Corona – mit dem Umweltbus der Natur- und Umweltschutz-Akademie (NUA) des Landes Nordrhein-Westfalen. Aus diesen drei Säulen könnte sich ein Projekt mit Modellcharakter entwickeln, wie Regina von Oldenburg von der NUA im MT-Gespräch sagt. Auch wenn der Lumbricus, wie der mit Analysetechnik bestens ausgestattete Bus genannt wird, bereits mit einigen Biostationen im Land zusammenarbeite, sei die Kooperation hier etwas Besonderes und perspektivisch von Bedeutung. Das betonte auch Umweltpädagoge Sascha Traue von der Biostation, der beim aktuellen Projekt mit dem Biologie-Leistungskurs von Kevin Eckardt von einem Forschungsauftrag sprach. Eine Kooperation mit gesicherter Zukunft mache Sinn, wenn man den Klimawandel über mehrere Jahre verfolgen kann – hier konkret im Schutzgebiet Heisterholz und dem dazugehörigen Naturschutzgebiet Nordholz. Schon jetzt konnten Jana Winsel (17), Julia Precht (16) und Sophie Weller (17) deutlich machen, dass nach den trockenen Vorjahren reichlich Tiere den von einem Sturm umgestürzten Baum nutzen. Spannend sei es, wie Käfer und Würmer agieren, aber auch, welche Bedeutung ein solcher Baum für Moose und Flechten hat, hieß es von den Schülerinnen, die unter der Leitung Traues eine der Arbeitsgruppen bildeten. In weiteren Gruppen ging es um das Thema Mikroklima, betreut von Biolehrer Kevin Eckardt, um die Bodenbeschaffenheit mit Tore Mayland-Quellhorst, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Biostation, oder um die Pflanzenwelt, die Regina von Oldenburg thematisch selbst betreute. Gerade der im Nordholz praktizierte Betreuungsschlüssel, zu dem noch Julia Bell als Absolventin des Bundesfreiwilligendienstes kam, sei für ein solches Projekt genial, so von Oldenburg. Der Kurs war wegen der anhaltenden Pandemie noch aufgeteilt auf zwei Tage mit jeweils zehn und 13 Teilnehmenden, was sich aber nach Ansicht der Betreuenden als Vorteil erwies. „Wir wollen Bock machen auf Natur“, sagte Sascha Traue und verriet das Rezept: Nach der Präsentation von Schockbildern mit Klimaschäden, Lebensmittelverschwendung und Plastikmüll hielt er ihnen einen Spiegel vor: „Du kannst es verändern.“ Das Projekt solle dazu die Grundlage vermitteln: Kennen und Wissen. Die Zusammenarbeit mit der Biostation habe sich bereits bewährt, so Kevin Eckardt, der auf das Teichprojekt mit den fünften Klassen verwies und auf die Siebten, mit denen sie das Moor erkunden. Beim aktuellen Projekt mit dem Lumbricus gehe es darum, die aus Lehrbüchern bekannten Diagramme in der Praxis besser verstehbar zu machen. Dabei gebe der Bus durch seine Ausstattung beste Möglichkeiten Kleine Gruppen, bessere Ergebnisse – das sind die Erfahrungen, die auch Regina von Oldenburg gemacht hat, die den Lumbricus-Einsatz im Nordholz bereits zum zweiten Mal betreut. Einsatzgebiet ist ganz NRW, stationiert ist das klimafreundlich angetriebene Fahrzeug und ein weiterer Lumbricus beim Landesamt für Umwelt- und Naturschutz in Recklinghausen. Der Lumbricus ist seit 1992 unterwegs, hat jährlich knapp 200 Einsätze, im Vorjahr trotz Corona und mit allen Hygienekonzepten immerhin noch 40. „Kein noch so gut gemachter Naturfilm oder digitale Animation kann die mit allen Sinnen aufgenommenen Eindrücke in Natur und Umwelt ersetzen“, so Regina von Oldenburg. Genau hier liege der Schlüssel für den Wissenszuwachs und vor allem zum Verändern des eigenen Verhaltens. Dass es in NRW in Sachen Lumbricus durchaus noch Luft nach oben gibt, wird im Gespräch mit von Oldenburg deutlich. Natürlich könnten Lehrer, die gute Erfahrungen mit dem NUA-Einsatz gemacht haben, sich direkt an das Umweltministerium wenden und um weitere Busse bitten. In Baden-Württemberg, so nannte Regina von Oldenburg ein Beispiel, seien Ökomobile in jedem Regierungsbezirk unterwegs, und: „Die verdoppeln ihre Flotte jetzt und haben in ein bis zwei Jahren acht Ökomobile für viel weniger Leute. Baden-Württemberg ist zwar groß, hat aber nicht so viele Einwohner wie NRW.“ Dass sich Dinge aber auch hierzulande verändern können, habe das Jahr 2001 gezeigt. Zuvor waren die Anfragen dermaßen in die Höhe geschnellt, dass das Umweltministerium einen zweiten Bus angeschafft und eine weitere Stelle geschaffen hatte. „Warum kann man diese drei Stellen auf längere Sicht nicht multiplizieren?“ Begründungen für mehr Engagement in Sachen Natur sieht die NUA reichlich. Fakt sei nämlich, dass „wir nicht nur das Artensterben und den Verlust der Biodiversität haben“, so Gartenbauingenieurin und Umweltpädagogin von Oldenburg. „Auch die Artenkenner sterben aus. Fachleute stehen genau so auf der Roten Liste wie die Tiere und Pflanzen.“ Eine neu eingerichtete Stelle der NUA will dazu beitragen, die Artenkenner zu fördern und junge Leute so zu schulen, dass das Wissen, so Regina von Oldenburg, nicht „in der Kiste verschwindet.“ Sensibilisiert sind auch die Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium Petershagen – und vielleicht künftige Fachleute. Die Gruppe um Sascha Traue hatte vor der Untersuchung im Lumbricus übrigens noch einen Schnelltest gemacht: Erde in die Hand nehmen und daran riechen. Unbelastete Böden, so Sascha Traue, riechen gut. Und der Boden im Heisterholz riecht verdammt gut.

Mit Lumbricus den Boden checken: Pralles Leben im Totholz

Jana Winsel, Sophie Weller und Julia Precht (von links) suchen nach Kleinlebewesen im vor einigen Jahren umgestürzten Baum – und sie werden schnell fündig. Laut Natur- und Umweltschutzakademie könnte das Projekt mit dem Gymnasium Modellcharakter bekommen. © Plöger

Petershagen. Dass im Totholz Leben tobt, gehört zu den Erfahrungen, die die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Petershagen jetzt vor Ort gemacht haben. Dabei setzt die Schule auf die Kooperation mit der Biologischen Station des Kreises Minden-Lübbecke und – wie schon vor Corona – mit dem Umweltbus der Natur- und Umweltschutz-Akademie (NUA) des Landes Nordrhein-Westfalen. Aus diesen drei Säulen könnte sich ein Projekt mit Modellcharakter entwickeln, wie Regina von Oldenburg von der NUA im MT-Gespräch sagt. Auch wenn der Lumbricus, wie der mit Analysetechnik bestens ausgestattete Bus genannt wird, bereits mit einigen Biostationen im Land zusammenarbeite, sei die Kooperation hier etwas Besonderes und perspektivisch von Bedeutung.

Das betonte auch Umweltpädagoge Sascha Traue von der Biostation, der beim aktuellen Projekt mit dem Biologie-Leistungskurs von Kevin Eckardt von einem Forschungsauftrag sprach. Eine Kooperation mit gesicherter Zukunft mache Sinn, wenn man den Klimawandel über mehrere Jahre verfolgen kann – hier konkret im Schutzgebiet Heisterholz und dem dazugehörigen Naturschutzgebiet Nordholz. Schon jetzt konnten Jana Winsel (17), Julia Precht (16) und Sophie Weller (17) deutlich machen, dass nach den trockenen Vorjahren reichlich Tiere den von einem Sturm umgestürzten Baum nutzen. Spannend sei es, wie Käfer und Würmer agieren, aber auch, welche Bedeutung ein solcher Baum für Moose und Flechten hat, hieß es von den Schülerinnen, die unter der Leitung Traues eine der Arbeitsgruppen bildeten. In weiteren Gruppen ging es um das Thema Mikroklima, betreut von Biolehrer Kevin Eckardt, um die Bodenbeschaffenheit mit Tore Mayland-Quellhorst, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Biostation, oder um die Pflanzenwelt, die Regina von Oldenburg thematisch selbst betreute.

Bodenuntersuchung mit Tore Mayland-Quellhorst. - © Plöger
Bodenuntersuchung mit Tore Mayland-Quellhorst. - © Plöger

Gerade der im Nordholz praktizierte Betreuungsschlüssel, zu dem noch Julia Bell als Absolventin des Bundesfreiwilligendienstes kam, sei für ein solches Projekt genial, so von Oldenburg. Der Kurs war wegen der anhaltenden Pandemie noch aufgeteilt auf zwei Tage mit jeweils zehn und 13 Teilnehmenden, was sich aber nach Ansicht der Betreuenden als Vorteil erwies. „Wir wollen Bock machen auf Natur“, sagte Sascha Traue und verriet das Rezept: Nach der Präsentation von Schockbildern mit Klimaschäden, Lebensmittelverschwendung und Plastikmüll hielt er ihnen einen Spiegel vor: „Du kannst es verändern.“ Das Projekt solle dazu die Grundlage vermitteln: Kennen und Wissen.

Die Zusammenarbeit mit der Biostation habe sich bereits bewährt, so Kevin Eckardt, der auf das Teichprojekt mit den fünften Klassen verwies und auf die Siebten, mit denen sie das Moor erkunden. Beim aktuellen Projekt mit dem Lumbricus gehe es darum, die aus Lehrbüchern bekannten Diagramme in der Praxis besser verstehbar zu machen. Dabei gebe der Bus durch seine Ausstattung beste Möglichkeiten

Kleine Gruppen, bessere Ergebnisse – das sind die Erfahrungen, die auch Regina von Oldenburg gemacht hat, die den Lumbricus-Einsatz im Nordholz bereits zum zweiten Mal betreut. Einsatzgebiet ist ganz NRW, stationiert ist das klimafreundlich angetriebene Fahrzeug und ein weiterer Lumbricus beim Landesamt für Umwelt- und Naturschutz in Recklinghausen. Der Lumbricus ist seit 1992 unterwegs, hat jährlich knapp 200 Einsätze, im Vorjahr trotz Corona und mit allen Hygienekonzepten immerhin noch 40. „Kein noch so gut gemachter Naturfilm oder digitale Animation kann die mit allen Sinnen aufgenommenen Eindrücke in Natur und Umwelt ersetzen“, so Regina von Oldenburg. Genau hier liege der Schlüssel für den Wissenszuwachs und vor allem zum Verändern des eigenen Verhaltens.

Dass es in NRW in Sachen Lumbricus durchaus noch Luft nach oben gibt, wird im Gespräch mit von Oldenburg deutlich. Natürlich könnten Lehrer, die gute Erfahrungen mit dem NUA-Einsatz gemacht haben, sich direkt an das Umweltministerium wenden und um weitere Busse bitten. In Baden-Württemberg, so nannte Regina von Oldenburg ein Beispiel, seien Ökomobile in jedem Regierungsbezirk unterwegs, und: „Die verdoppeln ihre Flotte jetzt und haben in ein bis zwei Jahren acht Ökomobile für viel weniger Leute. Baden-Württemberg ist zwar groß, hat aber nicht so viele Einwohner wie NRW.“

Dass sich Dinge aber auch hierzulande verändern können, habe das Jahr 2001 gezeigt. Zuvor waren die Anfragen dermaßen in die Höhe geschnellt, dass das Umweltministerium einen zweiten Bus angeschafft und eine weitere Stelle geschaffen hatte. „Warum kann man diese drei Stellen auf längere Sicht nicht multiplizieren?“

Begründungen für mehr Engagement in Sachen Natur sieht die NUA reichlich. Fakt sei nämlich, dass „wir nicht nur das Artensterben und den Verlust der Biodiversität haben“, so Gartenbauingenieurin und Umweltpädagogin von Oldenburg. „Auch die Artenkenner sterben aus. Fachleute stehen genau so auf der Roten Liste wie die Tiere und Pflanzen.“ Eine neu eingerichtete Stelle der NUA will dazu beitragen, die Artenkenner zu fördern und junge Leute so zu schulen, dass das Wissen, so Regina von Oldenburg, nicht „in der Kiste verschwindet.“ Sensibilisiert sind auch die Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium Petershagen – und vielleicht künftige Fachleute.

Die Gruppe um Sascha Traue hatte vor der Untersuchung im Lumbricus übrigens noch einen Schnelltest gemacht: Erde in die Hand nehmen und daran riechen. Unbelastete Böden, so Sascha Traue, riechen gut. Und der Boden im Heisterholz riecht verdammt gut.

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