Mindener Geheimnisse: Tierisches Leben im Verborgenen - das Uhlenloch im Giebel des Hauses Windheim No. 2 Rolf Graff Petershagen-Windheim. Alte Bauernhäuser haben nicht nur den Menschen ein Heim gegeben, sondern immer auch vielen Tieren: erwünschten, geduldeten und unerwünschten. In dem 1701 erbauten Haus Windheim No. 2 ist im Obergeschoss seit 2005 das Westfälische Storchenmuseum zuhause, das Interessierten viel über das Leben der im Kreis Minden-Lübbecke so beliebten Vögel vermittelt. Auf dem Dach oberhalb des Hoftores hatten bereits vor langer Zeit Störche ihr Nest gebaut. So leicht wie das Storchennest, das sich noch am gleichen Platz finden lässt, sind die Spuren anderer Tiere aber nicht zu entdecken. Architekt Wolfgang Riesner hat mehrere dieser Spuren gefunden und meint: „Ein altes Haus kann viel über das Leben seiner Bewohner erzählen. Man muss nur genau hinsehen.“ Als er Ende der 1990er-Jahre auf das Haus aufmerksam wurde, zugewachsen hinter Gestrüpp und Brennnesseln, hielt es in aller Verfallenheit einen Dornröschenschlaf. Es war in diesem Zustand sogar von den Mitarbeitern der Denkmalbehörde übersehen worden, als die Experten andere Gebäude im Ort unter Denkmalsschutz stellten. Riesner erkannte das Besondere an dem Haus und setzte alle Hebel in Bewegung, um es zu retten. Nach sieben Jahren gemeinsamer Arbeit mit anderen „Rettern“ konnte es 2004 als Haus für dörfliche Kultur und Kultur auf dem Dorf wiedereröffnet werden. Auf dem Weg der Sanierung gab das Haus für Wolfgang Riesner viele seiner Geheimnisse preis, die er gerne weitererzählt. Gleich vorn, links und rechts des großen Tores, haben die Pferde ihre Spuren hinterlassen – und Riesner zeigt: „Einige seltene Verbohlungen aus Eiche sind noch erhalten. Wo einst die Ställe waren, sollten sie statt der Lehmgefache Schäden durch die Hufe austretender Pferde verhindern.“ Im Gebäudeinneren des auf 1701 datierten Hallenhauses wurde der Pferdestall bereits 1769 erheblich erweitert, wie man bei den dendrochronologischen Untersuchungen der verschiedenen Hölzer feststellen konnte. Die unterschiedliche Breite der Jahresringe ist charakteristisch wie ein Fingerabdruck und gibt Aufschluss über das Fälljahr der Bauhölzer. Barocke Baluster in mehreren Gefachen ließen den Blick auf die Pferde als wertvollsten Besitz und Arbeitskameraden der Menschen zu. Der Knecht hatte seine unbeheizte Kammer direkt über den Huftieren und profitierte durch deren Nähe im Winter von ihrer Körperwärme, hörte aber auch, wenn es ihnen in der Nacht mal nicht gut ging. Auf der niedrigen Abseite des Hauses schlossen sich die sehr engen und niedrigen Kuhställe an. Entlang der Diele lagen die Futterkrippen und darüber die immer noch gut erhaltenen Kuhnackenriegel mit Ausformungen für die Nacken der Rinder. In dem Raum oberhalb davon, in der Hille, waren die Hühner zuhause. Bevor das Haus einen Kamin bekam, ermöglichte eine offene Herdstelle die Zubereitung von Speisen und sorgte für Wärme. Auch schützte der Rauch des Feuers den „Flett“ genannten Wohnbereich vor Fliegen und anderem Ungeziefer. „Die Schwärzung der Balken haben wir so belassen“, berichtet der Architekt. So lässt sich der Abzugsweg des Rauchs noch immer nachverfolgen. Beim Aufsteigen machte er im Vorbeiziehen noch die Schinken und Würste lange haltbar, die am Speckbalken, dem letzten Deckenbalken vor der Dielenrückwand, hingen und so den geschätzten „Westfälischen Himmel“ bildeten. Dann zog der Rauch durch die Deckenplanken hindurch über den Dachboden, um schließlich durch ein Loch ganz zu entweichen. Heute ahnt kaum jemand, dass besagtes Loch aber nicht nur der Ausgang für Rauch und andere Dünste war, sondern eine weitere Funktion hatte, die meist nur in der Dunkelheit der Nacht genutzt wurde. Es war der Eingang für Gäste aus dem Vogelreich, die gern geduldet wurden, obwohl einige Menschen sie auch für Geister- oder Totenvögel hielten: die Schleiereulen. Sie sorgten wie die Katzen dafür, dass die unerwünschten Mäuse verzehrt wurden, die auch auf dem Dachboden große Schäden an den Vorräten und dem eingelagerten Getreide anrichteten. Uhlenloch – Eulenloch – wird die Öffnung deshalb auch heute noch genannt. Die Eulen nisteten in einem dunklen Dachwinkel. Die heutigen Besitzer des Hauses haben dieses Uhlenloch und ein weiteres im gegenüberliegenden Giebel wieder geöffnet und Nistkästen für Schleiereulen und Turmfalken eingerichtet. Während der Brutzeit kann man die Greifvögel über installierte Kameras auf einem Monitor beobachten. Nicht vergessen werden soll ein weiterer, wegen seiner Vorliebe für Hühnchen, Tauben oder Kaninchen unbeliebter kleiner Gast, der seinen Pfotenabdruck hinterlassen hat: Ein kleiner Steinmarder war vor dem Brennen über einen bereits geformten Stein gelaufen, der heute noch in der Diele nah am Hoftor liegt. So geht’s zum Uhlenloch: Von der B 482 abbiegen in Richtung Windheim auf die Hans-Lüken-Straße. Nach ungefähr einem Kilometer liegt rechts das Haus Windheim No. 2, Im Grund 4.

Mindener Geheimnisse: Tierisches Leben im Verborgenen - das Uhlenloch im Giebel des Hauses Windheim No. 2

Windheim No. 2: Wolfgang Riesner erzählt von den Geheimnissen des alten Fachwerkhauses. Foto: Rolf Graff © Rolf Graff

Petershagen-Windheim. Alte Bauernhäuser haben nicht nur den Menschen ein Heim gegeben, sondern immer auch vielen Tieren: erwünschten, geduldeten und unerwünschten. In dem 1701 erbauten Haus Windheim No. 2 ist im Obergeschoss seit 2005 das Westfälische Storchenmuseum zuhause, das Interessierten viel über das Leben der im Kreis Minden-Lübbecke so beliebten Vögel vermittelt. Auf dem Dach oberhalb des Hoftores hatten bereits vor langer Zeit Störche ihr Nest gebaut. So leicht wie das Storchennest, das sich noch am gleichen Platz finden lässt, sind die Spuren anderer Tiere aber nicht zu entdecken.

Architekt Wolfgang Riesner hat mehrere dieser Spuren gefunden und meint: „Ein altes Haus kann viel über das Leben seiner Bewohner erzählen. Man muss nur genau hinsehen.“ Als er Ende der 1990er-Jahre auf das Haus aufmerksam wurde, zugewachsen hinter Gestrüpp und Brennnesseln, hielt es in aller Verfallenheit einen Dornröschenschlaf. Es war in diesem Zustand sogar von den Mitarbeitern der Denkmalbehörde übersehen worden, als die Experten andere Gebäude im Ort unter Denkmalsschutz stellten. Riesner erkannte das Besondere an dem Haus und setzte alle Hebel in Bewegung, um es zu retten. Nach sieben Jahren gemeinsamer Arbeit mit anderen „Rettern“ konnte es 2004 als Haus für dörfliche Kultur und Kultur auf dem Dorf wiedereröffnet werden. Auf dem Weg der Sanierung gab das Haus für Wolfgang Riesner viele seiner Geheimnisse preis, die er gerne weitererzählt.

In der Verbretterung des Giebels ist das Uhlenloch sichtbar. - © Graff
In der Verbretterung des Giebels ist das Uhlenloch sichtbar. - © Graff

Gleich vorn, links und rechts des großen Tores, haben die Pferde ihre Spuren hinterlassen – und Riesner zeigt: „Einige seltene Verbohlungen aus Eiche sind noch erhalten. Wo einst die Ställe waren, sollten sie statt der Lehmgefache Schäden durch die Hufe austretender Pferde verhindern.“ Im Gebäudeinneren des auf 1701 datierten Hallenhauses wurde der Pferdestall bereits 1769 erheblich erweitert, wie man bei den dendrochronologischen Untersuchungen der verschiedenen Hölzer feststellen konnte. Die unterschiedliche Breite der Jahresringe ist charakteristisch wie ein Fingerabdruck und gibt Aufschluss über das Fälljahr der Bauhölzer. Barocke Baluster in mehreren Gefachen ließen den Blick auf die Pferde als wertvollsten Besitz und Arbeitskameraden der Menschen zu. Der Knecht hatte seine unbeheizte Kammer direkt über den Huftieren und profitierte durch deren Nähe im Winter von ihrer Körperwärme, hörte aber auch, wenn es ihnen in der Nacht mal nicht gut ging. Auf der niedrigen Abseite des Hauses schlossen sich die sehr engen und niedrigen Kuhställe an. Entlang der Diele lagen die Futterkrippen und darüber die immer noch gut erhaltenen Kuhnackenriegel mit Ausformungen für die Nacken der Rinder. In dem Raum oberhalb davon, in der Hille, waren die Hühner zuhause.

Bevor das Haus einen Kamin bekam, ermöglichte eine offene Herdstelle die Zubereitung von Speisen und sorgte für Wärme. Auch schützte der Rauch des Feuers den „Flett“ genannten Wohnbereich vor Fliegen und anderem Ungeziefer. „Die Schwärzung der Balken haben wir so belassen“, berichtet der Architekt. So lässt sich der Abzugsweg des Rauchs noch immer nachverfolgen. Beim Aufsteigen machte er im Vorbeiziehen noch die Schinken und Würste lange haltbar, die am Speckbalken, dem letzten Deckenbalken vor der Dielenrückwand, hingen und so den geschätzten „Westfälischen Himmel“ bildeten. Dann zog der Rauch durch die Deckenplanken hindurch über den Dachboden, um schließlich durch ein Loch ganz zu entweichen.

Heute ahnt kaum jemand, dass besagtes Loch aber nicht nur der Ausgang für Rauch und andere Dünste war, sondern eine weitere Funktion hatte, die meist nur in der Dunkelheit der Nacht genutzt wurde. Es war der Eingang für Gäste aus dem Vogelreich, die gern geduldet wurden, obwohl einige Menschen sie auch für Geister- oder Totenvögel hielten: die Schleiereulen. Sie sorgten wie die Katzen dafür, dass die unerwünschten Mäuse verzehrt wurden, die auch auf dem Dachboden große Schäden an den Vorräten und dem eingelagerten Getreide anrichteten. Uhlenloch – Eulenloch – wird die Öffnung deshalb auch heute noch genannt. Die Eulen nisteten in einem dunklen Dachwinkel. Die heutigen Besitzer des Hauses haben dieses Uhlenloch und ein weiteres im gegenüberliegenden Giebel wieder geöffnet und Nistkästen für Schleiereulen und Turmfalken eingerichtet. Während der Brutzeit kann man die Greifvögel über installierte Kameras auf einem Monitor beobachten.

Nicht vergessen werden soll ein weiterer, wegen seiner Vorliebe für Hühnchen, Tauben oder Kaninchen unbeliebter kleiner Gast, der seinen Pfotenabdruck hinterlassen hat: Ein kleiner Steinmarder war vor dem Brennen über einen bereits geformten Stein gelaufen, der heute noch in der Diele nah am Hoftor liegt.

So geht’s zum Uhlenloch: Von der B 482 abbiegen in Richtung Windheim auf die Hans-Lüken-Straße. Nach ungefähr einem Kilometer liegt rechts das Haus Windheim No. 2, Im Grund 4.

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