Mehr als ein Dach über dem Kopf: Auch im ländlichen Raum gibt es Menschen ohne Bleibe Vasco Stemmer Petershagen. Dass Wohnungslosigkeit vor der Idylle des Landlebens nicht halt macht, weiß Markus Rubin ganz genau. Als Leiter des Ordnungsamtes ist er auch für Menschen zuständig, die ihren Wohnraum verlieren. Doch während obdachlose Menschen in den Städten zum Straßenbild gehören, spielen sich die Schicksale im ländlichen Raum meist im Verborgenen ab. „Der klassische Obdachlose, nennen wir ihn mal Berber, taucht hier eigentlich nicht auf", berichtet Markus Rubin. Und falls doch, befänden sich die Menschen meist nur auf der Durchreise. Häufiger habe er mit Personen zu tun, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Wohnung verloren haben oder aus einer Einrichtung geflogen sind. Im Stadtbild sind sie nahezu unsichtbar. Seine Arbeit beginnt, wenn Menschen der Verlust ihres Wohnraums droht: „Dafür stellen wir Raum in einer Unterkunft zur Verfügung." Zurzeit gibt es in Petershagen drei alleinstehende Männer und eine vierköpfige Familie, die in dem Gebäude der Stadt untergebracht sind. Dabei handelt es sich um Wohnungen, die von der Stadt für die Unterbringung angemietet wurden. Eine dauerhafte Lösung ist das für die Bewohner allerdings nicht. Denn diese Art der Unterbringung sei immer nur eine Krisenleistung, die in akuten Fällen Abhilfe schaffe, erklärt Maria Köhn, stellvertretende Geschäftsführerin beim Hexenhaus Espelkamp. Die dem Hexenhaus angeschlossene Fachstelle für Mensch in Wohnungsnot „Wohin" ist kreisweit aktiv und kooperiert auch mit der Stadt Petershagen. „Momentan leben die drei Männer jeweils in einem Single-Apartment", beschreibt Markus Rubin die Wohnverhältnisse. Ausgestattet sind die Wohnungen mit Küche, Nasszelle und einem Bett. Bettzeug, Geschirr und andere Gebrauchsgegenstände sind nicht vorhanden. „In der Regel haben die Leute schon eine Ausstattung, weil sie eben nicht von der Straße kommen", berichtet Rubin. Es könne zwar auch vorkommen, das sich mehrere Personen eine Wohnung teilen müssen, das sei aber momentan nicht der Fall. Die meisten Bewohner gehen pfleglich mit den Wohnungen um, es gebe aber auch Ausnahmen: „Das sind manchmal Leute, die dem Alkohol nicht abgeneigt sind. Dann sieht es schon mal mies aus." Eine ständige Betreuung vor Ort gibt es in der Unterkunft nicht. Trotzdem versucht Rubin, der lange im Sozialamt tätig war, den Bewohnern auf ihrem Weg in eine eigene Wohnung zu helfen: „Ich schaue mir die Leute genau an und überlege, ob jemand vielleicht einen Betreuer braucht." Es komme aber auch vor, dass Menschen nicht sofort in eine eigene Wohnung vermittelt werden können, weil sie aus unterschiedlichen Gründen nicht alleine zurechtkommen. „Dann versuchen wir mit Betreuern und Einrichtungen einen Weg zu finden." „Wohnen bedeutet mehr, als nur ein Dach über dem Kopf zu haben", erklärt Maria Köhn. Eigener Wohnraum sei kein Luxus, sondern ein Grundrecht. Oft herrsche in der Gesellschaft allerdings die Meinung vor, dass Menschen sich den Wohnraum zuerst verdienen müssten. Dabei sei es schwierig, grundlegende Probleme der Betroffenen zu lösen, wenn es für sie keinen Rückzugsort gibt. Eine problematische Wohnsituation sei auch nicht erst erreicht, wenn die Menschen auf der Straße landen, sondern bereits dann, wenn kein eigener Mietvertrag vorhanden ist. So könne zum Beispiel das Unterkommen bei Verwandten und Bekannten Abhängigkeitsverhältnisse schaffen. Die meisten Menschen, die ihren Wohnraum verlieren, befinden sich bereits zuvor in schwierigen Lebenssituationen. „Jeder Mensch hat einen anderen Background", berichtet Köhn. Deshalb seien auch die Problemlagen höchst unterschiedlich. Suchtprobleme können eine Rolle spielen, aber auch Verlust- und Gewalterfahrungen, Depressionen und fast jede andere Ausnahmesituation. Dennoch trifft Köhn immer wieder auf Vorurteile und die Ansicht, dass die Betroffenen selber schuld seien. Besonders im ländlichen Raum sei die Gefahr der Stigmatisierung groß, denn wer dort aus der Norm fällt, falle auf. Henning Römermann ist der Immobilienexperte des Hexenhauses. Er versucht ein nachhaltiges und verlässliches Netzwerk von Vermietern aufzubauen, die bereit sind, wohnungslosen Menschen eine Chance zu geben. Besonders in Dörfern und Kleinstädten ist das Kleinstarbeit. Denn dort gibt es, anders als in den größeren Städten im Mühlenkreises, weder sozialen Wohnungsbau noch Wohnungsbaugesellschaften. „Meist gibt es, wenn überhaupt, nur einige von der Kommune geförderte Wohnungen", erklärt Römermann. Kooperation in größerem Maßstab herzustellen, gestaltet sich schwierig. Darum sucht er den Kontakt zu privaten Vermietern, steht in einem stetigen Austausch mit den Kommunen und versucht für die Belange der wohnungslosen Menschen zu sensibilisieren und Vorurteile abzubauen. Eine immer stärkere Profitorientierung auf dem Wohnungsmarkt mache seine Arbeit nicht leichter. Die Zusammenarbeit mit den Kommunen beschreiben Köhn und Römermann trotz aller Hürden als zugewandt und konstruktiv. Probleme seien dabei häufig struktureller Natur. So wird der Umgang mit wohnungslosen Menschen von Kommune zu Kommune unterschiedlich geregelt. Dabei mangele es bereits an einer einheitlichen Definition davon, wo Wohnungslosigkeit genau beginne. Ohne solche Definitionen sei es fast unmöglich, verlässliche Zahlen zum Thema zu bekommen. Das führe dann zu einer Dunkelziffer und weißen Flecken auf der Landkarte. Um dem entgegenzuwirken, finden regelmäßig Netzwerktreffen statt, bei denen die Kommunen und die unterschiedlichen Akteure der Wohnungslosenhilfe vertreten sind. „Verbindliche Kooperation ist aber ein langer Prozess", erklärt Maria Köhn. Woran es mangelt Ein Kommentar von Vasco Stemmer Eine nachhaltige kreisweite Vernetzung von elf Kommunen und den Vertretern der Wohnungslosenhilfe ist eine Mammutaufgabe. Wenn es bereits an einer gemeinsamen Definition von Grundbegriffen mangelt, erschwert das die Arbeit der Helfer ungemein. Doch damit nicht genug: Denn es ist ja insbesondere die gesamtgesellschaftliche Gemengelage, welche die Situation unerträglich für die Betroffenen macht.Das ewige Mantra vom Markt, deralles für alle zum besten regelt, hat sich erneut als Luftnummer ent-puppt. Wieso geht es sonst mit dem sozialen Wohnungsbau steil bergab? Warum müssen mühsam Wohnungen für Menschen gesucht werden, die eh schon ganz unten sind? Diese Probleme wirken sich nicht nurin der Großstadt aus, sondern vor Ort. Noch wichtiger ist die Frage: Warum verweigern wir Menschen unsere Empathie? Die wäre immerhin gratis.

Mehr als ein Dach über dem Kopf: Auch im ländlichen Raum gibt es Menschen ohne Bleibe

© Stefanie Dullweber

Petershagen. Dass Wohnungslosigkeit vor der Idylle des Landlebens nicht halt macht, weiß Markus Rubin ganz genau. Als Leiter des Ordnungsamtes ist er auch für Menschen zuständig, die ihren Wohnraum verlieren. Doch während obdachlose Menschen in den Städten zum Straßenbild gehören, spielen sich die Schicksale im ländlichen Raum meist im Verborgenen ab.

„Der klassische Obdachlose, nennen wir ihn mal Berber, taucht hier eigentlich nicht auf", berichtet Markus Rubin. Und falls doch, befänden sich die Menschen meist nur auf der Durchreise. Häufiger habe er mit Personen zu tun, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Wohnung verloren haben oder aus einer Einrichtung geflogen sind. Im Stadtbild sind sie nahezu unsichtbar.

Seine Arbeit beginnt, wenn Menschen der Verlust ihres Wohnraums droht: „Dafür stellen wir Raum in einer Unterkunft zur Verfügung." Zurzeit gibt es in Petershagen drei alleinstehende Männer und eine vierköpfige Familie, die in dem Gebäude der Stadt untergebracht sind. Dabei handelt es sich um Wohnungen, die von der Stadt für die Unterbringung angemietet wurden.

Eine dauerhafte Lösung ist das für die Bewohner allerdings nicht. Denn diese Art der Unterbringung sei immer nur eine Krisenleistung, die in akuten Fällen Abhilfe schaffe, erklärt Maria Köhn, stellvertretende Geschäftsführerin beim Hexenhaus Espelkamp. Die dem Hexenhaus angeschlossene Fachstelle für Mensch in Wohnungsnot „Wohin" ist kreisweit aktiv und kooperiert auch mit der Stadt Petershagen.

„Momentan leben die drei Männer jeweils in einem Single-Apartment", beschreibt Markus Rubin die Wohnverhältnisse. Ausgestattet sind die Wohnungen mit Küche, Nasszelle und einem Bett. Bettzeug, Geschirr und andere Gebrauchsgegenstände sind nicht vorhanden. „In der Regel haben die Leute schon eine Ausstattung, weil sie eben nicht von der Straße kommen", berichtet Rubin.

Es könne zwar auch vorkommen, das sich mehrere Personen eine Wohnung teilen müssen, das sei aber momentan nicht der Fall. Die meisten Bewohner gehen pfleglich mit den Wohnungen um, es gebe aber auch Ausnahmen: „Das sind manchmal Leute, die dem Alkohol nicht abgeneigt sind. Dann sieht es schon mal mies aus."

Eine ständige Betreuung vor Ort gibt es in der Unterkunft nicht. Trotzdem versucht Rubin, der lange im Sozialamt tätig war, den Bewohnern auf ihrem Weg in eine eigene Wohnung zu helfen: „Ich schaue mir die Leute genau an und überlege, ob jemand vielleicht einen Betreuer braucht." Es komme aber auch vor, dass Menschen nicht sofort in eine eigene Wohnung vermittelt werden können, weil sie aus unterschiedlichen Gründen nicht alleine zurechtkommen. „Dann versuchen wir mit Betreuern und Einrichtungen einen Weg zu finden."

„Wohnen bedeutet mehr, als nur ein Dach über dem Kopf zu haben", erklärt Maria Köhn. Eigener Wohnraum sei kein Luxus, sondern ein Grundrecht. Oft herrsche in der Gesellschaft allerdings die Meinung vor, dass Menschen sich den Wohnraum zuerst verdienen müssten. Dabei sei es schwierig, grundlegende Probleme der Betroffenen zu lösen, wenn es für sie keinen Rückzugsort gibt.

Eine problematische Wohnsituation sei auch nicht erst erreicht, wenn die Menschen auf der Straße landen, sondern bereits dann, wenn kein eigener Mietvertrag vorhanden ist. So könne zum Beispiel das Unterkommen bei Verwandten und Bekannten Abhängigkeitsverhältnisse schaffen.

Die meisten Menschen, die ihren Wohnraum verlieren, befinden sich bereits zuvor in schwierigen Lebenssituationen. „Jeder Mensch hat einen anderen Background", berichtet Köhn. Deshalb seien auch die Problemlagen höchst unterschiedlich. Suchtprobleme können eine Rolle spielen, aber auch Verlust- und Gewalterfahrungen, Depressionen und fast jede andere Ausnahmesituation. Dennoch trifft Köhn immer wieder auf Vorurteile und die Ansicht, dass die Betroffenen selber schuld seien. Besonders im ländlichen Raum sei die Gefahr der Stigmatisierung groß, denn wer dort aus der Norm fällt, falle auf.

Henning Römermann ist der Immobilienexperte des Hexenhauses. Er versucht ein nachhaltiges und verlässliches Netzwerk von Vermietern aufzubauen, die bereit sind, wohnungslosen Menschen eine Chance zu geben. Besonders in Dörfern und Kleinstädten ist das Kleinstarbeit. Denn dort gibt es, anders als in den größeren Städten im Mühlenkreises, weder sozialen Wohnungsbau noch Wohnungsbaugesellschaften. „Meist gibt es, wenn überhaupt, nur einige von der Kommune geförderte Wohnungen", erklärt Römermann. Kooperation in größerem Maßstab herzustellen, gestaltet sich schwierig.

Darum sucht er den Kontakt zu privaten Vermietern, steht in einem stetigen Austausch mit den Kommunen und versucht für die Belange der wohnungslosen Menschen zu sensibilisieren und Vorurteile abzubauen. Eine immer stärkere Profitorientierung auf dem Wohnungsmarkt mache seine Arbeit nicht leichter.

Die Zusammenarbeit mit den Kommunen beschreiben Köhn und Römermann trotz aller Hürden als zugewandt und konstruktiv. Probleme seien dabei häufig struktureller Natur. So wird der Umgang mit wohnungslosen Menschen von Kommune zu Kommune unterschiedlich geregelt. Dabei mangele es bereits an einer einheitlichen Definition davon, wo Wohnungslosigkeit genau beginne.

Ohne solche Definitionen sei es fast unmöglich, verlässliche Zahlen zum Thema zu bekommen. Das führe dann zu einer Dunkelziffer und weißen Flecken auf der Landkarte. Um dem entgegenzuwirken, finden regelmäßig Netzwerktreffen statt, bei denen die Kommunen und die unterschiedlichen Akteure der Wohnungslosenhilfe vertreten sind. „Verbindliche Kooperation ist aber ein langer Prozess", erklärt Maria Köhn.

Woran es mangelt

Ein Kommentar von Vasco Stemmer

Eine nachhaltige kreisweite Vernetzung von elf Kommunen und den Vertretern der Wohnungslosenhilfe ist eine Mammutaufgabe. Wenn es bereits an einer gemeinsamen Definition von Grundbegriffen mangelt, erschwert das die Arbeit der Helfer ungemein. Doch damit nicht genug: Denn es ist ja insbesondere die gesamtgesellschaftliche Gemengelage, welche die Situation unerträglich für die Betroffenen macht.Das ewige Mantra vom Markt, deralles für alle zum besten regelt, hat sich erneut als Luftnummer ent-puppt. Wieso geht es sonst mit dem sozialen Wohnungsbau steil bergab? Warum müssen mühsam Wohnungen für Menschen gesucht werden, die eh schon ganz unten sind? Diese Probleme wirken sich nicht nurin der Großstadt aus, sondern vor Ort. Noch wichtiger ist die Frage: Warum verweigern wir Menschen unsere Empathie? Die wäre immerhin gratis.

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