Malerischer Arbeitsplatz: Holzbildhauerin restauriert 130 Jahre alte Giebel-Inschrift Claudia Hyna Petershagen-Friedewalde. Lange haben Burkhard und Marion Vinke jemanden gesucht, der die Inschrift ihres alten Bauernhauses restaurieren kann. In Flensburg wurden sie mit Lilian Führing fündig. Mehr als drei Wochen verbringt die junge Holzbildhauerin nun bei der Familie in Friedewalde. Vom Ergebnis ist das Paar schon vor der Vollendung begeistert. Wer ein Haus von 1890 bewohnt, weiß, dass an irgendeiner Ecke immer etwas zu tun ist. „Eigentlich haben wir jedes Jahr ein großes Projekt“, sagt Marion Vinke (60). Selten jedoch sei es so schwierig gewesen, die passende Handwerkerin zu finden, beschreiben sie und ihr Mann. Im vergangenen Jahr hat Lilian Führing (26) sich das Gebäude schließlich angesehen und den Auftrag für dieses Jahr zugesagt. Zunächst hatte ein Maler aus der Region die alte Farbe abgeschliffen, den Vorstrich aufgetragen und anschließend den Giebel rot-weiß und die Eichenbalken von 1890 rot angestrichen. Burkhard Vinke hat versucht, den Maler auch zum Ausgestalten der Inschrift zu bewegen – erfolglos. Dann stieß er durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf die Holzbildhauerin Lilian Führing. In zwei Arbeitsschritten hat sie die Buchstaben einzeln mit Klüpfel und verschiedenen Schnitzeisen eingekerbt, zunächst von der linken, dann von der rechten Seite. „Alles von Hand und nicht etwa mit einer Fräse“, hebt Burkhard Vinke (61) hervor. Dadurch, dass die Schrift mehrfach übermalt worden war, seien die Einkerbungen kaum noch sichtbar gewesen, berichtet die Holzbildhauerin, wohl aber Farbe und Schrift. Ganze zwei Wochen hat die Expertin benötigt, um die etwa 400 Buchstaben der Inschrift herauszuhauen. Solch lange Sprüche habe sie in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn noch nicht gesehen, berichtet sie. Seit zwei Jahren ist Lilian Führing selbstständig, aktuell macht sie ihren Meistertitel. Ihre wichtigsten Utensilien sind ihre 30 handgeschmiedeten Schnitzeisen. Da diese auf keinen Fall nass werden dürfen, ist gutes Wetter Voraussetzung für ihr Tun. Leichter Nieselregen sei noch akzeptabel. Am Tag habe sie ungefähr 40 bis 50 Kerben geschafft, später waren rund 100 ausgemalte Buchstaben in abgewandelter Frakturschrift ihr Tagespensum. Die Schrift sei insgesamt recht gerade, nur die großen Buchstaben weisen Rundungen auf. Verwendet hat sie Wetterschutzfarbe. Da müsse jetzt etwa 30 Jahre lang keiner mehr was machen, meint sie. Und die neu eingekerbten Buchstaben, „die halten ewig“. Da die Inschrift sich in einer Höhe von 3,80 Metern befindet, musste die Handwerkerin die ganze Zeit auf einem Gerüst stehen. Die Hausbesitzer wissen um den Kraftakt, der mit dieser Restaurierung verbunden ist. Die Einsätze führen Lilian Führing durch ganz Deutschland, häufig ist sie in Süddeutschland tätig, zuletzt war sie vier Wochen in Berlin. Zum Wohnen nutzt sie für die Dauer des Auftrags ihr Wohnmobil. Da sie aus der Nähe von Bielefeld stammt, besucht sie in ihrer freien Zeit Verwandte und Freunde. Nicht alles könne so wiederhergestellt werden, wie es einst gewesen ist, sagt Burkhard Vinke. Kompromisse seien nötig. Respektvoll zeigt er auf die Blumenranken neben der Haustür, die die junge Frau freihand aufgetragen hat. Um das Gebäudeensemble zu erhalten, seien oft Handwerker auf dem Gelände unterwegs. „Sonst verfällt das Ganze“, fügt seine Frau hinzu. Sie sieht das Hoferbe ihrer Ururgroßeltern als Verpflichtung für die Zukunft an und hat den Wunsch, was geblieben ist, zu erhalten. Marion Vinke wohnt mit Unterbrechung seit dem Jahr 1969 hier, damals übernahm ihr Vater als ältester Sohn den Hof. Zuvor hatte die Familie in dem Nachbarhaus gelebt. Später wohnte sie zum Studium und zum Arbeiten einige Jahre auch an anderen Orten. Im Jahr 2000 übernahm die Pädagogin dann mit ihrem Mann die Hofstätte. Zunächst hatte er die Landwirtschaft im Nebenerwerb weiter betrieben, bis die zunehmende Bürokratie ihm den Spaß daran verdarb. Besonders spannend findet die Hausbesitzerin, dass die alte Inschrift auf Ereignisse hinweist, die vor langer Zeit in Friedewalde passiert sind. Einst vernichtete ein Brand das ursprünglich hier gebaute Haus. An einigen Balken und Steinen sind noch Spuren davon zu erkennen. Inschrift

Malerischer Arbeitsplatz: Holzbildhauerin restauriert 130 Jahre alte Giebel-Inschrift

Lilian Führing verbringt gut drei Wochen auf dem Hof von Familie Vinke in Friedewalde. Auf einem Gerüst stehend, malt sie hier die Buchstaben mit Wetterschutzfarbe auf. MT-Foto: ALex Lehn © lehn

Petershagen-Friedewalde. Lange haben Burkhard und Marion Vinke jemanden gesucht, der die Inschrift ihres alten Bauernhauses restaurieren kann. In Flensburg wurden sie mit Lilian Führing fündig. Mehr als drei Wochen verbringt die junge Holzbildhauerin nun bei der Familie in Friedewalde. Vom Ergebnis ist das Paar schon vor der Vollendung begeistert.

Wer ein Haus von 1890 bewohnt, weiß, dass an irgendeiner Ecke immer etwas zu tun ist. „Eigentlich haben wir jedes Jahr ein großes Projekt“, sagt Marion Vinke (60). Selten jedoch sei es so schwierig gewesen, die passende Handwerkerin zu finden, beschreiben sie und ihr Mann. Im vergangenen Jahr hat Lilian Führing (26) sich das Gebäude schließlich angesehen und den Auftrag für dieses Jahr zugesagt.

Marion und Burkhard Vinke freuen sich, dass die Blumenranken ihrem alten Bauernhaus das farbige Etwas geben. 

MT-Foto: Claudia Hyna - © hy
Marion und Burkhard Vinke freuen sich, dass die Blumenranken ihrem alten Bauernhaus das farbige Etwas geben.
MT-Foto: Claudia Hyna - © hy

Zunächst hatte ein Maler aus der Region die alte Farbe abgeschliffen, den Vorstrich aufgetragen und anschließend den Giebel rot-weiß und die Eichenbalken von 1890 rot angestrichen. Burkhard Vinke hat versucht, den Maler auch zum Ausgestalten der Inschrift zu bewegen – erfolglos. Dann stieß er durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf die Holzbildhauerin Lilian Führing. In zwei Arbeitsschritten hat sie die Buchstaben einzeln mit Klüpfel und verschiedenen Schnitzeisen eingekerbt, zunächst von der linken, dann von der rechten Seite. „Alles von Hand und nicht etwa mit einer Fräse“, hebt Burkhard Vinke (61) hervor. Dadurch, dass die Schrift mehrfach übermalt worden war, seien die Einkerbungen kaum noch sichtbar gewesen, berichtet die Holzbildhauerin, wohl aber Farbe und Schrift.

Ganze zwei Wochen hat die Expertin benötigt, um die etwa 400 Buchstaben der Inschrift herauszuhauen. Solch lange Sprüche habe sie in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn noch nicht gesehen, berichtet sie. Seit zwei Jahren ist Lilian Führing selbstständig, aktuell macht sie ihren Meistertitel. Ihre wichtigsten Utensilien sind ihre 30 handgeschmiedeten Schnitzeisen. Da diese auf keinen Fall nass werden dürfen, ist gutes Wetter Voraussetzung für ihr Tun. Leichter Nieselregen sei noch akzeptabel.

Am Tag habe sie ungefähr 40 bis 50 Kerben geschafft, später waren rund 100 ausgemalte Buchstaben in abgewandelter Frakturschrift ihr Tagespensum. Die Schrift sei insgesamt recht gerade, nur die großen Buchstaben weisen Rundungen auf. Verwendet hat sie Wetterschutzfarbe. Da müsse jetzt etwa 30 Jahre lang keiner mehr was machen, meint sie. Und die neu eingekerbten Buchstaben, „die halten ewig“.

Da die Inschrift sich in einer Höhe von 3,80 Metern befindet, musste die Handwerkerin die ganze Zeit auf einem Gerüst stehen. Die Hausbesitzer wissen um den Kraftakt, der mit dieser Restaurierung verbunden ist. Die Einsätze führen Lilian Führing durch ganz Deutschland, häufig ist sie in Süddeutschland tätig, zuletzt war sie vier Wochen in Berlin. Zum Wohnen nutzt sie für die Dauer des Auftrags ihr Wohnmobil. Da sie aus der Nähe von Bielefeld stammt, besucht sie in ihrer freien Zeit Verwandte und Freunde.

Nicht alles könne so wiederhergestellt werden, wie es einst gewesen ist, sagt Burkhard Vinke. Kompromisse seien nötig. Respektvoll zeigt er auf die Blumenranken neben der Haustür, die die junge Frau freihand aufgetragen hat. Um das Gebäudeensemble zu erhalten, seien oft Handwerker auf dem Gelände unterwegs. „Sonst verfällt das Ganze“, fügt seine Frau hinzu. Sie sieht das Hoferbe ihrer Ururgroßeltern als Verpflichtung für die Zukunft an und hat den Wunsch, was geblieben ist, zu erhalten.

Marion Vinke wohnt mit Unterbrechung seit dem Jahr 1969 hier, damals übernahm ihr Vater als ältester Sohn den Hof. Zuvor hatte die Familie in dem Nachbarhaus gelebt. Später wohnte sie zum Studium und zum Arbeiten einige Jahre auch an anderen Orten. Im Jahr 2000 übernahm die Pädagogin dann mit ihrem Mann die Hofstätte. Zunächst hatte er die Landwirtschaft im Nebenerwerb weiter betrieben, bis die zunehmende Bürokratie ihm den Spaß daran verdarb.

Besonders spannend findet die Hausbesitzerin, dass die alte Inschrift auf Ereignisse hinweist, die vor langer Zeit in Friedewalde passiert sind. Einst vernichtete ein Brand das ursprünglich hier gebaute Haus. An einigen Balken und Steinen sind noch Spuren davon zu erkennen.

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