MT-Serie: Raus aus dem Dornröschen-Schlaf: Heike Berster renoviert 186 Jahre altes Bauernhaus Malina Reckordt Petershagen-Bierde. Irgendwo am äußersten Rand von Petershagen, zwischen Wiesen und Feldern, da wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, liegt eine alte, scheinbar verlassene Hofstelle. Büsche und Sträucher wuchern rund um eine riesige Halle ohne Dach. Und genau dort erfüllt sich die 49-jährige Heike Berster einen Traum, den derzeit viele Menschen haben. Sie renoviert ein 186 Jahre altes Bauernhaus. Es wirkt so, als hätte sie das alte Gebäude aus seinem Dornröschenschlaf geweckt. Und anschließend eine Art Müllkippe beseitigt. „Man kann es sich kaum vorstellen. In dem Haus war so viel Müll. Und außen mussten etliche Sträucher und Bäume entfernt werden, um das Haus überhaupt freizulegen“, berichtet die 49-Jährige. Das war vor genau zwei Jahren, als sie sich mit ihrem damaligen Partner für das riesige Anwesen – die Gebäude aus dem Grundstück entsprechen zwölf Einfamilienhäusern auf dem Land – entschied. „Rund 25 bis 30 Jahre lang hat hier niemand gelebt“, schätzt Architekt Wolfgang Riesner, der das Projekt begleitet. Zwischendurch hätten andere Besitzer versucht, das Objekt zu restaurieren, dabei hätten sie jedoch mehr Schaden angerichtet als alles andere. So ist das Objekt schließlich wieder an die ursprünglichen Besitzer verkauft worden und die haben dann über die Bauernhausbörse die neue Besitzerin Heike Berster gefunden. „Je größer die Objekte sind, desto schwieriger finden sich Käufer“, meint Wolfgang Riesner, zweiter stellvertretender Bundesvorsitzender der Interessengemeinschaft Bauernhaus. Bei der Renovierung hat die gebürtige Spengerin einiges zu beachten, denn das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Das gilt auch für den Innenbereich: So dürfen zum Beispiel die alten, extrem steilen Treppen nicht einfach durch neue Treppen ersetzt werden. Damit die Treppe während der Bauphase nicht so sehr leidet, wurde sie durch eine provisorische ersetzt – was an der Steigung allerdings nichts ändert. Ebenso dürfen Fußböden nicht einfach entfernt, sondern nur aufgearbeitet werden. Fenster hingegen dürfen beliebig ergänzt werden, solange eine gewisse Symmetrie eingehalten wird. „Die Zusammenarbeit mit der Denkmalbehörde klappt gut. Die Mitarbeiter sind sehr lösungsorientiert“, sagt Heike Berster. Im Inneren laufen derzeit vor allem im Küchenbereich die Renovierungsarbeiten. „Hier wird alles auf die ursprüngliche Aufteilung zurückgebaut“, erklärt Heike Berster. Sie hätte zum Beispiel Sandsteinfundamente entdeckt, was ein Indiz für eine Wand gewesen sei. An dieser Stelle befindet sich jetzt eine offene Fachwerkwand, dahinter soll sich später die moderne Küche stehen. „Hier ist viel Hausforschung betrieben worden, um diese zwischendurch ganz veränderte Aufteilung wieder herzustellen“, sagt Wolfgang Riesner. So seien einige Trennwände eingezogen, andere Wände hingegen herausgerissen worden. Außerdem hätten die neuen Besitzer entdeckt, dass es in dem Haus eine Räucherkammer über der Küche gab, die mit dem Rauch des offenen Herdes betrieben wurde. „Das war damals eine echte technische Innovation“, weiß Wolfgang Riesner aus Erfahrung. Der Architekt aus Petershagen hat sich auf die Sanierung alter Bausubstanzen spezialisiert. Die Räucherkammer soll nicht erhalten werden, dafür aber der offene Herd. Zu dem Haus gehört eine große Diele, von der aus ein separater Wohnbereich für die Mutter von Heike Berster zugänglich sein wird. „Wenn man sich vorstellt, dass es in den einzelnen Gebäudeteilen verschiedene Bewohner gibt, kann die Diele ein gemeinschaftlicher genutzter Bereich werden, den man sich in einem normalen Haus gar nicht gönnen kann“, sagt der Architekt. Feiern oder Konzerte mit 80 Leuten seien da kein Problem. Auch von außen soll das Haus wieder sein damaliges Erscheinungsbild erhalten. In erster Linien sind das die Fenster, denn die wurden in den 70-er Jahren durch eine Art Schaufenster ersetzt. An einer Gebäudeseite wurden sie bereits entfernt, neue Holzständer stattdessen ergänzt und so die Umrisse für die zukünftigen Fenster geschaffen. „Die Vorgabe ist, dass das Holz, das man ersetzen muss, möglichst neues Holz ist, so dass man später nachvollziehen kann, was zu welcher Zeit gemacht wurde. Anhand der Hölzer kann man nämlich das Alter bestimmen“, erklärt Riesner. An einer Seite des Gebäudes steht dieser Umbauschritt noch bevor. Damit die alten Fenster demnächst entfernt werden können, musste Heike Berster zunächst im oberen Bereich die maroden Fächer sichern. Das war nötig, denn einige Steine hatten sich gelöst und drohten bei den anstehenden Maurerarbeiten an der unteren Fassade herauszufallen. Apropos Handwerker: „Um ein solches Fachwerk zu renovieren, braucht man gute Leute, die das schon mal gemacht haben“, sagt Heike Berster. Bei Vor- und Nacharbeiten könne sie mithelfen. Zusätzliche Unterstützung bekommt Heike Berster von Helfern, die sich über das Portal „work away“ gemeldet haben. Aktuell greifen ihr eine Frau und ein Mann für ein paar Stunden täglich unter die Arme, im Gegenzug gibt es Verpflegung und einen Schlafplatz. Der junge Mann kommt aus Berlin. Ob das ein Kulturschock sei? „Eigentlich nicht, auch in Berlin lebt man in seinem Viertel“, meint er. Internationale Helfer haben an dem Umbau ebenfalls mitgewirkt, aufgrund der Pandemie beschränkt sich das momentan allerdings eher auf Deutschland. Egal, wie viel Hilfe sie bekommt, der Umbau ist nicht nur ein enormer Kraftakt, wie Heike Berster selbst sagt, sondern auch eine finanzielle Herausforderung. Zwar gibt es diverse Fördermittel für solche Projekte, aber dennoch liege sie im Millionenbereich. „Genau vorher sagen lässt sich das nicht, da momentan die Preise für die Rohstoffe stark anziehen. Aber mit zwei bis zweieinhalb Millionen Euro muss man am Ende sicher rechnen“, sagt Wolfgang Riesner. Ein solches Projekt sei eben nicht nur romantisch, sondern vor allem ressourcenfordernd – was Geld und Lebenszeit betrifft. Was Heike Berster später mit dem riesigen Haus machen möchte, steht noch nicht endgültig fest. „Der Plan ist, dass mehrere Menschen in dieser Hofgemeinschaft leben sollen“, sagt sie. Künftig würde sie gerne eine Bereitschaftspflege anbieten, also Kinder in Obhut nehmen, weil die Eltern sie nicht versorgen können beziehungsweise weil das Kindeswohl gefährdet ist. Denkbar wäre zudem, den ehemaligen Schweinestall aus dem Jahr 1909 in ein Doppelhaus zu verwandeln. „Von guter Substanz ist das Haus auf jeden Fall. Die Decken sind hoch belastbar, weil früher das gesamte Futter für die Tiere dort gelagert wurde“, so Riesner. Bis dahin liegt aber das Augenmerk auf dem Haupthaus. Wann das fertig sein wird, wagt Heike Berster gar nicht zu schätzen. „Über den Sommer können wir die Fassadenarbeiten hoffentlich abschließen, damit es im Winter im Innenbereich weitergehen kann“, sagt sie. Und das würde derzeit auch davon abhängen, ob alle notwendigen Materialien verfügbar sind, denn das sei derzeit nicht immer sichergestellt. Spätestens zum 200-jährigen Bestehen will Heike Berster ein Hoffest ausrichten.

MT-Serie: Raus aus dem Dornröschen-Schlaf: Heike Berster renoviert 186 Jahre altes Bauernhaus

Heike Berster renoviert in Bierde ein 186 Jahre altes Bauernhaus. Dort wohnt sie auch schon gemeinsam mit einigen Helfern und ihrem Hund. MT-Fotos: Malina Reckordt © Reckordt

Petershagen-Bierde. Irgendwo am äußersten Rand von Petershagen, zwischen Wiesen und Feldern, da wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, liegt eine alte, scheinbar verlassene Hofstelle. Büsche und Sträucher wuchern rund um eine riesige Halle ohne Dach. Und genau dort erfüllt sich die 49-jährige Heike Berster einen Traum, den derzeit viele Menschen haben. Sie renoviert ein 186 Jahre altes Bauernhaus.

Es wirkt so, als hätte sie das alte Gebäude aus seinem Dornröschenschlaf geweckt. Und anschließend eine Art Müllkippe beseitigt. „Man kann es sich kaum vorstellen. In dem Haus war so viel Müll. Und außen mussten etliche Sträucher und Bäume entfernt werden, um das Haus überhaupt freizulegen“, berichtet die 49-Jährige.

Damit sich bei den Arbeiten im unteren Bereich der Fassade keine Fächer lösen, wurden sie mit Brettern gesichert. - © Reckordt
Damit sich bei den Arbeiten im unteren Bereich der Fassade keine Fächer lösen, wurden sie mit Brettern gesichert. - © Reckordt

Das war vor genau zwei Jahren, als sie sich mit ihrem damaligen Partner für das riesige Anwesen – die Gebäude aus dem Grundstück entsprechen zwölf Einfamilienhäusern auf dem Land – entschied. „Rund 25 bis 30 Jahre lang hat hier niemand gelebt“, schätzt Architekt Wolfgang Riesner, der das Projekt begleitet. Zwischendurch hätten andere Besitzer versucht, das Objekt zu restaurieren, dabei hätten sie jedoch mehr Schaden angerichtet als alles andere. So ist das Objekt schließlich wieder an die ursprünglichen Besitzer verkauft worden und die haben dann über die Bauernhausbörse die neue Besitzerin Heike Berster gefunden. „Je größer die Objekte sind, desto schwieriger finden sich Käufer“, meint Wolfgang Riesner, zweiter stellvertretender Bundesvorsitzender der Interessengemeinschaft Bauernhaus.

Dort, wo sich jetzt die offene Fachwerkwand befindet, stand früher eine Wand. Das verraten die Sandsteinfundamente. - © Reckordt
Dort, wo sich jetzt die offene Fachwerkwand befindet, stand früher eine Wand. Das verraten die Sandsteinfundamente. - © Reckordt

Bei der Renovierung hat die gebürtige Spengerin einiges zu beachten, denn das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Das gilt auch für den Innenbereich: So dürfen zum Beispiel die alten, extrem steilen Treppen nicht einfach durch neue Treppen ersetzt werden. Damit die Treppe während der Bauphase nicht so sehr leidet, wurde sie durch eine provisorische ersetzt – was an der Steigung allerdings nichts ändert. Ebenso dürfen Fußböden nicht einfach entfernt, sondern nur aufgearbeitet werden. Fenster hingegen dürfen beliebig ergänzt werden, solange eine gewisse Symmetrie eingehalten wird. „Die Zusammenarbeit mit der Denkmalbehörde klappt gut. Die Mitarbeiter sind sehr lösungsorientiert“, sagt Heike Berster.

Die Gebäude auf dem Grundstück entsprechen einer Fläche von zwölf Einfamilienhäusern. - © Reckordt
Die Gebäude auf dem Grundstück entsprechen einer Fläche von zwölf Einfamilienhäusern. - © Reckordt

Im Inneren laufen derzeit vor allem im Küchenbereich die Renovierungsarbeiten. „Hier wird alles auf die ursprüngliche Aufteilung zurückgebaut“, erklärt Heike Berster. Sie hätte zum Beispiel Sandsteinfundamente entdeckt, was ein Indiz für eine Wand gewesen sei. An dieser Stelle befindet sich jetzt eine offene Fachwerkwand, dahinter soll sich später die moderne Küche stehen. „Hier ist viel Hausforschung betrieben worden, um diese zwischendurch ganz veränderte Aufteilung wieder herzustellen“, sagt Wolfgang Riesner. So seien einige Trennwände eingezogen, andere Wände hingegen herausgerissen worden.

Der ehemalige Schweinestall könnte später in Doppelhäuser umgewandelt werden. - © reckordt
Der ehemalige Schweinestall könnte später in Doppelhäuser umgewandelt werden. - © reckordt

Außerdem hätten die neuen Besitzer entdeckt, dass es in dem Haus eine Räucherkammer über der Küche gab, die mit dem Rauch des offenen Herdes betrieben wurde. „Das war damals eine echte technische Innovation“, weiß Wolfgang Riesner aus Erfahrung. Der Architekt aus Petershagen hat sich auf die Sanierung alter Bausubstanzen spezialisiert. Die Räucherkammer soll nicht erhalten werden, dafür aber der offene Herd.

Zu dem Haus gehört eine große Diele, von der aus ein separater Wohnbereich für die Mutter von Heike Berster zugänglich sein wird. „Wenn man sich vorstellt, dass es in den einzelnen Gebäudeteilen verschiedene Bewohner gibt, kann die Diele ein gemeinschaftlicher genutzter Bereich werden, den man sich in einem normalen Haus gar nicht gönnen kann“, sagt der Architekt. Feiern oder Konzerte mit 80 Leuten seien da kein Problem.

Auch von außen soll das Haus wieder sein damaliges Erscheinungsbild erhalten. In erster Linien sind das die Fenster, denn die wurden in den 70-er Jahren durch eine Art Schaufenster ersetzt. An einer Gebäudeseite wurden sie bereits entfernt, neue Holzständer stattdessen ergänzt und so die Umrisse für die zukünftigen Fenster geschaffen. „Die Vorgabe ist, dass das Holz, das man ersetzen muss, möglichst neues Holz ist, so dass man später nachvollziehen kann, was zu welcher Zeit gemacht wurde. Anhand der Hölzer kann man nämlich das Alter bestimmen“, erklärt Riesner.

An einer Seite des Gebäudes steht dieser Umbauschritt noch bevor. Damit die alten Fenster demnächst entfernt werden können, musste Heike Berster zunächst im oberen Bereich die maroden Fächer sichern. Das war nötig, denn einige Steine hatten sich gelöst und drohten bei den anstehenden Maurerarbeiten an der unteren Fassade herauszufallen.

Apropos Handwerker: „Um ein solches Fachwerk zu renovieren, braucht man gute Leute, die das schon mal gemacht haben“, sagt Heike Berster. Bei Vor- und Nacharbeiten könne sie mithelfen. Zusätzliche Unterstützung bekommt Heike Berster von Helfern, die sich über das Portal „work away“ gemeldet haben. Aktuell greifen ihr eine Frau und ein Mann für ein paar Stunden täglich unter die Arme, im Gegenzug gibt es Verpflegung und einen Schlafplatz. Der junge Mann kommt aus Berlin. Ob das ein Kulturschock sei? „Eigentlich nicht, auch in Berlin lebt man in seinem Viertel“, meint er. Internationale Helfer haben an dem Umbau ebenfalls mitgewirkt, aufgrund der Pandemie beschränkt sich das momentan allerdings eher auf Deutschland.

Egal, wie viel Hilfe sie bekommt, der Umbau ist nicht nur ein enormer Kraftakt, wie Heike Berster selbst sagt, sondern auch eine finanzielle Herausforderung. Zwar gibt es diverse Fördermittel für solche Projekte, aber dennoch liege sie im Millionenbereich. „Genau vorher sagen lässt sich das nicht, da momentan die Preise für die Rohstoffe stark anziehen. Aber mit zwei bis zweieinhalb Millionen Euro muss man am Ende sicher rechnen“, sagt Wolfgang Riesner. Ein solches Projekt sei eben nicht nur romantisch, sondern vor allem ressourcenfordernd – was Geld und Lebenszeit betrifft.

Was Heike Berster später mit dem riesigen Haus machen möchte, steht noch nicht endgültig fest. „Der Plan ist, dass mehrere Menschen in dieser Hofgemeinschaft leben sollen“, sagt sie. Künftig würde sie gerne eine Bereitschaftspflege anbieten, also Kinder in Obhut nehmen, weil die Eltern sie nicht versorgen können beziehungsweise weil das Kindeswohl gefährdet ist. Denkbar wäre zudem, den ehemaligen Schweinestall aus dem Jahr 1909 in ein Doppelhaus zu verwandeln. „Von guter Substanz ist das Haus auf jeden Fall. Die Decken sind hoch belastbar, weil früher das gesamte Futter für die Tiere dort gelagert wurde“, so Riesner.

Bis dahin liegt aber das Augenmerk auf dem Haupthaus. Wann das fertig sein wird, wagt Heike Berster gar nicht zu schätzen. „Über den Sommer können wir die Fassadenarbeiten hoffentlich abschließen, damit es im Winter im Innenbereich weitergehen kann“, sagt sie. Und das würde derzeit auch davon abhängen, ob alle notwendigen Materialien verfügbar sind, denn das sei derzeit nicht immer sichergestellt. Spätestens zum 200-jährigen Bestehen will Heike Berster ein Hoffest ausrichten.

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