MT-Serie Raus aufs Land: Gäste wollen ruhige Ferien in Friedewalde Claudia Hyna Petershagen-Friedewalde. Ferien in Friedewalde? Hier ist doch nichts los, so dachte Jürgen Krüger bis vor kurzem. Dass das einmal zum entscheidenden Argument für den Standort werden könnte, hätte der 57-Jährige nicht gedacht. Sein Sohn brachte ihn auf die Idee, die kleine Wohnung am Eigenheim zur Ferienwohnung umzufunktionieren – und es funktioniert. Fabio Krüger hatte mit seiner Freundin Urlaub in Schottland gemacht und dort Unterkünfte über den Online-Marktplatz Airbnb gebucht. „Papa, das musst du auch machen“, hätte er gesagt, als er zurückkehrte. Sein Vater hatte die 40 Quadratmeter-Wohnung 2001 beim Umbau des alten Bauernhauses in der ehemaligen Waschküche errichtet und längerfristig vermietet. Als der letzte Mieter ausgezogen war, startete er vor einem guten Jahr als Ferienhaus-Anbieter. Schon nach einer Woche lag die erste Anfrage von einem jungen Paar aus Berlin vor. „Wir gehen aus der Tür und sind direkt in der Natur“, hätten sie geschwärmt. Was für den freien Redakteur, der auf der alten Hofstätte aufgewachsen ist, völlig alltäglich ist, empfanden die Hauptstädter als paradiesisch. Auf die Berliner folgten die Auswanderer, erinnert sich Krüger, der immer noch staunt, von woher die Reisenden ins kleine Friedewalde kommen. Das deutsche Paar lebte eigentlich in Palma de Mallorca und wollte die sogenannte Panamericana (die längste Straße der Welt von Alaska bis Feuerland) mit dem Wohnmobil befahren. Corona machte ihr Projekt zunichte. Als Alternative unternahmen sie eine Radtour von Amsterdam nach Bremen – und siehe, da lag der Petershäger Ortsteil auf ihrer Strecke. Als coronabedingt überhaupt keine touristischen Übernachtungen möglich waren, durfte Jürgen Krüger die Wohnung zu zwei Zwecken nutzen: für Geschäftsreisende und für Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Beide Arten von Gästen hat er beherbergt. Der Geschäftsreisende blieb sieben Wochen, um eine neue Firma kennenzulernen. In seiner freien Zeit sei der Mann vor allem gejoggt. Und die Menschen ohne Obdach hatten ihre Wohnung gekündigt, leider war die neue Unterkunft nicht rechtzeitig fertig geworden. Die Zeit der Überbrückung hätten sie so gut wie möglich gestaltet. „Auf der Wiese hinterm Haus haben sie ein Picknick gemacht.“ Auf solche Ideen waren Jürgen Krüger und seine Familie noch nie gekommen. „Die haben mir als Dorfkind echt die Augen geöffnet“, sagt er. „Wir haben so viel und sehen es nicht.“ Die Anlässe sind so unterschiedlich wie die Unterkunftssuchenden selbst, hat er festgestellt. Manche Gäste haben Bezug zur Region, besuchen Freunde und Verwandte. Andere Touristen nutzen zum Beispiel auch die ruhige Zeit um den Jahreswechsel. Im Dezember und Januar etwa gab es einen Gast, der sich einen Hund in der Umgebung gekauft hat und diesen an den vorhandenen Hund gewöhnen wollte. Auch kam ein Paar aus dem Schwarzwald, das sich ein junges Pferd kaufte. Da dieses in den ersten Wochen nicht von der Mutterstute getrennt werden soll, buchten sie die Ferienwohnung und besuchten täglich das Pferd. Wochen später holten sie es dann ab. Um das einen Hektar große Gelände zwischen Friedewalde und der L 770 noch attraktiver – auch für Insekten – zu machen, legte Jürgen Krüger in diesem Jahr neben der Streuobstwiese eine Fläche mit Wildblumen an. „Da standen dann die Reisenden aus Frankfurt und machten Selfies.“ Aus der Ferne habe er beobachtet, wie diese barfuß und mit geschlossenen Augen über die Wiese liefen. Später erzählten sie ihm, dass sie in einer Wohnung in der Innenstadt leben, 5. Stock, mit Hund. Wie das für sie sei, morgens vom Gesang von 300 Vögeln geweckt zu werden, könne er sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, meint Krüger. Was die Touristen neben der Ruhe und der Sauberkeit der Unterkunft schätzen, ist die kontaktlose Schlüsselübergabe. Er sei kein Vermieter, der seine Gäste zutextet, so Krüger. Wer keinen Anschluss haben möchte, der werde von ihm vollkommen in Ruhe gelassen. „Wenn sie uns aber brauchen, sind wir natürlich da.“ 22 mal sei die Wohnung bisher gebucht worden, wundert sich Jürgen Krüger immer noch. Ein Mann aus Zürich war bereits zum zweiten Mal da. „Da hätte ich nicht mit gerechnet.“ Krüger sagt, er habe den Niedergang des Dorfes hautnah miterlebt. Keine Kneipe, kein Laden sei in der Nähe. Und nun kämen die Menschen gerade wegen dieser Abgeschiedenheit, dieser Stille hierher. Hier gebe es keine Berge, kein Meer, alles sei flach. Gerade das schätzen aber unter anderem die Radwanderer. Worauf heutzutage Wert gelegt werde, sei das funktionierende und vor allem schnelle Internet. Der Ausbau des Glasfasernetzes sei daher unerlässlich. Das sei auch eine Chance der Region, meint Krüger. „Wir könnten hier ein Mekka für Freiberufler werden“, ist er überzeugt. Außerdem gebe es im Kreis zahlreiche Firmen, die zeitweise Mitarbeiter oder auch Handwerker unterbringen müssten. So könnten alte Bauernhäuser eine gute Nachnutzung als Wohnung auf Zeit erfahren. Und auch, wenn ihn die Nutzer eines Besseren belehren wollen – Jürgen Krüger zieht es im Urlaub in fremde Länder, er will die Berge und das Meer sehen. Mit Frau und Kindern war er unter anderem in Norwegen und in Österreich. In diesem Jahr steht Kroatien im Terminplan. Vielleicht kommt er in diesem Jahr lieber zurück als sonst – „Wir wohnen ja schließlich da, wo andere Urlaub machen.“ Raus aufs Land

MT-Serie Raus aufs Land: Gäste wollen ruhige Ferien in Friedewalde

krüger MT-Foto: Alex Lehn © lehn

Petershagen-Friedewalde. Ferien in Friedewalde? Hier ist doch nichts los, so dachte Jürgen Krüger bis vor kurzem. Dass das einmal zum entscheidenden Argument für den Standort werden könnte, hätte der 57-Jährige nicht gedacht. Sein Sohn brachte ihn auf die Idee, die kleine Wohnung am Eigenheim zur Ferienwohnung umzufunktionieren – und es funktioniert.

Fabio Krüger hatte mit seiner Freundin Urlaub in Schottland gemacht und dort Unterkünfte über den Online-Marktplatz Airbnb gebucht. „Papa, das musst du auch machen“, hätte er gesagt, als er zurückkehrte. Sein Vater hatte die 40 Quadratmeter-Wohnung 2001 beim Umbau des alten Bauernhauses in der ehemaligen Waschküche errichtet und längerfristig vermietet. Als der letzte Mieter ausgezogen war, startete er vor einem guten Jahr als Ferienhaus-Anbieter. Schon nach einer Woche lag die erste Anfrage von einem jungen Paar aus Berlin vor. „Wir gehen aus der Tür und sind direkt in der Natur“, hätten sie geschwärmt. Was für den freien Redakteur, der auf der alten Hofstätte aufgewachsen ist, völlig alltäglich ist, empfanden die Hauptstädter als paradiesisch.

Die Wohnung ist zwei bis vier Personen geeignet, sie steht auch für Geschäftsreisende zur Verfügung. - © Lehn
Die Wohnung ist zwei bis vier Personen geeignet, sie steht auch für Geschäftsreisende zur Verfügung. - © Lehn

Auf die Berliner folgten die Auswanderer, erinnert sich Krüger, der immer noch staunt, von woher die Reisenden ins kleine Friedewalde kommen. Das deutsche Paar lebte eigentlich in Palma de Mallorca und wollte die sogenannte Panamericana (die längste Straße der Welt von Alaska bis Feuerland) mit dem Wohnmobil befahren. Corona machte ihr Projekt zunichte. Als Alternative unternahmen sie eine Radtour von Amsterdam nach Bremen – und siehe, da lag der Petershäger Ortsteil auf ihrer Strecke.

Von der Terrasse der Ferienwohnung fällt der Blick auf ein Kornfeld. - © Lehn
Von der Terrasse der Ferienwohnung fällt der Blick auf ein Kornfeld. - © Lehn

Als coronabedingt überhaupt keine touristischen Übernachtungen möglich waren, durfte Jürgen Krüger die Wohnung zu zwei Zwecken nutzen: für Geschäftsreisende und für Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Beide Arten von Gästen hat er beherbergt. Der Geschäftsreisende blieb sieben Wochen, um eine neue Firma kennenzulernen. In seiner freien Zeit sei der Mann vor allem gejoggt. Und die Menschen ohne Obdach hatten ihre Wohnung gekündigt, leider war die neue Unterkunft nicht rechtzeitig fertig geworden. Die Zeit der Überbrückung hätten sie so gut wie möglich gestaltet. „Auf der Wiese hinterm Haus haben sie ein Picknick gemacht.“ Auf solche Ideen waren Jürgen Krüger und seine Familie noch nie gekommen. „Die haben mir als Dorfkind echt die Augen geöffnet“, sagt er. „Wir haben so viel und sehen es nicht.“

Die Anlässe sind so unterschiedlich wie die Unterkunftssuchenden selbst, hat er festgestellt. Manche Gäste haben Bezug zur Region, besuchen Freunde und Verwandte. Andere Touristen nutzen zum Beispiel auch die ruhige Zeit um den Jahreswechsel. Im Dezember und Januar etwa gab es einen Gast, der sich einen Hund in der Umgebung gekauft hat und diesen an den vorhandenen Hund gewöhnen wollte. Auch kam ein Paar aus dem Schwarzwald, das sich ein junges Pferd kaufte. Da dieses in den ersten Wochen nicht von der Mutterstute getrennt werden soll, buchten sie die Ferienwohnung und besuchten täglich das Pferd. Wochen später holten sie es dann ab.

Um das einen Hektar große Gelände zwischen Friedewalde und der L 770 noch attraktiver – auch für Insekten – zu machen, legte Jürgen Krüger in diesem Jahr neben der Streuobstwiese eine Fläche mit Wildblumen an. „Da standen dann die Reisenden aus Frankfurt und machten Selfies.“ Aus der Ferne habe er beobachtet, wie diese barfuß und mit geschlossenen Augen über die Wiese liefen. Später erzählten sie ihm, dass sie in einer Wohnung in der Innenstadt leben, 5. Stock, mit Hund. Wie das für sie sei, morgens vom Gesang von 300 Vögeln geweckt zu werden, könne er sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, meint Krüger.

Was die Touristen neben der Ruhe und der Sauberkeit der Unterkunft schätzen, ist die kontaktlose Schlüsselübergabe. Er sei kein Vermieter, der seine Gäste zutextet, so Krüger. Wer keinen Anschluss haben möchte, der werde von ihm vollkommen in Ruhe gelassen. „Wenn sie uns aber brauchen, sind wir natürlich da.“

22 mal sei die Wohnung bisher gebucht worden, wundert sich Jürgen Krüger immer noch. Ein Mann aus Zürich war bereits zum zweiten Mal da. „Da hätte ich nicht mit gerechnet.“ Krüger sagt, er habe den Niedergang des Dorfes hautnah miterlebt. Keine Kneipe, kein Laden sei in der Nähe. Und nun kämen die Menschen gerade wegen dieser Abgeschiedenheit, dieser Stille hierher. Hier gebe es keine Berge, kein Meer, alles sei flach. Gerade das schätzen aber unter anderem die Radwanderer.

Worauf heutzutage Wert gelegt werde, sei das funktionierende und vor allem schnelle Internet. Der Ausbau des Glasfasernetzes sei daher unerlässlich. Das sei auch eine Chance der Region, meint Krüger. „Wir könnten hier ein Mekka für Freiberufler werden“, ist er überzeugt. Außerdem gebe es im Kreis zahlreiche Firmen, die zeitweise Mitarbeiter oder auch Handwerker unterbringen müssten. So könnten alte Bauernhäuser eine gute Nachnutzung als Wohnung auf Zeit erfahren.

Und auch, wenn ihn die Nutzer eines Besseren belehren wollen – Jürgen Krüger zieht es im Urlaub in fremde Länder, er will die Berge und das Meer sehen. Mit Frau und Kindern war er unter anderem in Norwegen und in Österreich. In diesem Jahr steht Kroatien im Terminplan. Vielleicht kommt er in diesem Jahr lieber zurück als sonst – „Wir wohnen ja schließlich da, wo andere Urlaub machen.“

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