MT-Serie Kriegsende: Wietersheimerin zeigt den Enkeln ihre alte Heimat Claudia Hyna Petershagen-Wietersheim. Das Fotoalbum hütet sie wie einen Schatz. „Normalerweise hätten wir es nicht mehr“, das ist der 93-Jährigen aus Wietersheim deutlich bewusst. Denn als die gebürtige Schlesierin mit ihrer Familie im Januar 1946 die Wohnung für eine polnische Familie räumen muss, landen die Bilder auf der Straße. „Wir sind dann raus und haben alle aufgesammelt.“ Gerne blättert sie heute mit ihren Enkeln Sven und Lars Biermann in den Erinnerungen an ihre Heimat. Beide interessieren sich sehr für die Biografie der Großmutter. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, aber die Geschichte, die soll ihre Lebenszeit überdauern. „Ich habe ein Bedürfnis, das weiterzugeben.“ Aus dem Grund hat sie vor vielen Jahren die Erlebnisse von Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Dem Ganzen gab sie den Titel „Erst recht- und dann heimatlos“. Dieses Bedürfnis ist außerdem der Beweggrund für die vielen Reisen in die alte Heimat, die sie seit 1974 regelmäßig nach Zillertal-Erdmannsdorf führen – zunächst mit Mann und Tochter, später auch mit deren Söhnen. „Dazugehörig und trotzdem fremd“, so beschreibt die alte Dame, was sie bei ihren Aufenthalten fühlt. Immer noch erkennt sie die alten Orte wieder, auch wenn sich vieles stark verändert hat. „Das ist so zugebaut, nicht mehr schön schaut das aus.“ Auch die alte Fabrik, in der sie eine kaufmännische Ausbildung absolvierte – die Prüfung fiel fluchtbedingt aus – steht noch. Einst war es Spinnerei und Weberei, heute verfällt das Gebäude. Die 93-Jährige kennt niemanden mehr dort, die Verständigung fällt schwer. Bei den letzten Reisen versuchte sie, einen bestimmten Taxifahrer zu buchen, der sie schon einige Male gefahren hatte und der ein wenig Deutsch sprach. Zum Pflichtprogramm gehört immer auch ein Besuch der Schneekoppe. Vor Ort kommen wie auf Knopfdruck die Erinnerungen hoch, vor allem an die Zeit nach Kriegsende. Im Krieg selbst sei es ihnen nicht schlecht ergangen, erzählt die Wietersheimerin – bis auf übliche kriegsbedingte Einschränkungen. Die Jugendzeit, die sei ihnen allerdings genommen worden, das bedauert sie. Von den Kampfhandlungen bekamen sie in Zillertal wenig mit, auch mussten sie keinen Hunger leiden. Eine „fürchterliche Zeit“ erlebte die Familie erst nach dem Waffenstillstand am 8. Mai 1945. „Einzug der Russen am 9. Mai 1945“, notiert sie. „Sie durchsuchen das Haus nach Schnaps, belästigen uns aber sonst nicht. Zehn bis 14 Tage haben sie Plünderfreiheit. Alles geht gut.“ Sie darf nicht mehr ins Büro, sondern muss in der Weberei arbeiten, viele werden entlassen. Eine Begebenheit aus der Zeit kurz nach der Kapitulation hat sie später zu ihren Notizen hinzugefügt. Es geht um zwei Lastwagen voll russischer Soldaten, die am Nachbarhaus ausschwärmen. „Wir haben große Angst. Was werden sie tun?“ Es gibt drei Besuche, deren Ablauf sie akribisch aufschreibt. Ein Soldat kommt ins Haus, holt ein Fahrrad, später bringt er es zurück. Beim zweiten Besuch ist ein Soldat stockbesoffen. Er schlitzt einen Karton auf, den Inhalt lässt er liegen. Und dann der dritte Besuch. Ein junger Soldat kommt in die Stube. „Er geht auf mich zu. Meine Mutter streckt abwehrend die Hand gegen ihn aus. Er versteht, lächelt und schüttelt den Kopf. Da hab ich ihm meine umhäkelten Taschentücher, die zufällig auf dem Tisch lagen, geschenkt. Damit verlässt er uns.“ Der erste Tag ist überstanden. „Und wir hatten großes Glück“, steht in ihren Aufzeichnungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel Schlesien fast gänzlich an das Nachbarland Polen, die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben. Im Januar 1946 erhält eine polnische Familie mit zwei Töchtern ihre Wohnung mit sämtlichem Inventar – auch Kleidung und Wäsche. Sie bekommt mit Omas Schwester und ihrer Mutter eine Stube zugewiesen. „Mutter muss für die Polen die Kleidung passend nähen. Fast am Ende ihrer Nerven weigert sie sich, weiterzuarbeiten. Der Pole will sie schlagen, aber seine Frau geht dazwischen“, heißt es in den Aufzeichnungen. Ab Ende März 1946 arbeitet die Mutter im Wald, um tagsüber aus dem Haus zu sein. Zu dieser Zeit müssen alle Deutschen eine weiße Armbinde tragen. Dann wird bekannt, dass sie die Heimat verlassen müssen, Ausweisungen erfolgen. Mutter und Tochter planen im Mai 1946, jede mit einem Rucksack nach Hirschberg zu gelangen. Doch der Zug fährt nicht, weil angeblich der Viadukt gesprengt ist. Zwei Wochen später der erneute Versuch. Bei der Rucksackkontrolle nimmt man ihnen eine Tischuhr und Filzpantoffeln ab. Später kam eine Leibesvisitation der Polen hinzu, danach waren der Ehering des Vaters und 240 Mark weg. Das hat Spuren hinterlassen. „Bis heute kann ich nichts wegwerfen“, gesteht die 93-Jährige – ihr Enkel Sven Biermann nickt wissend, ihm gehe es genauso. Schuld daran sei ihrer Meinung nach nicht die Angst, irgendwann nichts mehr zu haben. Es geht einfach gegen ihre Natur und manchmal hat es rein praktische Zwecke. Nach der Vertreibung geht es im Güterwagen Richtung Westen. Gleich dreimal werden sie auf dem Weg nach Ostwestfalen entlaust und desinfiziert. Der Vater ist in Minden im Kriegsgefangenenlager untergebracht und erwartet sie schon. Erste Station ist Nammen. Wie sich Flüchtlinge fühlen müssen, kann sie seitdem gut nachvollziehen. Auch ihr Empfang war wenig herzlich. Wenn ihr nicht zu faul zum Arbeiten gewesen wärt, hättet ihr nicht gehen müssen, hörten sie von den Einwohnern. Das machte das Ankommen doppelt schwer, sagt sie. Und notiert: Unwillkommen in der Fremde. Heute fühlt sich die Seniorin wohl, in der Ortschaft Wietersheim wohnt sie mit drei Generationen unter einem Dach. Solange ihre Gesundheit es zulässt, will sie die Reisen in die alte Heimat fortsetzen. Und vor allem ihren Enkeln von damals erzählen. „Später bereut man sonst, dass man es verpasst hat.“ MT-Serie Kriegsende Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

MT-Serie Kriegsende: Wietersheimerin zeigt den Enkeln ihre alte Heimat

Sven Biermann schaut sich mit seiner Großmutter die alten Fotos an. Als seine Oma sich wünschte, dass die Enkel mit ihr nach Schlesien reisen, erfüllte er ihr gerne den Wunsch. MT- © Foto: Alex Lehn

Petershagen-Wietersheim. Das Fotoalbum hütet sie wie einen Schatz. „Normalerweise hätten wir es nicht mehr“, das ist der 93-Jährigen aus Wietersheim deutlich bewusst. Denn als die gebürtige Schlesierin mit ihrer Familie im Januar 1946 die Wohnung für eine polnische Familie räumen muss, landen die Bilder auf der Straße. „Wir sind dann raus und haben alle aufgesammelt.“

Gerne blättert sie heute mit ihren Enkeln Sven und Lars Biermann in den Erinnerungen an ihre Heimat. Beide interessieren sich sehr für die Biografie der Großmutter. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, aber die Geschichte, die soll ihre Lebenszeit überdauern. „Ich habe ein Bedürfnis, das weiterzugeben.“ Aus dem Grund hat sie vor vielen Jahren die Erlebnisse von Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Dem Ganzen gab sie den Titel „Erst recht- und dann heimatlos“.

MT- - © Foto: Alex Lehn
MT- - © Foto: Alex Lehn

Dieses Bedürfnis ist außerdem der Beweggrund für die vielen Reisen in die alte Heimat, die sie seit 1974 regelmäßig nach Zillertal-Erdmannsdorf führen – zunächst mit Mann und Tochter, später auch mit deren Söhnen. „Dazugehörig und trotzdem fremd“, so beschreibt die alte Dame, was sie bei ihren Aufenthalten fühlt. Immer noch erkennt sie die alten Orte wieder, auch wenn sich vieles stark verändert hat. „Das ist so zugebaut, nicht mehr schön schaut das aus.“

Auch die alte Fabrik, in der sie eine kaufmännische Ausbildung absolvierte – die Prüfung fiel fluchtbedingt aus – steht noch. Einst war es Spinnerei und Weberei, heute verfällt das Gebäude. Die 93-Jährige kennt niemanden mehr dort, die Verständigung fällt schwer. Bei den letzten Reisen versuchte sie, einen bestimmten Taxifahrer zu buchen, der sie schon einige Male gefahren hatte und der ein wenig Deutsch sprach. Zum Pflichtprogramm gehört immer auch ein Besuch der Schneekoppe.

Vor Ort kommen wie auf Knopfdruck die Erinnerungen hoch, vor allem an die Zeit nach Kriegsende. Im Krieg selbst sei es ihnen nicht schlecht ergangen, erzählt die Wietersheimerin – bis auf übliche kriegsbedingte Einschränkungen. Die Jugendzeit, die sei ihnen allerdings genommen worden, das bedauert sie. Von den Kampfhandlungen bekamen sie in Zillertal wenig mit, auch mussten sie keinen Hunger leiden. Eine „fürchterliche Zeit“ erlebte die Familie erst nach dem Waffenstillstand am 8. Mai 1945. „Einzug der Russen am 9. Mai 1945“, notiert sie. „Sie durchsuchen das Haus nach Schnaps, belästigen uns aber sonst nicht. Zehn bis 14 Tage haben sie Plünderfreiheit. Alles geht gut.“ Sie darf nicht mehr ins Büro, sondern muss in der Weberei arbeiten, viele werden entlassen.

Eine Begebenheit aus der Zeit kurz nach der Kapitulation hat sie später zu ihren Notizen hinzugefügt. Es geht um zwei Lastwagen voll russischer Soldaten, die am Nachbarhaus ausschwärmen. „Wir haben große Angst. Was werden sie tun?“ Es gibt drei Besuche, deren Ablauf sie akribisch aufschreibt. Ein Soldat kommt ins Haus, holt ein Fahrrad, später bringt er es zurück. Beim zweiten Besuch ist ein Soldat stockbesoffen. Er schlitzt einen Karton auf, den Inhalt lässt er liegen. Und dann der dritte Besuch. Ein junger Soldat kommt in die Stube. „Er geht auf mich zu. Meine Mutter streckt abwehrend die Hand gegen ihn aus. Er versteht, lächelt und schüttelt den Kopf. Da hab ich ihm meine umhäkelten Taschentücher, die zufällig auf dem Tisch lagen, geschenkt. Damit verlässt er uns.“ Der erste Tag ist überstanden. „Und wir hatten großes Glück“, steht in ihren Aufzeichnungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel Schlesien fast gänzlich an das Nachbarland Polen, die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben. Im Januar 1946 erhält eine polnische Familie mit zwei Töchtern ihre Wohnung mit sämtlichem Inventar – auch Kleidung und Wäsche. Sie bekommt mit Omas Schwester und ihrer Mutter eine Stube zugewiesen. „Mutter muss für die Polen die Kleidung passend nähen. Fast am Ende ihrer Nerven weigert sie sich, weiterzuarbeiten. Der Pole will sie schlagen, aber seine Frau geht dazwischen“, heißt es in den Aufzeichnungen. Ab Ende März 1946 arbeitet die Mutter im Wald, um tagsüber aus dem Haus zu sein. Zu dieser Zeit müssen alle Deutschen eine weiße Armbinde tragen. Dann wird bekannt, dass sie die Heimat verlassen müssen, Ausweisungen erfolgen.

Mutter und Tochter planen im Mai 1946, jede mit einem Rucksack nach Hirschberg zu gelangen. Doch der Zug fährt nicht, weil angeblich der Viadukt gesprengt ist. Zwei Wochen später der erneute Versuch. Bei der Rucksackkontrolle nimmt man ihnen eine Tischuhr und Filzpantoffeln ab. Später kam eine Leibesvisitation der Polen hinzu, danach waren der Ehering des Vaters und 240 Mark weg. Das hat Spuren hinterlassen. „Bis heute kann ich nichts wegwerfen“, gesteht die 93-Jährige – ihr Enkel Sven Biermann nickt wissend, ihm gehe es genauso.

Schuld daran sei ihrer Meinung nach nicht die Angst, irgendwann nichts mehr zu haben. Es geht einfach gegen ihre Natur und manchmal hat es rein praktische Zwecke.

Nach der Vertreibung geht es im Güterwagen Richtung Westen. Gleich dreimal werden sie auf dem Weg nach Ostwestfalen entlaust und desinfiziert. Der Vater ist in Minden im Kriegsgefangenenlager untergebracht und erwartet sie schon. Erste Station ist Nammen. Wie sich Flüchtlinge fühlen müssen, kann sie seitdem gut nachvollziehen. Auch ihr Empfang war wenig herzlich. Wenn ihr nicht zu faul zum Arbeiten gewesen wärt, hättet ihr nicht gehen müssen, hörten sie von den Einwohnern. Das machte das Ankommen doppelt schwer, sagt sie. Und notiert: Unwillkommen in der Fremde.

Heute fühlt sich die Seniorin wohl, in der Ortschaft Wietersheim wohnt sie mit drei Generationen unter einem Dach. Solange ihre Gesundheit es zulässt, will sie die Reisen in die alte Heimat fortsetzen. Und vor allem ihren Enkeln von damals erzählen. „Später bereut man sonst, dass man es verpasst hat.“

MT-Serie Kriegsende

Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen