MT-Serie #200in365: Der Ovenstädter Maler Bernd Spriewald hat ein Herz für Außenseiter Benjamin Piel Petershagen-Ovenstädt (mt). Eigentlich hatte Bernd Spriewald gar nicht zurückkommen wollen in seine Heimat. Aber dann war da das Haus der Schwiegereltern und so leben der Maler und seine Frau nun doch seit vielen Jahren wieder in Ovenstädt. Im ganzen Haus hängt seine Kunst. Was auf den ersten Blick selbstverliebt wirkt, hat andere Gründe: „Soll ich sie ins Kabuff stellen?“ Wenn die Leute die Bilder kauften, würde er sie ja hergeben. Aber das mit dem Verkaufen ist nicht so einfach. Denn Spriewalds Kunst ist nicht eine Antwort auf die Frage, was den Menschen gerade am meisten gefällt. Er beantwortet eher etwas Anderes: Was bewegt ihn gerade? Und da zwischen dem, was ihn und dem, was die Öffentlichkeit bewegt, eine nicht unerhebliche Lücke klafft, ist das mit dem Verkaufen so eine Sache. Das hat auch damit zu tun, dass er genug Stolz hat, um nicht in Sparkassen-Filialen und Turnhallen auszustellen, sein Name aber nicht groß genug ist, um dort zu hängen, wo er gerne hängen würde: „Also muss ich mir die Bude zupflastern - reiner Pragmatismus.“ Oben unterm Dach hat der 62-Jährige sein Atelier. Eigentlich ist ihm das alles zu klein. Die Räume beschränken ihn, er kann dort nicht die ganz großen Formate malen. Aber ansonsten ist ihm der Ort, an dem seine Bilder entstehen, egal: „Man kann auch auf der Toilette malen.“ Die Dielen knarren, während Spriewald ein paar Werke aus dem Lager zieht. Gerade hat er ein mannshohes Bild gemalt, auf dem ein Waldweg zu sehen ist. Satt-dunkles Grün, Licht das durch die Blätter fällt, Reflexe auf dem Boden, der Weg verschwindet am Horizont. Beruhigend ist der Eindruck, den das Bild vermittelt, erfrischend. Es zeigt einen dieser Blicke, die für Spriewald typisch sind: Er hat etwas gesehen und gemalt. So einfach ist das. Das Schwierige ist, dass sich daraus kein künstlerisches Programm ergibt, wie es der Kunstmarkt gerne mag. Sein Werk ist facettenreich und hat etwas Widersprüchliches in Technik und Motivik. Oder, wie der Maler selbst es ausdrückt: „Ich male wie ein Privatier – am Markt vorbei.“ Das hat ihn in ein Dasein irgendwo zwischen Freiheit und Bedeutungslosigkeit, zwischen Souveränität und Existenznot geführt. Denn jemand, der das Geld nicht nötig hat, das wäre er vielleicht gerne, aber in Wahrheit ist das nicht mehr als eine Vorstellung. Um irgendwie über die Runden zu kommen, hat er nebenbei alles Mögliche gemacht, vor allem Hausmeistertätigkeiten. Aber das ist vorbei, eine Nierenkrankheit hat das bürgerliche Arbeiten beendet. Wären seine Frau und das Haus nicht, hätte Spriewald ein Problem. So aber geht es irgendwie und zu malen gibt es immer etwas. Er kramt ein Bild hervor. Ein Penner sitzt auf einer Bank, sein Rücken ist von zwei Pistolenkugeln zerfetzt. Vor ihm stehen zwei Jugendliche und zielen mit Revolvern auf ihn. Eigentlich müsste der Alte längst von der Bank gefallen sein. Aber er sitzt. Und so sitzt auch Spriewald in seinem Atelier und malt und malt und malt. Und der Penner auf der Bank? Warum kippt der nicht um? Ist das ein sozialkritisches Bild? „Das ist mir zu dämlich, da was zu zu sagen“, sagt der Mann in seiner farbbespritzten Jacke, der seine Haare zu einem kleinen Dutt zusammengebunden hat. Er und eine Selbstinterpretation - so weit käme es noch. „Das interessiert kein Schwein, das Bild“, zitiert Spriewald seine Frau. Das klingt nicht nach der motivierendsten Unterstützung. Aber in diesem Fall könnte es anders sein. Spriewald wirkt so, als könnte er nur schwer damit leben, produzierte er Bilder, vor denen alle Welt niederkniet. Die Ablehnung, das Unverständnis, die Irritation - sollte er vielleicht doch ein Programm haben, dann das. Oder, wie er selbst es ausdrückt: „Ich mach meinen Striemel – was ich abarbeiten muss, arbeite ich ab.“ Weil er selbst einer ist, hat er ein Herz für Ausgestoßene, die kaum jemand sieht. Spriewald hat sie im Blick und er malt sie, auch wenn er weiß, dass den Rest der Welt nichts so wenig interessieren dürfte wie irgendein abseitiger Mensch aus dem Alltag Petershagens. Aber diese Gestalten sind es, die ihm vielleicht am meisten Freude machen. Wie sie im Biergarten sitzen mit Bayern-München-Kappe auf dem Kopf und Turnschuhen an den Füßen. An der Kunstakademie in Braunschweig hat er zwar studiert, irgendwann in den 70ern, aber gelernt habe er da nichts, meint er. In Kneipen habe er gesessen und getrunken. „Man macht was und hofft, dass jemand etwas darin sieht und wenn das nicht passiert, steht man allein auf weiter Flur“, sagt er. Es ist eine Flur, auf der er innerhalb der zurückliegenden Jahrzehnte oft stand. Dabei ist sein Blick auf die Porträtierten scharf, seine Technik gut, die Farben sind wirkungsvoll. Vielleicht kommt die Zeit des Bernd Spriewald ja noch. Vielleicht ist es das, was ihn weitermachen lässt. Und außerdem: „Ich kann ja sonst nichts.“

MT-Serie #200in365: Der Ovenstädter Maler Bernd Spriewald hat ein Herz für Außenseiter

Unterm Dach hat Bernd Spriewald sein Atelier. Die Räume beschränken ihn, die ganz großen Formate kann er dort nicht malen. MT- © Foto: Alex Lehn

Petershagen-Ovenstädt (mt). Eigentlich hatte Bernd Spriewald gar nicht zurückkommen wollen in seine Heimat. Aber dann war da das Haus der Schwiegereltern und so leben der Maler und seine Frau nun doch seit vielen Jahren wieder in Ovenstädt. Im ganzen Haus hängt seine Kunst. Was auf den ersten Blick selbstverliebt wirkt, hat andere Gründe: „Soll ich sie ins Kabuff stellen?“ Wenn die Leute die Bilder kauften, würde er sie ja hergeben. Aber das mit dem Verkaufen ist nicht so einfach.

Denn Spriewalds Kunst ist nicht eine Antwort auf die Frage, was den Menschen gerade am meisten gefällt. Er beantwortet eher etwas Anderes: Was bewegt ihn gerade? Und da zwischen dem, was ihn und dem, was die Öffentlichkeit bewegt, eine nicht unerhebliche Lücke klafft, ist das mit dem Verkaufen so eine Sache. Das hat auch damit zu tun, dass er genug Stolz hat, um nicht in Sparkassen-Filialen und Turnhallen auszustellen, sein Name aber nicht groß genug ist, um dort zu hängen, wo er gerne hängen würde: „Also muss ich mir die Bude zupflastern - reiner Pragmatismus.“

Oben unterm Dach hat der 62-Jährige sein Atelier. Eigentlich ist ihm das alles zu klein. Die Räume beschränken ihn, er kann dort nicht die ganz großen Formate malen. Aber ansonsten ist ihm der Ort, an dem seine Bilder entstehen, egal: „Man kann auch auf der Toilette malen.“

Die Dielen knarren, während Spriewald ein paar Werke aus dem Lager zieht. Gerade hat er ein mannshohes Bild gemalt, auf dem ein Waldweg zu sehen ist. Satt-dunkles Grün, Licht das durch die Blätter fällt, Reflexe auf dem Boden, der Weg verschwindet am Horizont. Beruhigend ist der Eindruck, den das Bild vermittelt, erfrischend. Es zeigt einen dieser Blicke, die für Spriewald typisch sind: Er hat etwas gesehen und gemalt. So einfach ist das.

Das Schwierige ist, dass sich daraus kein künstlerisches Programm ergibt, wie es der Kunstmarkt gerne mag. Sein Werk ist facettenreich und hat etwas Widersprüchliches in Technik und Motivik. Oder, wie der Maler selbst es ausdrückt: „Ich male wie ein Privatier – am Markt vorbei.“

Das hat ihn in ein Dasein irgendwo zwischen Freiheit und Bedeutungslosigkeit, zwischen Souveränität und Existenznot geführt. Denn jemand, der das Geld nicht nötig hat, das wäre er vielleicht gerne, aber in Wahrheit ist das nicht mehr als eine Vorstellung. Um irgendwie über die Runden zu kommen, hat er nebenbei alles Mögliche gemacht, vor allem Hausmeistertätigkeiten. Aber das ist vorbei, eine Nierenkrankheit hat das bürgerliche Arbeiten beendet. Wären seine Frau und das Haus nicht, hätte Spriewald ein Problem.

So aber geht es irgendwie und zu malen gibt es immer etwas. Er kramt ein Bild hervor. Ein Penner sitzt auf einer Bank, sein Rücken ist von zwei Pistolenkugeln zerfetzt. Vor ihm stehen zwei Jugendliche und zielen mit Revolvern auf ihn. Eigentlich müsste der Alte längst von der Bank gefallen sein. Aber er sitzt. Und so sitzt auch Spriewald in seinem Atelier und malt und malt und malt. Und der Penner auf der Bank? Warum kippt der nicht um? Ist das ein sozialkritisches Bild? „Das ist mir zu dämlich, da was zu zu sagen“, sagt der Mann in seiner farbbespritzten Jacke, der seine Haare zu einem kleinen Dutt zusammengebunden hat. Er und eine Selbstinterpretation - so weit käme es noch.

„Das interessiert kein Schwein, das Bild“, zitiert Spriewald seine Frau. Das klingt nicht nach der motivierendsten Unterstützung. Aber in diesem Fall könnte es anders sein.

Spriewald wirkt so, als könnte er nur schwer damit leben, produzierte er Bilder, vor denen alle Welt niederkniet. Die Ablehnung, das Unverständnis, die Irritation - sollte er vielleicht doch ein Programm haben, dann das. Oder, wie er selbst es ausdrückt: „Ich mach meinen Striemel – was ich abarbeiten muss, arbeite ich ab.“

Weil er selbst einer ist, hat er ein Herz für Ausgestoßene, die kaum jemand sieht. Spriewald hat sie im Blick und er malt sie, auch wenn er weiß, dass den Rest der Welt nichts so wenig interessieren dürfte wie irgendein abseitiger Mensch aus dem Alltag Petershagens. Aber diese Gestalten sind es, die ihm vielleicht am meisten Freude machen. Wie sie im Biergarten sitzen mit Bayern-München-Kappe auf dem Kopf und Turnschuhen an den Füßen.

An der Kunstakademie in Braunschweig hat er zwar studiert, irgendwann in den 70ern, aber gelernt habe er da nichts, meint er. In Kneipen habe er gesessen und getrunken. „Man macht was und hofft, dass jemand etwas darin sieht und wenn das nicht passiert, steht man allein auf weiter Flur“, sagt er. Es ist eine Flur, auf der er innerhalb der zurückliegenden Jahrzehnte oft stand. Dabei ist sein Blick auf die Porträtierten scharf, seine Technik gut, die Farben sind wirkungsvoll.

Vielleicht kommt die Zeit des Bernd Spriewald ja noch. Vielleicht ist es das, was ihn weitermachen lässt. Und außerdem: „Ich kann ja sonst nichts.“

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