Klima-Botschafter Johannes Hurrelmeyer: „Meine Generation hat es versaut“ Oliver Plöger Petershagen-Südfelde. Und wenn die Vorhersagen beim Klima noch so trübe sind. „Ich bin da bei Luther“, sagt der neue Klima-Botschafter Johannes Hurrelmeyer aus Südfelde. Dem Reformator wird bekanntlich nachgesagt, dass er – wenn die Welt morgen unterginge – heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde. Ob der Satz wirklich von Luther stammt, spielt keine große Rolle, die Philosophie dahinter schon. „Bei mir sind es keine Apfelbäumchen, ich habe aber voriges Jahr auf meinem Grundstück noch 36 Walnussbäume gepflanzt“, sagt Hurrelmeyer. „Außerdem habe ich sechs Enkelkinder, für die ich mich verantwortlich fühle.“ Für Johannes Hurrelmeyer ist der Einsatz als einer von 50 Klima-Botschaftern der Verbraucher-Initiative NRW deshalb auch eine sehr emotionale Angelegenheit. „Was das Klima betrifft, lasse ich nicht locker“, sagt der 67-Jährige. Und er will nach eigenen Worten dazu beitragen, die Leute aus der Komfortzone zu holen. Hurrelmeyer folgt dabei einem in der Seniorenvertretung der Stadt Petershagen bekannt gemachten Aufruf der Verbraucher-Initiative NRW, die sich auf die Suche nach Multiplikatoren zur Klima-Ethik gemacht hatte. Voraussetzung: die Botschafter sollten über 60 Jahre alt sein. „Ich mache das, weil wir die Generation sind, die es versaut hat. Wir haben in Saus und Braus gelebt und uns keine Gedanken über das Klima gemacht.“ Zu diesen Gedanken will Hurrrelmeyer als Klima-Botschafter animieren, will Seminare und Workshops geben, Ansprechpartner für die Schulen sein und direkt im Unterricht auflaufen. „Mir macht sowas Spaß“, sagt der gelernte Schiffsingenieur. Für Johannes Hurrelmeyer ist es längst klar: Die durch die Bundesregierung bis 2050 postulierte Treibhausgasneutralität kann so nicht funktionieren. „Wir haben die Zeit nicht.“ Die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad bewege vielleicht noch die Wissenschaftler, weil sehr viel passiert, sagt Johannes Hurrelmeyer. Doch 1,5 Grad sei lediglich ein gefährlicher Mittelwert. Der Arktische Rat in Reykjavik hatte es deutlich gemacht: Zwischen 1971 und 2019 stieg die Jahrestemperatur um 3,1 Grad, auf der Erde insgesamt um ein Grad. Der Klima-Botschafter nennt ein Beispiel: „Wir hatten 2020 von Januar bis April auf dem nördlichen Eisschild ein Tiefdruckgebiet mit Regen, da sollte eigentlich Schnee runtergefallen.“ Für Hurrelmeyer steht es fest: 1,5 Grad sind ein von Politikern ausgehandelter Kompromiss.Wie kompliziert die Wirklichkeit ist, könne man gut anhand von übereinander gestapelten Bauklötzen sehen: Fragen, die zu beantworten wären, könnten etwa sein: Greift die Schwerkraft? Wie ist die Basis beschaffen? Sind die Klötze gleichmäßig geformt? Wo ist die Schwerpunktlage? Wie ist die Präzision des Aufbaus? Wie die Höhe? Dann die Schwingungen der Luft – durch Wetter oder durch Flugkörper. Rein rechnerisch gebe es dann 3,63 Millionen Möglichkeiten des Scheiterns, weiß Johannes Hurrelmeyer. Und hier gehe es „nur“ um einen umstürzenden Turm, nicht einmal ums Klima insgesamt. Mit dem Klima hatte sich der gebürtige Bremer schon als Schüler auseinandergesetzt: „Ich war 1961 gerade eingeschult worden, da stand im Weserkurier ein Bericht über die Polkappen. Wenn die abschmelzen, dann sollte der Meeresspiegel 80 Meter höher sein. Ich wusste als Bremer Kind, dass die höchste Erhebung mit knapp hundert Metern der Dom ist. Ich war besorgt.“ Hintergrund des Artikels damals, so Hurrelmeyer, war die Überprüfung von Meereshöhen, die durch ein hydrographisches Institut seit 1860 am Felsen von Helgoland gemessen wurden. „Nicht wegen des Klimawandels, sondern weil zuverlässige Seefahrtskarten angefertigt werden sollten.“ Die Datenerfassung habe angezeigt, dass der Meeresspiegel mit Beginn der Industriellen Revolution anfangs nur leicht um 0,2, hundert Jahre später aber schon um 0,6 Millimeter angestiegen war. Und dann? Im 20. Jahrhundert ging der Pegel um 15 Zentimeter nach oben, 1,5 Millimeter pro Jahr.Um in Sachen Klima fit zu sein, gab es für die künftigen Botschafter Basisschulungen, während der Coronaphase Videokonferenzen und zuletzt ein Seminar zur klimabewussten Ernährung. Das Wissen will Johannes Hurrelmeyer – gemeinsam mit den Erfahrungen aus dem eigenen Berufsweg als Ingenieur – jetzt transportieren. Einen ersten Workshop in Petershagen hat es bereits gegeben, organisiert von der CDU, deren Mitglied er ist: „Ich habe die Vermieter im Publikum direkt angesprochen: Euer Haus ist für hundert Jahre gebaut, wenn ich die menschliche Existenz auf Erden auf einen Tag herunterrechne, komme ich auf 1,8 Stunden.“ Frage sei nun gewesen, ob diese 1,8 Stunden ein Dauerwohnrecht begründen. Das, so habe einer der Zuhörer gemeint, komme auf den Vertrag an. „Gurt gekontert. Aber der Mieter verheizt die Fußbodenbretter, zahlt keine Miete, nimmt sich alles, zerschlägt das Porzellan, drückt die Fenster ein und verheizt die Türzargen. Und jetzt?“ Diesen Mieter wollte niemand mehr, sagt Johannes Hurrelmeyer und macht deutlich: Die Menschheit habe mit Blick auf die Wirtschaft optimiert, optimiert, optimiert. Irgendwann – da ist Hurrelmeyer wieder bei den Bauklötzen – stürze der Turm ein. Eigentlich müsse man Pessimist sein, der Punkt ohne Wiederkehr sei überschritten: „Selbst wenn jeder Mensch im Dunkeln und Kalten verharren würde, werden die CO2- Emissionen weiter steigen“, ist Johannes Hurrelmeyer überzeugt. Große CO2–Speicher wie die Ozeane und die kleiner werdenden Waldflächen könnten das Kohlendioxid schon gar nicht mehr halten. Hoffnung mache ihm Biogas, Photovoltaik und Windkraft. Und von der „Fridays-for-Future“-Bewegung ist der Südfelder sehr angetan. „Denen bin ich auf Knien dankbar.“ Und auch die lassen nicht locker.

Klima-Botschafter Johannes Hurrelmeyer: „Meine Generation hat es versaut“

So geht es nicht weiter: Johannes Hurrelmeyer will Klimawissen transportieren und dabei deutlich machen, wie ernst die Lage schon ist. MT-Foto: Oliver Plöger

Petershagen-Südfelde. Und wenn die Vorhersagen beim Klima noch so trübe sind. „Ich bin da bei Luther“, sagt der neue Klima-Botschafter Johannes Hurrelmeyer aus Südfelde. Dem Reformator wird bekanntlich nachgesagt, dass er – wenn die Welt morgen unterginge – heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde. Ob der Satz wirklich von Luther stammt, spielt keine große Rolle, die Philosophie dahinter schon. „Bei mir sind es keine Apfelbäumchen, ich habe aber voriges Jahr auf meinem Grundstück noch 36 Walnussbäume gepflanzt“, sagt Hurrelmeyer. „Außerdem habe ich sechs Enkelkinder, für die ich mich verantwortlich fühle.“

Für Johannes Hurrelmeyer ist der Einsatz als einer von 50 Klima-Botschaftern der Verbraucher-Initiative NRW deshalb auch eine sehr emotionale Angelegenheit. „Was das Klima betrifft, lasse ich nicht locker“, sagt der 67-Jährige. Und er will nach eigenen Worten dazu beitragen, die Leute aus der Komfortzone zu holen. Hurrelmeyer folgt dabei einem in der Seniorenvertretung der Stadt Petershagen bekannt gemachten Aufruf der Verbraucher-Initiative NRW, die sich auf die Suche nach Multiplikatoren zur Klima-Ethik gemacht hatte. Voraussetzung: die Botschafter sollten über 60 Jahre alt sein. „Ich mache das, weil wir die Generation sind, die es versaut hat. Wir haben in Saus und Braus gelebt und uns keine Gedanken über das Klima gemacht.“ Zu diesen Gedanken will Hurrrelmeyer als Klima-Botschafter animieren, will Seminare und Workshops geben, Ansprechpartner für die Schulen sein und direkt im Unterricht auflaufen. „Mir macht sowas Spaß“, sagt der gelernte Schiffsingenieur.

Für Johannes Hurrelmeyer ist es längst klar: Die durch die Bundesregierung bis 2050 postulierte Treibhausgasneutralität kann so nicht funktionieren. „Wir haben die Zeit nicht.“ Die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad bewege vielleicht noch die Wissenschaftler, weil sehr viel passiert, sagt Johannes Hurrelmeyer. Doch 1,5 Grad sei lediglich ein gefährlicher Mittelwert. Der Arktische Rat in Reykjavik hatte es deutlich gemacht: Zwischen 1971 und 2019 stieg die Jahrestemperatur um 3,1 Grad, auf der Erde insgesamt um ein Grad. Der Klima-Botschafter nennt ein Beispiel: „Wir hatten 2020 von Januar bis April auf dem nördlichen Eisschild ein Tiefdruckgebiet mit Regen, da sollte eigentlich Schnee runtergefallen.“ Für Hurrelmeyer steht es fest: 1,5 Grad sind ein von Politikern ausgehandelter Kompromiss.

Wie kompliziert die Wirklichkeit ist, könne man gut anhand von übereinander gestapelten Bauklötzen sehen: Fragen, die zu beantworten wären, könnten etwa sein: Greift die Schwerkraft? Wie ist die Basis beschaffen? Sind die Klötze gleichmäßig geformt? Wo ist die Schwerpunktlage? Wie ist die Präzision des Aufbaus? Wie die Höhe? Dann die Schwingungen der Luft – durch Wetter oder durch Flugkörper. Rein rechnerisch gebe es dann 3,63 Millionen Möglichkeiten des Scheiterns, weiß Johannes Hurrelmeyer. Und hier gehe es „nur“ um einen umstürzenden Turm, nicht einmal ums Klima insgesamt.

Mit dem Klima hatte sich der gebürtige Bremer schon als Schüler auseinandergesetzt: „Ich war 1961 gerade eingeschult worden, da stand im Weserkurier ein Bericht über die Polkappen. Wenn die abschmelzen, dann sollte der Meeresspiegel 80 Meter höher sein. Ich wusste als Bremer Kind, dass die höchste Erhebung mit knapp hundert Metern der Dom ist. Ich war besorgt.“ Hintergrund des Artikels damals, so Hurrelmeyer, war die Überprüfung von Meereshöhen, die durch ein hydrographisches Institut seit 1860 am Felsen von Helgoland gemessen wurden. „Nicht wegen des Klimawandels, sondern weil zuverlässige Seefahrtskarten angefertigt werden sollten.“ Die Datenerfassung habe angezeigt, dass der Meeresspiegel mit Beginn der Industriellen Revolution anfangs nur leicht um 0,2, hundert Jahre später aber schon um 0,6 Millimeter angestiegen war. Und dann? Im 20. Jahrhundert ging der Pegel um 15 Zentimeter nach oben, 1,5 Millimeter pro Jahr.

Um in Sachen Klima fit zu sein, gab es für die künftigen Botschafter Basisschulungen, während der Coronaphase Videokonferenzen und zuletzt ein Seminar zur klimabewussten Ernährung. Das Wissen will Johannes Hurrelmeyer – gemeinsam mit den Erfahrungen aus dem eigenen Berufsweg als Ingenieur – jetzt transportieren. Einen ersten Workshop in Petershagen hat es bereits gegeben, organisiert von der CDU, deren Mitglied er ist: „Ich habe die Vermieter im Publikum direkt angesprochen: Euer Haus ist für hundert Jahre gebaut, wenn ich die menschliche Existenz auf Erden auf einen Tag herunterrechne, komme ich auf 1,8 Stunden.“ Frage sei nun gewesen, ob diese 1,8 Stunden ein Dauerwohnrecht begründen. Das, so habe einer der Zuhörer gemeint, komme auf den Vertrag an. „Gurt gekontert. Aber der Mieter verheizt die Fußbodenbretter, zahlt keine Miete, nimmt sich alles, zerschlägt das Porzellan, drückt die Fenster ein und verheizt die Türzargen. Und jetzt?“ Diesen Mieter wollte niemand mehr, sagt Johannes Hurrelmeyer und macht deutlich: Die Menschheit habe mit Blick auf die Wirtschaft optimiert, optimiert, optimiert. Irgendwann – da ist Hurrelmeyer wieder bei den Bauklötzen – stürze der Turm ein.

Eigentlich müsse man Pessimist sein, der Punkt ohne Wiederkehr sei überschritten: „Selbst wenn jeder Mensch im Dunkeln und Kalten verharren würde, werden die CO2- Emissionen weiter steigen“, ist Johannes Hurrelmeyer überzeugt. Große CO2–Speicher wie die Ozeane und die kleiner werdenden Waldflächen könnten das Kohlendioxid schon gar nicht mehr halten. Hoffnung mache ihm Biogas, Photovoltaik und Windkraft. Und von der „Fridays-for-Future“-Bewegung ist der Südfelder sehr angetan. „Denen bin ich auf Knien dankbar.“ Und auch die lassen nicht locker.

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