Jägerfamilie Peek päppelt schwer verletztes Rehkitz auf Doris Christoph Petershagen-Raderhorst. Loreen (25) Peek und ihre Schwester Joline (22) bekommen derzeit nur wenig Schlaf: Im Vier-Stunden-Takt müssen sie aufstehen und Fläschchen warm machen. Rehkitz Grete knurrt da schon der Magen. Den Schlafmangel nehmen sie gerne in Kauf, wenn es Grete dafür gut geht. Denn am Anfang war das Rehkitz ein Sorgenkind. Loreen und ihr Vater Rainer Peek haben vor drei Wochen das schwer verwundete Tier gefunden. Eine Anruferin hatte sich sonntags bei dem Jäger aus Raderhorst gemeldet: Sie habe im Getreidefeld jämmerliche Schreie und Gebell gehört. Als das Vater-Tochter-Duo an der Straße An der Klanhorst ankam, entdeckte es das stark blutende Rehkitz im Feld. „Wir haben dann noch fünf Stunden gewartet, ob die Ricke wieder kommt“, berichtet der 59-Jährige. Doch sie kam nicht. Also nahmen die Jäger das etwa zwei Wochen alte Tier mit nach Hause, wuschen die Wunden mit Kamillentee aus und behandelten sie mit Zinksalbe. Sie gaben dem Findelkind Ziegenmilch, die der Rehkitzmilch am ähnlichsten ist. Der Tierarzt schaute auch vorbei, verabreichte Antibiotika. Rainer Peek hat schon häufiger verwundete und zurückgelassene Rehkitze aufgenommen. Meistens hatte sie ein Mähdrescher erwischt. Von allen hatte Grete in seinen Augen die geringste Überlebenschance: „Ich habe damit gerechnet, dass sie am Montag nicht mehr lebt.“ Warum hat er sie nicht gleich erlöst? „Ich bin in erster Linie Tierschützer“, sagt der Jäger. Nach ein paar Tagen ging es dem Kitz besser. Heute läuft Grete – der Name fiel Rainer Peek auf dem Hochsitz ein – munter durch den 5.000 Quadratmeter großen Garten und knabbert die Blumen an. Die Wunden heilen gut, aber auf dem rechten Auge ist sie blind. Rainer Peek vermutet, dass das Tier von einem freilaufenden Hund angefallen wurde. „Wir haben zwar keinen gesehen. Auch ein Fuchs wäre möglich, der bellt aber nicht.“ Immer häufiger sehe er nichtangeleinte Tiere im Wald oder den Feldern, auch andere Jäger berichten ihm davon. Gerade in der Setz- und Brutzeit findet er das problematisch. Die Hunde würden das Rehwild verscheuchen, teilweise vor sich hertreiben, sodass es panisch auf die Straße renne. Jährlich hole er 20 bis 25 angefahrene Tiere von der nahegelegenen L770. In Bierde, wo Peek Mitpächter ist, sah er, wie ein Hund sich in der Kehle eines Rehbocks festgebissen hatte. „Man darf wildernde Hunde schießen, aber das bringt nur Ärger ein“, sagt er. Gemacht habe er das noch nie. Lieber wäre ihm eine Leinenpflicht zur Setz- und Brutzeit wie in Niedersachsen. Dann würde vielleicht auch der Spaziergang-Tourismus aufhören: „Die Leute kommen von Niedersachsen rüber und machen hier dann die Leine ab.“ Das Problem spitzt sich zudem seit Beginn der Corona-Pandemie zu: Es ziehe die Leute in die Natur, weil sie ja sonst nirgendwo hinkönnten. Fortschritte gibt es hingegen in einem anderen Bereich, der ihm bislang Sorgen bereitete: Immer mehr Landwirte melden sich bei ihm, bevor sie mit ihren Maschinen zum Mähen auf die Felder fahren – auch weil sie Sorge tragen müssten, den Mähtod zu verhindern. Peek organisiert dann Trupps, die vorab in Schlangenlinien die Felder abgehen, um Rehkitze zu finden. Die werden zwischen den hohen Halmen von der Ricke zurückgelassen, die sich in einiger Entfernung aufhält. Da Rehkitze noch keine Witterung aufnehmen, flüchten sie nicht, sondern ducken sich lediglich, erklärt Rainer Peek. Finden die Helfer ein Junges, tragen sie es – ummantelt mit Gras – vom Feld. Das soll verhindern, dass sich der menschliche Geruch aufs Rehkitz überträgt. Der würde das Muttertier abschrecken und es würde das Kitz zurücklassen. Seit etwa sieben Jahren ist Peek regelmäßig im Einsatz gegen den Mähtod. Ab Mai bekomme er täglich fünf Anrufe von Landwirten – leider alle zur selben Zeit und meist kurzfristig. Helfer zu finden, ist schwierig, zudem dauert das Abgehen des Feldes Stunden. „Eine Drohne mit einer Wärmebildkamera wäre super. Das würde dann nur zehn Minuten dauern. Vielleicht meldet sich ja ein Sponsor“, meint er. Rehkitz Grete hat sich mittlerweile gut in Raderhorst eingelebt und die Peeks als Rudel akzeptiert. Ein Reh aufzuziehen, ist gar nicht so einfach. „Die ersten beiden Wochen waren schon nervenaufreibend“, meint Loreen Peek. Sie hat sich deshalb Hilfe von der Betreiberin der Internetseite rehkitzhilfe.de geholt. Am Anfang klappte es beispielsweise nicht mit der Verdauung. Wie Loreen Peek herausfand, muss die Mutter diese in den ersten Wochen bei dem Rehkitz anregen. Neu war auch die Sache mit der Maulwurfserde: Aus der holen sich die Tiere Mineralien. Die Familie hat Sorge, mit dem Artikel andere dazu zu animieren, auch ein Kitz aufzuziehen. „Ein Reh gehört in die Natur, da ist es am glücklichsten“, warnt Loreen Peek. Beiden geht es vor allem darum, auf die Probleme mit den freilaufenden Hunden hinzuweisen. Rund ein Jahr lang bleiben Rehkitze bei der Mutter, dann trennen sich ihre Wege. So lange bleibt auch Grete bei den Peeks. Einfacher wird das nicht. Sie muss sich den Auslauf mit den zwei Jagdhunden teilen – der Aufenthalt im Garten ist nur abwechselnd möglich. Wenn es für Grete in den Garten geht, trägt Peek sie am Hundezwinger vorbei, damit es keine Probleme gibt. Ansonsten ist sie im Stall. Wie soll es in einem Jahr mit Grete weitergehen? „Mein Traum ist, dass ich sie vom Hochsitz aus mit einem eigenen Kitz sehe“, meint Loreen Peek. Ihr Vater hat sich auch schon Gedanken gemacht. „Am liebsten würde ich hier das Tor aufmachen und sie entfernt sich immer weiter.“ Aber die L770 ist in der Nähe, das bereitet ihm Bauchschmerzen. Er liebäugelt mit einem Wild-Gehege oder der Auswilderung ins Bruchgebiet. Grete kriegt auf jeden Fall eine Ohrmarke – damit auch Peeks Jäger-Kollegen sie erkennen. Die wissen schon: „Grete hat lebenslange Schonzeit.“

Jägerfamilie Peek päppelt schwer verletztes Rehkitz auf

Alle vier Stunden muss Rehkitz Grete gefüttert werden. Loreen Peek bereitet Ziegenmilch zu – die kommt Rehmilch am nächsten. MT- © Foto: Doris Christoph

Petershagen-Raderhorst. Loreen (25) Peek und ihre Schwester Joline (22) bekommen derzeit nur wenig Schlaf: Im Vier-Stunden-Takt müssen sie aufstehen und Fläschchen warm machen. Rehkitz Grete knurrt da schon der Magen. Den Schlafmangel nehmen sie gerne in Kauf, wenn es Grete dafür gut geht. Denn am Anfang war das Rehkitz ein Sorgenkind.

Loreen und ihr Vater Rainer Peek haben vor drei Wochen das schwer verwundete Tier gefunden. Eine Anruferin hatte sich sonntags bei dem Jäger aus Raderhorst gemeldet: Sie habe im Getreidefeld jämmerliche Schreie und Gebell gehört. Als das Vater-Tochter-Duo an der Straße An der Klanhorst ankam, entdeckte es das stark blutende Rehkitz im Feld. „Wir haben dann noch fünf Stunden gewartet, ob die Ricke wieder kommt“, berichtet der 59-Jährige. Doch sie kam nicht. Also nahmen die Jäger das etwa zwei Wochen alte Tier mit nach Hause, wuschen die Wunden mit Kamillentee aus und behandelten sie mit Zinksalbe. Sie gaben dem Findelkind Ziegenmilch, die der Rehkitzmilch am ähnlichsten ist. Der Tierarzt schaute auch vorbei, verabreichte Antibiotika.

Rainer Peek hat schon häufiger verwundete und zurückgelassene Rehkitze aufgenommen. Meistens hatte sie ein Mähdrescher erwischt. Von allen hatte Grete in seinen Augen die geringste Überlebenschance: „Ich habe damit gerechnet, dass sie am Montag nicht mehr lebt.“ Warum hat er sie nicht gleich erlöst? „Ich bin in erster Linie Tierschützer“, sagt der Jäger.

Nach ein paar Tagen ging es dem Kitz besser. Heute läuft Grete – der Name fiel Rainer Peek auf dem Hochsitz ein – munter durch den 5.000 Quadratmeter großen Garten und knabbert die Blumen an. Die Wunden heilen gut, aber auf dem rechten Auge ist sie blind.

Rainer Peek vermutet, dass das Tier von einem freilaufenden Hund angefallen wurde. „Wir haben zwar keinen gesehen. Auch ein Fuchs wäre möglich, der bellt aber nicht.“ Immer häufiger sehe er nichtangeleinte Tiere im Wald oder den Feldern, auch andere Jäger berichten ihm davon. Gerade in der Setz- und Brutzeit findet er das problematisch. Die Hunde würden das Rehwild verscheuchen, teilweise vor sich hertreiben, sodass es panisch auf die Straße renne. Jährlich hole er 20 bis 25 angefahrene Tiere von der nahegelegenen L770. In Bierde, wo Peek Mitpächter ist, sah er, wie ein Hund sich in der Kehle eines Rehbocks festgebissen hatte. „Man darf wildernde Hunde schießen, aber das bringt nur Ärger ein“, sagt er. Gemacht habe er das noch nie.

Lieber wäre ihm eine Leinenpflicht zur Setz- und Brutzeit wie in Niedersachsen. Dann würde vielleicht auch der Spaziergang-Tourismus aufhören: „Die Leute kommen von Niedersachsen rüber und machen hier dann die Leine ab.“ Das Problem spitzt sich zudem seit Beginn der Corona-Pandemie zu: Es ziehe die Leute in die Natur, weil sie ja sonst nirgendwo hinkönnten.

Fortschritte gibt es hingegen in einem anderen Bereich, der ihm bislang Sorgen bereitete: Immer mehr Landwirte melden sich bei ihm, bevor sie mit ihren Maschinen zum Mähen auf die Felder fahren – auch weil sie Sorge tragen müssten, den Mähtod zu verhindern. Peek organisiert dann Trupps, die vorab in Schlangenlinien die Felder abgehen, um Rehkitze zu finden. Die werden zwischen den hohen Halmen von der Ricke zurückgelassen, die sich in einiger Entfernung aufhält. Da Rehkitze noch keine Witterung aufnehmen, flüchten sie nicht, sondern ducken sich lediglich, erklärt Rainer Peek.

Finden die Helfer ein Junges, tragen sie es – ummantelt mit Gras – vom Feld. Das soll verhindern, dass sich der menschliche Geruch aufs Rehkitz überträgt. Der würde das Muttertier abschrecken und es würde das Kitz zurücklassen.

Seit etwa sieben Jahren ist Peek regelmäßig im Einsatz gegen den Mähtod. Ab Mai bekomme er täglich fünf Anrufe von Landwirten – leider alle zur selben Zeit und meist kurzfristig. Helfer zu finden, ist schwierig, zudem dauert das Abgehen des Feldes Stunden. „Eine Drohne mit einer Wärmebildkamera wäre super. Das würde dann nur zehn Minuten dauern. Vielleicht meldet sich ja ein Sponsor“, meint er.

Rehkitz Grete hat sich mittlerweile gut in Raderhorst eingelebt und die Peeks als Rudel akzeptiert. Ein Reh aufzuziehen, ist gar nicht so einfach. „Die ersten beiden Wochen waren schon nervenaufreibend“, meint Loreen Peek. Sie hat sich deshalb Hilfe von der Betreiberin der Internetseite rehkitzhilfe.de geholt. Am Anfang klappte es beispielsweise nicht mit der Verdauung. Wie Loreen Peek herausfand, muss die Mutter diese in den ersten Wochen bei dem Rehkitz anregen. Neu war auch die Sache mit der Maulwurfserde: Aus der holen sich die Tiere Mineralien. Die Familie hat Sorge, mit dem Artikel andere dazu zu animieren, auch ein Kitz aufzuziehen. „Ein Reh gehört in die Natur, da ist es am glücklichsten“, warnt Loreen Peek. Beiden geht es vor allem darum, auf die Probleme mit den freilaufenden Hunden hinzuweisen.

Rund ein Jahr lang bleiben Rehkitze bei der Mutter, dann trennen sich ihre Wege. So lange bleibt auch Grete bei den Peeks. Einfacher wird das nicht. Sie muss sich den Auslauf mit den zwei Jagdhunden teilen – der Aufenthalt im Garten ist nur abwechselnd möglich. Wenn es für Grete in den Garten geht, trägt Peek sie am Hundezwinger vorbei, damit es keine Probleme gibt. Ansonsten ist sie im Stall.

Wie soll es in einem Jahr mit Grete weitergehen? „Mein Traum ist, dass ich sie vom Hochsitz aus mit einem eigenen Kitz sehe“, meint Loreen Peek. Ihr Vater hat sich auch schon Gedanken gemacht. „Am liebsten würde ich hier das Tor aufmachen und sie entfernt sich immer weiter.“ Aber die L770 ist in der Nähe, das bereitet ihm Bauchschmerzen. Er liebäugelt mit einem Wild-Gehege oder der Auswilderung ins Bruchgebiet. Grete kriegt auf jeden Fall eine Ohrmarke – damit auch Peeks Jäger-Kollegen sie erkennen. Die wissen schon: „Grete hat lebenslange Schonzeit.“

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