Ja zum Bruderkalb: Auf einem Biohof in Maaslingen dürfen nun alle Kälber aufwachsen Claudia Hyna Petershagen-Maaslingen. Nicht nur Klopapier war zu Beginn der Corona-Pandemie vor gut einem Jahr ein knappes Gut. „Auch Dinkelmehl war einfach nicht aufzutreiben“, sagt Inga Frederking vom Bioland-Wüntkenhof in Maaslingen. Und da viele Kunden das gleiche Problem hatten, war das der Anstoß, den lange geplanten Ausbau des Hofladens in die Wege zu leiten. Gab es im Hofladen – der sogenannten „Vorratskammer“ – zuvor Biofleisch (Rind-, Schweine- und Lammfleisch) und Eier, finden die Verbraucher dort jetzt ein Vollsortiment mit Gemüse, Kartoffeln, aber auch Saft, Nudeln, Essig und Öl, Schokolade, Kaffee, Mehl und Getreideflocken sowie Produkte zur Reinigung und Körperpflege. Das Angebot an Gemüse ist auf Kundenwunsch erweitert worden. Inga Frederking: „Viele möchten nicht nur Steckrübe und Rotkohl essen. 2020 kam Kürbis dazu, in diesem Jahr weitere Sorten.“ Das Interesse an den regionalen Produkten ist ungebrochen. Ein Teil des Sortiments ist 24 Stunden in der Verkaufshütte auf dem Grundstück erhältlich. Bisher haben sie damit keine unangenehmen Erfahrungen gemacht. Das liege sicher unter anderem an der abgeschiedenen Lage des Hofes. „Die meisten Kunden kennen wir.“ Über Jahrzehnte habe sich ein stabiler Stamm entwickelt. 2007 haben Till Zimmer (42) und Inga Frederking (37) den Hof in Maaslingen-Brüninghorstedt gekauft. Mittlerweile leben sie dort mit ihren drei Kindern (zwei, fünf und sieben Jahre alt). Die gebürtigen Mindener sind Biobauer aus Überzeugung – und mit Leidenschaft. Sie arbeiten ganzheitlich nach dem Prinzip des biologisch-dynamischen Anbaus. Zentral sei dabei ein geschlossener Betriebs-Kreislauf, sagt Agrarbetriebswirt Till Zimmer. Auch hier muss gedüngt werden: Der Wüntkenhof tauscht organische Düngemittel gegen Futter mit Gemüsebau-Kooperationsbetrieben. Im Mittelpunkt des Schaffens steht die Milchkuh. Sie frisst Gras und Klee und veredelt dies in Form von Milch, Fleisch und auch Wirtschaftsdünger für den Boden. Außerdem wird Brotgetreide erzeugt sowie Raps für die Ölmühle. Momentan gibt es auf dem Biolandhof rund 40 Kühe, dazu kommen 60 in der Nachzucht. Der Star der Kinder ist momentan Fidi, der vor zehn Tagen zur Welt kam. Von Mitte November bis Mitte März werden die meisten Kälber geboren. Im vergangenen Jahr entstand der Wunsch, auch die Bruderkälber aufzuziehen. Seit 2021 werden in Maaslingen alle Kälber aufgezogen. Damit sollen neue Wege der Aufzucht und Direktvermarktung gegangen werden. Da die Tiere keine Milch geben, hat der männliche Nachwuchs für Milchviehbetriebe keinen Nutzen. Etwa die Hälfte der geborenen Kälber ist aber männlich. Mit der Bruderkalb-Initiative sollen diese mindestens sechs Monate auf dem Biohof bleiben und wie ihre Schwestern artgerecht aufwachsen, das heißt am Euter trinken, Gras und Heu fressen. Die kuhgebundene Aufzucht der Kälber ist den Biolandwirten wichtig. „Unsere Kühe kriegen Elternzeit“, sagt Inga Frederking. Danach werden sie entweder geschachtet oder weiter gemästet. Weibliche Rinder ziehen sie auf, um den Bestand zu ergänzen und zu verjüngen. Till Zimmer begleitet nach Möglichkeit jedes Tier zum Schlachter in Diepenau. „Die ideale Situation wäre es, wenn alle Tiere, die den Hof verlassen, über unseren Teller gehen“, sagt seine Frau – also direkt vermarktet werden. Alle drei Tage wird die Milch von der Molkerei Söbbeke aus Gronau abgeholt. Neben den Kühen bevölkern Schafe und Hühner die Wiesen am Wüntkenhof. Momentan muss das Federvieh wegen der Geflügelpest im Stall bleiben. Auch die Bruderhähne werden in Maaslingen vermarktet. Insgesamt sei der Maschineneinsatz auf dem Biohof gering, ebenso wie die CO2-Bilanz der Kühe. „Hinsichtlich der Klimakrise brauchen wir ein generelles Umdenken“, meint Till Zimmer. Die Landwirtschaft könne dazu einen Beitrag leisten – der Impuls müsse aber von der Bevölkerung ausgehen. Nur wenn die Verbraucher ihr Kaufverhalten überdenken, sei Veränderung möglich. Landwirtschaft ist auf dem Wüntkenhof mehr als ein Beruf und Broterwerb: Sie ist ein Lebensentwurf. Till Zimmer und Inga Frederking fangen unter anderem klein an: Schon die Kinder haben einen eigenen Hühnerstall, um den sie sich kümmern. So lernen Enno, Thees und Alma früh Verantwortung zu übernehmen. Ihr Vater engagiert sich nicht nur ehrenamtlich in Verbänden, sondern auch in der Umweltbildung. In Zusammenarbeit mit der Biostation etwa wurden auf dem Grundstück Blühstreifen und Streuobstwiesen angelegt. Junge Menschen sind die Zukunft, ist der Agrarbetriebswirt überzeugt. Und darum leistet er gerne Aufklärung. „Es müssen ja nicht alle Biolandwirte werden – können aber gerne“, sagt Till Zimmer und lacht. Für den Anfang reicht es, wenn sie in ihrem Haushalt auf regional erzeugte Lebensmittel Wert legen. Dank Hofladen und Verkaufshütte macht Familie Zimmer/Frederking es den Verbrauchern jetzt noch leichter.

Ja zum Bruderkalb: Auf einem Biohof in Maaslingen dürfen nun alle Kälber aufwachsen

Bioland Wüntken Foto: Lehn © Lehn

Petershagen-Maaslingen. Nicht nur Klopapier war zu Beginn der Corona-Pandemie vor gut einem Jahr ein knappes Gut. „Auch Dinkelmehl war einfach nicht aufzutreiben“, sagt Inga Frederking vom Bioland-Wüntkenhof in Maaslingen. Und da viele Kunden das gleiche Problem hatten, war das der Anstoß, den lange geplanten Ausbau des Hofladens in die Wege zu leiten.

Gab es im Hofladen – der sogenannten „Vorratskammer“ – zuvor Biofleisch (Rind-, Schweine- und Lammfleisch) und Eier, finden die Verbraucher dort jetzt ein Vollsortiment mit Gemüse, Kartoffeln, aber auch Saft, Nudeln, Essig und Öl, Schokolade, Kaffee, Mehl und Getreideflocken sowie Produkte zur Reinigung und Körperpflege. Das Angebot an Gemüse ist auf Kundenwunsch erweitert worden. Inga Frederking: „Viele möchten nicht nur Steckrübe und Rotkohl essen. 2020 kam Kürbis dazu, in diesem Jahr weitere Sorten.“ Das Interesse an den regionalen Produkten ist ungebrochen.

Biohof Maaslingen Foto: Lehn - © Lehn
Biohof Maaslingen Foto: Lehn - © Lehn

Ein Teil des Sortiments ist 24 Stunden in der Verkaufshütte auf dem Grundstück erhältlich. Bisher haben sie damit keine unangenehmen Erfahrungen gemacht. Das liege sicher unter anderem an der abgeschiedenen Lage des Hofes. „Die meisten Kunden kennen wir.“ Über Jahrzehnte habe sich ein stabiler Stamm entwickelt.

2007 haben Till Zimmer (42) und Inga Frederking (37) den Hof in Maaslingen-Brüninghorstedt gekauft. Mittlerweile leben sie dort mit ihren drei Kindern (zwei, fünf und sieben Jahre alt). Die gebürtigen Mindener sind Biobauer aus Überzeugung – und mit Leidenschaft. Sie arbeiten ganzheitlich nach dem Prinzip des biologisch-dynamischen Anbaus. Zentral sei dabei ein geschlossener Betriebs-Kreislauf, sagt Agrarbetriebswirt Till Zimmer. Auch hier muss gedüngt werden: Der Wüntkenhof tauscht organische Düngemittel gegen Futter mit Gemüsebau-Kooperationsbetrieben. Im Mittelpunkt des Schaffens steht die Milchkuh. Sie frisst Gras und Klee und veredelt dies in Form von Milch, Fleisch und auch Wirtschaftsdünger für den Boden. Außerdem wird Brotgetreide erzeugt sowie Raps für die Ölmühle.

Momentan gibt es auf dem Biolandhof rund 40 Kühe, dazu kommen 60 in der Nachzucht. Der Star der Kinder ist momentan Fidi, der vor zehn Tagen zur Welt kam. Von Mitte November bis Mitte März werden die meisten Kälber geboren. Im vergangenen Jahr entstand der Wunsch, auch die Bruderkälber aufzuziehen. Seit 2021 werden in Maaslingen alle Kälber aufgezogen. Damit sollen neue Wege der Aufzucht und Direktvermarktung gegangen werden.

Da die Tiere keine Milch geben, hat der männliche Nachwuchs für Milchviehbetriebe keinen Nutzen. Etwa die Hälfte der geborenen Kälber ist aber männlich. Mit der Bruderkalb-Initiative sollen diese mindestens sechs Monate auf dem Biohof bleiben und wie ihre Schwestern artgerecht aufwachsen, das heißt am Euter trinken, Gras und Heu fressen. Die kuhgebundene Aufzucht der Kälber ist den Biolandwirten wichtig. „Unsere Kühe kriegen Elternzeit“, sagt Inga Frederking. Danach werden sie entweder geschachtet oder weiter gemästet.

Weibliche Rinder ziehen sie auf, um den Bestand zu ergänzen und zu verjüngen. Till Zimmer begleitet nach Möglichkeit jedes Tier zum Schlachter in Diepenau. „Die ideale Situation wäre es, wenn alle Tiere, die den Hof verlassen, über unseren Teller gehen“, sagt seine Frau – also direkt vermarktet werden. Alle drei Tage wird die Milch von der Molkerei Söbbeke aus Gronau abgeholt.

Neben den Kühen bevölkern Schafe und Hühner die Wiesen am Wüntkenhof. Momentan muss das Federvieh wegen der Geflügelpest im Stall bleiben. Auch die Bruderhähne werden in Maaslingen vermarktet. Insgesamt sei der Maschineneinsatz auf dem Biohof gering, ebenso wie die CO2-Bilanz der Kühe. „Hinsichtlich der Klimakrise brauchen wir ein generelles Umdenken“, meint Till Zimmer. Die Landwirtschaft könne dazu einen Beitrag leisten – der Impuls müsse aber von der Bevölkerung ausgehen. Nur wenn die Verbraucher ihr Kaufverhalten überdenken, sei Veränderung möglich.

Landwirtschaft ist auf dem Wüntkenhof mehr als ein Beruf und Broterwerb: Sie ist ein Lebensentwurf. Till Zimmer und Inga Frederking fangen unter anderem klein an: Schon die Kinder haben einen eigenen Hühnerstall, um den sie sich kümmern. So lernen Enno, Thees und Alma früh Verantwortung zu übernehmen. Ihr Vater engagiert sich nicht nur ehrenamtlich in Verbänden, sondern auch in der Umweltbildung. In Zusammenarbeit mit der Biostation etwa wurden auf dem Grundstück Blühstreifen und Streuobstwiesen angelegt. Junge Menschen sind die Zukunft, ist der Agrarbetriebswirt überzeugt. Und darum leistet er gerne Aufklärung.

„Es müssen ja nicht alle Biolandwirte werden – können aber gerne“, sagt Till Zimmer und lacht. Für den Anfang reicht es, wenn sie in ihrem Haushalt auf regional erzeugte Lebensmittel Wert legen. Dank Hofladen und Verkaufshütte macht Familie Zimmer/Frederking es den Verbrauchern jetzt noch leichter.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen