Grundwassermessstellen: Landwirte denken weiter über Klage nach Oliver Plöger Petershagen. Während das Landesamt bei der Funktion der Grundwassermessstellen keine Probleme sieht, fürchten Landwirte teilweise um ihre Existenz. Das hat ein neues Treffen der Interessengemeinschaft (IG) Gerechte Messstellen deutlich gemacht. Aus dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) kam unterdessen der Hinweis, dass mit den Messungen lediglich politische Vorgaben umgesetzt werden. Lanuv-Pressesprecher Wilhelm Deitermann zweifelte gegenüber dem MT deshalb an, ob sich die Landwirte mit der Kritik an den Behörden einen Dienst erweisen. Zum Hintergrund: Das Lanuv prüft an den Messstellen auch den Nitratgehalt im Grundwasser. Die IG misstraut diesen Messungen und verweist auf ein aktuelles Gutachten, nach dem viele Messstellen unsauber arbeiteten (das MT berichtete). Das sei fatal, da genau die erhobenen Werte für die Kartierung von so genannten roten Gebieten sorgten, auf denen nach der neuen EU-Düngeverordnung mit weniger Stickstoff gedüngt werden dürfe: Petershagen und Bereiche von Hille und Minden seien davon betroffen. „Die Stickstoffdüngung gegenüber dem Vorjahr musste um 20 Prozent verringert werden. Der Ertrag geht zwangsläufig zurück“, erklärte Heiner Müller als Vorsitzender der IG. Beim Treffen an einer der kritisierten Messstellen in Ovenstädt machte stellvertretender Kreislandwirt Rainer Meyer deutlich: „Die Verwaltung, die sich mit Wasserrecht beschäftigt, lässt uns auflaufen. Wir wären ja zufrieden, wenn man auf unsere Einwürfe reagieren würde. Niemand ist perfekt, das wissen wir auch.“ Es sei aber traurig, dass sich Bürger zusammenfinden müssten, um mit eigenem Geld ein Gutachten zu bezahlen. „Das wäre Pflicht und Aufgabe der Behörden.“ Es laufe schlecht, so könne man mit den Bauern nicht umgehen. Im Blick hatte Landwirt Meyer insbesondere die Bezirksregierung in Detmold, die die Landesvorgaben vor Ort umsetzt. Detmold hatte auch das MT bei Fragen zu den Messstellen ans Lanuv als übergeordnete Behörde verwiesen. Das von der IG finanzierte Gutachten von Dr. Stephan Hannapel hatte ergeben, dass die Messstellendichte der drei unterirdischen Wasserkörper im hiesigen Bereich zwar den rechtlichen Vorgaben entsprechen, das Netz selbst aber saniert werden müsste. Keine der sechs untersuchten Messstellen habe zu hundert Prozent den Anforderungen genügt. Teilweise fehle die Sperrschicht aus Ton, teilweise gebe es Fremdeinflüsse. Die IG sieht wirtschaftlichen Schaden, den auch auch Hartmut Wilharm vom Raiffeisen-Landbund befürchtet. Bei geringeren Ernten frage er sich, warum der Landbund erst vor kurzem in bessere Transportmöglichkeiten für größere Mengen investiert habe. „Wir haben den Hafenplatz in Lahde ausgebaut, damit bei uns jetzt auch Europaschiffe verladen werden können. Und für die Umwelt ist es sicherlich von Vorteil, wenn Ware, die von unseren örtlichen Landwirten erzeugt wird, auf kurzen Wegen zum Hafenplatz kommen.“ Deshalb habe die EU ja auch die Erweiterung am Raiffeisen-Standort in Lahde gefördert. Die Sicht der Landwirtschaft machte auch Lohnunternehmer Henning Kruse aus Friedewalde deutlich: Es müsse einen vergleichbaren Standard für Deutschland und die Nachbarländer geben. „Wenn der Nitratwert dann zu hoch ist, muss der örtliche Landwirt handeln. Aber im Moment sind die roten Gebiete willkürlich ausgewählt.“ Agrarpolitiker Gero Hocker (FDP), der mit dem Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler (FDP) ebenfalls an dem Treffen teilnahm, stimmte zu: „Ich finde es widersprüchlich, wenn mir und uns aus der Wissenschaft gesagt wird, dass es normalerweise mehrere Jahrzehnte dauert, bis man überhaupt merkt, welche Veränderungen sich an den Grundwasserkörpern ergeben, wenn man oben etwas verändert. Die letzte Düngeverordnung gab es 2017, die Ergebnisse kann man bis zum heutigen Tag noch gar nicht erkennen, und schon beschließt man im vorigen Jahr eine neue Düngeschutzverordnung.“ Heiner Müller brachte rechtliche Schritte ins Spiel: „Eine Normenkontrollklage würde im gesamten Bundesgebiet greifen. Oder wir versuchen ein gewisses Maß an Konsens mit dem Lanuv, so dass diese Messstellen umgehend entnommen werden und die roten Gebiete in diesem Bereich verschwinden. Und zwar so lange, bis hier neue und gerechte Messstellen entstanden sind.“ Wie die Messstellen zu bewerten sind, ist aktuell auch Thema des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), wie Kreisvorsitzender Lothar Meckling gestern bestätigte. Eine Stellungnahme werde vorbereitet. Der Nabu-Dachverband hatte die bestehende Düngeverordnung, über die sich die hiesigen Landwirte beschweren, zuvor als nicht ausreichend bezeichnet. Sie könne die Nitratbelastung und die dadurch verursachten Umweltprobleme nicht dauerhaft reduzieren. In vielen Regionen werde der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Grundwasser um ein Vielfaches überschritten. Zur Sicherstellung der Trinkwasserqualität müssten Wasserwerke teure Gegenmaßnahmen ergreifen – auf Kosten der Verbraucher. Ähnlich hatte sich der BUND geäußert: Da der größte Teil der Nährstoffe aus der intensiven Landwirtschaft komme, stelle die Düngeverordnung das wichtigste Instrument zum Schutz der Gewässer dar. Dass es „schwarze Schafe“ gebe, räumte Müller ein – darunter dürften aber nicht alle Landwirte leiden. Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann betonte gegenüber dem MT weiter die Gesprächsbereitschaft der Behörde: „Wir laden diejenigen gerne zum Dialog ein, die an den Messstellen zweifeln.“ Sollten Mängel auftreten, würden sie auch behoben. Das Netz werde laufend saniert. Eine mögliche Klage der IG wollte der Pressesprecher nicht kommentieren.

Grundwassermessstellen: Landwirte denken weiter über Klage nach

Per Kamerafahrt überprüft das Lanuv die Funktion der Messpunkte. Die IG bleibt skeptisch. © Plöger

Petershagen. Während das Landesamt bei der Funktion der Grundwassermessstellen keine Probleme sieht, fürchten Landwirte teilweise um ihre Existenz. Das hat ein neues Treffen der Interessengemeinschaft (IG) Gerechte Messstellen deutlich gemacht. Aus dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) kam unterdessen der Hinweis, dass mit den Messungen lediglich politische Vorgaben umgesetzt werden. Lanuv-Pressesprecher Wilhelm Deitermann zweifelte gegenüber dem MT deshalb an, ob sich die Landwirte mit der Kritik an den Behörden einen Dienst erweisen.

Zum Hintergrund: Das Lanuv prüft an den Messstellen auch den Nitratgehalt im Grundwasser. Die IG misstraut diesen Messungen und verweist auf ein aktuelles Gutachten, nach dem viele Messstellen unsauber arbeiteten (das MT berichtete). Das sei fatal, da genau die erhobenen Werte für die Kartierung von so genannten roten Gebieten sorgten, auf denen nach der neuen EU-Düngeverordnung mit weniger Stickstoff gedüngt werden dürfe: Petershagen und Bereiche von Hille und Minden seien davon betroffen. „Die Stickstoffdüngung gegenüber dem Vorjahr musste um 20 Prozent verringert werden. Der Ertrag geht zwangsläufig zurück“, erklärte Heiner Müller als Vorsitzender der IG.

Per Sonde werden die Messstellen durch das Lanuv regelmäßig überprüft, hier in Maaslingen. - © Oliver Plöger
Per Sonde werden die Messstellen durch das Lanuv regelmäßig überprüft, hier in Maaslingen. - © Oliver Plöger

Beim Treffen an einer der kritisierten Messstellen in Ovenstädt machte stellvertretender Kreislandwirt Rainer Meyer deutlich: „Die Verwaltung, die sich mit Wasserrecht beschäftigt, lässt uns auflaufen. Wir wären ja zufrieden, wenn man auf unsere Einwürfe reagieren würde. Niemand ist perfekt, das wissen wir auch.“ Es sei aber traurig, dass sich Bürger zusammenfinden müssten, um mit eigenem Geld ein Gutachten zu bezahlen. „Das wäre Pflicht und Aufgabe der Behörden.“ Es laufe schlecht, so könne man mit den Bauern nicht umgehen. Im Blick hatte Landwirt Meyer insbesondere die Bezirksregierung in Detmold, die die Landesvorgaben vor Ort umsetzt. Detmold hatte auch das MT bei Fragen zu den Messstellen ans Lanuv als übergeordnete Behörde verwiesen.

Will, dass die Landwirte gehört werden: Rainer Meyer, stellvertretender Kreislandwirt im Kreis Minden-Lübbecke. MT-Fotos: Oliver Plöger - © Oliver Plöger
Will, dass die Landwirte gehört werden: Rainer Meyer, stellvertretender Kreislandwirt im Kreis Minden-Lübbecke. MT-Fotos: Oliver Plöger - © Oliver Plöger

Das von der IG finanzierte Gutachten von Dr. Stephan Hannapel hatte ergeben, dass die Messstellendichte der drei unterirdischen Wasserkörper im hiesigen Bereich zwar den rechtlichen Vorgaben entsprechen, das Netz selbst aber saniert werden müsste. Keine der sechs untersuchten Messstellen habe zu hundert Prozent den Anforderungen genügt. Teilweise fehle die Sperrschicht aus Ton, teilweise gebe es Fremdeinflüsse.

Die IG sieht wirtschaftlichen Schaden, den auch auch Hartmut Wilharm vom Raiffeisen-Landbund befürchtet. Bei geringeren Ernten frage er sich, warum der Landbund erst vor kurzem in bessere Transportmöglichkeiten für größere Mengen investiert habe. „Wir haben den Hafenplatz in Lahde ausgebaut, damit bei uns jetzt auch Europaschiffe verladen werden können. Und für die Umwelt ist es sicherlich von Vorteil, wenn Ware, die von unseren örtlichen Landwirten erzeugt wird, auf kurzen Wegen zum Hafenplatz kommen.“ Deshalb habe die EU ja auch die Erweiterung am Raiffeisen-Standort in Lahde gefördert.

Die Sicht der Landwirtschaft machte auch Lohnunternehmer Henning Kruse aus Friedewalde deutlich: Es müsse einen vergleichbaren Standard für Deutschland und die Nachbarländer geben. „Wenn der Nitratwert dann zu hoch ist, muss der örtliche Landwirt handeln. Aber im Moment sind die roten Gebiete willkürlich ausgewählt.“

Agrarpolitiker Gero Hocker (FDP), der mit dem Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler (FDP) ebenfalls an dem Treffen teilnahm, stimmte zu: „Ich finde es widersprüchlich, wenn mir und uns aus der Wissenschaft gesagt wird, dass es normalerweise mehrere Jahrzehnte dauert, bis man überhaupt merkt, welche Veränderungen sich an den Grundwasserkörpern ergeben, wenn man oben etwas verändert. Die letzte Düngeverordnung gab es 2017, die Ergebnisse kann man bis zum heutigen Tag noch gar nicht erkennen, und schon beschließt man im vorigen Jahr eine neue Düngeschutzverordnung.“

Heiner Müller brachte rechtliche Schritte ins Spiel: „Eine Normenkontrollklage würde im gesamten Bundesgebiet greifen. Oder wir versuchen ein gewisses Maß an Konsens mit dem Lanuv, so dass diese Messstellen umgehend entnommen werden und die roten Gebiete in diesem Bereich verschwinden. Und zwar so lange, bis hier neue und gerechte Messstellen entstanden sind.“

Wie die Messstellen zu bewerten sind, ist aktuell auch Thema des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), wie Kreisvorsitzender Lothar Meckling gestern bestätigte. Eine Stellungnahme werde vorbereitet. Der Nabu-Dachverband hatte die bestehende Düngeverordnung, über die sich die hiesigen Landwirte beschweren, zuvor als nicht ausreichend bezeichnet. Sie könne die Nitratbelastung und die dadurch verursachten Umweltprobleme nicht dauerhaft reduzieren. In vielen Regionen werde der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Grundwasser um ein Vielfaches überschritten. Zur Sicherstellung der Trinkwasserqualität müssten Wasserwerke teure Gegenmaßnahmen ergreifen – auf Kosten der Verbraucher. Ähnlich hatte sich der BUND geäußert: Da der größte Teil der Nährstoffe aus der intensiven Landwirtschaft komme, stelle die Düngeverordnung das wichtigste Instrument zum Schutz der Gewässer dar. Dass es „schwarze Schafe“ gebe, räumte Müller ein – darunter dürften aber nicht alle Landwirte leiden.

Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann betonte gegenüber dem MT weiter die Gesprächsbereitschaft der Behörde: „Wir laden diejenigen gerne zum Dialog ein, die an den Messstellen zweifeln.“ Sollten Mängel auftreten, würden sie auch behoben. Das Netz werde laufend saniert. Eine mögliche Klage der IG wollte der Pressesprecher nicht kommentieren.

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