Granatenfunde wecken Erinnerungen an den Krieg Claudia Hyna Petershagen-Windheim. Dass kürzlich zwei Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg in Windheim gesprengt wurden, verläuft fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Als Luise Schuller in der Zeitung davon liest, sind mit einem Schlag alle Erinnerungen wieder da. Die 92-Jährige war 15 Jahre alt, als das englische Militär ihr Heimatdorf bombardierte. Im Frühjahr 1945 hatten alliierte Truppen von Ovenstädt aus über die Weser in die Ortschaft gefeuert, um einen möglichen Widerstand gegen die Befreiung zu verhindern. Es war der 9. April 1945, als die Soldaten vor dem Schlagbaum auf der heutigen B 482 standen, denkt die Windheimerin zurück. Der Beschuss verlief von der Ovenstädter Seite über die Weser nach Windheim. Im Garten ihres heutigen Wohnhauses am Jösser Weg zeigt sie, wohin die Granaten flogen. Ihr Elternhaus steht nur wenige Meter von dort entfernt in der Wulwerstraße.Die Tageszeit weiß sie nicht mehr genau, es war wohl im Laufe des Vormittags, als es hieß, alle Einwohner sollten in den Keller gehen. Dort hätten sich ihre Verwandten schon versammelt, erinnert sie sich. Wie lange sie dort blieben und welche Ängste sie ausstanden, darüber redet Luise Schuller nicht. Als sie aus dem Keller heraus krabbelte, so beschreibt sie, seien keine Fenster mehr in ihrem Haus gewesen. Der Vater hatte sie zuvor zugenagelt, nun waren sie beschossen worden. Im Obergeschoss habe es im sogenannten Kornzimmer einen Durchschuss gegeben. Ihr Vater habe den Stall und weitere Häuser später neu aufbauen lassen. Einige Einwohner seien während der Kriegshandlungen in Richtung Gemeindehaus geflüchtet. Das sei ihr Verderben gewesen. Ein kleiner Junge starb, eine Frau wurde so schwer verletzt, dass sie gelähmt war. „Sie sind genau in die falsche Richtung gelaufen.“ Ein weiteres Haus sei in Brand geraten, ein Stall zusammengebrochen. Die toten Kühe hätten bei ihrem Elternhaus an der Mauer gelegen. Dieses Bild habe sie noch vor Augen. Auf einem Grundstück habe es allein 35 Einschüsse gegeben. Einige Mädchen, auch Luise Schuller, hätten die Granatensplitter später aufgesammelt und in eine Abfallgrube (die sogenannte Gosekuhle) geworfen.Ihr Cousin Wilhelm Huxoll weiß noch, dass er in einem Keller mit elf Menschen unterkam. Dort habe er eine Nacht verbracht Der damals Zehnjährige berichtet, dass seine Mutter zwischendurch die Kühe gemolken habe. „Sie hat den durchgefrorenen Leuten Milch zum Aufwärmen gebracht.“ Gegen Mittag hätten sie den Keller verlassen können. Seine Tante habe ein weißes Laken als Zeichen der Kapitulation an den Giebel ihres Hauses gehängt.Für seine Cousine Luise Schuller war der Beschuss nicht neu – und nicht das bedrückendste Erlebnis. Sie kannte den „Segen von oben“ schon länger, wie sie bitter sagt. Die Windheimerin, Jahrgang 1929, besuchte in Minden die Höhere Töchterschule (heute Herder-Gymnasium). Zwischenzeitlich sei die Schule geschlossen worden und diente als Lazarett. Ab 1944/45 ging sie dann zur Jungenaufbauschule, damals war sie das zweite Mädchen in der Klasse. Ihr Schulbesuch endete 1947/48. Luise Schuller war bei allen drei Bombenangriffen auf Minden in der Stadt zugegen. Am schlimmsten sei es beim Überfall auf den Güterbahnhof am 28. März 1945 gewesen. „Ich lag unter einem Zug.“ Mehr will sie dazu nicht sagen. Bei einem weiteren Angriff seien drei ihrer Mitschüler gestorben. Noch immer liegen einige Sprengkörper in den Äckern der Ortschaft Windheim. Bei der letzten Granatenentschärfung Ende Oktober hatte es aus der Bezirksregierung geheißen, diese zu bergen, sei eine Aufgabe für Jahrzehnte. Geplant sei nunmehr eine zusammenhängende Großflächenuntersuchung (der restlichen Verdachtsflächen), teilt Markus Rubin aus der Stabsstelle für Hochwasserschutz mit. Das könne aber erst passieren, sobald die Eigentümer die Erlaubnis zum Betreten ihrer Grundstücke gegeben haben. Ob es in diesem Jahr noch klappt, sei unklar.

Granatenfunde wecken Erinnerungen an den Krieg

Luise Schuller steht im Garten ihres Wohnhauses. Die Fläche im Hintergrund wurde damals beschossen. MT-Foto: Claudia Hyna © hy

Petershagen-Windheim. Dass kürzlich zwei Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg in Windheim gesprengt wurden, verläuft fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Als Luise Schuller in der Zeitung davon liest, sind mit einem Schlag alle Erinnerungen wieder da. Die 92-Jährige war 15 Jahre alt, als das englische Militär ihr Heimatdorf bombardierte.

Im Frühjahr 1945 hatten alliierte Truppen von Ovenstädt aus über die Weser in die Ortschaft gefeuert, um einen möglichen Widerstand gegen die Befreiung zu verhindern. Es war der 9. April 1945, als die Soldaten vor dem Schlagbaum auf der heutigen B 482 standen, denkt die Windheimerin zurück. Der Beschuss verlief von der Ovenstädter Seite über die Weser nach Windheim. Im Garten ihres heutigen Wohnhauses am Jösser Weg zeigt sie, wohin die Granaten flogen. Ihr Elternhaus steht nur wenige Meter von dort entfernt in der Wulwerstraße.

Die Tageszeit weiß sie nicht mehr genau, es war wohl im Laufe des Vormittags, als es hieß, alle Einwohner sollten in den Keller gehen. Dort hätten sich ihre Verwandten schon versammelt, erinnert sie sich. Wie lange sie dort blieben und welche Ängste sie ausstanden, darüber redet Luise Schuller nicht. Als sie aus dem Keller heraus krabbelte, so beschreibt sie, seien keine Fenster mehr in ihrem Haus gewesen. Der Vater hatte sie zuvor zugenagelt, nun waren sie beschossen worden. Im Obergeschoss habe es im sogenannten Kornzimmer einen Durchschuss gegeben. Ihr Vater habe den Stall und weitere Häuser später neu aufbauen lassen.

Einige Einwohner seien während der Kriegshandlungen in Richtung Gemeindehaus geflüchtet. Das sei ihr Verderben gewesen. Ein kleiner Junge starb, eine Frau wurde so schwer verletzt, dass sie gelähmt war. „Sie sind genau in die falsche Richtung gelaufen.“ Ein weiteres Haus sei in Brand geraten, ein Stall zusammengebrochen. Die toten Kühe hätten bei ihrem Elternhaus an der Mauer gelegen. Dieses Bild habe sie noch vor Augen. Auf einem Grundstück habe es allein 35 Einschüsse gegeben. Einige Mädchen, auch Luise Schuller, hätten die Granatensplitter später aufgesammelt und in eine Abfallgrube (die sogenannte Gosekuhle) geworfen.

Ihr Cousin Wilhelm Huxoll weiß noch, dass er in einem Keller mit elf Menschen unterkam. Dort habe er eine Nacht verbracht Der damals Zehnjährige berichtet, dass seine Mutter zwischendurch die Kühe gemolken habe. „Sie hat den durchgefrorenen Leuten Milch zum Aufwärmen gebracht.“ Gegen Mittag hätten sie den Keller verlassen können. Seine Tante habe ein weißes Laken als Zeichen der Kapitulation an den Giebel ihres Hauses gehängt.

Für seine Cousine Luise Schuller war der Beschuss nicht neu – und nicht das bedrückendste Erlebnis. Sie kannte den „Segen von oben“ schon länger, wie sie bitter sagt. Die Windheimerin, Jahrgang 1929, besuchte in Minden die Höhere Töchterschule (heute Herder-Gymnasium). Zwischenzeitlich sei die Schule geschlossen worden und diente als Lazarett. Ab 1944/45 ging sie dann zur Jungenaufbauschule, damals war sie das zweite Mädchen in der Klasse. Ihr Schulbesuch endete 1947/48. Luise Schuller war bei allen drei Bombenangriffen auf Minden in der Stadt zugegen. Am schlimmsten sei es beim Überfall auf den Güterbahnhof am 28. März 1945 gewesen. „Ich lag unter einem Zug.“ Mehr will sie dazu nicht sagen. Bei einem weiteren Angriff seien drei ihrer Mitschüler gestorben.

Noch immer liegen einige Sprengkörper in den Äckern der Ortschaft Windheim. Bei der letzten Granatenentschärfung Ende Oktober hatte es aus der Bezirksregierung geheißen, diese zu bergen, sei eine Aufgabe für Jahrzehnte. Geplant sei nunmehr eine zusammenhängende Großflächenuntersuchung (der restlichen Verdachtsflächen), teilt Markus Rubin aus der Stabsstelle für Hochwasserschutz mit. Das könne aber erst passieren, sobald die Eigentümer die Erlaubnis zum Betreten ihrer Grundstücke gegeben haben. Ob es in diesem Jahr noch klappt, sei unklar.

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