Glücksmoment: Diese Therapie schenkt querschnittsgelähmter Carolin Meinsen ein bisschen Normalität Jürgen Langenkämper Petershagen-Friedewalde. Mit einem leichten Lächeln reitet die junge Frau auf ihrem schwarz-weißgescheckten Pferd über den Hof des alten Bauernhauses in Friedewalde. Einmal in der Woche reiten zu können, bereitet Carolin Meinsen ein Hochgefühl, das sie seit einem schweren Unfall besonders zu schätzen weiß. Denn sie ist vom ersten Lendenwirbel an abwärts querschnittsgelähmt. Dass sie überhaupt wieder auf einem Pferd sitzen kann, macht die Hippo-Therapie von Rita Reimann und ihren Kolleginnen möglich. „Es ist ganz anders als vorher“, sagt die frühere Reiterin, „fast schöner, weil das Zusammenspiel von Tier und Mensch ganz emotional ist“. Hauptproblem sind das Auf- und Absteigen, bei dem Rita Reimann und ihre Mitarbeiterin Marilena Traue helfen und mit anpacken müssen. Angst, auf einem Pferd zu sitzen, hat Carolin Meinsen jedenfalls nicht. „Angst haben eher Leute, die noch nie auf einem Pferd gesessen haben.“ Auch Kinder mit Behinderungen, die in Gruppen der Lebenshilfe auf den Hof zwischen Friedewalde und Stemmer kommen, fassen meist schnell Vertrauen zu den Tieren. „Wenn ich die Kinder hier sehe, erhellt mich das ganz stark“, sagt Carolin Meinsen, „ganz toll“. Doch während der Lockdown-Phasen aufgrund von Corona konnten die Physiotherapeutinnen ihre Hippo-Therapie nicht für Gruppen anbieten, sondern nur Einzelstunden. „Auf Verordnung durften wir behandeln“, sagt Rita Reimann. Bei der Hippo-Therapie als ruhigere Form des Therapeutischen Reitens, „das sportlicher ist“, wie Rita Reimann sagt, kommt es darauf an, dass sich dreidimensionale Schwingungen vom Körper des Tieres auf das Becken des Menschen übertragen. „Die Bewegung speichert sich im Körpers des Patienten“, sagt Marilena Traue. Das Gangbild bessere sich zumindest für ein paar Tage, und Patienten, die sonst auf einen Rollstuhl angewiesen seien, könnten manchmal ein paar Schritte gehen. Für Carolin Meinsen, die seit fast acht Jahren nach Friedewalde kommt, liegen die Vorteile noch ganz woanders. „Das ist hier einfach Entspannung pur“, sagt sie. Und dann gibt es noch ein psychologisches Moment: „Es ist der Perspektivwechsel zum Rollstuhl. Sonst schaue ich nur von unten nach oben.“ Vom Rücken eines Pferdes sei es für einen kurzen Zeitraum in der Woche mal anders herum. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl. Pferde seien gute Therapeuten, meint die professionelle Physiotherapeutin Rita Reimann. Pferde nähmen jeden, wie er sei. „Das Tier stellt sich komplett zurück“, sagt Carolin Meinsen als Reiterin und Patientin, die weiß, dass sich der Mensch diese Eigenschaft der Pferde zunutze mache. „Die Pferde müssen aber geschult werden“, weiß sie aus ihrer doppelten Perspektive. Die Hippo-Therapie sei für ein Therapiepferd „richtig Arbeit“, sagt sie anerkennend und dankbar. „Das ist eine Herausforderung für das Pferd.“ Dafür nutzt der Therapiehof fünf irische Tinker und Haflingermischlinge. „Die haben eine breite Schulter“, sagt Rita Reinmann. Anhand der Auswahl könne sie erproben, „welches Pferd sich für wen eignet“. Ein breiterer Rücken sei besser zum Sitzen, hat Carolin Meinsen gemerkt. Doch obwohl ihr die Hippo-Therapie in vielerlei Hinsicht viel bringt und sie eine medizinische Verordnung vorweisen kann, muss die junge Frau die Kosten selbst tragen. Die Krankenkassen haben sich lange – und mit juristischem Erfolg – dagegen gewehrt. „Das ist sehr, sehr schade“, bedauert Carolin Meinsen. Therapeutisches Reiten, das Schlaganfall- und MS-Patienten sowie bei neurologischen Erkrankungen Erleichterung bietet, gibt es in Friedewalde seit 30 Jahren. 1991 begann der Reiter und ausgebildete Koch Manfred Reimann, der 2013 verstarb, damit – fünf Jahre, nachdem er mit seiner Frau Rita, Erzieherin und Erlebnispädagogin, 1986 den inzwischen mehr als hundert Jahre alten Brakenhof im Hallbruch gekauft hatte und zunächst mit einer eigenen Zucht und Pensionspferden angefangen hatte. Als vierfache Mutter machte Rita Reimann, die als Erzieherin schon mit Kindern mit Behinderungen gearbeitet hatte, noch eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Inzwischen ist der ganze Brakenhof, auf dem seit ein paar Jahren auch wieder Störche nisten, in die Therapien mit vier Fachkräften einbezogen. Das alte Backhaus ist zur „Kapelle“ für Klangtherapie geworden, und gerade wird ein alter Pferdestall mit Boxen komplett umgebaut, um die Begegnung von Mensch und Tier zu ermöglichen. Diese Kontakte bereiten auch Kindern der Lebenshilfe Freude, die gar nicht immer nur reiten wollen. Manch einer findet seine Mitte beim Führen eines Pferdes an der Leine.

Glücksmoment: Diese Therapie schenkt querschnittsgelähmter Carolin Meinsen ein bisschen Normalität

Therapie auf Pferderücken: Marilena Traue und Torina Rohlfing (links) begleiten Carolin Meinsen trotz ihrer Querschnittslähmung beim kleinen Ausritt mit der Tinker-Stute Aenna auf die Wiese. MT-Foto: Jürgen Langenkämper © Langenkämper

Petershagen-Friedewalde. Mit einem leichten Lächeln reitet die junge Frau auf ihrem schwarz-weißgescheckten Pferd über den Hof des alten Bauernhauses in Friedewalde. Einmal in der Woche reiten zu können, bereitet Carolin Meinsen ein Hochgefühl, das sie seit einem schweren Unfall besonders zu schätzen weiß. Denn sie ist vom ersten Lendenwirbel an abwärts querschnittsgelähmt. Dass sie überhaupt wieder auf einem Pferd sitzen kann, macht die Hippo-Therapie von Rita Reimann und ihren Kolleginnen möglich.

„Es ist ganz anders als vorher“, sagt die frühere Reiterin, „fast schöner, weil das Zusammenspiel von Tier und Mensch ganz emotional ist“. Hauptproblem sind das Auf- und Absteigen, bei dem Rita Reimann und ihre Mitarbeiterin Marilena Traue helfen und mit anpacken müssen. Angst, auf einem Pferd zu sitzen, hat Carolin Meinsen jedenfalls nicht. „Angst haben eher Leute, die noch nie auf einem Pferd gesessen haben.“

Auch Kinder mit Behinderungen, die in Gruppen der Lebenshilfe auf den Hof zwischen Friedewalde und Stemmer kommen, fassen meist schnell Vertrauen zu den Tieren. „Wenn ich die Kinder hier sehe, erhellt mich das ganz stark“, sagt Carolin Meinsen, „ganz toll“.


Doch während der Lockdown-Phasen aufgrund von Corona konnten die Physiotherapeutinnen ihre Hippo-Therapie nicht für Gruppen anbieten, sondern nur Einzelstunden. „Auf Verordnung durften wir behandeln“, sagt Rita Reimann.

Bei der Hippo-Therapie als ruhigere Form des Therapeutischen Reitens, „das sportlicher ist“, wie Rita Reimann sagt, kommt es darauf an, dass sich dreidimensionale Schwingungen vom Körper des Tieres auf das Becken des Menschen übertragen. „Die Bewegung speichert sich im Körpers des Patienten“, sagt Marilena Traue. Das Gangbild bessere sich zumindest für ein paar Tage, und Patienten, die sonst auf einen Rollstuhl angewiesen seien, könnten manchmal ein paar Schritte gehen.

Für Carolin Meinsen, die seit fast acht Jahren nach Friedewalde kommt, liegen die Vorteile noch ganz woanders. „Das ist hier einfach Entspannung pur“, sagt sie. Und dann gibt es noch ein psychologisches Moment: „Es ist der Perspektivwechsel zum Rollstuhl. Sonst schaue ich nur von unten nach oben.“ Vom Rücken eines Pferdes sei es für einen kurzen Zeitraum in der Woche mal anders herum. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl.

Pferde seien gute Therapeuten, meint die professionelle Physiotherapeutin Rita Reimann. Pferde nähmen jeden, wie er sei. „Das Tier stellt sich komplett zurück“, sagt Carolin Meinsen als Reiterin und Patientin, die weiß, dass sich der Mensch diese Eigenschaft der Pferde zunutze mache. „Die Pferde müssen aber geschult werden“, weiß sie aus ihrer doppelten Perspektive. Die Hippo-Therapie sei für ein Therapiepferd „richtig Arbeit“, sagt sie anerkennend und dankbar. „Das ist eine Herausforderung für das Pferd.“

Dafür nutzt der Therapiehof fünf irische Tinker und Haflingermischlinge. „Die haben eine breite Schulter“, sagt Rita Reinmann. Anhand der Auswahl könne sie erproben, „welches Pferd sich für wen eignet“. Ein breiterer Rücken sei besser zum Sitzen, hat Carolin Meinsen gemerkt.

Doch obwohl ihr die Hippo-Therapie in vielerlei Hinsicht viel bringt und sie eine medizinische Verordnung vorweisen kann, muss die junge Frau die Kosten selbst tragen. Die Krankenkassen haben sich lange – und mit juristischem Erfolg – dagegen gewehrt. „Das ist sehr, sehr schade“, bedauert Carolin Meinsen.

Therapeutisches Reiten, das Schlaganfall- und MS-Patienten sowie bei neurologischen Erkrankungen Erleichterung bietet, gibt es in Friedewalde seit 30 Jahren. 1991 begann der Reiter und ausgebildete Koch Manfred Reimann, der 2013 verstarb, damit – fünf Jahre, nachdem er mit seiner Frau Rita, Erzieherin und Erlebnispädagogin, 1986 den inzwischen mehr als hundert Jahre alten Brakenhof im Hallbruch gekauft hatte und zunächst mit einer eigenen Zucht und Pensionspferden angefangen hatte. Als vierfache Mutter machte Rita Reimann, die als Erzieherin schon mit Kindern mit Behinderungen gearbeitet hatte, noch eine Ausbildung zur Physiotherapeutin.

Inzwischen ist der ganze Brakenhof, auf dem seit ein paar Jahren auch wieder Störche nisten, in die Therapien mit vier Fachkräften einbezogen. Das alte Backhaus ist zur „Kapelle“ für Klangtherapie geworden, und gerade wird ein alter Pferdestall mit Boxen komplett umgebaut, um die Begegnung von Mensch und Tier zu ermöglichen.

Diese Kontakte bereiten auch Kindern der Lebenshilfe Freude, die gar nicht immer nur reiten wollen. Manch einer findet seine Mitte beim Führen eines Pferdes an der Leine.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen