"Es gab noch weitere Arbeitslager in Petershagen" - Hermann Kleinebenne plant archäologische Grabung Oliver Plöger Petershagen. Dass die Geschichte rund um das Arbeitserziehungslager in Lahde noch lange nicht zu Ende erzählt ist, macht Hermann Kleinebenne deutlich. Erkenntnisse sammelt der Autor derzeit über die weitere Unterbringung polnischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter im Bereich der Ziegelei im Heisterholz und über ein – wie er es nennt – „Forstlager“, das es in unmittelbarer Nähe der heutigen Försterei gegeben habe. Hier, so Hermann Kleinebenne, seien unter anderen russische Kriegsgefangene festgehalten worden. Kleinebenne plant im kommenden Jahr eine weitere archäologische Ausgrabung. Er hofft im Bereich des Forstlagers auf Funde, die mehr über die bauliche Struktur und möglicherweise auch über das Leben und Sterben in diesem Lager verraten. Fernziel ist eine weitere Veröffentlichung Hermann Kleinebennes, der zuletzt das Tagebuch des lettischen Maschinenbauingenieurs Karlis Bulins übersetzt hatte. Das bot Innenansichten aus dem Ausländerlager Lahde zwischen 1945 und 1948. Weiter in die Tiefe – im wahrsten Sinne – sei Kleinebenne auch hier durch Ausgrabungen gegangen. „Ich habe mich in den vergangenen Jahren mehr und mehr auf die Lagerarchäologie konzentriert“, sagt er. Mit Zustimmung von Stadt, Geländepächter und mit Mitarbeiterstatus der Archäologie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hatte Kleinebenne zwischen Dingbreite und Bundesstraße Artefakte aus beiden Phasen der Lagergeschichte gesammelt und kann diese Funde zum Teil auch zuordnen: deformiertes Geschossblei nach Anwendung von Gewalt an Häftlingen, ein SS-Adler für die Uniform-Schirmmütze oder Isolatorbruchstücke – alles Teile also aus der Phase von Juni 1943 bis April 1945. Bei den Gitterglasstücken ist die Zuordnung unklar: vielleicht stammen die auch aus dem späteren Displaced Persons Assembly Centre (DPAC) von April 1945 bis September 1949 – das Glas wurde durchgängig genutzt. Bis ins Detail kann Hermann Kleinebenne im Gelände erklären, wo welche Baracke stand, wo das Kesselhaus, wo die Handwerkerbaracke. Seit 2018, so berichtet Hermann Kleinebenne aus seiner Recherchearbeit, hätten sich für ihn weiterführende Fragen für den Aufbau der Lager in Lahde-Nord ergeben. Antrieb sei auch ein Besuch der Pulverfabrik in Liebenau gewesen und der Kontakt zu Martin Guse, Leiter der dortige Dokumentationsstätte. Fakt ist: Das in Liebenau bis 1943 bestehende Arbeitserziehungslager wurde – offenbar auch, weil im dortigen Bodenuntergrund eine Abwasserentsorgung unmöglich war und Hygieneprobleme befürchtet wurden – nach Lahde verlegt. Und hier fragt Kleinebenne heute: Wie lief die Verlegung ab? Waren Demontage und Wiederaufbau ohne weiteres möglich? Wer trug die Verantwortung? Und: Wie musste das Gelände in Lahde vorbereitet werden? Dabei sei der Zusammenhang zum Kraftwerksbau in Heyden interessant. Seit 2018, so Kleinebenne, gehe aus der Dokumentenlage hervor, dass bereits vor 1942 die Planung für das künftige Kohlekraftwerk vorbereitet wurde. Unter Hoheit der damaligen Reichsregierung gehörten unter anderem die AEG, Reichsbahn und der Baukonzern Polensky & Zöllner zum Planungsstab. Als sich laut Hermann Kleinebenne bereits die Verlegung des Arbeitserziehungslagers nach Lahde-Nord abzeichnete, habe es einen großen Bedarf an Geologen und Vermessungstechnikern gegeben, deren Fachkenntnisse etwa für Entwässerung, Trockenhaltung und Wasserversorgung von Baustelle und Lagerarealen erforderlich sein würden. Das Schlüsselgelände für die Erschließung der Kraftwerksbaustelle und künftigen Lagereinrichtungen habe nördlich des späteren Arbeitserziehungslagers im Oberlauf des Riehebachs an der Landesstraße 559 gelegen. „Hier fing es an“, sagt Hermann Kleinebenne. Im Zuge jüngerer Erkenntnisse hält der ehemalige Gymnasiallehrer und Oberst der Reserve der Bundeswehr eine erweiterte Dokumentation für erforderlich. „Denn es gab nicht nur dieses eine Lager.“ Neu müssten auch die seit Kriegsbeginn in Heisterholz betriebenen Arbeitslager für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene betrachtet werden. Bis Mitte dieses Jahres habe Kleinebenne ein zum Teil konturenscharfes Bild über die Lagerelemente von Tonindustrie und Forstverwaltung erstellen können, wobei die Gefangenen im Status von Zwangsarbeitern in einem als „Turnhalle“ bezeichneten Gebäude untergebracht waren. Dort seien die Infrastruktur der Lagereinrichtungen nach dem Ende der Kriegshandlungen aufgelöst worden, die Baracken in Lahde-Nord bekamen als Unterkünfte für Displaced Persons aus dem Baltikum und Südosteuropa eine neue Funktion. Auch über die soll in der 2023 geplanten Veröffentlichung berichtet werden, wie Hermann Kleinebenne ankündigt. Unter dem eher harmlos klingende Arbeitsthema „Dörrgemüse und Dosenfleisch“ wird es um Lagerbetrieb, Todesfälle in den Lagern, Fleckfieber und die Galgen gehen. Einer stand wohl auch im Heisterholzer Forst.

"Es gab noch weitere Arbeitslager in Petershagen" - Hermann Kleinebenne plant archäologische Grabung

Zeigt auf dem Gelände des Arbeitserziehungslagers gefundene Isolatorbruchstücke: Hemann Kleinebenne aus Petershagen, der sich mehr und mehr der Ausgrabung widmet. © MT-Foto: Oliver Plöger

Petershagen. Dass die Geschichte rund um das Arbeitserziehungslager in Lahde noch lange nicht zu Ende erzählt ist, macht Hermann Kleinebenne deutlich. Erkenntnisse sammelt der Autor derzeit über die weitere Unterbringung polnischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter im Bereich der Ziegelei im Heisterholz und über ein – wie er es nennt – „Forstlager“, das es in unmittelbarer Nähe der heutigen Försterei gegeben habe. Hier, so Hermann Kleinebenne, seien unter anderen russische Kriegsgefangene festgehalten worden. Kleinebenne plant im kommenden Jahr eine weitere archäologische Ausgrabung. Er hofft im Bereich des Forstlagers auf Funde, die mehr über die bauliche Struktur und möglicherweise auch über das Leben und Sterben in diesem Lager verraten. Fernziel ist eine weitere Veröffentlichung Hermann Kleinebennes, der zuletzt das Tagebuch des lettischen Maschinenbauingenieurs Karlis Bulins übersetzt hatte. Das bot Innenansichten aus dem Ausländerlager Lahde zwischen 1945 und 1948.

Weiter in die Tiefe – im wahrsten Sinne – sei Kleinebenne auch hier durch Ausgrabungen gegangen. „Ich habe mich in den vergangenen Jahren mehr und mehr auf die Lagerarchäologie konzentriert“, sagt er. Mit Zustimmung von Stadt, Geländepächter und mit Mitarbeiterstatus der Archäologie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hatte Kleinebenne zwischen Dingbreite und Bundesstraße Artefakte aus beiden Phasen der Lagergeschichte gesammelt und kann diese Funde zum Teil auch zuordnen: deformiertes Geschossblei nach Anwendung von Gewalt an Häftlingen, ein SS-Adler für die Uniform-Schirmmütze oder Isolatorbruchstücke – alles Teile also aus der Phase von Juni 1943 bis April 1945. Bei den Gitterglasstücken ist die Zuordnung unklar: vielleicht stammen die auch aus dem späteren Displaced Persons Assembly Centre (DPAC) von April 1945 bis September 1949 – das Glas wurde durchgängig genutzt. Bis ins Detail kann Hermann Kleinebenne im Gelände erklären, wo welche Baracke stand, wo das Kesselhaus, wo die Handwerkerbaracke.

Seit 2018, so berichtet Hermann Kleinebenne aus seiner Recherchearbeit, hätten sich für ihn weiterführende Fragen für den Aufbau der Lager in Lahde-Nord ergeben. Antrieb sei auch ein Besuch der Pulverfabrik in Liebenau gewesen und der Kontakt zu Martin Guse, Leiter der dortige Dokumentationsstätte. Fakt ist: Das in Liebenau bis 1943 bestehende Arbeitserziehungslager wurde – offenbar auch, weil im dortigen Bodenuntergrund eine Abwasserentsorgung unmöglich war und Hygieneprobleme befürchtet wurden – nach Lahde verlegt. Und hier fragt Kleinebenne heute: Wie lief die Verlegung ab? Waren Demontage und Wiederaufbau ohne weiteres möglich? Wer trug die Verantwortung? Und: Wie musste das Gelände in Lahde vorbereitet werden?

Dabei sei der Zusammenhang zum Kraftwerksbau in Heyden interessant. Seit 2018, so Kleinebenne, gehe aus der Dokumentenlage hervor, dass bereits vor 1942 die Planung für das künftige Kohlekraftwerk vorbereitet wurde. Unter Hoheit der damaligen Reichsregierung gehörten unter anderem die AEG, Reichsbahn und der Baukonzern Polensky & Zöllner zum Planungsstab. Als sich laut Hermann Kleinebenne bereits die Verlegung des Arbeitserziehungslagers nach Lahde-Nord abzeichnete, habe es einen großen Bedarf an Geologen und Vermessungstechnikern gegeben, deren Fachkenntnisse etwa für Entwässerung, Trockenhaltung und Wasserversorgung von Baustelle und Lagerarealen erforderlich sein würden. Das Schlüsselgelände für die Erschließung der Kraftwerksbaustelle und künftigen Lagereinrichtungen habe nördlich des späteren Arbeitserziehungslagers im Oberlauf des Riehebachs an der Landesstraße 559 gelegen. „Hier fing es an“, sagt Hermann Kleinebenne.

Im Zuge jüngerer Erkenntnisse hält der ehemalige Gymnasiallehrer und Oberst der Reserve der Bundeswehr eine erweiterte Dokumentation für erforderlich. „Denn es gab nicht nur dieses eine Lager.“ Neu müssten auch die seit Kriegsbeginn in Heisterholz betriebenen Arbeitslager für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene betrachtet werden. Bis Mitte dieses Jahres habe Kleinebenne ein zum Teil konturenscharfes Bild über die Lagerelemente von Tonindustrie und Forstverwaltung erstellen können, wobei die Gefangenen im Status von Zwangsarbeitern in einem als „Turnhalle“ bezeichneten Gebäude untergebracht waren. Dort seien die Infrastruktur der Lagereinrichtungen nach dem Ende der Kriegshandlungen aufgelöst worden, die Baracken in Lahde-Nord bekamen als Unterkünfte für Displaced Persons aus dem Baltikum und Südosteuropa eine neue Funktion.

Auch über die soll in der 2023 geplanten Veröffentlichung berichtet werden, wie Hermann Kleinebenne ankündigt. Unter dem eher harmlos klingende Arbeitsthema „Dörrgemüse und Dosenfleisch“ wird es um Lagerbetrieb, Todesfälle in den Lagern, Fleckfieber und die Galgen gehen. Einer stand wohl auch im Heisterholzer Forst.

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