Erinnerungen in Kreuzstich: Anneliese Büschking hat seit 1949 kein Erntefest in Raderhorst verpasst Claudia Hyna Petershagen-Raderhorst. Anneliese Büschking hat seit 1949 kein Erntefest versäumt. Gemeinsam mit ihrem Mann Walter hat die heute 92-Jährige Raderhorsterin jedes mitgefeiert, sie hat die Erntekrone gebunden, am Umzug teilgenommen – und bleibende Erinnerungen gesammelt. Die trösten sie darüber hinweg, dass es 2020 erstmals kein Erntefest in der Ortschaft gibt. Anneliese Büschking hat ein besonderes Andenken an das Fest zum 70-jährigen Bestehen im vergangenen Jahr. Ein von ihr bestickter Wandbehang mit allen Häusern ihrer Straße, dem Raderhorster Ellerbruch, ziert ihren Hausflur. Erntekronebinden, Kinderspaß, Schützenfest: Wie überall, sind diese Veranstaltungen in Raderhorst in diesem Jahr ersatzlos gestrichen. Wer in Erinnerungen schwelgen möchte, kann auf der Internetseite der Ortschaft durch zahlreiche Fotos klicken. Oder vertieft sich in den Wandbehang. „Hier“, Anneliese Büschking zeigt auf ein Haus namens Klöpps Nr 87, „das ist unser Hof“. Dieser Beiname – damals wie heute üblich für landwirtschaftliche Anwesen – geht auf ihren Großvater Klöpper zurück, der sich hier ansiedelte. Das ganze Land gehörte der Familie Hagemeyer aus Minden, weiß die Raderhorsterin. Und Ellerbruch, das bedeutet Holz und Moor (holt un brauk). Für die Siedlung wurde ab 1903 alles abgeholzt, Pattwege aus altem Stein verbanden die Höfe. Ihr Hof stammt aus dem Jahr 1905. Nr 80 ist das zuerst erbaute Haus, es gehörte der Familie Ladinken. Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus, doch die 92-Jährige hat jedes der zehn Häuser ein wenig anders gestaltet. Eine Vorlage gibt es nicht, sie hat alle Muster im Kopf ausgerechnet. Das Überlegen habe im Grunde länger gedauert, als das Sticken selbst. Das erste Erntefest fand bei Fürbauts statt. Früher gab es Umzüge mit vier bis fünf Wagen, erinnert sich ihr Mann Walter Büschking, und die Teilnehmer verkleideten sich. Walter Büschking denkt gerne an einen Spaß namens Zitronenreiten zurück, bei dem der Reiter am Ende die saure Frucht mit dem Mund aus einem Eimer holen musste. Im vergangenen Jahr trug Anneliese Büschking – die älteste Einwohnerin Raderhorsts – beim Fest Anekdoten auf Plattdeutsch vor. „Manche sitzen und lesen – ich sticke.“ So einfach ist das mit ihrer Leidenschaft, erklärt die Seniorin, die übrigens beim Handarbeiten bis heute keine Brille braucht. Schon in der Volksschule in Raderhorst – „meine Lehrerin hieß Berta Schädler“ – hätten ihr Häkeln, Stricken und vor allem Sticken großen Spaß gemacht. Daher ist der Wandbehang im Eingang bei weitem nicht die einzige Dekoration: Im ganzen Haus finden sich Spuren ihrer Tätigkeit: Gleich im Eingang geht es los mit dem gestickten Sinnspruch: Grüß Gott, kommt herein. Wie viele Bilder und Kissen sie in ihrem langen Leben angefertigt hat, weiß die 92-Jährige nicht. Die alte Aussteuertruhe ihrer Mutter ist voll mit Tischdecken. „Alle sind in Gebrauch.“ Denn einen Tisch ohne Decke mag sie ebenso wenig wie Unkraut im Garten. Dazu kommen Kissen aller Art, Handtücher auf alten Spindeln, Tischdeckenumrandungen und Sinnsprüche. Einen Großteil hat die Raderhorsterin verschenkt. Für sich stickt sie seit kurzem überhaupt nichts mehr. Auf Bestellung wird sie aber nach wie vor gerne, vor allem für ihre Enkelinnen, tätig. „Ich sage ihnen: Wenn ihr was braucht, sagt Bescheid.“ Zur Volljährigkeit hat sie ihrer Enkeltochter Andrea ein langes Gedicht in Reimform gestickt. Es endet mit den Worten. „So geht es weiter Jahr für Jahr, doch wir sind immer für dich da.“ Viele Schätze in unterschiedlichen Techniken schlummern in den alten Schränken. Manche Decken bestehen aus altem Bauernleinen, das schon ihre Großmutter Sofie Halfeld auf dem Webstuhl hergestellt hat.

Erinnerungen in Kreuzstich: Anneliese Büschking hat seit 1949 kein Erntefest in Raderhorst verpasst

Anneliese Büschking kennt die Geschichte des Ellerbruchs mit all seinen Bewohnern aus dem Effeff. MT-Fotos: Alex Lehn

Petershagen-Raderhorst. Anneliese Büschking hat seit 1949 kein Erntefest versäumt. Gemeinsam mit ihrem Mann Walter hat die heute 92-Jährige Raderhorsterin jedes mitgefeiert, sie hat die Erntekrone gebunden, am Umzug teilgenommen – und bleibende Erinnerungen gesammelt. Die trösten sie darüber hinweg, dass es 2020 erstmals kein Erntefest in der Ortschaft gibt. Anneliese Büschking hat ein besonderes Andenken an das Fest zum 70-jährigen Bestehen im vergangenen Jahr. Ein von ihr bestickter Wandbehang mit allen Häusern ihrer Straße, dem Raderhorster Ellerbruch, ziert ihren Hausflur.

Erntekronebinden, Kinderspaß, Schützenfest: Wie überall, sind diese Veranstaltungen in Raderhorst in diesem Jahr ersatzlos gestrichen. Wer in Erinnerungen schwelgen möchte, kann auf der Internetseite der Ortschaft durch zahlreiche Fotos klicken. Oder vertieft sich in den Wandbehang. „Hier“, Anneliese Büschking zeigt auf ein Haus namens Klöpps Nr 87, „das ist unser Hof“. Dieser Beiname – damals wie heute üblich für landwirtschaftliche Anwesen – geht auf ihren Großvater Klöpper zurück, der sich hier ansiedelte.

Das ganze Land gehörte der Familie Hagemeyer aus Minden, weiß die Raderhorsterin. Und Ellerbruch, das bedeutet Holz und Moor (holt un brauk). Für die Siedlung wurde ab 1903 alles abgeholzt, Pattwege aus altem Stein verbanden die Höfe. Ihr Hof stammt aus dem Jahr 1905. Nr 80 ist das zuerst erbaute Haus, es gehörte der Familie Ladinken. Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus, doch die 92-Jährige hat jedes der zehn Häuser ein wenig anders gestaltet. Eine Vorlage gibt es nicht, sie hat alle Muster im Kopf ausgerechnet. Das Überlegen habe im Grunde länger gedauert, als das Sticken selbst.

Das erste Erntefest fand bei Fürbauts statt. Früher gab es Umzüge mit vier bis fünf Wagen, erinnert sich ihr Mann Walter Büschking, und die Teilnehmer verkleideten sich. Walter Büschking denkt gerne an einen Spaß namens Zitronenreiten zurück, bei dem der Reiter am Ende die saure Frucht mit dem Mund aus einem Eimer holen musste. Im vergangenen Jahr trug Anneliese Büschking – die älteste Einwohnerin Raderhorsts – beim Fest Anekdoten auf Plattdeutsch vor.

Für sich selber macht sie keine Handarbeiten mehr, schließlich sind ihre Schränke schon voll.
Für sich selber macht sie keine Handarbeiten mehr, schließlich sind ihre Schränke schon voll.

„Manche sitzen und lesen – ich sticke.“ So einfach ist das mit ihrer Leidenschaft, erklärt die Seniorin, die übrigens beim Handarbeiten bis heute keine Brille braucht. Schon in der Volksschule in Raderhorst – „meine Lehrerin hieß Berta Schädler“ – hätten ihr Häkeln, Stricken und vor allem Sticken großen Spaß gemacht.

Daher ist der Wandbehang im Eingang bei weitem nicht die einzige Dekoration: Im ganzen Haus finden sich Spuren ihrer Tätigkeit: Gleich im Eingang geht es los mit dem gestickten Sinnspruch: Grüß Gott, kommt herein. Wie viele Bilder und Kissen sie in ihrem langen Leben angefertigt hat, weiß die 92-Jährige nicht. Die alte Aussteuertruhe ihrer Mutter ist voll mit Tischdecken. „Alle sind in Gebrauch.“ Denn einen Tisch ohne Decke mag sie ebenso wenig wie Unkraut im Garten. Dazu kommen Kissen aller Art, Handtücher auf alten Spindeln, Tischdeckenumrandungen und Sinnsprüche.

Einen Großteil hat die Raderhorsterin verschenkt. Für sich stickt sie seit kurzem überhaupt nichts mehr. Auf Bestellung wird sie aber nach wie vor gerne, vor allem für ihre Enkelinnen, tätig. „Ich sage ihnen: Wenn ihr was braucht, sagt Bescheid.“ Zur Volljährigkeit hat sie ihrer Enkeltochter Andrea ein langes Gedicht in Reimform gestickt. Es endet mit den Worten. „So geht es weiter Jahr für Jahr, doch wir sind immer für dich da.“ Viele Schätze in unterschiedlichen Techniken schlummern in den alten Schränken. Manche Decken bestehen aus altem Bauernleinen, das schon ihre Großmutter Sofie Halfeld auf dem Webstuhl hergestellt hat.

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