Ein Wolf tötete das jüngste Kalb der Herde: So geht es für die Rinder von Züchter Heinrich Nagel weiter Claudia Hyna Petershagen-Rosenhagen. Irgendwas war faul, das hat Heinrich Nagel gleich gespürt. Als er am 10. Oktober gegen 17 Uhr nach seinen Rindern auf der Weide sehen wollte, konnte er das jüngste Kalb nicht finden. Nach längerer Suche entdeckte er die Überreste des acht Tage alten, weiblichen Tieres rund 100 Meter von seiner Herde entfernt. Nur noch Kopf und Rumpf waren vorhanden. „Das war ein Wolf“, dachte er spontan – und sechs Wochen später erhielt er die Bestätigung. Es sei das erste Mal, dass ein Wolf in NRW ein Rind gerissen hat, hieß es vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). Nagel überlegt nun, wie er seine Angusrinder vor erneuten Angriffen schützen kann. Der Landwirt Die Auswirkungen des Angriffs seien immer noch zu spüren, sagt der 54-Jährige. Mittlerweile fangen die Kühe, die den Wolfsriss erlebt haben, schon an zu zucken, wenn sie Hofhund Burnie sehen. „Früher konnte er stundenlang vor ihrem Stall liegen, ohne dass sie reagierten.“ Der Hobbylandwirt ist damit beschäftigt, die beteiligten Tiere wieder zu zähmen. Vor dem Angriff wären sie zu ihm gekommen und hätten sich streicheln lassen, das sei nun nicht mehr möglich. „Schon traurig.“ Nicht auszudenken, wenn der 1.000-Kilogramm-Bulle den Vorfall erlebt hätte, sagt Nagel.Ihm gehe es allein um die Tiere, sagt der Landmaschinenmechaniker, der seit 1998 im Nebenerwerb deutsche Angusrinder züchtet. Das Geld spiele für ihn keine Rolle. Für das getötete Kalb steht ihm eine sogenannte Bewilligungsleistung von 345,80 Euro zu, diese hat er beantragt. Ein gerade geborenes Tier habe keinen großen Wert, den erreicht es erst nach zwei Jahren, also bei Schlachtreife.Zur Zeit stehen die 15 Kühe im Stall. Fast jede Nacht bringt eine von ihnen ein Junges zur Welt, das machen sie komplett ohne Hilfe. Zehn Kälber sind schon geboren worden, drei bis vier kommen in den nächsten Tagen. Im Mai geht es für sie normalerweise wieder raus auf die Wiese. In diesem Jahr habe er dabei erstmals ein mulmiges Gefühl, sagt der Züchter. Kein Grund, sie dauerhaft drinnen zu halten. Es sei schließlich nicht Sinn und Zweck einer Kuh, im Stall zu stehen, sagt er. Seiner Meinung nach müssten die Tiere vom Gras leben, er füttert ansonsten nur eigenes Getreide dazu, kein Kraftfutter.In den nächsten Monaten werde er in einen wolfssicheren Zaun investieren, der in engeren Abständen Strom führt, als der vorhandene. Schließlich sei es dem Wolf ja gelungen, das Tier unter dem 5.000-Volt-Elektrozaun drunter durchzuziehen. Möglicherweise waren auch zwei Tiere vor Ort. Die Wolfsberaterin habe zwei Kothaufen am Tatort gefunden, die auf ein Alt- und ein Jungtier hindeuten. Der Jagdpächter Heinrich Nagel hat von mehreren Fällen in der Umgebung gehört, bei denen der Wolf Tiere gerissen hat. Diese seien aber nicht angezeigt worden. Auch Jagdpächter Willi Traue wurde vor kurzem zu den Überresten eines Rehs gerufen, das südwestlich von Friedewalde getötet wurde. Ein Hund frisst kein ganzes Reh, ist er überzeugt von der Täterschaft eines Wolfes. Dafür spreche außerdem, dass kürzlich auf einem nahen Hof ein Wolf gesehen wurde. In Absprache mit dem Kreisjagdberater habe man jedoch darauf verzichtet, einen Wolfsberater hinzuziehen. Es gebe nur eine Bestätigung, das Reh bekomme man aber nicht ersetzt, meint er.Willi Traue stellt klar, dass er nicht grundsätzlich gegen die Ansiedlung von Wölfen sei. „Es ist schön, dass wir ihn in Deutschland haben“, sagt der Landschaftswächter. Er sollte sich seiner Meinung nach aber dort aufhalten, wo er hingehört, nämlich in ausgedehnten Waldgebieten, etwa in Brandenburg. Im Kreis Minden-Lübbecke sei das Nahrungsangebot zu gering und der Landstrich sei zu dicht bevölkert. Schon jetzt seien Rehe am Wald nur noch nachts zu sehen, bedauert er – eine Folge der Nähe des Wolfes, so seine Erklärung. Er ist überzeugt davon, dass sich der Wolf dauerhaft im Kreis ansiedeln wird – „demnächst haben wir ein Rudel im Mindener Wald“, so seine Prognose.Das Umweltamt Solche Thesen hält Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann bisher für „reine Spekulation“. Wenn es dem Wolf gut gefalle, könne sich möglicherweise irgendwann ein Einzeltier hier niederlassen, schränkt er allerdings ein. Die Rudelbildung beginne dann später. Der Sprecher rät dringend dazu, jeden Verdachtsfall zu melden. Die Nachweise würden gebraucht, jeder Hinweis sei wichtig. In NRW werde der Wolf genau beobachtet. Wenn innerhalb von sechs Monaten mehrfach individuelle Nachweise festgestellt werden, würde das Umweltamt weitere Schritte unternehmen. Das könne ein Hinweis auf eine dauerhafte Ansiedlung sein.Das Bundesumweltamt sagt dazu, dass es Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere vor allem von durchziehenden Tiere gebe und dort, wo Wölfe sich in neuen Territorien etablieren – und die Weidetierhalter sich noch nicht auf deren Anwesenheit eingestellt haben. Es tue ihm leid für die Tierhalter und Jäger, aber so sei halt die Natur, sagt Deitermann. Die Ausweisung eines Wolfsgebietes sei für die Nutztierhaltung von Bedeutung. Landwirte könnten Fördergelder beantragen und damit etwa in den Herdenschutz investieren. Im Norden grenzen die Territorien von drei niedersächsischen Wolfsrudeln (Rehden, Rehburg und Uchte) an den Kreis Minden-Lübbecke. Wenn die angrenzenden Bereiche zu sogenannten Pufferzonen erklärt werden, seien auch hier Präventionsmaßnahmen förderfähig.Ausblick Rinderhalter Heinrich Nagel will in diesem Jahr investieren. Die betroffene Wiese sei einen Hektar groß und liege in der Gemarkung Neuenknick, sie grenzt an Niedersachsen. Wie auch Jagdpächter Willi Traue ist er überzeugt davon, dass sich der Wolf dauerhaft in der Gegend ansiedeln wird. „Wir müssen damit leben“, sagt der Rosenhäger, der selber noch keinen Wolf gesehen hat. Erst vor einigen Tagen habe seine Herde nachts verrückt gespielt. Als er nachschaute, sah er in der Dunkelheit nur noch ein Augenpaar verschwinden. Ein Wolf?Auch er bezeichnet sich nicht als Gegner des Wolfes, ihm liegen seine Tiere am Herzen. Diese würde er gerne länger aufwachsen sehen. Am liebsten würde er sie drei Jahre alt werden lassen, bevor er sie zum Schlachter bringt – doch das rentiere sich finanziell überhaupt nicht. In den vergangenen Jahren habe er immer weniger Geld für das Fleisch bekommen. Wenn er jedes Mal bei der Kontrolle auf der Weide Angst haben müsse, würde er möglicherweise schweren Herzens aufgeben. Der Schock über den Anblick des toten Kalbs sitzt ihm noch in den Knochen.

Ein Wolf tötete das jüngste Kalb der Herde: So geht es für die Rinder von Züchter Heinrich Nagel weiter

Heinrich Nagel mit einem der neugeborenen Kälber, die in diesen Tagen auf die Welt kommen. Im Oktober hatte ein Wolf eines seiner Tiere getötet. MT-Foto: Alex Lehn © lehn

Petershagen-Rosenhagen. Irgendwas war faul, das hat Heinrich Nagel gleich gespürt. Als er am 10. Oktober gegen 17 Uhr nach seinen Rindern auf der Weide sehen wollte, konnte er das jüngste Kalb nicht finden. Nach längerer Suche entdeckte er die Überreste des acht Tage alten, weiblichen Tieres rund 100 Meter von seiner Herde entfernt. Nur noch Kopf und Rumpf waren vorhanden. „Das war ein Wolf“, dachte er spontan – und sechs Wochen später erhielt er die Bestätigung. Es sei das erste Mal, dass ein Wolf in NRW ein Rind gerissen hat, hieß es vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). Nagel überlegt nun, wie er seine Angusrinder vor erneuten Angriffen schützen kann.

Der Landwirt

Die Auswirkungen des Angriffs seien immer noch zu spüren, sagt der 54-Jährige. Mittlerweile fangen die Kühe, die den Wolfsriss erlebt haben, schon an zu zucken, wenn sie Hofhund Burnie sehen. „Früher konnte er stundenlang vor ihrem Stall liegen, ohne dass sie reagierten.“ Der Hobbylandwirt ist damit beschäftigt, die beteiligten Tiere wieder zu zähmen. Vor dem Angriff wären sie zu ihm gekommen und hätten sich streicheln lassen, das sei nun nicht mehr möglich. „Schon traurig.“ Nicht auszudenken, wenn der 1.000-Kilogramm-Bulle den Vorfall erlebt hätte, sagt Nagel.

Ihm gehe es allein um die Tiere, sagt der Landmaschinenmechaniker, der seit 1998 im Nebenerwerb deutsche Angusrinder züchtet. Das Geld spiele für ihn keine Rolle. Für das getötete Kalb steht ihm eine sogenannte Bewilligungsleistung von 345,80 Euro zu, diese hat er beantragt. Ein gerade geborenes Tier habe keinen großen Wert, den erreicht es erst nach zwei Jahren, also bei Schlachtreife.

Zur Zeit stehen die 15 Kühe im Stall. Fast jede Nacht bringt eine von ihnen ein Junges zur Welt, das machen sie komplett ohne Hilfe. Zehn Kälber sind schon geboren worden, drei bis vier kommen in den nächsten Tagen. Im Mai geht es für sie normalerweise wieder raus auf die Wiese. In diesem Jahr habe er dabei erstmals ein mulmiges Gefühl, sagt der Züchter. Kein Grund, sie dauerhaft drinnen zu halten. Es sei schließlich nicht Sinn und Zweck einer Kuh, im Stall zu stehen, sagt er. Seiner Meinung nach müssten die Tiere vom Gras leben, er füttert ansonsten nur eigenes Getreide dazu, kein Kraftfutter.

In den nächsten Monaten werde er in einen wolfssicheren Zaun investieren, der in engeren Abständen Strom führt, als der vorhandene. Schließlich sei es dem Wolf ja gelungen, das Tier unter dem 5.000-Volt-Elektrozaun drunter durchzuziehen. Möglicherweise waren auch zwei Tiere vor Ort. Die Wolfsberaterin habe zwei Kothaufen am Tatort gefunden, die auf ein Alt- und ein Jungtier hindeuten.

Auf dieser Weide stehen die Angusrinder in den wärmeren Monaten. Der dortige Zaun konnte den Wolf aber nicht daran hindern, ein Kalb zu reißen. Daher möchte Züchter Heinrich Nagel in den nächsten Monaten in einen wolfssicheren Zaun investieren. - © Alex Lehn
Auf dieser Weide stehen die Angusrinder in den wärmeren Monaten. Der dortige Zaun konnte den Wolf aber nicht daran hindern, ein Kalb zu reißen. Daher möchte Züchter Heinrich Nagel in den nächsten Monaten in einen wolfssicheren Zaun investieren. - © Alex Lehn

Der Jagdpächter

Heinrich Nagel hat von mehreren Fällen in der Umgebung gehört, bei denen der Wolf Tiere gerissen hat. Diese seien aber nicht angezeigt worden. Auch Jagdpächter Willi Traue wurde vor kurzem zu den Überresten eines Rehs gerufen, das südwestlich von Friedewalde getötet wurde. Ein Hund frisst kein ganzes Reh, ist er überzeugt von der Täterschaft eines Wolfes. Dafür spreche außerdem, dass kürzlich auf einem nahen Hof ein Wolf gesehen wurde. In Absprache mit dem Kreisjagdberater habe man jedoch darauf verzichtet, einen Wolfsberater hinzuziehen. Es gebe nur eine Bestätigung, das Reh bekomme man aber nicht ersetzt, meint er.

Willi Traue stellt klar, dass er nicht grundsätzlich gegen die Ansiedlung von Wölfen sei. „Es ist schön, dass wir ihn in Deutschland haben“, sagt der Landschaftswächter. Er sollte sich seiner Meinung nach aber dort aufhalten, wo er hingehört, nämlich in ausgedehnten Waldgebieten, etwa in Brandenburg. Im Kreis Minden-Lübbecke sei das Nahrungsangebot zu gering und der Landstrich sei zu dicht bevölkert. Schon jetzt seien Rehe am Wald nur noch nachts zu sehen, bedauert er – eine Folge der Nähe des Wolfes, so seine Erklärung. Er ist überzeugt davon, dass sich der Wolf dauerhaft im Kreis ansiedeln wird – „demnächst haben wir ein Rudel im Mindener Wald“, so seine Prognose.

Das Umweltamt

Momentan kommt fast jede Nacht ein neues Kalb zur Welt. - © Alex Lehn
Momentan kommt fast jede Nacht ein neues Kalb zur Welt. - © Alex Lehn

Solche Thesen hält Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann bisher für „reine Spekulation“. Wenn es dem Wolf gut gefalle, könne sich möglicherweise irgendwann ein Einzeltier hier niederlassen, schränkt er allerdings ein. Die Rudelbildung beginne dann später. Der Sprecher rät dringend dazu, jeden Verdachtsfall zu melden. Die Nachweise würden gebraucht, jeder Hinweis sei wichtig. In NRW werde der Wolf genau beobachtet. Wenn innerhalb von sechs Monaten mehrfach individuelle Nachweise festgestellt werden, würde das Umweltamt weitere Schritte unternehmen. Das könne ein Hinweis auf eine dauerhafte Ansiedlung sein.

Das Bundesumweltamt sagt dazu, dass es Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere vor allem von durchziehenden Tiere gebe und dort, wo Wölfe sich in neuen Territorien etablieren – und die Weidetierhalter sich noch nicht auf deren Anwesenheit eingestellt haben. Es tue ihm leid für die Tierhalter und Jäger, aber so sei halt die Natur, sagt Deitermann. Die Ausweisung eines Wolfsgebietes sei für die Nutztierhaltung von Bedeutung. Landwirte könnten Fördergelder beantragen und damit etwa in den Herdenschutz investieren. Im Norden grenzen die Territorien von drei niedersächsischen Wolfsrudeln (Rehden, Rehburg und Uchte) an den Kreis Minden-Lübbecke. Wenn die angrenzenden Bereiche zu sogenannten Pufferzonen erklärt werden, seien auch hier Präventionsmaßnahmen förderfähig.

Ausblick

Rinderhalter Heinrich Nagel will in diesem Jahr investieren. Die betroffene Wiese sei einen Hektar groß und liege in der Gemarkung Neuenknick, sie grenzt an Niedersachsen. Wie auch Jagdpächter Willi Traue ist er überzeugt davon, dass sich der Wolf dauerhaft in der Gegend ansiedeln wird. „Wir müssen damit leben“, sagt der Rosenhäger, der selber noch keinen Wolf gesehen hat. Erst vor einigen Tagen habe seine Herde nachts verrückt gespielt. Als er nachschaute, sah er in der Dunkelheit nur noch ein Augenpaar verschwinden. Ein Wolf?

Auch er bezeichnet sich nicht als Gegner des Wolfes, ihm liegen seine Tiere am Herzen. Diese würde er gerne länger aufwachsen sehen. Am liebsten würde er sie drei Jahre alt werden lassen, bevor er sie zum Schlachter bringt – doch das rentiere sich finanziell überhaupt nicht. In den vergangenen Jahren habe er immer weniger Geld für das Fleisch bekommen. Wenn er jedes Mal bei der Kontrolle auf der Weide Angst haben müsse, würde er möglicherweise schweren Herzens aufgeben. Der Schock über den Anblick des toten Kalbs sitzt ihm noch in den Knochen.

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