Diamantener Meisterbrief: Friedrich Wendte hatte einen Job, den es heute nicht mehr gibt Oliver Plöger Petershagen-Raderhorst. Er musste verdammt früh auf den Beinen sein, um 4 Uhr morgens wartete der erste Auftrag. Also machte sich Friedrich Wendte aus Raderhorst mit seinem Fahrrad zeitig auf den Weg, hinten drauf der unvermeidliche Bolzenschussapparat. Oft kam der – wenn nicht in seinem Heimatdorf – in Bierde, in Ilserheide und Quetzen zum Einsatz, seinem Schlachtgebiet. Friedrich Wendte war Hausschlachter, 60 Jahre sogar Meister seines Fachs, wofür ihm jetzt von der Handwerkskammer der Diamantene Meisterbrief verliehen wurde. Seine vier Lehrjahre erlebte Friedrich Wendte, vor 84 Jahren in Raderhorst geboren, bei einem Hausschlachtermeister in Bierde, blieb zunächst drei Jahre Geselle. „Dann wurde mein Meister plötzlich krank und verstarb. Im Winter musste ich gleich die ganze Kundschaft übernehmen.“ Wendte hatte nach dem Tod seines Chefs zwar gleich den Meisterlehrgang angefangen, die Prüfung aber war erst im April des folgenden Jahres angesetzt. Das Problem: „Die Schweine mussten weg“, sagt Wendte. Und so gab es für die jetzt folgenden Monate eine Ausnahmegenehmigung vom Regierungspräsidium in Detmold. Seit dem 15. Oktober 1960 war Friedrich Wendte selbstständig: Der Raderhorster durfte schlachten und musste büffeln. „Schlafen war Nebensache“, sagt er. Arbeit habe es damals reichlich gegeben – kein Wunder, fast jeder Haushalt ließ im Haus schlachten, wie Wendte weiß, und: „Wenn in Bierde ein Haus gebaut wurde, dann ging es zuerst nicht etwa um die gute Stube, erst haben sie den Schweinestall fertiggemacht. Oma und Opa kauften dann Ferkel, damit die Jungverheirateten im Herbst ihre eigenen Schweine hatten.“ Und die Tiere, so sagt er, hatten eine sehr gute Qualität. „Das erste Schwein wurde dann ab Oktober geschlachtet, wog gut dreienhalb Zentner. Die meisten nahmen zwei Ferkel, geschlachtet wurde das zweite Tier dann im Februar. Das hatte fast vier Zentner.“ Wenn Friedrich Wendte erzählt, was daraus gemacht wurde, dann gerät er noch heute ins Schwärmen: „Da gab es 80 Pfund echte Westfälische Mettwurst, die Schinken wurden eingepökelt.“ Fleisch war wichtig, aber auch Speck. Und die Produktion selbst sei immer ein besonderes Ereignis gewesen, die Familie half mit, bei den Bauern wurden die Knechte eingespannt, die das Blut rührten. In den Wohnsiedlungen war sein Besuch ein Ereignis: „Da kamen die Nachbarn zusammen und halfen, das Schwein an der Leiter hochzuziehen.“ Für alle gab es Stippgrütze und gern auch einen Schluck. „Das ist schon wichtig, wenn man den ganzen Tag in der Schlachteküche steht“, schmunzelt Friedrich Wendte. Der Raderhorster war stets ein gern gesehener Gast. Wenn er kam, war die amtliche Fleischbeschau beendet, die Tiere waren zur Schlachtung freigegeben. „Die Bauern hatten damals noch viel Personal. Da saßen oft 15 Leute am Tisch und wollten Fleisch.“ Traurige Gesichter gab es nur, wenn der Fleischbeschauer am nächsten Tag wiederkam und zuvor nicht sichtbare Krankheiten feststellte. „Trichinen kann man mit bloßem Auge nicht sehen“, sagt Wendte. Dass Wendtes Methode vom ersten Berufstag an der Bolzenschussapparat war, stimmt ihn heute zufrieden. Man wähle je nach Größe des Tieres eine Patrone und betäube es dann. Vor seiner Zeit habe es die langen Eisenpinnen gegeben, die dem Schwein von einem Helfer vor den Kopf gehalten wurden. Der Schlachter musste dann zum Hammer greifen und vor allem treffen. „Das war wie Hau den Lukas“, sagt Wendte. „Ich halte den Bolzenschussapparat für die beste Methode, für mich ist das ist keine Tierquälerei.“ 15 oder 16 Stunden habe er täglich gearbeitet, sagt Wendte. Bis zu drei Schlachtungen habe es pro Tag gegeben, was die frühe Startzeit erklärt. Oft habe er auch am Wochenende arbeiten müssen, da hätten die Leute Zeit für die Schlachtungen gehabt. Anfangs habe er die Aufträge direkt vor Ort bekommen. Dass Wendte schlachtete, war bekannt. „Telefone hatten in den sechziger Jahren nur der Pfarrer und der Arzt“, sagt er. Auch auf das Fahrrad konnte der Raderhorster lange nicht verzichten, bis es in den Siebzigern für einen VW Käfer reichte. Dass die Arbeit dann bald weniger wurde, empfand er gar nicht als so schlimm. „In der Zeit davor hatte ich mich oft überlastet gefühlt, das war dann besser.“ In Deutschland war der Wohlstand eingezogen, sagt Friedrich Wendte. Statt Schlachter kamen die Maurer: „Mitte der Achtziger-Jahre wurden viele Ställe zu Garagen umgebaut.“ Eine eigene Tierhaltung sei vielfach gar nicht mehr notwendig gewesen, erklärt Wendte: „Es gab ja jetzt die Supermärkte.“ Der Raderhorster engagierte sich derweil stärker ehrenamtlich. Seit 1971 war er Stellvertretender Obermeister der Hausschlachter-Innung, ab 1981 Obermeister, seit 2012 Ehrenobermeister. Als sich die Hausschlachter-Innung 2014 auflöste, titelte das MT: „Friedrich Wendte verpasst keine Sitzung.“ Und in der Tat: 30 Jahre war er immer dabei. Friedrich Wendte selbst ist mit 65 Jahren in den Ruhestand gegangen, denkt gerne an seine Berufsjahre zurück, an die Meisterfeier in der Oetker-Halle, an das Engagement im Ehrenamt und jetzt die Verleihung des Diamantenen Meisterbriefs. Den bekam er von Peter Eul überreicht, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld. Und Euls Satz klingt ihm noch in den Ohren: „Sie haben ihr Handwerk mit Verantwortung und Können ausgeübt.“ Wenn er jung wäre und wenn die Hausschlachter noch gebraucht würden – Friedrich Wendte aus Raderhorst würde wieder einsteigen. Eine Bedingung allerdings gibt es: „16 Stunden am Tag arbeiten würde ich nicht mehr.“

Diamantener Meisterbrief: Friedrich Wendte hatte einen Job, den es heute nicht mehr gibt

60 Jahre Meister seines Fachs: Friedrich Wendte mit der Urkunde der Handwerkskammer. MT-Foto: Oliver Plöger © Plöger

Petershagen-Raderhorst. Er musste verdammt früh auf den Beinen sein, um 4 Uhr morgens wartete der erste Auftrag. Also machte sich Friedrich Wendte aus Raderhorst mit seinem Fahrrad zeitig auf den Weg, hinten drauf der unvermeidliche Bolzenschussapparat. Oft kam der – wenn nicht in seinem Heimatdorf – in Bierde, in Ilserheide und Quetzen zum Einsatz, seinem Schlachtgebiet. Friedrich Wendte war Hausschlachter, 60 Jahre sogar Meister seines Fachs, wofür ihm jetzt von der Handwerkskammer der Diamantene Meisterbrief verliehen wurde.

Seine vier Lehrjahre erlebte Friedrich Wendte, vor 84 Jahren in Raderhorst geboren, bei einem Hausschlachtermeister in Bierde, blieb zunächst drei Jahre Geselle. „Dann wurde mein Meister plötzlich krank und verstarb. Im Winter musste ich gleich die ganze Kundschaft übernehmen.“

Wendte hatte nach dem Tod seines Chefs zwar gleich den Meisterlehrgang angefangen, die Prüfung aber war erst im April des folgenden Jahres angesetzt. Das Problem: „Die Schweine mussten weg“, sagt Wendte. Und so gab es für die jetzt folgenden Monate eine Ausnahmegenehmigung vom Regierungspräsidium in Detmold. Seit dem 15. Oktober 1960 war Friedrich Wendte selbstständig: Der Raderhorster durfte schlachten und musste büffeln. „Schlafen war Nebensache“, sagt er.

Eigene Fotos hat Friedrich Wendte nicht, dazu fehlte die Zeit. So aber sah die Hausschlachtung damals aus. Repro: Robert Kauffeld - © Robert Kauffeld
Eigene Fotos hat Friedrich Wendte nicht, dazu fehlte die Zeit. So aber sah die Hausschlachtung damals aus. Repro: Robert Kauffeld - © Robert Kauffeld

Arbeit habe es damals reichlich gegeben – kein Wunder, fast jeder Haushalt ließ im Haus schlachten, wie Wendte weiß, und: „Wenn in Bierde ein Haus gebaut wurde, dann ging es zuerst nicht etwa um die gute Stube, erst haben sie den Schweinestall fertiggemacht. Oma und Opa kauften dann Ferkel, damit die Jungverheirateten im Herbst ihre eigenen Schweine hatten.“ Und die Tiere, so sagt er, hatten eine sehr gute Qualität. „Das erste Schwein wurde dann ab Oktober geschlachtet, wog gut dreienhalb Zentner. Die meisten nahmen zwei Ferkel, geschlachtet wurde das zweite Tier dann im Februar. Das hatte fast vier Zentner.“

Wenn Friedrich Wendte erzählt, was daraus gemacht wurde, dann gerät er noch heute ins Schwärmen: „Da gab es 80 Pfund echte Westfälische Mettwurst, die Schinken wurden eingepökelt.“ Fleisch war wichtig, aber auch Speck.

Und die Produktion selbst sei immer ein besonderes Ereignis gewesen, die Familie half mit, bei den Bauern wurden die Knechte eingespannt, die das Blut rührten. In den Wohnsiedlungen war sein Besuch ein Ereignis: „Da kamen die Nachbarn zusammen und halfen, das Schwein an der Leiter hochzuziehen.“ Für alle gab es Stippgrütze und gern auch einen Schluck. „Das ist schon wichtig, wenn man den ganzen Tag in der Schlachteküche steht“, schmunzelt Friedrich Wendte.

Der Raderhorster war stets ein gern gesehener Gast. Wenn er kam, war die amtliche Fleischbeschau beendet, die Tiere waren zur Schlachtung freigegeben. „Die Bauern hatten damals noch viel Personal. Da saßen oft 15 Leute am Tisch und wollten Fleisch.“ Traurige Gesichter gab es nur, wenn der Fleischbeschauer am nächsten Tag wiederkam und zuvor nicht sichtbare Krankheiten feststellte. „Trichinen kann man mit bloßem Auge nicht sehen“, sagt Wendte.

Dass Wendtes Methode vom ersten Berufstag an der Bolzenschussapparat war, stimmt ihn heute zufrieden. Man wähle je nach Größe des Tieres eine Patrone und betäube es dann. Vor seiner Zeit habe es die langen Eisenpinnen gegeben, die dem Schwein von einem Helfer vor den Kopf gehalten wurden. Der Schlachter musste dann zum Hammer greifen und vor allem treffen. „Das war wie Hau den Lukas“, sagt Wendte. „Ich halte den Bolzenschussapparat für die beste Methode, für mich ist das ist keine Tierquälerei.“

15 oder 16 Stunden habe er täglich gearbeitet, sagt Wendte. Bis zu drei Schlachtungen habe es pro Tag gegeben, was die frühe Startzeit erklärt. Oft habe er auch am Wochenende arbeiten müssen, da hätten die Leute Zeit für die Schlachtungen gehabt. Anfangs habe er die Aufträge direkt vor Ort bekommen. Dass Wendte schlachtete, war bekannt. „Telefone hatten in den sechziger Jahren nur der Pfarrer und der Arzt“, sagt er. Auch auf das Fahrrad konnte der Raderhorster lange nicht verzichten, bis es in den Siebzigern für einen VW Käfer reichte.

Dass die Arbeit dann bald weniger wurde, empfand er gar nicht als so schlimm. „In der Zeit davor hatte ich mich oft überlastet gefühlt, das war dann besser.“ In Deutschland war der Wohlstand eingezogen, sagt Friedrich Wendte. Statt Schlachter kamen die Maurer: „Mitte der Achtziger-Jahre wurden viele Ställe zu Garagen umgebaut.“ Eine eigene Tierhaltung sei vielfach gar nicht mehr notwendig gewesen, erklärt Wendte: „Es gab ja jetzt die Supermärkte.“ Der Raderhorster engagierte sich derweil stärker ehrenamtlich. Seit 1971 war er Stellvertretender Obermeister der Hausschlachter-Innung, ab 1981 Obermeister, seit 2012 Ehrenobermeister. Als sich die Hausschlachter-Innung 2014 auflöste, titelte das MT: „Friedrich Wendte verpasst keine Sitzung.“ Und in der Tat: 30 Jahre war er immer dabei.

Friedrich Wendte selbst ist mit 65 Jahren in den Ruhestand gegangen, denkt gerne an seine Berufsjahre zurück, an die Meisterfeier in der Oetker-Halle, an das Engagement im Ehrenamt und jetzt die Verleihung des Diamantenen Meisterbriefs. Den bekam er von Peter Eul überreicht, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld. Und Euls Satz klingt ihm noch in den Ohren: „Sie haben ihr Handwerk mit Verantwortung und Können ausgeübt.“ Wenn er jung wäre und wenn die Hausschlachter noch gebraucht würden – Friedrich Wendte aus Raderhorst würde wieder einsteigen. Eine Bedingung allerdings gibt es: „16 Stunden am Tag arbeiten würde ich nicht mehr.“

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen