OWL Crime Der Auftragsmord von Petershagen: Ein tödlicher Irrtum und die Folgen Ein Mordanschlag misslingt auf spektakuläre Weise. Die Tat wird für zwei Familien zum Horror und führt zu einem Gerichtsmarathon. Martin Krause Petershagen. Bernd Scheurenberg war völlig arglos, als er an einem frostigen Novemberabend durch den ersten Schnee in Frille stapfte. Der 33-Jährige war den Weg schon so oft gegangen: Kurz die Hauptstraße überqueren, dann den engen Weg zwischen zwei düsteren Wirtschaftsgebäuden des großen Nachbarhofes nehmen. Durch den Pferdestall wollte der junge Mann wie so oft zu seinem Jugendfreund Karl-Friedrich Meiner (Familienname geändert). Bernd Scheurenberg hatte eine Plastiktüte mit Videos dabei – Bernd und Karl-Friedrich teilten ihre Filmleidenschaft. An diesem 25. November 1985 trafen die beiden sich jedoch nicht mehr. Als der Besucher gegen 19 Uhr die Tür des Stalles öffnete und seine Augen sich noch an die Dunkelheit gewöhnten, trat ihm ein Mann mit einem Kleinkalibergewehr entgegen. Die Mündung hielt er seinem Opfer nur 30 Zentimeter vor das Gesicht und drückte ab. Es war das Ende des kurzen Lebensweges des Installateurs Bernd Scheurenberg. Die Geschichte seiner Ermordung sollte jedoch noch mehr als acht Jahre weitergehen. Der Mörder war Siegfried Sinkmann (Name geändert), ein bulliger gelernter Schlachter aus der niedersächsischen Kleinstadt Rehburg-Loccum. Der damals 34-Jährige arbeitete als Bergmann in einem Bergwerk der Kali und Salz AG und war notorisch klamm. Mit Nebenjobs besserte er sein Gehalt auf, um seine Familie mit fünf Kindern zu ernähren. Eines Tages bekam der verschuldete Siegfried Sinkmann ein Angebot, durch dessen Annahme er sich 70.000 D-Mark erhoffte. Der Auftrag: Er sollte den 29-jährigen Bauernsohn Karl-Friedrich Meiner töten. Der junge Meiner lebte auf dem Hof seines Vaters mitten in Frille. Er war zugleich der Erbe des 15 Hektar großen Hofes seiner früh verstorbenen Mutter. Eigentlich war er schon seit Kindertagen wohlhabend. Und doch lag er seit Jahren – und inzwischen beinahe ständig – mit seinem Vater Fritz im Streit ums Geld. Fritz Meiner besaß selbst einen gut sechs Hektar großen Hof. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte er ein zweites Mal geheiratet und drei weitere Söhne bekommen. Eine Zeit lang bewirtschaftete der 1926 geborene Alt-Bauer zwei Höfe, die ein gutes Auskommen boten. Doch sein ältester Sohn Karl-Friedrich begann, den Hof seiner Mutter stückweise zu versilbern. Im Verlauf der Jahre kassierte er einen Millionenbetrag – aber das reichte ihm nicht. Er versuchte, seinen inzwischen ebenfalls verschuldeten Vater auch von dessen Hof zu verdrängen, wollte ihm am Ende selbst sein lebenslanges Wohnrecht streitig machen. Mit der Axt in der Hand am Bett der Eltern Vor Gericht wird der Sohn später als arbeitsscheuer Lebemann beschrieben, der sein Geld bei häufigen Gaststättenbesuchen vertrank. Der Streit zwischen Vater und Sohn wurde zunehmend gewalttätig. Eines Nachts stand Karl-Friedrich Meiner mit der Axt in der Hand vor dem Bett der Eltern und stieß Todesdrohungen aus. Ein anderes Mal geriet er so in Rage, dass er seinen Vater mit Messerstichen verletzte. Besorgt um seine wirtschaftliche Existenz und in Angst vor seinem Sohn fasste Fritz Meiner 1984 den Entschluss, seinen Sohn zu beseitigen. Weil er Skrupel hatte, es selbst zu tun, suchte er einen Auftragsmörder. Über seinen Kontakt zu einem Pferdehändler fand er im Sommer 1985 schließlich den Metzgergesellen Sinkmann und setzte ihn auf das eigene Kind an. Hinter den Fassaden des stattlichen Schäkelhofs in Frille tobte ein familiärer Konflikt voller Gier, Hass und Gewalt. Doch die Besonderheit des Falls ergibt sich aus seiner Tragik, denn als Siegfried Sinkmann im November 1985 tatsächlich zur Tat schritt, tötete er den Falschen. Noch ungewöhnlicher: Die Tat wurde zunächst nicht erkannt. Der Arzt vermutete, Scheurenberg wäre durch einen unglücklichen Sturz gestorben. Kein Ermittler schöpfte Verdacht. Erst nach einer weiteren furiosen Zuspitzung des Streits sollte das Mordkomplott zwei Jahre später im Jahr 1987 ans Licht kommen. Der „Hoferbenfall" wurde ein strafrechtliches Lehrstück – ein Musterfall für Jurastudenten. „Der Fall zeigt, dass die Wirklichkeit oft Geschichten schreibt, die unser Vorstellungsvermögen übersteigen", sagt Holger Rostek, der als Strafverteidiger den Auftraggeber Fritz Meiner verteidigte. Sechs Jahre lang kämpfte der Bielefelder für seinen Mandanten. Während Siegfried Sinkmann am 23. Oktober 1989 vom Landgericht Bielefeld wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wird, ergeht gegen Fritz Meiner nur eine 13-jährige Freiheitsstrafe. Doch dieses Urteil wird auf Antrag der Staatsanwälte vom Bundesgerichtshof (BGH) aufgehoben: Denn der Anstifter soll wie der Täter bestraft werden. Und der Auftraggeber des Mordes soll keine Vorteile davon haben, dass er eigentlich einen anderen Menschen töten lassen wollte, der aus Versehen überlebte. „Der Irrtum des Täters soll sich auf den Anstifter nicht auswirken", erklärt Rostek die oberste Rechtssprechung mit Verweis auf einen ähnlichen Fall aus dem Jahr 1859. Mordauftrag bleibt Mordauftrag. Im zweiten Durchgang wird Rosteks Mandant daher vom Landgericht Bielefeld zu lebenslanger Haft verurteilt – doch auch dieses Urteil hat keinen Bestand. Die von Rostek eingelegte Revision führt zur erneuten Aufhebung durch den BGH. Die obersten Richter am BGH in Karlsruhe verwiesen das Verfahren nun an ein anderes Gericht – nach Dortmund. Rostek darf einen zweiten Gutachter hinzuziehen, der bei Fritz Meiner eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit feststellt. Der Erfolg: Meiner wird am 22. Dezember 1993 wegen Anstiftung zum Mord und versuchten Mordes zu "nur" zwölf Jahren Haft verurteilt. Nach sechs Jahren in U-Haft wird die Hälfte der Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Er kommt sofort frei. „Niemand hätte einen Grund gehabt, ihn zu töten" Das neue Gutachten enthielt keine schmeichelhafte Diagnose: Meiners Steuerungsfähigkeit sei wegen einer „schweren seelischen Abartigkeit" beeinträchtigt gewesen. Sein Mandant habe an einer Persönlichkeitsstörung gelitten, erklärt Rostek; eine emotionale Kälte, für die traumatische Kriegserlebnisse eine Rolle gespielt haben könnten. Traumatisch verliefen freilich auch die Ereignisse, für die Meiner selbst verantwortlich war. Natürlich war die Familie Scheurenberg nach dem Tod von Bernd fassungslos und voller Trauer. „Niemand hätte einen Grund gehabt, ihn zu töten", erinnert sich Harald Scheurenberg an seinen Bruder, den er als lebensfrohen und freundlichen Menschen beschreibt. So gab es wohl auch für den herbeigerufenen Arzt und die Polizei keinen Grund, den plötzlichen Tod des jungen Handwerkers näher zu beleuchten. Der Schuss war unerkannt unter seinem rechten Auge eingeschlagen, das Projektil blieb im Schädel stecken und wurde erst Jahre später entdeckt. Die Wunde am Auge sollte der Tote sich zugezogen haben, als er mit Schnee unter den Schuhen ausrutschte und bei dem schweren Sturz einen Wasserhahn streifte. Bernd Scheurenberg war sofort tot, „vermutlich Schädelbasisbruch", befand der Arzt damals. Einen Zusammenhang des Todesfalles mit der Familie Meiner hätte bei den Scheurenbergs damals keiner für möglich gehalten – selbst der massive Streit im Nachbarhaus war den Scheurenbergs kaum bekannt. „Ich wusste auch nicht, dass Karl-Friedrich ein Säufer gewesen sein sollte", sagt der Bruder des Opfers heute. Nach dem tödlichen Irrtum gärte der Zwist zwischen Vater und Sohn weiter. Fritz Meiner wollte den Tod seines Erstgeborenen mehr als je zuvor. Vor dem ersten Mordanschlag 1985 hatte es noch Hinweise gegeben, dass Meiner unsicher gewesen sein könnte. Eines Abends im Sommer 1985, als Siegfried Sinkmann erstmals im Pferdestall auf der Lauer lag, um Meiners Sohn wie ursprünglich geplant mit einem Seil zu erwürgen, war der Alte überraschend noch einmal im Stall erschienen. Wie üblich verzehrte der Junior noch einen in einer Plastiktüte mitgebrachten Imbiss. Der Vater gesellte sich hinzu und vereitelte so den Mord. Fritz Meiner suchte erneut nach einem Killer Doch der Streit verschärfte sich. Es kam 1986 und 1987 zu neuen Drohungen, Handgreiflichkeiten und juristischen Scharmützeln. Inzwischen wollten Karl-Friedrichs drei Halbbrüder den Hof in Frille übernehmen – und Fritz Meiner suchte erneut nach einem Killer für seinen noch immer im selben Haus lebenden ältesten Sohn. Bei Siegfried Sinkmann, der sich beim ersten Mal so fatal geirrt hatte, holte der Bauer sich eine Abfuhr. Auch ein Nachbar sowie ein weiterer Bekannter, den Meiner um eine tödliche Dosis Kokain bat, lehnten jede Beteiligung ab. Da entschloss Fritz Meiner sich, selbst Hand anzulegen. Unter dem Vorwand, den Traktor zu reparieren, lockte er den Sohn am 17. November 1987 in die Scheune und schlug ihm in einem unbeobachteten Moment mit einem schweren Eisenrohr auf den Kopf. Mit einer 15 Zentimeter langen Platzwunde flüchtete der junge Mann und kam erneut mit dem Leben davon. Makaber: Der völlig aufgelöste Fritz Meiner wollte sich jetzt selbst umbringen, doch auch das misslang. Als der 61-jährige Vater schon mit der Schlinge um den Hals auf einer Öltonne in der Scheune stand, kehrte sein Sohn zurück und verhinderte den Selbstmord. Fritz Meiner forderte seinen Sohn am Ende auf, ihm eine Flasche Schnaps zu besorgen, vermerkten die Richter trocken im ersten Urteil. Der Mordplan war aufgeflogen und ein Verdacht keimte auf: Bernd Scheurenberg wurde exhumiert und untersucht, Fritz Meiner verhaftet. Karl-Friedrichs Mutter hatte sich früh das Leben genommen Über der Familie Meiner und dem Schäkelhof hatte schon lange ein Schatten gelegen. Als Karl-Friedrich Meiner erst zwei Jahre alt war, hatte seine Mutter, Fritz Meiners erste Ehefrau Hilde sich das Leben genommen. Die Gründe hierfür seien nicht bekannt, stellte das Landgericht Bielefeld fest. Der junge Karl-Friedrich fühlte sich in der neuen Familie seines Vaters und seiner Stiefmutter benachteiligt und an die Seite gedrängt – wurde er deshalb zum schwarzen Schaf der Familie? In dem juristischen Kampf, den er sich später mit seinem Vater lieferte, warf er dem Senior zudem vor, Teile seines mütterlichen Erbes unterschlagen und veruntreut zu haben. Die Familie Meiner verließ später das Dorf Frille. Doch in den einst ansehnlichen Schäkelhof zog auch später kein Glück ein. Nur für kurze Zeit lebten hier nach Umbauten noch Familien mit Kindern. Seit Jahren steht das Anwesen, das heute einem Berliner Gastronomen gehören soll, leer und verkommt. Wildwuchs erobert die abgezäunte Ruine, und im Obergeschoss gedeihen Birken auf dem Balkon.
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Der Auftragsmord von Petershagen: Ein tödlicher Irrtum und die Folgen

In Frille, einem Ortsteil von Petershagen, spielte sich einer der ungewöhnlichsten Kriminalfälle in OWL überhaupt ab. © Martin Krause

Petershagen. Bernd Scheurenberg war völlig arglos, als er an einem frostigen Novemberabend durch den ersten Schnee in Frille stapfte. Der 33-Jährige war den Weg schon so oft gegangen: Kurz die Hauptstraße überqueren, dann den engen Weg zwischen zwei düsteren Wirtschaftsgebäuden des großen Nachbarhofes nehmen. Durch den Pferdestall wollte der junge Mann wie so oft zu seinem Jugendfreund Karl-Friedrich Meiner (Familienname geändert).

Bernd Scheurenberg hatte eine Plastiktüte mit Videos dabei – Bernd und Karl-Friedrich teilten ihre Filmleidenschaft. An diesem 25. November 1985 trafen die beiden sich jedoch nicht mehr. Als der Besucher gegen 19 Uhr die Tür des Stalles öffnete und seine Augen sich noch an die Dunkelheit gewöhnten, trat ihm ein Mann mit einem Kleinkalibergewehr entgegen. Die Mündung hielt er seinem Opfer nur 30 Zentimeter vor das Gesicht und drückte ab.

Vor Gericht wurde Friedrich Meinert von Holger Rostek (l.) verteidigt. - © Stöss
Vor Gericht wurde Friedrich Meinert von Holger Rostek (l.) verteidigt. - © Stöss

Es war das Ende des kurzen Lebensweges des Installateurs Bernd Scheurenberg. Die Geschichte seiner Ermordung sollte jedoch noch mehr als acht Jahre weitergehen. Der Mörder war Siegfried Sinkmann (Name geändert), ein bulliger gelernter Schlachter aus der niedersächsischen Kleinstadt Rehburg-Loccum.

Der damals 34-Jährige arbeitete als Bergmann in einem Bergwerk der Kali und Salz AG und war notorisch klamm. Mit Nebenjobs besserte er sein Gehalt auf, um seine Familie mit fünf Kindern zu ernähren. Eines Tages bekam der verschuldete Siegfried Sinkmann ein Angebot, durch dessen Annahme er sich 70.000 D-Mark erhoffte. Der Auftrag: Er sollte den 29-jährigen Bauernsohn Karl-Friedrich Meiner töten. Der junge Meiner lebte auf dem Hof seines Vaters mitten in Frille. Er war zugleich der Erbe des 15 Hektar großen Hofes seiner früh verstorbenen Mutter.

Eigentlich war er schon seit Kindertagen wohlhabend. Und doch lag er seit Jahren – und inzwischen beinahe ständig – mit seinem Vater Fritz im Streit ums Geld. Fritz Meiner besaß selbst einen gut sechs Hektar großen Hof. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte er ein zweites Mal geheiratet und drei weitere Söhne bekommen. Eine Zeit lang bewirtschaftete der 1926 geborene Alt-Bauer zwei Höfe, die ein gutes Auskommen boten. Doch sein ältester Sohn Karl-Friedrich begann, den Hof seiner Mutter stückweise zu versilbern. Im Verlauf der Jahre kassierte er einen Millionenbetrag – aber das reichte ihm nicht. Er versuchte, seinen inzwischen ebenfalls verschuldeten Vater auch von dessen Hof zu verdrängen, wollte ihm am Ende selbst sein lebenslanges Wohnrecht streitig machen.

Mit der Axt in der Hand am Bett der Eltern

Vor Gericht wird der Sohn später als arbeitsscheuer Lebemann beschrieben, der sein Geld bei häufigen Gaststättenbesuchen vertrank. Der Streit zwischen Vater und Sohn wurde zunehmend gewalttätig. Eines Nachts stand Karl-Friedrich Meiner mit der Axt in der Hand vor dem Bett der Eltern und stieß Todesdrohungen aus. Ein anderes Mal geriet er so in Rage, dass er seinen Vater mit Messerstichen verletzte. Besorgt um seine wirtschaftliche Existenz und in Angst vor seinem Sohn fasste Fritz Meiner 1984 den Entschluss, seinen Sohn zu beseitigen. Weil er Skrupel hatte, es selbst zu tun, suchte er einen Auftragsmörder. Über seinen Kontakt zu einem Pferdehändler fand er im Sommer 1985 schließlich den Metzgergesellen Sinkmann und setzte ihn auf das eigene Kind an.

Der Bielefelder Rechtsanwalt Holger Rostek. - © Wolfgang Rudolf
Der Bielefelder Rechtsanwalt Holger Rostek. - © Wolfgang Rudolf

Hinter den Fassaden des stattlichen Schäkelhofs in Frille tobte ein familiärer Konflikt voller Gier, Hass und Gewalt. Doch die Besonderheit des Falls ergibt sich aus seiner Tragik, denn als Siegfried Sinkmann im November 1985 tatsächlich zur Tat schritt, tötete er den Falschen. Noch ungewöhnlicher: Die Tat wurde zunächst nicht erkannt. Der Arzt vermutete, Scheurenberg wäre durch einen unglücklichen Sturz gestorben. Kein Ermittler schöpfte Verdacht. Erst nach einer weiteren furiosen Zuspitzung des Streits sollte das Mordkomplott zwei Jahre später im Jahr 1987 ans Licht kommen.

Der „Hoferbenfall" wurde ein strafrechtliches Lehrstück – ein Musterfall für Jurastudenten. „Der Fall zeigt, dass die Wirklichkeit oft Geschichten schreibt, die unser Vorstellungsvermögen übersteigen", sagt Holger Rostek, der als Strafverteidiger den Auftraggeber Fritz Meiner verteidigte. Sechs Jahre lang kämpfte der Bielefelder für seinen Mandanten. Während Siegfried Sinkmann am 23. Oktober 1989 vom Landgericht Bielefeld wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wird, ergeht gegen Fritz Meiner nur eine 13-jährige Freiheitsstrafe. Doch dieses Urteil wird auf Antrag der Staatsanwälte vom Bundesgerichtshof (BGH) aufgehoben: Denn der Anstifter soll wie der Täter bestraft werden.

Und der Auftraggeber des Mordes soll keine Vorteile davon haben, dass er eigentlich einen anderen Menschen töten lassen wollte, der aus Versehen überlebte. „Der Irrtum des Täters soll sich auf den Anstifter nicht auswirken", erklärt Rostek die oberste Rechtssprechung mit Verweis auf einen ähnlichen Fall aus dem Jahr 1859. Mordauftrag bleibt Mordauftrag. Im zweiten Durchgang wird Rosteks Mandant daher vom Landgericht Bielefeld zu lebenslanger Haft verurteilt – doch auch dieses Urteil hat keinen Bestand. Die von Rostek eingelegte Revision führt zur erneuten Aufhebung durch den BGH.

So berichtete die Neue Westfälische 1992 über den zweiten Prozess in Bielefeld. - © Wolfgang Rudolf
So berichtete die Neue Westfälische 1992 über den zweiten Prozess in Bielefeld. - © Wolfgang Rudolf

Die obersten Richter am BGH in Karlsruhe verwiesen das Verfahren nun an ein anderes Gericht – nach Dortmund. Rostek darf einen zweiten Gutachter hinzuziehen, der bei Fritz Meiner eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit feststellt. Der Erfolg: Meiner wird am 22. Dezember 1993 wegen Anstiftung zum Mord und versuchten Mordes zu "nur" zwölf Jahren Haft verurteilt. Nach sechs Jahren in U-Haft wird die Hälfte der Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Er kommt sofort frei.

„Niemand hätte einen Grund gehabt, ihn zu töten"

Das neue Gutachten enthielt keine schmeichelhafte Diagnose: Meiners Steuerungsfähigkeit sei wegen einer „schweren seelischen Abartigkeit" beeinträchtigt gewesen. Sein Mandant habe an einer Persönlichkeitsstörung gelitten, erklärt Rostek; eine emotionale Kälte, für die traumatische Kriegserlebnisse eine Rolle gespielt haben könnten.

Traumatisch verliefen freilich auch die Ereignisse, für die Meiner selbst verantwortlich war. Natürlich war die Familie Scheurenberg nach dem Tod von Bernd fassungslos und voller Trauer. „Niemand hätte einen Grund gehabt, ihn zu töten", erinnert sich Harald Scheurenberg an seinen Bruder, den er als lebensfrohen und freundlichen Menschen beschreibt.

So gab es wohl auch für den herbeigerufenen Arzt und die Polizei keinen Grund, den plötzlichen Tod des jungen Handwerkers näher zu beleuchten. Der Schuss war unerkannt unter seinem rechten Auge eingeschlagen, das Projektil blieb im Schädel stecken und wurde erst Jahre später entdeckt. Die Wunde am Auge sollte der Tote sich zugezogen haben, als er mit Schnee unter den Schuhen ausrutschte und bei dem schweren Sturz einen Wasserhahn streifte. Bernd Scheurenberg war sofort tot, „vermutlich Schädelbasisbruch", befand der Arzt damals. Einen Zusammenhang des Todesfalles mit der Familie Meiner hätte bei den Scheurenbergs damals keiner für möglich gehalten – selbst der massive Streit im Nachbarhaus war den Scheurenbergs kaum bekannt. „Ich wusste auch nicht, dass Karl-Friedrich ein Säufer gewesen sein sollte", sagt der Bruder des Opfers heute.

Nach dem tödlichen Irrtum gärte der Zwist zwischen Vater und Sohn weiter. Fritz Meiner wollte den Tod seines Erstgeborenen mehr als je zuvor. Vor dem ersten Mordanschlag 1985 hatte es noch Hinweise gegeben, dass Meiner unsicher gewesen sein könnte. Eines Abends im Sommer 1985, als Siegfried Sinkmann erstmals im Pferdestall auf der Lauer lag, um Meiners Sohn wie ursprünglich geplant mit einem Seil zu erwürgen, war der Alte überraschend noch einmal im Stall erschienen. Wie üblich verzehrte der Junior noch einen in einer Plastiktüte mitgebrachten Imbiss. Der Vater gesellte sich hinzu und vereitelte so den Mord.

Fritz Meiner suchte erneut nach einem Killer

Doch der Streit verschärfte sich. Es kam 1986 und 1987 zu neuen Drohungen, Handgreiflichkeiten und juristischen Scharmützeln. Inzwischen wollten Karl-Friedrichs drei Halbbrüder den Hof in Frille übernehmen – und Fritz Meiner suchte erneut nach einem Killer für seinen noch immer im selben Haus lebenden ältesten Sohn. Bei Siegfried Sinkmann, der sich beim ersten Mal so fatal geirrt hatte, holte der Bauer sich eine Abfuhr. Auch ein Nachbar sowie ein weiterer Bekannter, den Meiner um eine tödliche Dosis Kokain bat, lehnten jede Beteiligung ab. Da entschloss Fritz Meiner sich, selbst Hand anzulegen.

Harald Scheurenberg vor der gesperrten dunklen Gasse, an deren Ende sich die Tür zum Stall und der Tatort befinden. - © Martin Krause
Harald Scheurenberg vor der gesperrten dunklen Gasse, an deren Ende sich die Tür zum Stall und der Tatort befinden. - © Martin Krause

Unter dem Vorwand, den Traktor zu reparieren, lockte er den Sohn am 17. November 1987 in die Scheune und schlug ihm in einem unbeobachteten Moment mit einem schweren Eisenrohr auf den Kopf. Mit einer 15 Zentimeter langen Platzwunde flüchtete der junge Mann und kam erneut mit dem Leben davon. Makaber: Der völlig aufgelöste Fritz Meiner wollte sich jetzt selbst umbringen, doch auch das misslang. Als der 61-jährige Vater schon mit der Schlinge um den Hals auf einer Öltonne in der Scheune stand, kehrte sein Sohn zurück und verhinderte den Selbstmord.

Fritz Meiner forderte seinen Sohn am Ende auf, ihm eine Flasche Schnaps zu besorgen, vermerkten die Richter trocken im ersten Urteil. Der Mordplan war aufgeflogen und ein Verdacht keimte auf: Bernd Scheurenberg wurde exhumiert und untersucht, Fritz Meiner verhaftet.

Karl-Friedrichs Mutter hatte sich früh das Leben genommen

Über der Familie Meiner und dem Schäkelhof hatte schon lange ein Schatten gelegen. Als Karl-Friedrich Meiner erst zwei Jahre alt war, hatte seine Mutter, Fritz Meiners erste Ehefrau Hilde sich das Leben genommen. Die Gründe hierfür seien nicht bekannt, stellte das Landgericht Bielefeld fest.

Der junge Karl-Friedrich fühlte sich in der neuen Familie seines Vaters und seiner Stiefmutter benachteiligt und an die Seite gedrängt – wurde er deshalb zum schwarzen Schaf der Familie? In dem juristischen Kampf, den er sich später mit seinem Vater lieferte, warf er dem Senior zudem vor, Teile seines mütterlichen Erbes unterschlagen und veruntreut zu haben.

Die Familie Meiner verließ später das Dorf Frille. Doch in den einst ansehnlichen Schäkelhof zog auch später kein Glück ein. Nur für kurze Zeit lebten hier nach Umbauten noch Familien mit Kindern. Seit Jahren steht das Anwesen, das heute einem Berliner Gastronomen gehören soll, leer und verkommt. Wildwuchs erobert die abgezäunte Ruine, und im Obergeschoss gedeihen Birken auf dem Balkon.

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