Der Antirassist: Bundesverdienstkreuz für Wolfgang Battermann Jürgen Langenkämper Petershagen/Minden. Vor 60 Jahren hat ein Lebenswerk begonnen, das gestern im Kreishaus in Minden eine besondere Würdigung erfuhr: Landrätin Anna Katharina Bölling überreichte Wolfgang Battermann in Namen des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz für sein großes Engagement für das Gemeinwohl und gegen Antisemitismus und Rassismus. „Es begann 1961, genau vor 60 Jahren“, erzählte der gebürtige Mindener zum Abschluss in seinen Dankesworten, „ich war 14 Jahre alt und verfolgte den Eichmann-Prozess in Jerusalem am Fernsehschirm.“ Nicht fasziniert von der „Banalität des Bösen“ Eichmanns, wie Hannah Arendt es nannte, sei er gewesen, „sondern erstarrt vor Entsetzen über das grausamste Verbrechen der Menschheit und die gewissenlose individuelle Verantwortungslosigkeit eines Eichmann“. Fortan sollten ihn Judentum und Antisemitismus nicht mehr loslassen, nicht als Schüler, Student der 68er-Generation, als Lehrer am Gymnasium Petershagen nicht und auch nicht als Bürger und Privatperson. Seine Reaktion sei damals schon und stets gewesen: „Das darf nicht wieder passieren, nie wieder!“ Das sei der Grund, „warum ich hier heute noch stehe – nach 60 Jahren“. Untrennbar mit der Region sind der Name Wolfgang Battermanns und sein ehrenamtliches Wirken vor allem mit der Alten Synagoge in Petershagen verbunden. Die Landrätin skizzierte den Weg von ersten Überlegungen während der Referendarzeit am Gymnasium über erste Erörterungen im Rat 1997 bis zum Kauf und zur Sanierung 1998 und der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen, deren stellvertretender Vorsitzender er seither ist. 2002 war Wolfgang Battermann Mitbegründer des Arbeitskreises Antisemitismus in seiner Geburtsstadt Minden. 2007 gründete er den Arbeitskreis Stolpersteine Petershagen. Zusammen mit vielen Helfern und Unterstützern, aber maßgeblich vorangetrieben durch sein ehrenamtliches Engagement – für das ihm seine Frau Bärbel und die Familie den Rücken freihielten – wurde die benachbarte frühere jüdische Schule erworben und gemeinsam mit der 2008 entdeckten Mikwe, dem wohl ältesten jüdischen Tauchbad in Westfalen, restauriert. Im Jahr der Einweihung, 2012, wurde sein unermüdlicher Einsatz für die Gedenk- und Erinnerungskultur mit der Verleihung des höchst seltenen Obermayer Awards gewürdigt, zwei Jahre später ergänzt durch die Verleihung der „Obermayer Insignien“. 2012 erfolgte auch die Auszeichnung „Germany at its best“ durch das Land NRW für die Rettung eines deutschlandweit einmaligen Erinnerungs- und Lernortes, den das Ensemble von Alter Synagoge und Jüdischer Schule überregional darstellt. Der Hamburger Historiker Prof. Arno Herzig warf als langjähriger Freund, Weggefährte und auch geistiger Mentor ein Streiflicht auf die Zeit, als beide gemeinsam durch die Fenster einen Blick in das vom Verfall bedrohte Synagogengebäude warfen, das als Remise zweckentfremdet wurde. „Immerhin ist sie so erhalten geblieben“, sagte der Kenner jüdischer Geschichte in Deutschland und ganz besonders im Mindener Land. „Nach 1945 sind mehr Synagogen abgerissen worden, als im November 1938 zerstört wurden“, gab er einen kritischen Hinweis auf die schwierigen Anfänge des Umgangs mit jüdischer Geschichte unmittelbar nach dem Krieg. Über den Beitrag Battermanns zur Memorialkultur als Grund für dessen Auszeichnung hinausgehend, erinnerte Herzig an einen Besuch mit Studenten auf Einladung des Gymnasiallehrers 1984. Dabei erkundeten die Studenten auch das Gelände der vom Verfall bedrohten Glashütte Gernheim. Die daraus resultierende wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte Gernheims leistete einen wichtigen Beitrag zu dessen Erhalt als LWL-Industriemuseum. Es sei neben der Alten Synagoge eine weitere „Attraktion des gesamten Landkreises“, so Herzig. „Auch dies ist eines deiner Verdienste“, dankte er dem Freund. Vielfältige Aspekte der ehrenamtlichen Arbeit griff Hans Ulrich Gräf, der Wolfgang Battermann für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hatte, in seiner Laudatio auf, um die guten Gründen zu beleuchten, die ihn zu seinem Vorschlag bewegt hatten. Beispielhaft nannte er Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden wie Erna de Vries und Gesprächsrunden über die Manifestation völkischer Ideologie im ländlichen Raum als Grundlage und Nährboden für Antisemitismus und Rassismus. „In diesem konträren Spannungsbogen, zwischen mit den Füßen getretener Menschenwürde, politisch motiviertem Völkermord und einer völkischen Ideologie, einer deutschnationalen antisemitisch-rassistischen Bewegung, sorgst du unermüdlich dafür, dass jüdisches Leben in Deutschland möglich und erfahrbar bleibt“, sagte Gräf. Wolfgang Battermann vergaß über das Lob für ihn persönlich in seinen Dankesworten nicht seine Unterstützer und Wegbegleiter, die er wie den gebürtigen Mindener Wolfgang Hempel oder die „Child Survivors“, überlebende Kinder der Shoah, zum Teil erst durch die Arbeit mit und für die Alte Synagoge kennengelernt hatte, aber ebenso Marianne Schmitz-Neuland, frühere Bürgermeisterin und Vorsitzende der AG Alte Synagoge, sowie Harald Scheurenberg und seinen verstorbenen Vater Kurt vonseiten der Jüdischen Kultusgemeinde. Dass das Werk abgeschlossen sei, verneinte Wolfgang Battermann. Als Anregung gab er Kay Busche, der in Vertretung des Bürgermeisters gesprochen hatte, mit auf den Weg ins Rathaus: „Mein Wunsch ist eine namentliche Rückbenennung der Goebenstraße in Petershagen mit dem jüdischen Ensemble von 1796 und 1846 in Synagogenstraße, die immer so hieß. Seit Einführung von Straßennamen in Petershagen trug sie diesen Namen bis in die 1930er-Jahre hinein.“

Der Antirassist: Bundesverdienstkreuz für Wolfgang Battermann

Verdiente Ehrung: Landrätin Anna Katharina Bölling (links) überreichte Wolfgang Battermann (Mitte) das Bundesverdienstkreuz. Kay Busche von der Stadt Petershagen (von rechts), Hans Ulrich Gräf, der ihn vorgeschlagen hatte, und Prof. Arno Herzig würdigten seine Leistungen und das große Engagement. MT-Foto: Langenkämper © Langenkämper

Petershagen/Minden. Vor 60 Jahren hat ein Lebenswerk begonnen, das gestern im Kreishaus in Minden eine besondere Würdigung erfuhr: Landrätin Anna Katharina Bölling überreichte Wolfgang Battermann in Namen des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz für sein großes Engagement für das Gemeinwohl und gegen Antisemitismus und Rassismus.

„Es begann 1961, genau vor 60 Jahren“, erzählte der gebürtige Mindener zum Abschluss in seinen Dankesworten, „ich war 14 Jahre alt und verfolgte den Eichmann-Prozess in Jerusalem am Fernsehschirm.“ Nicht fasziniert von der „Banalität des Bösen“ Eichmanns, wie Hannah Arendt es nannte, sei er gewesen, „sondern erstarrt vor Entsetzen über das grausamste Verbrechen der Menschheit und die gewissenlose individuelle Verantwortungslosigkeit eines Eichmann“. Fortan sollten ihn Judentum und Antisemitismus nicht mehr loslassen, nicht als Schüler, Student der 68er-Generation, als Lehrer am Gymnasium Petershagen nicht und auch nicht als Bürger und Privatperson. Seine Reaktion sei damals schon und stets gewesen: „Das darf nicht wieder passieren, nie wieder!“ Das sei der Grund, „warum ich hier heute noch stehe – nach 60 Jahren“.

Untrennbar mit der Region sind der Name Wolfgang Battermanns und sein ehrenamtliches Wirken vor allem mit der Alten Synagoge in Petershagen verbunden. Die Landrätin skizzierte den Weg von ersten Überlegungen während der Referendarzeit am Gymnasium über erste Erörterungen im Rat 1997 bis zum Kauf und zur Sanierung 1998 und der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen, deren stellvertretender Vorsitzender er seither ist.

2002 war Wolfgang Battermann Mitbegründer des Arbeitskreises Antisemitismus in seiner Geburtsstadt Minden. 2007 gründete er den Arbeitskreis Stolpersteine Petershagen. Zusammen mit vielen Helfern und Unterstützern, aber maßgeblich vorangetrieben durch sein ehrenamtliches Engagement – für das ihm seine Frau Bärbel und die Familie den Rücken freihielten – wurde die benachbarte frühere jüdische Schule erworben und gemeinsam mit der 2008 entdeckten Mikwe, dem wohl ältesten jüdischen Tauchbad in Westfalen, restauriert. Im Jahr der Einweihung, 2012, wurde sein unermüdlicher Einsatz für die Gedenk- und Erinnerungskultur mit der Verleihung des höchst seltenen Obermayer Awards gewürdigt, zwei Jahre später ergänzt durch die Verleihung der „Obermayer Insignien“. 2012 erfolgte auch die Auszeichnung „Germany at its best“ durch das Land NRW für die Rettung eines deutschlandweit einmaligen Erinnerungs- und Lernortes, den das Ensemble von Alter Synagoge und Jüdischer Schule überregional darstellt.

Der Hamburger Historiker Prof. Arno Herzig warf als langjähriger Freund, Weggefährte und auch geistiger Mentor ein Streiflicht auf die Zeit, als beide gemeinsam durch die Fenster einen Blick in das vom Verfall bedrohte Synagogengebäude warfen, das als Remise zweckentfremdet wurde. „Immerhin ist sie so erhalten geblieben“, sagte der Kenner jüdischer Geschichte in Deutschland und ganz besonders im Mindener Land. „Nach 1945 sind mehr Synagogen abgerissen worden, als im November 1938 zerstört wurden“, gab er einen kritischen Hinweis auf die schwierigen Anfänge des Umgangs mit jüdischer Geschichte unmittelbar nach dem Krieg.

Über den Beitrag Battermanns zur Memorialkultur als Grund für dessen Auszeichnung hinausgehend, erinnerte Herzig an einen Besuch mit Studenten auf Einladung des Gymnasiallehrers 1984. Dabei erkundeten die Studenten auch das Gelände der vom Verfall bedrohten Glashütte Gernheim. Die daraus resultierende wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte Gernheims leistete einen wichtigen Beitrag zu dessen Erhalt als LWL-Industriemuseum. Es sei neben der Alten Synagoge eine weitere „Attraktion des gesamten Landkreises“, so Herzig. „Auch dies ist eines deiner Verdienste“, dankte er dem Freund.

Vielfältige Aspekte der ehrenamtlichen Arbeit griff Hans Ulrich Gräf, der Wolfgang Battermann für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hatte, in seiner Laudatio auf, um die guten Gründen zu beleuchten, die ihn zu seinem Vorschlag bewegt hatten. Beispielhaft nannte er Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden wie Erna de Vries und Gesprächsrunden über die Manifestation völkischer Ideologie im ländlichen Raum als Grundlage und Nährboden für Antisemitismus und Rassismus. „In diesem konträren Spannungsbogen, zwischen mit den Füßen getretener Menschenwürde, politisch motiviertem Völkermord und einer völkischen Ideologie, einer deutschnationalen antisemitisch-rassistischen Bewegung, sorgst du unermüdlich dafür, dass jüdisches Leben in Deutschland möglich und erfahrbar bleibt“, sagte Gräf.

Wolfgang Battermann vergaß über das Lob für ihn persönlich in seinen Dankesworten nicht seine Unterstützer und Wegbegleiter, die er wie den gebürtigen Mindener Wolfgang Hempel oder die „Child Survivors“, überlebende Kinder der Shoah, zum Teil erst durch die Arbeit mit und für die Alte Synagoge kennengelernt hatte, aber ebenso Marianne Schmitz-Neuland, frühere Bürgermeisterin und Vorsitzende der AG Alte Synagoge, sowie Harald Scheurenberg und seinen verstorbenen Vater Kurt vonseiten der Jüdischen Kultusgemeinde.

Dass das Werk abgeschlossen sei, verneinte Wolfgang Battermann. Als Anregung gab er Kay Busche, der in Vertretung des Bürgermeisters gesprochen hatte, mit auf den Weg ins Rathaus: „Mein Wunsch ist eine namentliche Rückbenennung der Goebenstraße in Petershagen mit dem jüdischen Ensemble von 1796 und 1846 in Synagogenstraße, die immer so hieß. Seit Einführung von Straßennamen in Petershagen trug sie diesen Namen bis in die 1930er-Jahre hinein.“

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