Der Abschied rückt näher: Rehkitz Grete sucht ein neues Zuhause Doris Christoph Petershagen-Raderhorst. Groß ist Grete geworden. Als das MT das Rehkitz im vergangenen Juni das erste Mal bei Familie Peek in Raderhorst besuchte, reichte das damals etwa fünf Wochen alte Tier bis zum Knie. Nun geht es schon bis zur Hüfte. Und je größer und älter es wird, desto näher rückt auch der Zeitpunkt des Abschiednehmens: Die Auswilderung steht an. „In der freien Wildbahn würden das Rehkitz und die Ricke sich jetzt eigentlich trennen, weil die Mutter wieder trächtig wäre“, erklärt Rainer Peek. „Aber bei uns gehen die Uhren ein bisschen anders“, sagt der 60-Jährige und lacht. Trotzdem: Bald wird aus dem Kitz ein Schmalreh, so nennt man die Tiere nach dem ersten Geburtstag. Und darum läuft die fieberhafte Suche nach einem neuen Zuhause für Grete bereits. Noch lebt Grete in einem abgetrennten Teil des 5.000 Quadratmeter großen Gartens in Raderhorst. Den bezog sie kurz nach ihrem Fund im vergangenen Juni. Damals wurde Rainer Peek zu dem schwer verletzten Tier gerufen. Er ist Jäger, zu seinem Revier gehören Bierde, Raderhorst und Wiedensahl. Mit seiner Tochter Loreen fand er Grete in einem Feld an der Straße An der Klanhorst. Das Tier blutete stark, auf dem rechten Auge war es blind. Peek vermutet, dass Grete von einem freilaufenden Hund angefallen worden war. Vater und Tochter warteten mehrere Stunden, doch die Ricke kehrte nicht zurück. Da nahmen die beiden das Findelkind mit nach Hause und verarzteten es. Dass Grete angesichts ihrer Verletzungen überlebte, grenzte für die Jägerfamilie an ein Wunder. Vor allem für Loreen (25) und ihre Schwester Joline (22) folgten viele schlaflose Nächte, in denen sie Grete das Fläschchen gaben. Ab und zu bekommt sie noch eines, obwohl Rehkitze damit eigentlich im Herbst durch sind. Ansonsten ernährt sie sich von Zuckerrüben, einem Mais-Weizen-Gemisch und – zum Leidwesen von Mutter Kerstin Peek – von den Rosenknospen. Im Garten der Familie hat sich Grete gut eingelebt. Rainer Peek hat für sie einen Windschutz gebaut, aber eigentlich liegt sie am liebsten im Gras. Sobald sich jemand nähert, läuft das junge Reh auf die Menschen zu – und auf die Jagdhunde der Familie. Schon deshalb ist eine Auswilderung schwierig: Grete hat keine Scheu mehr. Ein neues Zuhause fern von der Zivilisation wäre deshalb gut. Von dem einstigen Traum, das Gartentor zu öffnen und das Tier in die Freiheit zu entlassen, hat sich die Familie verabschiedet. „Wenn doch nur die große Straße nicht wäre“, sagt Loreen Peek. Sie meint damit die L770 in direkter Nähe. Doch da könnte Grete angefahren werden. Also hat die Familie bei verschiedenen Gehegen angefragt. „In Südfelde gibt es ein Gatter, die haben Elche und Rehe. Das passt“, erklärt Rainer Peek. Ein Nachbar hatte zudem angeboten, Grete in seinem neun Hektar großen Damwild-Gehege aufzunehmen. „Aber Damwild frisst alles, was es kriegen kann.“ Für das Rehwild Grete könnte da am Ende nichts mehr übrig bleiben, befürchtet Loreen Peek. Die Raderhorster haben auch ein Gehege im Wendland im Blick. Das wäre der 25-Jährigen am liebsten. Hier hat Grete viel Platz und die Familie darf sie auch mal besuchen. Eine Entscheidung soll im April fallen. Wenn nichts davon klappt, bleibt nur die Notlösung: Grete bleibt im Raderhorster Garten. „Aber sie wäre dann ein Leben lang eingeengt“, sagt Rainer Peek. Und sie wäre alleine. Einen circa 2.000 Quadratmeter großen Teil will die Familie sowieso umbauen, falls sie noch einmal ein verwundetes Tier aufnehmen muss. Das könnte bald wieder der Fall sein. Denn einerseits beginnt die Setz- und Brutzeit und andererseits fangen die Landwirte im Mai bei gutem Wetter mit dem Mähen der Felder an. Doch Ricken lassen ihren Nachwuchs zwischen den hohen Halmen zurück. Wenn Gefahr droht, duckt der sich statt wegzulaufen. Viele Kitze sterben so den Mähtod. Um das zu verhindern, melden sich immer häufiger Landwirte bei Rainer Peek und bitten ihn, die Felder vorab mit Suchtrupps abzugehen. Das kann schon mal vier bis sechs Stunden dauern. Oder man setzt eine Drohne mit Wärmebildkamera ein – die schafft das in einer Viertelstunde. Nach dem MT-Artikel im vergangenen Jahr hatten sich einige Leser bei dem Jäger gemeldet, Geld und sogar eine gebrauchte Drohne gespendet. Doch an der konnte keine Wärmebildkamera befestigt werden. Also hat die Familie rund 6.500 Euro in ein neues Fluggerät investiert – die Jagdgenossenschaft hat auch etwas dazu gegeben. Dazu kommen noch die Versicherung und vielleicht die Kosten für den Drohnen-Führerschein – Loreen Peek will aber erstmal nur den EU-Kompetenznachweis ablegen. Aus dem Förderprogramm des Bundes für eine solche Anschaffung habe die Familie nichts bekommen, so Rainer Peek. Er appelliert an Landwirte, sich vor dem Mähen bei ihm unter Telefon 0 17 59 80 14 75. zu melden. Wer die Aktion unterstützen möchte, kann dies ebenfalls tun. Auch wenn die Zeit mit Grete schön und eine Bereicherung war, sagt Rainer Peek: „Das war Stress pur.“ Tochter Loreen fügt hinzu: „Jedes Jahr muss ich das nicht haben.“ Auch darum fände es Rainer Peek sinnvoll, wenn es eine Wildtierstation im Kreisgebiet und damit eine Anlaufstelle in der Nähe gäbe. Vor drei Wochen wurde er wieder alarmiert. Dieses Mal ging es um einen kleinen Feldhasen, vielleicht sieben Tage alt. Die Mutter lag halb aufgefressen in der Nähe. Familie Peek nahm ihn auf. Eine Woche später kamen noch zwei dazu. Dieses Mal waren sie gerade frisch geboren und noch nass, die Häsin lag totgefahren an der Straße. Im Moment heißt es also wieder: Fläschchen geben. Rainer Peek bezeichnet das als „absolute Ausnahme“. Und betont: „Das Jungwild soll nicht angefasst oder mitgenommen werden. Auch wenn es alleine irgendwo liegt, füttern die Alten es weiter. Und die Kälte macht ihm auch nichts aus.“ Für Außenstehende sei das Mitnehmen von Wildtieren zudem verboten. In spätestens acht bis zehn Wochen sollen die Hasen ausgewildert werden. Dann steht auch fest, wie und wo es mit Grete weitergeht. Der Abschied wird nicht einfach. „Sie ist ja fast ein Familienmitglied“, sagt Rainer Peek und Loreen ergänzt: „Wenn sie es gut hat, bin ich froh. Ich freue mich schon, wenn sie das erste Mal mit anderen Rehen spielen kann.“

Der Abschied rückt näher: Rehkitz Grete sucht ein neues Zuhause

Sobald es Joline Peek sieht, stürmt Rehkitz Grete auf seine Ersatz-Mama zu. Die Scheu vor Menschen hat das Tier verloren. MT-Fotos: Doris Christoph © Doris Christoph

Petershagen-Raderhorst. Groß ist Grete geworden. Als das MT das Rehkitz im vergangenen Juni das erste Mal bei Familie Peek in Raderhorst besuchte, reichte das damals etwa fünf Wochen alte Tier bis zum Knie. Nun geht es schon bis zur Hüfte.

Und je größer und älter es wird, desto näher rückt auch der Zeitpunkt des Abschiednehmens: Die Auswilderung steht an. „In der freien Wildbahn würden das Rehkitz und die Ricke sich jetzt eigentlich trennen, weil die Mutter wieder trächtig wäre“, erklärt Rainer Peek. „Aber bei uns gehen die Uhren ein bisschen anders“, sagt der 60-Jährige und lacht. Trotzdem: Bald wird aus dem Kitz ein Schmalreh, so nennt man die Tiere nach dem ersten Geburtstag. Und darum läuft die fieberhafte Suche nach einem neuen Zuhause für Grete bereits.

Vor ein paar Wochen haben die Peeks drei kleine Hasen aufgenommen, die sie bis zur Auswilderung aufziehen. - © Doris Christoph
Vor ein paar Wochen haben die Peeks drei kleine Hasen aufgenommen, die sie bis zur Auswilderung aufziehen. - © Doris Christoph

Noch lebt Grete in einem abgetrennten Teil des 5.000 Quadratmeter großen Gartens in Raderhorst. Den bezog sie kurz nach ihrem Fund im vergangenen Juni. Damals wurde Rainer Peek zu dem schwer verletzten Tier gerufen. Er ist Jäger, zu seinem Revier gehören Bierde, Raderhorst und Wiedensahl. Mit seiner Tochter Loreen fand er Grete in einem Feld an der Straße An der Klanhorst. Das Tier blutete stark, auf dem rechten Auge war es blind. Peek vermutet, dass Grete von einem freilaufenden Hund angefallen worden war.

Vater und Tochter warteten mehrere Stunden, doch die Ricke kehrte nicht zurück. Da nahmen die beiden das Findelkind mit nach Hause und verarzteten es. Dass Grete angesichts ihrer Verletzungen überlebte, grenzte für die Jägerfamilie an ein Wunder. Vor allem für Loreen (25) und ihre Schwester Joline (22) folgten viele schlaflose Nächte, in denen sie Grete das Fläschchen gaben. Ab und zu bekommt sie noch eines, obwohl Rehkitze damit eigentlich im Herbst durch sind. Ansonsten ernährt sie sich von Zuckerrüben, einem Mais-Weizen-Gemisch und – zum Leidwesen von Mutter Kerstin Peek – von den Rosenknospen.

Im Garten der Familie hat sich Grete gut eingelebt. Rainer Peek hat für sie einen Windschutz gebaut, aber eigentlich liegt sie am liebsten im Gras. Sobald sich jemand nähert, läuft das junge Reh auf die Menschen zu – und auf die Jagdhunde der Familie. Schon deshalb ist eine Auswilderung schwierig: Grete hat keine Scheu mehr. Ein neues Zuhause fern von der Zivilisation wäre deshalb gut.

Von dem einstigen Traum, das Gartentor zu öffnen und das Tier in die Freiheit zu entlassen, hat sich die Familie verabschiedet. „Wenn doch nur die große Straße nicht wäre“, sagt Loreen Peek. Sie meint damit die L770 in direkter Nähe. Doch da könnte Grete angefahren werden.

Also hat die Familie bei verschiedenen Gehegen angefragt. „In Südfelde gibt es ein Gatter, die haben Elche und Rehe. Das passt“, erklärt Rainer Peek. Ein Nachbar hatte zudem angeboten, Grete in seinem neun Hektar großen Damwild-Gehege aufzunehmen. „Aber Damwild frisst alles, was es kriegen kann.“ Für das Rehwild Grete könnte da am Ende nichts mehr übrig bleiben, befürchtet Loreen Peek. Die Raderhorster haben auch ein Gehege im Wendland im Blick. Das wäre der 25-Jährigen am liebsten. Hier hat Grete viel Platz und die Familie darf sie auch mal besuchen. Eine Entscheidung soll im April fallen.

Wenn nichts davon klappt, bleibt nur die Notlösung: Grete bleibt im Raderhorster Garten. „Aber sie wäre dann ein Leben lang eingeengt“, sagt Rainer Peek. Und sie wäre alleine. Einen circa 2.000 Quadratmeter großen Teil will die Familie sowieso umbauen, falls sie noch einmal ein verwundetes Tier aufnehmen muss. Das könnte bald wieder der Fall sein. Denn einerseits beginnt die Setz- und Brutzeit und andererseits fangen die Landwirte im Mai bei gutem Wetter mit dem Mähen der Felder an. Doch Ricken lassen ihren Nachwuchs zwischen den hohen Halmen zurück. Wenn Gefahr droht, duckt der sich statt wegzulaufen. Viele Kitze sterben so den Mähtod.

Um das zu verhindern, melden sich immer häufiger Landwirte bei Rainer Peek und bitten ihn, die Felder vorab mit Suchtrupps abzugehen. Das kann schon mal vier bis sechs Stunden dauern. Oder man setzt eine Drohne mit Wärmebildkamera ein – die schafft das in einer Viertelstunde. Nach dem MT-Artikel im vergangenen Jahr hatten sich einige Leser bei dem Jäger gemeldet, Geld und sogar eine gebrauchte Drohne gespendet. Doch an der konnte keine Wärmebildkamera befestigt werden. Also hat die Familie rund 6.500 Euro in ein neues Fluggerät investiert – die Jagdgenossenschaft hat auch etwas dazu gegeben. Dazu kommen noch die Versicherung und vielleicht die Kosten für den Drohnen-Führerschein – Loreen Peek will aber erstmal nur den EU-Kompetenznachweis ablegen. Aus dem Förderprogramm des Bundes für eine solche Anschaffung habe die Familie nichts bekommen, so Rainer Peek. Er appelliert an Landwirte, sich vor dem Mähen bei ihm unter Telefon 0 17 59 80 14 75. zu melden. Wer die Aktion unterstützen möchte, kann dies ebenfalls tun.

Auch wenn die Zeit mit Grete schön und eine Bereicherung war, sagt Rainer Peek: „Das war Stress pur.“ Tochter Loreen fügt hinzu: „Jedes Jahr muss ich das nicht haben.“ Auch darum fände es Rainer Peek sinnvoll, wenn es eine Wildtierstation im Kreisgebiet und damit eine Anlaufstelle in der Nähe gäbe.

Vor drei Wochen wurde er wieder alarmiert. Dieses Mal ging es um einen kleinen Feldhasen, vielleicht sieben Tage alt. Die Mutter lag halb aufgefressen in der Nähe. Familie Peek nahm ihn auf. Eine Woche später kamen noch zwei dazu. Dieses Mal waren sie gerade frisch geboren und noch nass, die Häsin lag totgefahren an der Straße. Im Moment heißt es also wieder: Fläschchen geben. Rainer Peek bezeichnet das als „absolute Ausnahme“. Und betont: „Das Jungwild soll nicht angefasst oder mitgenommen werden. Auch wenn es alleine irgendwo liegt, füttern die Alten es weiter. Und die Kälte macht ihm auch nichts aus.“ Für Außenstehende sei das Mitnehmen von Wildtieren zudem verboten.

In spätestens acht bis zehn Wochen sollen die Hasen ausgewildert werden. Dann steht auch fest, wie und wo es mit Grete weitergeht. Der Abschied wird nicht einfach. „Sie ist ja fast ein Familienmitglied“, sagt Rainer Peek und Loreen ergänzt: „Wenn sie es gut hat, bin ich froh. Ich freue mich schon, wenn sie das erste Mal mit anderen Rehen spielen kann.“

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen