Das Land im Praxistest: Warum viele junge Mediziner nicht aufs Land wollen Doris Christoph Petershagen. Für Patienten ist der Hausarzt oft der erste Ansprechpartner bei gesundheitlichen Problemen, eine Vertrauensperson. „Man lernt die Familien kennen, oft ganze Generationen“, beschreibt Assistenzärztin Friederike van der Ven das enge Verhältnis. Der ganze Mensch werde gesehen. Die 33-Jährige hat als Teil ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin gerade 15 Monate in der Praxis von Hilka Rehling verbracht, nun steht die Ausbildung im stationären Bereich in einem Krankenhaus an. Aber schon jetzt kann sie sich vorstellen, nach Abschluss der Facharztweiterbildung – also in ein paar Jahren – wieder in eine Praxis auf dem Land zurückzukehren. Ein kleiner Lichtblick. Denn laut einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung vom Mai droht im Kreis Minden-Lübbecke bis zum Jahr 2035 ein Rückgang bei der hausärztlichen Versorgungsdichte um mehr als 50 Prozent. In Petershagen liegt die Quote mit zwölf Allgemeinmedizinern bei rund 76 Prozent – vier weitere wären für das Optimum nötig. Zwar ist der Bau eines „Gesundheitszentrums Neue Mitte“ geplant, in dem sich unter anderem zwei Ärzte niederlassen können. Doch die kommen nicht neu dazu, sondern haben bereits Praxen an anderen Standorten in Petershagen. Obwohl der drohende Ärztemangel sich seit langem abzeichnet, nahm die Zahl der Mediziner in den vergangenen Jahren kontinuierlich ab. „Das liegt auch an wenig vorausschauendem Denken. Als ich 2015 hier begann, waren schon zwei Kollegen jenseits des Rentenalters. Trotzdem gab es keine Ausschreibungen oder Subventionen“, sagt Hilka Rehling. Mittlerweile betreibt sie die einstige Gemeinschaftspraxis, in der es mal drei Ärzte gab, alleine. „Wir sind alle über 40“, sagt sie über die Altersstruktur der Mediziner in Petershagen. Die meisten seien sogar über 50. Unterstützung und Nachfolger werden dringend gesucht. Daran wird von anderer Seite bereits gearbeitet: Die Stadt Petershagen ist seit 2018 im Förderverzeichnis der Kassenärztlichen Vereinigung aufgeführt, in dem Standorte mit dringendem Versorgungsbedarf stehen. Die KVWL ist dann verpflichtet, „alle geeigneten finanziellen und sonstigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung zu gewährleisten, zu verbessern und zu fördern“. Allerdings habe es bislang keine förderungswürdige Neuniederlassung gegeben, teilt die Pressestelle der KVWL auf Nachfrage mit. Ein weiterer Baustein: Die KVWL fördert unter anderem die ambulante Weiterbildung zum Allgemeinmediziner. Empfänger gehen im Gegenzug die Verpflichtung ein, später als Allgemeinmediziner tätig zu sein. Hilka Rehling betreibt auf ihre Weise Nachwuchsförderung: Sie engagiert sich in der Ausbildung, hatte in den vergangenen Jahren drei Nachwuchsmediziner in ihrer Praxis, zuletzt Friederike van der Ven. Die 33-Jährige ist vor ein paar Jahren von Bonn nach Minden gezogen und suchte dann nach einer Ausbildungspraxis. „Assistenzärzte legen großen Wert auf das Erlernen der Funktionsdiagnostik, wie Ultraschall oder Langzeit-EKG. Und ich hatte gehört, dass Frau Rehling durch ihre vorherige Tätigkeit als Oberärztin in einer Klinik die Funktionsdiagnostik sehr gut beherrscht und vermitteln kann“, erklärt sie, wie sie nach Petershagen kam. Van der Ven hat zunächst ein naturwissenschaftliches Masterstudium absolviert, ehe sie in den Niederlanden Medizin studierte. Dort ist die Arbeit in der Hausarztpraxis Teil der Ausbildung, das liegt auch am Gesundheitssystem. Denn alle Menschen gingen zuerst zum Allgemeinmediziner, niedergelassene Fachärzte gebe es nicht. Die arbeiten in Krankenhäusern, wohin der Allgemeinmediziner überweisen kann. „In den Niederlanden wollten am Anfang viele Studenten Spezialisten werden, am Ende des Studiums hingegen Hausärzte“, sagt sie. In Deutschland sei das anders: Die meisten wollten Spezialisten werden. Das hat unterschiedliche Gründe. Schon an der Uni bekämen die Studenten vermittelt, dass es reizvoller sei, sich für ein Spezialfach zu entscheiden, meint Renate Brandt. Sie ist Hausärztin im Ruhestand und war bis vor ein paar Jahren in der Praxis von Rehling. „Man kann nicht Experte für alle Bereiche sein.“ Aber ein Allgemeinmediziner muss alles auf dem Schirm haben. Das trauten sich viele junge Menschen nicht zu. „Dabei haben wir andere Werkzeuge“, sagt Brandt. Patienten würden anders betreut. Und weil der Mediziner auch private Hintergründe kennt, kann er auch daraus viel ableiten. Auch die Umstände der Arbeit schreckten viele ab: Alleinkämpfer, lange Arbeitstage und eine schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf geistern noch immer als Vorurteile durch die Köpfe. „Heute ist man flexibler geworden. Auch Teilzeit ist möglich“, hält Hilka Rehling dagegen. Ein Teilzeitarzt habe genauso eine Wertigkeit wie ein Vollzeitmediziner. „Aber ich habe das Gefühl, dass das langsam in den Köpfen ankommt.“ Und wer nicht alleine arbeiten möchte, dem könnten heute andere Modelle angeboten werden, etwa als Angestellte. Sie habe einige Studenten erlebt, die erstaunt waren, was alles möglich sei. Mittlerweile gehört zur Ausbildung auch ein 14-tägiges Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin. „In der Zeit kann man jemanden schon von dem Fach überzeugen“, meint Rehling und lacht. Worauf aber nur wenig Einfluss möglich ist, ist die Infrastruktur. Daran scheitert es auch, Landärzte zu finden. Auch zwei der drei Mediziner, die Hilka Rehling betreute, wollten lieber in der Stadt arbeiten. Wenn die meisten ihre Facharztausbildung starteten, seien sie Mitte 20. „Da wollen viele nicht aufs Land“, sagt Rehling. Berufsanfänger wollten Kulturangebote, zum Mittagessen ins Café oder abends mal in die Kneipe. Auch während des Studiums wohnten die meisten ja schon in einer großen Stadt, wirft Renate Brandt ein. Junge Menschen von da wegzulocken, mache die Nachwuchsgewinnung schwierig. Dabei kommt dem Allgemeinmediziner auf dem Land noch einmal eine andere Bedeutung zu. „Hier sind die Wege weiter. Es gibt Patienten, die nicht wissen, wie sie nach Minden zum Facharzt kommen sollen“, weiß Hilka Rehling aus ihrem Alltag. Auch deshalb werde in den Hausarztpraxen viel Diagnostik gemacht – von Kopf bis Fuß werde der Mensch ganzheitlich gesehen. Das ist es auch, was Friederike van der Ven gefällt. „Man sieht hier alles – bis auf gynäkologische Beschwerden und Säuglinge.“ Es sei sehr abwechslungsreich. „Und je abwechslungsreicher es war, desto mehr strahlten ihre Augen“, sagt Rehling in Richtung der jungen Kollegin. Friederike van der Ven weiß schon jetzt, dass sie keine Einzelpraxis haben möchte. Der Austausch mit Kollegen ist ihr wichtig. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt da eine Rolle. Für sie steht trotzdem fest: „Arbeiten auf dem Land ist schön.“ Und Neuerungen wie Telemedizin und Videosprechstunden machten es künftig auch einfacher. Wenn sie mit ihrer stationären Ausbildung fertig ist, wollen sich Rehling und van der Ven zusammensetzen. Vielleicht gibt es dann am Ackerweg 26 wieder eine Gemeinschaftspraxis.

Das Land im Praxistest: Warum viele junge Mediziner nicht aufs Land wollen

Drei Generationen von Medizinerinnen (von links): Hilka Rehling, Friederike van der Ven und Renate Brandt setzen sich für den Beruf der Landärztin ein. MT-Foto: Doris Christoph © Doris Christoph

Petershagen. Für Patienten ist der Hausarzt oft der erste Ansprechpartner bei gesundheitlichen Problemen, eine Vertrauensperson. „Man lernt die Familien kennen, oft ganze Generationen“, beschreibt Assistenzärztin Friederike van der Ven das enge Verhältnis. Der ganze Mensch werde gesehen. Die 33-Jährige hat als Teil ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin gerade 15 Monate in der Praxis von Hilka Rehling verbracht, nun steht die Ausbildung im stationären Bereich in einem Krankenhaus an. Aber schon jetzt kann sie sich vorstellen, nach Abschluss der Facharztweiterbildung – also in ein paar Jahren – wieder in eine Praxis auf dem Land zurückzukehren.

Ein kleiner Lichtblick. Denn laut einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung vom Mai droht im Kreis Minden-Lübbecke bis zum Jahr 2035 ein Rückgang bei der hausärztlichen Versorgungsdichte um mehr als 50 Prozent. In Petershagen liegt die Quote mit zwölf Allgemeinmedizinern bei rund 76 Prozent – vier weitere wären für das Optimum nötig. Zwar ist der Bau eines „Gesundheitszentrums Neue Mitte“ geplant, in dem sich unter anderem zwei Ärzte niederlassen können. Doch die kommen nicht neu dazu, sondern haben bereits Praxen an anderen Standorten in Petershagen.

Obwohl der drohende Ärztemangel sich seit langem abzeichnet, nahm die Zahl der Mediziner in den vergangenen Jahren kontinuierlich ab. „Das liegt auch an wenig vorausschauendem Denken. Als ich 2015 hier begann, waren schon zwei Kollegen jenseits des Rentenalters. Trotzdem gab es keine Ausschreibungen oder Subventionen“, sagt Hilka Rehling. Mittlerweile betreibt sie die einstige Gemeinschaftspraxis, in der es mal drei Ärzte gab, alleine. „Wir sind alle über 40“, sagt sie über die Altersstruktur der Mediziner in Petershagen. Die meisten seien sogar über 50. Unterstützung und Nachfolger werden dringend gesucht.

Daran wird von anderer Seite bereits gearbeitet: Die Stadt Petershagen ist seit 2018 im Förderverzeichnis der Kassenärztlichen Vereinigung aufgeführt, in dem Standorte mit dringendem Versorgungsbedarf stehen. Die KVWL ist dann verpflichtet, „alle geeigneten finanziellen und sonstigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung zu gewährleisten, zu verbessern und zu fördern“. Allerdings habe es bislang keine förderungswürdige Neuniederlassung gegeben, teilt die Pressestelle der KVWL auf Nachfrage mit.

Ein weiterer Baustein: Die KVWL fördert unter anderem die ambulante Weiterbildung zum Allgemeinmediziner. Empfänger gehen im Gegenzug die Verpflichtung ein, später als Allgemeinmediziner tätig zu sein.

Hilka Rehling betreibt auf ihre Weise Nachwuchsförderung: Sie engagiert sich in der Ausbildung, hatte in den vergangenen Jahren drei Nachwuchsmediziner in ihrer Praxis, zuletzt Friederike van der Ven. Die 33-Jährige ist vor ein paar Jahren von Bonn nach Minden gezogen und suchte dann nach einer Ausbildungspraxis. „Assistenzärzte legen großen Wert auf das Erlernen der Funktionsdiagnostik, wie Ultraschall oder Langzeit-EKG. Und ich hatte gehört, dass Frau Rehling durch ihre vorherige Tätigkeit als Oberärztin in einer Klinik die Funktionsdiagnostik sehr gut beherrscht und vermitteln kann“, erklärt sie, wie sie nach Petershagen kam.

Van der Ven hat zunächst ein naturwissenschaftliches Masterstudium absolviert, ehe sie in den Niederlanden Medizin studierte. Dort ist die Arbeit in der Hausarztpraxis Teil der Ausbildung, das liegt auch am Gesundheitssystem. Denn alle Menschen gingen zuerst zum Allgemeinmediziner, niedergelassene Fachärzte gebe es nicht. Die arbeiten in Krankenhäusern, wohin der Allgemeinmediziner überweisen kann. „In den Niederlanden wollten am Anfang viele Studenten Spezialisten werden, am Ende des Studiums hingegen Hausärzte“, sagt sie. In Deutschland sei das anders: Die meisten wollten Spezialisten werden.

Das hat unterschiedliche Gründe. Schon an der Uni bekämen die Studenten vermittelt, dass es reizvoller sei, sich für ein Spezialfach zu entscheiden, meint Renate Brandt. Sie ist Hausärztin im Ruhestand und war bis vor ein paar Jahren in der Praxis von Rehling. „Man kann nicht Experte für alle Bereiche sein.“ Aber ein Allgemeinmediziner muss alles auf dem Schirm haben. Das trauten sich viele junge Menschen nicht zu. „Dabei haben wir andere Werkzeuge“, sagt Brandt. Patienten würden anders betreut. Und weil der Mediziner auch private Hintergründe kennt, kann er auch daraus viel ableiten.

Auch die Umstände der Arbeit schreckten viele ab: Alleinkämpfer, lange Arbeitstage und eine schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf geistern noch immer als Vorurteile durch die Köpfe. „Heute ist man flexibler geworden. Auch Teilzeit ist möglich“, hält Hilka Rehling dagegen. Ein Teilzeitarzt habe genauso eine Wertigkeit wie ein Vollzeitmediziner. „Aber ich habe das Gefühl, dass das langsam in den Köpfen ankommt.“ Und wer nicht alleine arbeiten möchte, dem könnten heute andere Modelle angeboten werden, etwa als Angestellte. Sie habe einige Studenten erlebt, die erstaunt waren, was alles möglich sei. Mittlerweile gehört zur Ausbildung auch ein 14-tägiges Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin. „In der Zeit kann man jemanden schon von dem Fach überzeugen“, meint Rehling und lacht.

Worauf aber nur wenig Einfluss möglich ist, ist die Infrastruktur. Daran scheitert es auch, Landärzte zu finden. Auch zwei der drei Mediziner, die Hilka Rehling betreute, wollten lieber in der Stadt arbeiten. Wenn die meisten ihre Facharztausbildung starteten, seien sie Mitte 20. „Da wollen viele nicht aufs Land“, sagt Rehling. Berufsanfänger wollten Kulturangebote, zum Mittagessen ins Café oder abends mal in die Kneipe. Auch während des Studiums wohnten die meisten ja schon in einer großen Stadt, wirft Renate Brandt ein. Junge Menschen von da wegzulocken, mache die Nachwuchsgewinnung schwierig.

Dabei kommt dem Allgemeinmediziner auf dem Land noch einmal eine andere Bedeutung zu. „Hier sind die Wege weiter. Es gibt Patienten, die nicht wissen, wie sie nach Minden zum Facharzt kommen sollen“, weiß Hilka Rehling aus ihrem Alltag. Auch deshalb werde in den Hausarztpraxen viel Diagnostik gemacht – von Kopf bis Fuß werde der Mensch ganzheitlich gesehen.

Das ist es auch, was Friederike van der Ven gefällt. „Man sieht hier alles – bis auf gynäkologische Beschwerden und Säuglinge.“ Es sei sehr abwechslungsreich. „Und je abwechslungsreicher es war, desto mehr strahlten ihre Augen“, sagt Rehling in Richtung der jungen Kollegin.

Friederike van der Ven weiß schon jetzt, dass sie keine Einzelpraxis haben möchte. Der Austausch mit Kollegen ist ihr wichtig. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt da eine Rolle. Für sie steht trotzdem fest: „Arbeiten auf dem Land ist schön.“ Und Neuerungen wie Telemedizin und Videosprechstunden machten es künftig auch einfacher. Wenn sie mit ihrer stationären Ausbildung fertig ist, wollen sich Rehling und van der Ven zusammensetzen. Vielleicht gibt es dann am Ackerweg 26 wieder eine Gemeinschaftspraxis.

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