"Bundesweit einmalig": Ausbildung zum Rettungssanitäter am Gymnasium Petershagen Oliver Plöger Petershagen. Mia ist vom Pferd gefallen, wahlweise auch vom Fensterbrett. „Da sind wir flexibel“, sagt Ramin Mohazzab, Lehrer am Städtischen Gymnasium Petershagen und beim Deutschen Roten Kreuz aktiv. Dass die Schülerin hier ein Unfallopfer mimt, gehört zum laufenden Lehrgang für die künftigen Rettungssanitäter, die in diesen Tagen ihre Abschlussprüfungen absolvieren. Dabei müssen sie nicht nur in der Schule zeigen, was sie seit Juli gelernt haben, auch an der Akademie für Gesundheitsberufe in Minden werden die Absolventinnen unter die Lupe genommen. Und bei der gestrigen Übung mit Mia zeigte sich schon: Linja Sophie Koller und Jana Thiermann wissen genau, was sie machen. Die beiden 19-Jährigen sprechen mit dem Unfallopfer, wirken beruhigend auf das Kind ein. Man merkt: jeder Handgriff sitzt. Gleich geht es nach draußen, dort wartet der Rettungswagen. Ramin Mohazzab ist stolz auf die Schülerinnen. Jeweils 520 Ausbildungsstunden hatten die ehemaligen Abiturientinnen absolviert, auch ein Praktikum im Rettungsdienst gehörte dazu, ebenso eines im Krankenhaus. Im Einsatz waren sie unter anderem in der Rettungswache Lahde, bei der Feuerwehr in Porta Westfalica und im Johannes Wesling Klinikum in Minden. „Der Bedarf ist aufgrund der schwierigen Stellensituation groß, sie können nach ihrer Ausbildung sofort loslegen“, weiß Mohazzab, und: „Die so qualifizierten Schülerinnen und Schüler dürfen einen Rettungswagen im Rettungsdienst fahren oder einen Krankentransport als Transportführer leiten.“ Sie assistieren auch den höher qualifizierten Notallsanitätern, die eine dreijährige Berufsausbildung absolvieren. „Diese Ausbildung machen wir hier allerdings nicht, da müssten wir in der neunten Klasse anfangen, das ist ein bisschen früh“, sagt Mohazzab. Ansonsten sei das Ausbildungsangebot am Gymnasium groß. Seit einigen Jahren werden Rettungshelfer ausgebildet. „Das dürfte, wie jetzt die Ausbildung zu den Rettungssanitätern, an einer allgemeinbildenden Schule in Deutschland einmalig sein“, betont Ramin Mohazzab. Diese Ausbildung sei unterteilt in 80 Stunden Theorie und 80 Stunden Praktikum in der Notfallrettung, anschließend gebe es eine Prüfung unter Aufsicht des Gesundheitsamts. „Viele Schülerinnen und Schüler haben sich anschließend beruflich im Rettungswesen orientiert, so dass wir bereits Ehemalige in einigen Wachen in Köln, Bielefeld, Nienburg oder Lahde haben.“ Das Gymnasium in Petershagen bilde jährlich bis zu 20 Rettungshelfer aus und damit mehr als der gesamte restliche Kreis. Ausgebildet werden am Gymnasium auch Schulsanitäter. „In unserem Fall sind das häufig die Schüler, die am Differenzierungskurs Gesundheit in der achten Klasse teilgenommen haben. Sie hatten dann ein halbes Jahr Unterricht in erweiterter Erste Hilfe und haben eine Prüfung bestanden“, sagt Mohazzab. Gestern präsentierten die Helfer und Schulsanitäter nach der großen Pause ihr Können und zeigten in der Turnhalle, wie erste lebensrettende Maßnahmen ablaufen sollen. Und da durften auch schon die Jüngsten mit dabei sein, anschließend wissend: Eine korrekt durchgeführte Herzdruckmassage rettet Leben. „Die Ausbildung am Gymnasium ist ein Selbstläufer“, sagt Mohazzab. „Wenn wir sagen: Wir machen einen Mathekurs, dann kommt keiner. Wenn es aber heißt: Wir planen einen Projektkurs als Rettungssanitäterausbildung, dann gibt es 25 Anmeldungen.“ Das Angebot, so Mohazzab, sei für die Schülerinnen und Schüler sehr motivierend. Die Ausbildung sei sehr praxisnah, auch der Rettungswagen, der gestern auf dem Schulhof parkte, sei keine Show für die Presse. „Wenn es möglich ist, leihen wir uns den durchaus häufiger aus.“ Die Schüler aller Kurse sollten wissen, wie ein solches Fahrzeug ausgestattet ist. Die künftigen Rettungssanitäter erst recht, sie dürfen es schließlich fahren, vorausgesetzt natürlich, ein Führerschein ist vorhanden. Acht Schülerinnen insgesamt nehmen an der aktuellen Rettungssanitäter-Ausbildung teil. „Das klingt erstmal nicht so viel, aber die Akademie für Gesundheitsberufe hat neun. Und das ist eine spezielle Berufsschule, insofern stehen wir hier gar nicht so schlecht da“ , sagt Mohazzab. In diesem Jahr hat Corona den Zeitrahmen vergrößert: „Der Unterricht hat zwar noch während der Schulzeit stattgefunden, leider konnten die Praktika erst nach dem Abitur stattfinden.“ Vier absolvieren jetzt ihre Prüfungen, neben Linja Sophie Koller und Jana Thiermann noch Mia Seele und Friederike Honeck, weitere vier werden die Ausbildung später beenden. Der Rettungssanitäter, so heißt es vom DRK, ermögliche den Einstieg in den Rettungsdienst. Auch diejenigen, die jetzt am Gymnasium ihren Rettungssanitäter machen, wollen am Ball bleiben. Ob hauptberuflich oder ehrenamtlich, steht noch nicht bei allen fest. Zunächst einmal wollen sie aber in dieser Woche ihre Prüfungen bestehen. Heute steht an der Akademie für Gesundheitsberufe die „Mündliche“ auf dem Plan.

"Bundesweit einmalig": Ausbildung zum Rettungssanitäter am Gymnasium Petershagen

Geübt wird an der Puppe. Die Ausbildungen zu Schulsanitätern, Rettungshelfern und jetzt auch Rettungssanitätern sind in Petershagen beispielhaft. Davon profitieren alle. MT-Foto: Oliver Plöger © Oliver Plöger

Petershagen. Mia ist vom Pferd gefallen, wahlweise auch vom Fensterbrett. „Da sind wir flexibel“, sagt Ramin Mohazzab, Lehrer am Städtischen Gymnasium Petershagen und beim Deutschen Roten Kreuz aktiv. Dass die Schülerin hier ein Unfallopfer mimt, gehört zum laufenden Lehrgang für die künftigen Rettungssanitäter, die in diesen Tagen ihre Abschlussprüfungen absolvieren. Dabei müssen sie nicht nur in der Schule zeigen, was sie seit Juli gelernt haben, auch an der Akademie für Gesundheitsberufe in Minden werden die Absolventinnen unter die Lupe genommen. Und bei der gestrigen Übung mit Mia zeigte sich schon: Linja Sophie Koller und Jana Thiermann wissen genau, was sie machen. Die beiden 19-Jährigen sprechen mit dem Unfallopfer, wirken beruhigend auf das Kind ein. Man merkt: jeder Handgriff sitzt. Gleich geht es nach draußen, dort wartet der Rettungswagen.

Ramin Mohazzab ist stolz auf die Schülerinnen. Jeweils 520 Ausbildungsstunden hatten die ehemaligen Abiturientinnen absolviert, auch ein Praktikum im Rettungsdienst gehörte dazu, ebenso eines im Krankenhaus. Im Einsatz waren sie unter anderem in der Rettungswache Lahde, bei der Feuerwehr in Porta Westfalica und im Johannes Wesling Klinikum in Minden. „Der Bedarf ist aufgrund der schwierigen Stellensituation groß, sie können nach ihrer Ausbildung sofort loslegen“, weiß Mohazzab, und: „Die so qualifizierten Schülerinnen und Schüler dürfen einen Rettungswagen im Rettungsdienst fahren oder einen Krankentransport als Transportführer leiten.“ Sie assistieren auch den höher qualifizierten Notallsanitätern, die eine dreijährige Berufsausbildung absolvieren. „Diese Ausbildung machen wir hier allerdings nicht, da müssten wir in der neunten Klasse anfangen, das ist ein bisschen früh“, sagt Mohazzab. Ansonsten sei das Ausbildungsangebot am Gymnasium groß.

Seit einigen Jahren werden Rettungshelfer ausgebildet. „Das dürfte, wie jetzt die Ausbildung zu den Rettungssanitätern, an einer allgemeinbildenden Schule in Deutschland einmalig sein“, betont Ramin Mohazzab. Diese Ausbildung sei unterteilt in 80 Stunden Theorie und 80 Stunden Praktikum in der Notfallrettung, anschließend gebe es eine Prüfung unter Aufsicht des Gesundheitsamts. „Viele Schülerinnen und Schüler haben sich anschließend beruflich im Rettungswesen orientiert, so dass wir bereits Ehemalige in einigen Wachen in Köln, Bielefeld, Nienburg oder Lahde haben.“ Das Gymnasium in Petershagen bilde jährlich bis zu 20 Rettungshelfer aus und damit mehr als der gesamte restliche Kreis.

Ausgebildet werden am Gymnasium auch Schulsanitäter. „In unserem Fall sind das häufig die Schüler, die am Differenzierungskurs Gesundheit in der achten Klasse teilgenommen haben. Sie hatten dann ein halbes Jahr Unterricht in erweiterter Erste Hilfe und haben eine Prüfung bestanden“, sagt Mohazzab.

Gestern präsentierten die Helfer und Schulsanitäter nach der großen Pause ihr Können und zeigten in der Turnhalle, wie erste lebensrettende Maßnahmen ablaufen sollen. Und da durften auch schon die Jüngsten mit dabei sein, anschließend wissend: Eine korrekt durchgeführte Herzdruckmassage rettet Leben.

„Die Ausbildung am Gymnasium ist ein Selbstläufer“, sagt Mohazzab. „Wenn wir sagen: Wir machen einen Mathekurs, dann kommt keiner. Wenn es aber heißt: Wir planen einen Projektkurs als Rettungssanitäterausbildung, dann gibt es 25 Anmeldungen.“ Das Angebot, so Mohazzab, sei für die Schülerinnen und Schüler sehr motivierend. Die Ausbildung sei sehr praxisnah, auch der Rettungswagen, der gestern auf dem Schulhof parkte, sei keine Show für die Presse. „Wenn es möglich ist, leihen wir uns den durchaus häufiger aus.“ Die Schüler aller Kurse sollten wissen, wie ein solches Fahrzeug ausgestattet ist. Die künftigen Rettungssanitäter erst recht, sie dürfen es schließlich fahren, vorausgesetzt natürlich, ein Führerschein ist vorhanden.

Acht Schülerinnen insgesamt nehmen an der aktuellen Rettungssanitäter-Ausbildung teil. „Das klingt erstmal nicht so viel, aber die Akademie für Gesundheitsberufe hat neun. Und das ist eine spezielle Berufsschule, insofern stehen wir hier gar nicht so schlecht da“ , sagt Mohazzab.

In diesem Jahr hat Corona den Zeitrahmen vergrößert: „Der Unterricht hat zwar noch während der Schulzeit stattgefunden, leider konnten die Praktika erst nach dem Abitur stattfinden.“ Vier absolvieren jetzt ihre Prüfungen, neben Linja Sophie Koller und Jana Thiermann noch Mia Seele und Friederike Honeck, weitere vier werden die Ausbildung später beenden. Der Rettungssanitäter, so heißt es vom DRK, ermögliche den Einstieg in den Rettungsdienst. Auch diejenigen, die jetzt am Gymnasium ihren Rettungssanitäter machen, wollen am Ball bleiben. Ob hauptberuflich oder ehrenamtlich, steht noch nicht bei allen fest. Zunächst einmal wollen sie aber in dieser Woche ihre Prüfungen bestehen. Heute steht an der Akademie für Gesundheitsberufe die „Mündliche“ auf dem Plan.

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