Aus alten Bucheinbänden entstehen neue Unikate Claudia Hyna Petershagen-Meßlingen. Ausmisten liegt im Trend. Viele alte Bücher sind aber zu schade zum Wegwerfen, findet Monika Schweitzer. Die 56-Jährige haucht ihnen neues Leben ein. Als Notiz- oder Rezeptbuch, Reisetagebuch, Kalender oder Schlüsselbord erfreuen sie nach der Umgestaltung ihre Besitzer. Man sieht ihnen ihr Alter an – und das ist gewollt. Seit bald zehn Jahren holt Monika Schweitzer alte Schätzchen aus ihrem Schattendasein. Die Idee kam ihr bei einer Reise nach Kanada. In einem Laden im Wintersportort Banff entdeckte sie Fotoalben, die aus alten Plattencovern hergestellt waren. Fotoalben braucht heute eigentlich keiner mehr, Notizbücher und Kalender hingegen schon, dachte sich die Meßlingerin. Die Idee zu Retrobooks (retrobook.de), so der Name ihres Labels, war geboren. In Amerika fand sie eine Stanze, die auch vor harten Covern nicht kapituliert. Mit einer Metallspirale legt sie neue Seiten in den alten Bucheinband ein. Zwischen den Seiten versteckt sie einige Originalseiten. Mittlerweile gibt es mehrere Anbieter, die ähnlich wie sie alte Bücher upcyceln. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Monika Schweitzer verwendet zum einen Buchgummis für den besseren Zusammenhalt. Als kleinen Hingucker stattet sie überdies jedes Retrobook mit einer sogenannten Froschtasche auf der letzten Buchseite aus. Dort ist Platz für Zettel und Co. Ihre Bezugsquelle waren anfangs die eigenen Bestände, später vor allem Bücherschränke der Region. Dabei achtet die 56-Jährige darauf, nicht das komplette Sortiment zu plündern, sondern fischt sich höchstens ein bis zwei Titel aus den Regalen. Von Zeit zu Zeit stößt sie auf Einkaufszettel und gekritzelte Notizen. Einmal lagen getrocknete Hanfblätter zwischen den Seiten. Ihre neuen Produkte haben ein Vorleben, das weitestgehend im Dunkeln liegt. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass die Kreative ein Faible für Bücher hat, die keiner mehr haben will, und liebe Menschen bringen ihr einige Exemplare vorbei. Sie nimmt auch gerne Lieblingsbücher entgegen und fertigt daraus einen neuen Artikel nach Wunsch. Als Eldorado für besondere Kleinode haben sich Buch- und Antikläden in Großbritannien erwiesen. Ihre Schätze sammelt sie in Holzkisten, die sie nach verschiedenen Kategorien trennt. Da gibt es Boxen mit den Oberbegriffen Reise, Klassiker, Namen, Mädchen, Jungen, Tiere und Haushalt. Ob „Doris weiss Rat“, „Praktischer Ratgeber für Verlobte“, „Lixer der Lausbub“ oder „Wir, die wir den Kinderweg gehen“: Beim Stöbern in den Beständen vergisst auch Monika Schweitzer schon mal die Zeit und gerät ins Schmökern. Verlieren kann sie sich auch in den Umschlägen, die manchmal verspielt, auch mal kitschig, aber fast immer sehr liebevoll illustriert sind. So ein Titel ist etwa ein schwedisches Kochbuch, auf dem Cover: eingelegte Heringe im Glas, kunstvoll arrangiert. Ihr Favorit als Kind, das natürlich gerne las, war „Der kleine Wassermann“ von Otfried Preußler. Heute liest sie gerne Krimis. Entspannung findet die gelernte Krankenschwester, die als pädagogische Fachkraft arbeitet, aber vor allem in ihrem Showroom in Meßlingen. Als solchen hat sie sich die Tischlerwerkstatt ihres Vaters ausgebaut. Ihr Reich: Ein Arbeitstisch, ein alter Ofen, der nicht mehr in Betrieb ist, Hobel und Bretter als Relikte der Vornutzung. Ihr Sortiment besteht neben den umgenutzten Büchern aus Schlüsselborden, Hundeleinen-Garderoben, Uhren und Notiz-Igeln. Für die Borde benutzt sie unter anderem alte Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren, die sie ersteigert hat. Auf Handwerkermärkten, etwa auf Hof Frien oder beim Weihnachtsmarkt im Bergwerk Kleinenbremen, war sie in der Vergangenheit ebenfalls vertreten. Eigentlich widerspricht das ihrem Konzept, da Monika Schweitzer ganz individuell auf Kundenwünsche eingeht und keine Vorräte anlegt. Die Suche nach dem passenden Buch für einen Beschenkten kann gut und gerne mehrere Stunden dauern. Wichtig ist vor allem die Beschreibung, die die Schenkenden liefern. Zu den Märkten bringt sie unter anderem auch Fotografien ihrer Retrobooks mit. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem junge Menschen um die 20 ihre Produkte zu schätzen wissen. Denn sie haben diese alten Kinderbücher mit originellen Covern nicht mehr kennengelernt. Auch im Ausland, etwa in den Niederlanden und den USA, finden sich Abnehmer für ihre Unikate. Diese verschickt sie übrigens nicht in schlichten Versandtaschen, sondern bastelt die Hüllen aus ausrangierten Landkarten. Aus lädierten Buchrücken hat sie kürzlich Lesezeichen hergestellt. Eine ganze Sammlung solcher Einbandreste wartet noch auf eine Verwendung. „Vielleicht fällt mir dazu noch etwas ein.“

Aus alten Bucheinbänden entstehen neue Unikate

Monika Schweitzer mag es, alten Büchern einen neuen Inhalt zu geben. So wird aus Hanni und Nanni ein Jahreskalender und aus Pünkelchen ein Notizbuch – mit dem Flair eines antiquierten Buches. MT-Foto: Alex Lehn © Lehn

Petershagen-Meßlingen. Ausmisten liegt im Trend. Viele alte Bücher sind aber zu schade zum Wegwerfen, findet Monika Schweitzer. Die 56-Jährige haucht ihnen neues Leben ein. Als Notiz- oder Rezeptbuch, Reisetagebuch, Kalender oder Schlüsselbord erfreuen sie nach der Umgestaltung ihre Besitzer. Man sieht ihnen ihr Alter an – und das ist gewollt.

Seit bald zehn Jahren holt Monika Schweitzer alte Schätzchen aus ihrem Schattendasein. Die Idee kam ihr bei einer Reise nach Kanada. In einem Laden im Wintersportort Banff entdeckte sie Fotoalben, die aus alten Plattencovern hergestellt waren. Fotoalben braucht heute eigentlich keiner mehr, Notizbücher und Kalender hingegen schon, dachte sich die Meßlingerin. Die Idee zu Retrobooks (retrobook.de), so der Name ihres Labels, war geboren.

Retrobook. MT-Foto: Alex Lehn - © Lehn
Retrobook. MT-Foto: Alex Lehn - © Lehn

In Amerika fand sie eine Stanze, die auch vor harten Covern nicht kapituliert. Mit einer Metallspirale legt sie neue Seiten in den alten Bucheinband ein. Zwischen den Seiten versteckt sie einige Originalseiten. Mittlerweile gibt es mehrere Anbieter, die ähnlich wie sie alte Bücher upcyceln. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Monika Schweitzer verwendet zum einen Buchgummis für den besseren Zusammenhalt. Als kleinen Hingucker stattet sie überdies jedes Retrobook mit einer sogenannten Froschtasche auf der letzten Buchseite aus. Dort ist Platz für Zettel und Co.

Ihre Bezugsquelle waren anfangs die eigenen Bestände, später vor allem Bücherschränke der Region. Dabei achtet die 56-Jährige darauf, nicht das komplette Sortiment zu plündern, sondern fischt sich höchstens ein bis zwei Titel aus den Regalen. Von Zeit zu Zeit stößt sie auf Einkaufszettel und gekritzelte Notizen. Einmal lagen getrocknete Hanfblätter zwischen den Seiten. Ihre neuen Produkte haben ein Vorleben, das weitestgehend im Dunkeln liegt.

Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass die Kreative ein Faible für Bücher hat, die keiner mehr haben will, und liebe Menschen bringen ihr einige Exemplare vorbei. Sie nimmt auch gerne Lieblingsbücher entgegen und fertigt daraus einen neuen Artikel nach Wunsch. Als Eldorado für besondere Kleinode haben sich Buch- und Antikläden in Großbritannien erwiesen.

Ihre Schätze sammelt sie in Holzkisten, die sie nach verschiedenen Kategorien trennt. Da gibt es Boxen mit den Oberbegriffen Reise, Klassiker, Namen, Mädchen, Jungen, Tiere und Haushalt. Ob „Doris weiss Rat“, „Praktischer Ratgeber für Verlobte“, „Lixer der Lausbub“ oder „Wir, die wir den Kinderweg gehen“: Beim Stöbern in den Beständen vergisst auch Monika Schweitzer schon mal die Zeit und gerät ins Schmökern.

Verlieren kann sie sich auch in den Umschlägen, die manchmal verspielt, auch mal kitschig, aber fast immer sehr liebevoll illustriert sind. So ein Titel ist etwa ein schwedisches Kochbuch, auf dem Cover: eingelegte Heringe im Glas, kunstvoll arrangiert. Ihr Favorit als Kind, das natürlich gerne las, war „Der kleine Wassermann“ von Otfried Preußler. Heute liest sie gerne Krimis.

Entspannung findet die gelernte Krankenschwester, die als pädagogische Fachkraft arbeitet, aber vor allem in ihrem Showroom in Meßlingen. Als solchen hat sie sich die Tischlerwerkstatt ihres Vaters ausgebaut. Ihr Reich: Ein Arbeitstisch, ein alter Ofen, der nicht mehr in Betrieb ist, Hobel und Bretter als Relikte der Vornutzung. Ihr Sortiment besteht neben den umgenutzten Büchern aus Schlüsselborden, Hundeleinen-Garderoben, Uhren und Notiz-Igeln. Für die Borde benutzt sie unter anderem alte Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren, die sie ersteigert hat.

Auf Handwerkermärkten, etwa auf Hof Frien oder beim Weihnachtsmarkt im Bergwerk Kleinenbremen, war sie in der Vergangenheit ebenfalls vertreten. Eigentlich widerspricht das ihrem Konzept, da Monika Schweitzer ganz individuell auf Kundenwünsche eingeht und keine Vorräte anlegt. Die Suche nach dem passenden Buch für einen Beschenkten kann gut und gerne mehrere Stunden dauern. Wichtig ist vor allem die Beschreibung, die die Schenkenden liefern.

Zu den Märkten bringt sie unter anderem auch Fotografien ihrer Retrobooks mit. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem junge Menschen um die 20 ihre Produkte zu schätzen wissen. Denn sie haben diese alten Kinderbücher mit originellen Covern nicht mehr kennengelernt. Auch im Ausland, etwa in den Niederlanden und den USA, finden sich Abnehmer für ihre Unikate.

Diese verschickt sie übrigens nicht in schlichten Versandtaschen, sondern bastelt die Hüllen aus ausrangierten Landkarten. Aus lädierten Buchrücken hat sie kürzlich Lesezeichen hergestellt. Eine ganze Sammlung solcher Einbandreste wartet noch auf eine Verwendung. „Vielleicht fällt mir dazu noch etwas ein.“

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