Auftaktveranstaltung 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: So vielfältig ist die jüdische Kultur Andreas Laubig Petershagen (lbg). Erinnern und Begegnen – der Leitgedanke des Festivals „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ lässt sich bei der Eröffnungsveranstaltung in Petershagen mit vielen Sinnen erfahren: Literarisch mit einem Vortrag über das Schicksal zweier jüdischer Familien aus Bramsche, die 1937 nach Argentinien flohen; musikalisch mit jüdischen und hebräischen Liedern; anschaulich mit Führungen durch das ehemalige jüdische Landgemeindezentrum in Petershagen und schließlich kulinarisch mit Häppchen aus der jüdischen Küche. Ein viereinhalbstündiges Programm hat der Veranstalter, die Evangelische Stadtakademie Bochum in enger Zusammenarbeit mit dem ortsansässigen Verein Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen und dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in Westfalen auf die Beine gestellt. Dass Petershagen als Veranstaltungsort ausgewählt wurde, liegt in der Historie und in der Arbeit der örtlichen Initiative für den Erhalt der Synagoge begründet. Historisch hatte jüdisches Leben in Petershagen lange eine große Bedeutung. Seit 1548 lebten nachweislich jüdische Familien in dem kleinen Ort an der Weser. Ende des 19. Jahrhunderts waren es knapp 200 in dem Synagogenbezirk, etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Der Antisemitismus und der Terror in der Nazizeit bereitet dem ein grausames Ende. Heute zählen die restaurierte Synagoge mit der Schule, der Lehrerstube und der Mikwe zu den besterhaltenen baulichen Zeugnissen jüdischen Lebens in Nordwestdeutschland, wie Dr. Manfred Keller, Leiter der Bochumer Stadtakademie in seiner Begrüßung betont. Ein Vortrag von Dieter Przygode dokumentiert zur Eröffnung den Lebensweg zweier jüdischer Familien aus Bramsche. Bedrückend sind die Schilderungen, wie sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 Nachbarn und Schulfreunde von heute auf morgen entfremden und feindselige Tendenzen entwickeln. Teile der Familien brechen rechtzeitig auf, um in Argentinien ein neues Leben zu beginnen. Mit Hilfe der dortigen jüdischen Gemeinde gelingt ihnen das, zunächst durch harte Arbeit in der Landwirtschaft. Die Nachfolgegeneration zieht es in die Metropole Buenos Aires, wo sie mit Erfolg neue Existenzen als Unternehmer und Angestellte begründen. Der Autor des Buches „Von Bramsche nach Buenos Aires“ steht heute noch im Kontakt zu ihnen und arbeitet derzeit an einer filmischen Dokumentation. Die Bewahrung jüdischer Kultur in Petershagen ist auf das Engagement von Bürgern vor Ort zurückzuführen – das wird bei der Führung durch die Synagoge mit der zugehörigen kleinen Schule, der Lehrerwohnung und der Mikwe deutlich. Das 1845/46 errichtete, etwa 80 Quadratmeter große Backsteingebäude,bleibt im November 1938 erhalten. Sämtliches Inventar wird von den Nazihorden verbrannt, das Gebäude verschonen sie, weil sonst der gesamte Ortskern in Flammen aufgegangen wäre. Nach dem Krieg gerät die Synagoge in Vergessenheit, die Mikwe liegt unter Schutt begraben, das Gebäude dient als Wohnhaus und bis Anfang der neunziger Jahre als Lager für einen Elektrohandel. Das Engagement von Bürgern der Stadt überzeugt auch Politik und Verwaltung, das Ensemble wiederherzustellen und zu erhalten. 1998 erwirbt die Stadt Petershagen das Gebäude, heute sind die Stadt und der Kreis Träger der Einrichtung, die von der AG Alte Synagoge mit Leben gefüllt wird. Eine kleine Ausstellung veranschaulicht Aspekte des jüdischen Lebens in der Gemeinde: ein Mini- Klassenzimmer für etwa 25 Kinder der Klassen eins bis acht, direkt angrenzend die Lehrerwohnung auf engstem Raum. In der Synagoge konnte der Fußboden im Originalzustand wiederhergestellt werden, die bunten Glasfenster hat die Glashütte in Gernheim rekonstruiert, sie symbolisieren die Farben des Regenbogens. Der Rundgang führt weiter zum ehemaligen jüdischen Friedhof, wo nur ein Grabstein erhalten ist und ein Gedenkstein an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnert. Aktuelles Zeugnis jüdischen Lebens und dessen Verbannung sind die in das Pflaster der Bürgersteige eingefügten „Stolpersteine“. Die Inschriften erinnern an das Schicksal der jüdischen Familien, die in den dortigen Gebäuden lebten. In Petershagen gibt es heute 36 Stolpersteine, das Projekt sei damit soweit abgeschlossen, erklärt Gerhard Franke vom Vorstand der AG Alte Synagoge Petershagen. Nach den umfangreichen Informationen und Eindrücken gibt es für die rund 50 Teilnehmer der Veranstaltung – coronabedingt waren nicht mehr zugelassen – einen stärkenden Imbiss aus der jüdischen Küche. Zum Abschluss steht Klezmer auf dem Programm, jüdische Volksmusik. Kantor Baruch Chauskin könnte seine beeindruckende kräftige Stimme im kleinen Saal des Alten Amtsgerichts mühelos ohne Mikrofon zur Geltung bringen. Zusammen mit Ekatarina Baranova an der Violine und Yevgeny Kosyakin am Klavier führt er durch eine Mixtur jüdischer und hebräischer Lieder, wie sie zu verschiedenen Anlässen vorgetragen werden. Festlich-fröhlich, bestimmt für Feiertage, Gebete zum Schabbatausgang und zum Neujahrsfest, die Filmmusik zu „Schindlers Liste“. Das Publikum zeigt auch nach gut vier Stunden Veranstaltungsdauer keine Ermüdungserscheinungen und zollt dem Trio kräftigen Applaus. Nach dem beeindruckenden Auftakt folgen im Rahmen des Festivals Veranstaltungen unter anderem in Arnsberg-Neheim, Borgentreich-Borgholz, Coesfeld, Drensteinfurt und Gronau-Epe.

Auftaktveranstaltung 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: So vielfältig ist die jüdische Kultur

Die Teilnehmer waren für die Führungen in Gruppen aufgeteilt. Die ehemalige Synagoge an der Goebenstraße stand im Mittelpunkt des Interesses des Festivals mit dem Untertitel: Musik und Kultur in westfälischen Landsynagogen. Fotos: Andreas Laubig © laubig

Petershagen (lbg). Erinnern und Begegnen – der Leitgedanke des Festivals „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ lässt sich bei der Eröffnungsveranstaltung in Petershagen mit vielen Sinnen erfahren: Literarisch mit einem Vortrag über das Schicksal zweier jüdischer Familien aus Bramsche, die 1937 nach Argentinien flohen; musikalisch mit jüdischen und hebräischen Liedern; anschaulich mit Führungen durch das ehemalige jüdische Landgemeindezentrum in Petershagen und schließlich kulinarisch mit Häppchen aus der jüdischen Küche.

Ein viereinhalbstündiges Programm hat der Veranstalter, die Evangelische Stadtakademie Bochum in enger Zusammenarbeit mit dem ortsansässigen Verein Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen und dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in Westfalen auf die Beine gestellt. Dass Petershagen als Veranstaltungsort ausgewählt wurde, liegt in der Historie und in der Arbeit der örtlichen Initiative für den Erhalt der Synagoge begründet.

Kantor Baruch Chauskin und Ekatarina Baranova trugen mit dem Pianisten Yevgeny Kosyakin jüdische Volksmusik vor. - © lbg
Kantor Baruch Chauskin und Ekatarina Baranova trugen mit dem Pianisten Yevgeny Kosyakin jüdische Volksmusik vor. - © lbg

Historisch hatte jüdisches Leben in Petershagen lange eine große Bedeutung. Seit 1548 lebten nachweislich jüdische Familien in dem kleinen Ort an der Weser. Ende des 19. Jahrhunderts waren es knapp 200 in dem Synagogenbezirk, etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Der Antisemitismus und der Terror in der Nazizeit bereitet dem ein grausames Ende. Heute zählen die restaurierte Synagoge mit der Schule, der Lehrerstube und der Mikwe zu den besterhaltenen baulichen Zeugnissen jüdischen Lebens in Nordwestdeutschland, wie Dr. Manfred Keller, Leiter der Bochumer Stadtakademie in seiner Begrüßung betont.

Synagoge - © chyna
Synagoge - © chyna

Ein Vortrag von Dieter Przygode dokumentiert zur Eröffnung den Lebensweg zweier jüdischer Familien aus Bramsche. Bedrückend sind die Schilderungen, wie sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 Nachbarn und Schulfreunde von heute auf morgen entfremden und feindselige Tendenzen entwickeln. Teile der Familien brechen rechtzeitig auf, um in Argentinien ein neues Leben zu beginnen. Mit Hilfe der dortigen jüdischen Gemeinde gelingt ihnen das, zunächst durch harte Arbeit in der Landwirtschaft.

Die Nachfolgegeneration zieht es in die Metropole Buenos Aires, wo sie mit Erfolg neue Existenzen als Unternehmer und Angestellte begründen. Der Autor des Buches „Von Bramsche nach Buenos Aires“ steht heute noch im Kontakt zu ihnen und arbeitet derzeit an einer filmischen Dokumentation.

Die Bewahrung jüdischer Kultur in Petershagen ist auf das Engagement von Bürgern vor Ort zurückzuführen – das wird bei der Führung durch die Synagoge mit der zugehörigen kleinen Schule, der Lehrerwohnung und der Mikwe deutlich. Das 1845/46 errichtete, etwa 80 Quadratmeter große Backsteingebäude,bleibt im November 1938 erhalten. Sämtliches Inventar wird von den Nazihorden verbrannt, das Gebäude verschonen sie, weil sonst der gesamte Ortskern in Flammen aufgegangen wäre.

Nach dem Krieg gerät die Synagoge in Vergessenheit, die Mikwe liegt unter Schutt begraben, das Gebäude dient als Wohnhaus und bis Anfang der neunziger Jahre als Lager für einen Elektrohandel. Das Engagement von Bürgern der Stadt überzeugt auch Politik und Verwaltung, das Ensemble wiederherzustellen und zu erhalten. 1998 erwirbt die Stadt Petershagen das Gebäude, heute sind die Stadt und der Kreis Träger der Einrichtung, die von der AG Alte Synagoge mit Leben gefüllt wird.

Eine kleine Ausstellung veranschaulicht Aspekte des jüdischen Lebens in der Gemeinde: ein Mini- Klassenzimmer für etwa 25 Kinder der Klassen eins bis acht, direkt angrenzend die Lehrerwohnung auf engstem Raum. In der Synagoge konnte der Fußboden im Originalzustand wiederhergestellt werden, die bunten Glasfenster hat die Glashütte in Gernheim rekonstruiert, sie symbolisieren die Farben des Regenbogens. Der Rundgang führt weiter zum ehemaligen jüdischen Friedhof, wo nur ein Grabstein erhalten ist und ein Gedenkstein an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnert.

Aktuelles Zeugnis jüdischen Lebens und dessen Verbannung sind die in das Pflaster der Bürgersteige eingefügten „Stolpersteine“. Die Inschriften erinnern an das Schicksal der jüdischen Familien, die in den dortigen Gebäuden lebten. In Petershagen gibt es heute 36 Stolpersteine, das Projekt sei damit soweit abgeschlossen, erklärt Gerhard Franke vom Vorstand der AG Alte Synagoge Petershagen.

Nach den umfangreichen Informationen und Eindrücken gibt es für die rund 50 Teilnehmer der Veranstaltung – coronabedingt waren nicht mehr zugelassen – einen stärkenden Imbiss aus der jüdischen Küche. Zum Abschluss steht Klezmer auf dem Programm, jüdische Volksmusik. Kantor Baruch Chauskin könnte seine beeindruckende kräftige Stimme im kleinen Saal des Alten Amtsgerichts mühelos ohne Mikrofon zur Geltung bringen. Zusammen mit Ekatarina Baranova an der Violine und Yevgeny Kosyakin am Klavier führt er durch eine Mixtur jüdischer und hebräischer Lieder, wie sie zu verschiedenen Anlässen vorgetragen werden. Festlich-fröhlich, bestimmt für Feiertage, Gebete zum Schabbatausgang und zum Neujahrsfest, die Filmmusik zu „Schindlers Liste“.

Das Publikum zeigt auch nach gut vier Stunden Veranstaltungsdauer keine Ermüdungserscheinungen und zollt dem Trio kräftigen Applaus. Nach dem beeindruckenden Auftakt folgen im Rahmen des Festivals Veranstaltungen unter anderem in Arnsberg-Neheim, Borgentreich-Borgholz, Coesfeld, Drensteinfurt und Gronau-Epe.

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