Auf den Spuren der jüdischen Schule in Petershagen Gut besuchter Vortrag von Ortsheimatpfleger Uwe Jacobsen beleuchtet kulturgeschichtliche Bedeutung Ulrich Westermann Petershagen (Wes). Die jüdische Gemeindeschule in Petershagen bestand 73 Jahre. Der Unterricht wurde im September 1844 aufgenommen und 1917 beendet. Zum Ende der Institution führten die Umwälzungen des Ersten Weltkrieges. Gut besucht war ein multimedialer Vortragsabend, den die Ortsheimatpflege Petershagen im Alten Amtsgericht veranstaltete. Referent war Ortsheimatpfleger Uwe Jacobsen. Er hatte verschiedene Quellen ausgewählt, um die kulturgeschichtliche Bedeutung dieser Religionsschule sowie Pädagogik und Baugeschichte darzustellen. In weiteren Themen ging es um die Ausbildung jüdischer Lehramtskandidaten am Preußischen Lehrerseminar Petershagen und die Religionspädagogik ihres Direktors Friedrich Vormbaum.Zu den Archivalien, die Jacobsen präsentierte, gehörte ein Mobilmachungsplakat zum Ersten Weltkrieg. Dieses Dokument hatte der verstorbene Petershäger Malermeister Friedrich-Wilhelm Kayser vor 30 Jahren bei Renovierungsarbeiten hinter Tapeten entdeckt.„Der Vortragsabend ist eine Etappe auf dem Weg zu einer Buchveröffentlichung“, sagte Jacobsen. Er wies darauf hin, dass die jüdische Gemeinde Petershagen vor 170 Jahren eine private Religionsschule mit der Bezeichnung israelitische Elementar-Gemeindeschule gegründet habe. Dabei sei eine Umnutzung des westlichen Vorgebäudes erfolgt. „Dort sind ein Klassenzimmer und eine Lehrerstube nach dem Vorbild der preußischen Volksschule eingerichtet worden. Das Vorgebäude entsprach in seiner ursprünglichen Anlage dem baugeschichtlichen Typus einer Frauensynagoge mit eingegliederter Mikwe und nicht dem eines Schulgebäudes im Sinne unseres heutigen Verständnisses“, berichtete der Ortsheimatpfleger.Die Frauensynagoge sei ein integraler Bestandteil des ersten Synagogenbaus gewesen und habe als Vorgebäude die zum Besuch der Mikwe erforderliche Infrastruktur beherbergt, führte er weiter aus.Auch Franz Boas ging hier zur SchuleEin weiteres Thema war die Revision, die nach der Gründung der Provinz Westfalen von der Regierung Minden im jüdischen Schulwesen ihres Bezirkes vorgenommen wurde.Zuvor hatte sie in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts in umfangreichen Enqueten (Umfragen), den frühesten Untersuchungen zum jüdischen Schulwesen in Preußen überhaupt, hierfür den gesetzlichen Rahmen geschaffen. Nach Einführung der Schulpflicht nahmen die jüdischen Kinder am christlichen Elementarunterricht in den bürgerlichen Schulen teil. Nur in Orten, in denen es eine Synagoge gab, bildeten sich jüdische Schulen heraus. Dies geschah im Regierungsbezirk Minden 28-mal.In Petershagen unterrichtete Isaak Unna Cohen nach der Polizeiausweisung auf der Grundlage einer Kabinettsordre des preußischen Königs. An sechs Orten besaßen die jüdischen Religionsschulen den Status einer öffentlichen Elementarschule, so auch in Minden. Dort unterhielt die Gemeinde ein eigenes Gebäude. Diese Schule besuchte Franz Boas. Die jüdischen Schullehrer schlossen sich zu einem Verein zusammen und hielten pädagogische Konferenzen und Hospitationen ab.Vormbaum vertrat liberalen AnsatzDie wichtigste Zusammenkunft fand kurz vor der Märzrevolution 1848 in Petershagen statt. Dieses Treffen, das unter dem Vorsitz des Lübbecker Reformpädagogen Benjamin Wolf stand, versammelte die pädagogische Elite der Region.Weiter ging Jacobsen auf Friedrich Vormbaum ein. Er war Direktor des Preußischen Lehrerseminars Petershagen und bildete bis in die 1850er Jahre insgesamt 14 jüdische Schulamtskandidaten, auch aus den Reihen der in Petershagen ansässigen Familien, aus. „Dieses Vorgehen stellte im preußischen Seminarwesen eine Besonderheit dar. Vormbaum vertrat als Vermittler der Reformpädagogik Pestalozzis dessen liberalen Ansatz“, wusste der Ortsheimatpfleger.„Heute ist die Synagoge Petershagen mit ihrer ursprünglichen Verbindung aus Betsaal und Vorlokal das einzige Gebäude seiner Art im Bezirk der ehemaligen Regierung Minden, das die Zeit des Nationalsozialismus überdauert hat“, betonte Jacobsen.

Auf den Spuren der jüdischen Schule in Petershagen

Im Verlauf des Vortragsabend im Alten Amtsgericht zum Thema „Schule und Synagoge“ präsentierte der Petershäger Ortsheimatpfleger Uwe Jacobsen ein Mobilmachungsplakat zum Ersten Weltkrieg. Das Dokument war vor 30 Jahren hinter alten Tapeten in Petershagen entdeckt worden. © Foto: Ulrich Westermann

Petershagen (Wes). Die jüdische Gemeindeschule in Petershagen bestand 73 Jahre. Der Unterricht wurde im September 1844 aufgenommen und 1917 beendet. Zum Ende der Institution führten die Umwälzungen des Ersten Weltkrieges. Gut besucht war ein multimedialer Vortragsabend, den die Ortsheimatpflege Petershagen im Alten Amtsgericht veranstaltete.

Referent war Ortsheimatpfleger Uwe Jacobsen. Er hatte verschiedene Quellen ausgewählt, um die kulturgeschichtliche Bedeutung dieser Religionsschule sowie Pädagogik und Baugeschichte darzustellen. In weiteren Themen ging es um die Ausbildung jüdischer Lehramtskandidaten am Preußischen Lehrerseminar Petershagen und die Religionspädagogik ihres Direktors Friedrich Vormbaum.

Zu den Archivalien, die Jacobsen präsentierte, gehörte ein Mobilmachungsplakat zum Ersten Weltkrieg. Dieses Dokument hatte der verstorbene Petershäger Malermeister Friedrich-Wilhelm Kayser vor 30 Jahren bei Renovierungsarbeiten hinter Tapeten entdeckt.

„Der Vortragsabend ist eine Etappe auf dem Weg zu einer Buchveröffentlichung“, sagte Jacobsen. Er wies darauf hin, dass die jüdische Gemeinde Petershagen vor 170 Jahren eine private Religionsschule mit der Bezeichnung israelitische Elementar-Gemeindeschule gegründet habe. Dabei sei eine Umnutzung des westlichen Vorgebäudes erfolgt. „Dort sind ein Klassenzimmer und eine Lehrerstube nach dem Vorbild der preußischen Volksschule eingerichtet worden. Das Vorgebäude entsprach in seiner ursprünglichen Anlage dem baugeschichtlichen Typus einer Frauensynagoge mit eingegliederter Mikwe und nicht dem eines Schulgebäudes im Sinne unseres heutigen Verständnisses“, berichtete der Ortsheimatpfleger.

Die Frauensynagoge sei ein integraler Bestandteil des ersten Synagogenbaus gewesen und habe als Vorgebäude die zum Besuch der Mikwe erforderliche Infrastruktur beherbergt, führte er weiter aus.

Auch Franz Boas ging hier zur Schule

Ein weiteres Thema war die Revision, die nach der Gründung der Provinz Westfalen von der Regierung Minden im jüdischen Schulwesen ihres Bezirkes vorgenommen wurde.

Zuvor hatte sie in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts in umfangreichen Enqueten (Umfragen), den frühesten Untersuchungen zum jüdischen Schulwesen in Preußen überhaupt, hierfür den gesetzlichen Rahmen geschaffen. Nach Einführung der Schulpflicht nahmen die jüdischen Kinder am christlichen Elementarunterricht in den bürgerlichen Schulen teil. Nur in Orten, in denen es eine Synagoge gab, bildeten sich jüdische Schulen heraus. Dies geschah im Regierungsbezirk Minden 28-mal.

In Petershagen unterrichtete Isaak Unna Cohen nach der Polizeiausweisung auf der Grundlage einer Kabinettsordre des preußischen Königs. An sechs Orten besaßen die jüdischen Religionsschulen den Status einer öffentlichen Elementarschule, so auch in Minden. Dort unterhielt die Gemeinde ein eigenes Gebäude. Diese Schule besuchte Franz Boas. Die jüdischen Schullehrer schlossen sich zu einem Verein zusammen und hielten pädagogische Konferenzen und Hospitationen ab.

Vormbaum vertrat liberalen Ansatz

Die wichtigste Zusammenkunft fand kurz vor der Märzrevolution 1848 in Petershagen statt. Dieses Treffen, das unter dem Vorsitz des Lübbecker Reformpädagogen Benjamin Wolf stand, versammelte die pädagogische Elite der Region.

Weiter ging Jacobsen auf Friedrich Vormbaum ein. Er war Direktor des Preußischen Lehrerseminars Petershagen und bildete bis in die 1850er Jahre insgesamt 14 jüdische Schulamtskandidaten, auch aus den Reihen der in Petershagen ansässigen Familien, aus. „Dieses Vorgehen stellte im preußischen Seminarwesen eine Besonderheit dar. Vormbaum vertrat als Vermittler der Reformpädagogik Pestalozzis dessen liberalen Ansatz“, wusste der Ortsheimatpfleger.

„Heute ist die Synagoge Petershagen mit ihrer ursprünglichen Verbindung aus Betsaal und Vorlokal das einzige Gebäude seiner Art im Bezirk der ehemaligen Regierung Minden, das die Zeit des Nationalsozialismus überdauert hat“, betonte Jacobsen.

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