Appell zum Ruhestand: Renate Brandt spricht sich für Primärarztsystem aus Oliver Plöger Petershagen. Zum Abschluss ihres eigenen Berufslebens wendet sich die Petershäger Ärztin Renate Brandt mit einem dringenden Appell an Allgemeinmedizin und Politik. Sie alle müssten sich für das in skandinavischen Ländern bereits praktizierte Primärarztsystem einsetzen. Damit wären die Hausärzte die erste Anlaufstelle der Patienten. Bislang kennzeichne sich die Versorgung nämlich durch die direkte und parallele Inanspruchnahme von Fachärzten. So entstünden unnötige Wartezeiten und schlimmstenfalls Fehldiagnosen. Für Renate Brandt steht deshalb fest: „Bei Allgemeinmedizinern mit einem hohen Maß an Erfahrungen sollten alle ankommen.“ Sie hätten den Blick auf den „ganzen Menschen“, von hier aus würden gezielt die Überweisungen an die spezifisch ausgebildeten Mediziner erstellt. Renate Brandt verweist auf die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), wonach die Hauptaufgabe der Ärzte auch in Zukunft die Primär- und Grundversorgung sein werde. Etwa 90 Prozent der Beratungsanlässe könnten abschießend geklärt werden. Das macht auch ein Positionspapier der DEGAM deutlich: Angesichts verkürzter stationärer Liegezeiten und der Zunahme altersbedingter Erkrankungen gewinne die langfristige Betreuung an Bedeutung. Und die war auch Renate Brandt immer wichtig. Gebürtig aus Sennestadt, studierte sie in Marburg und Berlin, ergriff nach einer Station in Lüneburg dann die Chance, nach Lahde zu wechseln. Sei 1987 arbeitet sie als Hausärztin in der Praxis am Ackerweg und: „Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen.“ Teils über Jahrzehnte habe sie Patienten begleitet, sagt: „Ich habe viel von ihnen gelernt: über den Umgang mit gesundheitlichen Krisen, chronischem Kranksein, dem Verlust von geliebten Menschen, von eigener Selbstständigkeit am Lebensende, schließlich auch vom Sterben.“ Über viele Jahre hatte Renate Brandt, die sich auch in Psychotherapie und Palliativmedizin fortgebildet hatte, gemeinsam mit Lutz Zieseke-Michaelis gearbeitet, 2015 kam Hilka Rehling als weitere Hausärztin dazu. Zieseke-Michaelis ist seit drei Jahren im Ruhestand, Renate Brandt übergibt ihren Praxisanteil nun „mit großem Vertrauen“, wie sie sagt, an Hilka Rehling. „Ich hoffe sehr, dass über kurz oder lang wieder eine Hausärztin oder ein Hausarzt zur Mitarbeit gewonnen werden kann, sagt Renate Brandt, die das Modell der Gemeinschaftspraxen auch künftig für sinnvoll hält. In Ihrem Fall: Es sei gut zu wissen, dass sie von den engagierten und erfahrenen Mitarbeiterinnen tatkräftig unterstützt werde. Die ärztliche Versorgung in Petershagen – derzeit gibt es zwölf klassische Allgemeinmediziner – müsse sichergestellt sein, sagt Renate Brandt, die sich an heftige Diskussionen (freundlich und auch weniger freundlich) erinnert, als eine andere Praxis geschlossen hatte und die Patienten nach neuer ärztlicher Versorgung suchten. Dabei schätzt Renate Brandt die Anstrengungen von Ausbildungskliniken, Praktika auch auf dem Land anzubieten, sie selbst habe gerade zwei junge Mediziner betreut. Die Rahmenbedingungen hätten sich verbessert, ist Renate Brandt überzeugt und nennt als Beispiel die gemeinschaftliche Notdienstregel mit heute noch fünf bis sechs Diensten jährlich. Auch darauf „darf“ Renate Brandt künftig verzichten, die Ende September in den Ruhestand geht. „Ich freue mich auf die weniger getaktete Zeit, sehr Muße mit meinem Mann in unseren schönen Haus und Garten, mehr Zeit für meine sechs Enkelinnen, Zeit fürs Singen und Musizieren“, sagt sie. Doch bevor es soweit ist, gibt es noch einen Hinweis an die Klinik-Medizin, der ihr ausgesprochen wichtig ist. Renate Brandt warnt: „Medizin ist heute immer wieder gezwungen, nach dem Prinzip der Gewinnoptimierung zu arbeiten. Die Kliniken stehen dabei massiv unter Druck. Wenn eine Krankheit aber dazu führen muss, dass Gewinn abgeschöpft wird, dann ist etwas falsch.“

Appell zum Ruhestand: Renate Brandt spricht sich für Primärarztsystem aus

Hofft auf eine Nachfolge in der Gemeinschaftspraxis in Lahde: Renate Brandt, die in den Ruhestand geht und ihren Praxisanteil an die Kollegin übergibt. © MT-Foto: Oliver Plöger

Petershagen. Zum Abschluss ihres eigenen Berufslebens wendet sich die Petershäger Ärztin Renate Brandt mit einem dringenden Appell an Allgemeinmedizin und Politik. Sie alle müssten sich für das in skandinavischen Ländern bereits praktizierte Primärarztsystem einsetzen. Damit wären die Hausärzte die erste Anlaufstelle der Patienten. Bislang kennzeichne sich die Versorgung nämlich durch die direkte und parallele Inanspruchnahme von Fachärzten. So entstünden unnötige Wartezeiten und schlimmstenfalls Fehldiagnosen. Für Renate Brandt steht deshalb fest: „Bei Allgemeinmedizinern mit einem hohen Maß an Erfahrungen sollten alle ankommen.“ Sie hätten den Blick auf den „ganzen Menschen“, von hier aus würden gezielt die Überweisungen an die spezifisch ausgebildeten Mediziner erstellt.

Renate Brandt verweist auf die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), wonach die Hauptaufgabe der Ärzte auch in Zukunft die Primär- und Grundversorgung sein werde. Etwa 90 Prozent der Beratungsanlässe könnten abschießend geklärt werden. Das macht auch ein Positionspapier der DEGAM deutlich: Angesichts verkürzter stationärer Liegezeiten und der Zunahme altersbedingter Erkrankungen gewinne die langfristige Betreuung an Bedeutung. Und die war auch Renate Brandt immer wichtig. Gebürtig aus Sennestadt, studierte sie in Marburg und Berlin, ergriff nach einer Station in Lüneburg dann die Chance, nach Lahde zu wechseln.

Sei 1987 arbeitet sie als Hausärztin in der Praxis am Ackerweg und: „Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen.“ Teils über Jahrzehnte habe sie Patienten begleitet, sagt: „Ich habe viel von ihnen gelernt: über den Umgang mit gesundheitlichen Krisen, chronischem Kranksein, dem Verlust von geliebten Menschen, von eigener Selbstständigkeit am Lebensende, schließlich auch vom Sterben.“

Über viele Jahre hatte Renate Brandt, die sich auch in Psychotherapie und Palliativmedizin fortgebildet hatte, gemeinsam mit Lutz Zieseke-Michaelis gearbeitet, 2015 kam Hilka Rehling als weitere Hausärztin dazu. Zieseke-Michaelis ist seit drei Jahren im Ruhestand, Renate Brandt übergibt ihren Praxisanteil nun „mit großem Vertrauen“, wie sie sagt, an Hilka Rehling.

„Ich hoffe sehr, dass über kurz oder lang wieder eine Hausärztin oder ein Hausarzt zur Mitarbeit gewonnen werden kann, sagt Renate Brandt, die das Modell der Gemeinschaftspraxen auch künftig für sinnvoll hält. In Ihrem Fall: Es sei gut zu wissen, dass sie von den engagierten und erfahrenen Mitarbeiterinnen tatkräftig unterstützt werde.

Die ärztliche Versorgung in Petershagen – derzeit gibt es zwölf klassische Allgemeinmediziner – müsse sichergestellt sein, sagt Renate Brandt, die sich an heftige Diskussionen (freundlich und auch weniger freundlich) erinnert, als eine andere Praxis geschlossen hatte und die Patienten nach neuer ärztlicher Versorgung suchten.

Dabei schätzt Renate Brandt die Anstrengungen von Ausbildungskliniken, Praktika auch auf dem Land anzubieten, sie selbst habe gerade zwei junge Mediziner betreut. Die Rahmenbedingungen hätten sich verbessert, ist Renate Brandt überzeugt und nennt als Beispiel die gemeinschaftliche Notdienstregel mit heute noch fünf bis sechs Diensten jährlich.

Auch darauf „darf“ Renate Brandt künftig verzichten, die Ende September in den Ruhestand geht. „Ich freue mich auf die weniger getaktete Zeit, sehr Muße mit meinem Mann in unseren schönen Haus und Garten, mehr Zeit für meine sechs Enkelinnen, Zeit fürs Singen und Musizieren“, sagt sie.

Doch bevor es soweit ist, gibt es noch einen Hinweis an die Klinik-Medizin, der ihr ausgesprochen wichtig ist. Renate Brandt warnt: „Medizin ist heute immer wieder gezwungen, nach dem Prinzip der Gewinnoptimierung zu arbeiten. Die Kliniken stehen dabei massiv unter Druck. Wenn eine Krankheit aber dazu führen muss, dass Gewinn abgeschöpft wird, dann ist etwas falsch.“

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen