Ahnenstätte Seelenfeld: Spurensuche im Bundesarchiv Oliver Plöger Petershagen-Seelenfeld (mt). Die beiden Historiker Dr. Karsten Wilke und Thomas Lange sollen Fakten zur Einordnung der Ahnenstätte Seelenfeld ermitteln. Dabei soll es um geschichtliche Hintergründe gehen, vor allem aber um die Bewertung in der Gegenwart. Für den Einsatz der Wissenschaftler hatte der Rat bereits im März Haushaltsmittel von 10 000 Euro bereitgestellt. Jetzt votierten die Ausschüsse für Kultur und Heimatpflege und der Haupt- und Finanzausschuss für den Einsatz von Wilke und Lange. Beiden Historikern sei es bewusst, wie sensibel das Thema Ahnenstätte anzugehen ist, so Thomas Lange. „Uns geht es darum, konstruktiv herauszufinden, wie die Ahnenstätte entstehen konnte und wie sie heute genutzt und wahrgenommen wird." Umfangreiche Quellen gebe es auf kirchlicher Seite, herauszuarbeiten sei das Beziehungsgeflecht des Tannenbergbunds zu den Seelenfeldern. „Da ist Forschung zu leisten", so Lange – auch wenn der Tannenbergbund überregional schon sehr gut erforscht sei. Für Seelenfeld selbst müsse eine politische Einordnung erfolgen, auch unter Einbezug historischer Wahlergebnisse. Frage müsse auch sein: Wer wurde dort beerdigt? Wilke sieht seine Aufgabe vor allem darin, die Erkenntnisse von Thomas Lange bis in die Gegenwart zu verlängern. Recht wenig Material gebe es in der Verwaltung selbst, abgesehen von einer Erweiterung des Friedhofs 1994/1995. Auch in den Periodika der Ludendorffer gebe es keine oder sehr eingeschränkt Ausführungen zur Ahnenstätte Seelenfeld. Notwendig sei die Quellensuche im Bundesarchiv und im Bayerischen Staatsarchiv. Wichtigste Quelle, so Wilke weiter, sei aber die Ahnenstätte selbst. „Herauszufinden sind biographische Hintergründe zu den Sippen, die dort begraben liegen." Danach müsse geprüft werden, wer die Ahnenstätte nach 1945 genutzt hat, welche Veranstaltungen es hier gibt und welchem Zweck diese Veranstaltungen dienen. „Eine Arbeitshypothese wäre es, dass die Ahnenstätte eine Gegenwelt zur christlichen Welt darstellt", sagte Wilke in einer ersten Einschätzung. Nicht zusagen konnte Lange, dass wirklich bis zum Ende dieses Jahres Ergebnisse vorliegen. Geplant aber sei ein wissenschaftlicher Aufsatz. Fußend darauf könne weiteres Material erstellt werden, auch Informationstafeln für den Friedhof selbst. Die Historiker empfehlen nach Abschluss der Forschungen eine Fachtagung. Über Organisation, Durchführung, Dokumentation und Finanzierung einer solchen Veranstaltung müsste gesondert gesprochen werden, hieß es dazu aus der Verwaltung. Skeptisch blieb Karl-Christian Ebenau (Demokratisches Petershagen), der die Aufarbeitung der Geschichte grundsätzlich für wichtig gält, hier aber ein Thema sieht, dass – „wie so viele derzeit" – seine Dramatik auch durch die sozialen Medien bekomme. Dass insgesamt 10 000 Euro ausgegeben würden, können in Petershagen nicht alle verstehen. Ja, die Diskussion um die Ahnenstätte habe sich hochgeschaukelt, es sei aber wichtig, dass der Rat jetzt ein Zeichen setzt, sagte SPD-Fraktionsvorsitzender Ingo Ellerkamp. Ähnlich CDU-Fraktionsvorsitzender Hermann Humcke: „Das Thema ist bei diesen Historikern in guten Händen." Dass die Stadt Petershagen bereits jetzt Schaden genommen habe, ergänzte Heiner Müller von der FDP, und: „Dieser Schaden sollte behoben werden." Das bestätigte auch Helma Owczarski (SPD): „Der Schaden wird im Nachhinein größer sein, wenn wir nichts tun." Die Historiker Thomas Lange lebt in Hille, hat Geschichte in Hannover und Düsseldorf studiert und forscht seit 2009 auch an der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Sein Schwerpunkt ist die Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, darunter auch Rechtsextremismus. Karsten Wilke studierte Geschichte und Literaturwissenschaften in Bielefeld und Groningen und wurde an der Universität Bielefeld 2009 promoviert. Beschäftigt ist der gebürtige Vlothoer an der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. In Schulen und Jugendeinrichtungen informiert er zum Thema. Der Autor ist erreichbar unter (05 71) 882 264 oder Oliver.Ploeger@MT.de

Ahnenstätte Seelenfeld: Spurensuche im Bundesarchiv

Wollen herausfinden, wie die Ahnenstätte entstand und welche Bedeutung sie hat: Karsten Wilke und Thomas Lange (rechts). MT- © Foto: Plöger

Petershagen-Seelenfeld (mt). Die beiden Historiker Dr. Karsten Wilke und Thomas Lange sollen Fakten zur Einordnung der Ahnenstätte Seelenfeld ermitteln. Dabei soll es um geschichtliche Hintergründe gehen, vor allem aber um die Bewertung in der Gegenwart. Für den Einsatz der Wissenschaftler hatte der Rat bereits im März Haushaltsmittel von 10 000 Euro bereitgestellt. Jetzt votierten die Ausschüsse für Kultur und Heimatpflege und der Haupt- und Finanzausschuss für den Einsatz von Wilke und Lange.

Beiden Historikern sei es bewusst, wie sensibel das Thema Ahnenstätte anzugehen ist, so Thomas Lange. „Uns geht es darum, konstruktiv herauszufinden, wie die Ahnenstätte entstehen konnte und wie sie heute genutzt und wahrgenommen wird." Umfangreiche Quellen gebe es auf kirchlicher Seite, herauszuarbeiten sei das Beziehungsgeflecht des Tannenbergbunds zu den Seelenfeldern. „Da ist Forschung zu leisten", so Lange – auch wenn der Tannenbergbund überregional schon sehr gut erforscht sei.

Für Seelenfeld selbst müsse eine politische Einordnung erfolgen, auch unter Einbezug historischer Wahlergebnisse. Frage müsse auch sein: Wer wurde dort beerdigt?

Wilke sieht seine Aufgabe vor allem darin, die Erkenntnisse von Thomas Lange bis in die Gegenwart zu verlängern. Recht wenig Material gebe es in der Verwaltung selbst, abgesehen von einer Erweiterung des Friedhofs 1994/1995. Auch in den Periodika der Ludendorffer gebe es keine oder sehr eingeschränkt Ausführungen zur Ahnenstätte Seelenfeld.

Notwendig sei die Quellensuche im Bundesarchiv und im Bayerischen Staatsarchiv. Wichtigste Quelle, so Wilke weiter, sei aber die Ahnenstätte selbst. „Herauszufinden sind biographische Hintergründe zu den Sippen, die dort begraben liegen." Danach müsse geprüft werden, wer die Ahnenstätte nach 1945 genutzt hat, welche Veranstaltungen es hier gibt und welchem Zweck diese Veranstaltungen dienen. „Eine Arbeitshypothese wäre es, dass die Ahnenstätte eine Gegenwelt zur christlichen Welt darstellt", sagte Wilke in einer ersten Einschätzung.

Nicht zusagen konnte Lange, dass wirklich bis zum Ende dieses Jahres Ergebnisse vorliegen. Geplant aber sei ein wissenschaftlicher Aufsatz. Fußend darauf könne weiteres Material erstellt werden, auch Informationstafeln für den Friedhof selbst.

Die Historiker empfehlen nach Abschluss der Forschungen eine Fachtagung. Über Organisation, Durchführung, Dokumentation und Finanzierung einer solchen Veranstaltung müsste gesondert gesprochen werden, hieß es dazu aus der Verwaltung.

Skeptisch blieb Karl-Christian Ebenau (Demokratisches Petershagen), der die Aufarbeitung der Geschichte grundsätzlich für wichtig gält, hier aber ein Thema sieht, dass – „wie so viele derzeit" – seine Dramatik auch durch die sozialen Medien bekomme. Dass insgesamt 10 000 Euro ausgegeben würden, können in Petershagen nicht alle verstehen.

Ja, die Diskussion um die Ahnenstätte habe sich hochgeschaukelt, es sei aber wichtig, dass der Rat jetzt ein Zeichen setzt, sagte SPD-Fraktionsvorsitzender Ingo Ellerkamp. Ähnlich CDU-Fraktionsvorsitzender Hermann Humcke: „Das Thema ist bei diesen Historikern in guten Händen."

Dass die Stadt Petershagen bereits jetzt Schaden genommen habe, ergänzte Heiner Müller von der FDP, und: „Dieser Schaden sollte behoben werden." Das bestätigte auch Helma Owczarski (SPD): „Der Schaden wird im Nachhinein größer sein, wenn wir nichts tun."

Die Historiker

Thomas Lange lebt in Hille, hat Geschichte in Hannover und Düsseldorf studiert und forscht seit 2009 auch an der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica. Sein Schwerpunkt ist die Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, darunter auch Rechtsextremismus.

Karsten Wilke studierte Geschichte und Literaturwissenschaften in Bielefeld und Groningen und wurde an der Universität Bielefeld 2009 promoviert. Beschäftigt ist der gebürtige Vlothoer an der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. In Schulen und Jugendeinrichtungen informiert er zum Thema.

Der Autor ist erreichbar unter (05 71) 882 264 oder Oliver.Ploeger@MT.de

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