Petershagen

Das Ende der Fähre war für Petershagen und Lahde auch ein Anfang

Ulrich Westermann

Als sei sie schon immer da gewesen: die Brücke zwischen Lahde und Petershagen: Vor 50 Jahren wurde sie nach vierjähriger Bauzeit ihrer Bestimmung übergeben. Fotos: Ulrich Westermann
Als sei sie schon immer da gewesen: die Brücke zwischen Lahde und Petershagen: Vor 50 Jahren wurde sie nach vierjähriger Bauzeit ihrer Bestimmung übergeben. Fotos: Ulrich Westermann

Petershagen. Mit der Einweihung der Weserbrücke vor 50 Jahren feierten Petershagen und Lahde ein historisches Ereignis. Gleichzeitig endete mit der Einstellung des Fährbetriebes ein wichtiges Kapitel der Stadtgeschichte. Ohne das Brückenbauwerk, das Petershagen, Lahde sowie die nähere und weitere Region miteinander verbindet, wäre die „neue Stadt" in der heutigen Gestalt nicht möglich gewesen.

Die Geburtsstunde geht auf das Inkrafttreten der kommunalen Neugliederung am 1. Januar 1973 zurück, als sich nach unzähligen Sitzungen und Diskussionsrunden 29 ehemals selbstständige Gemeinden zur Stadt Petershagen zusammenschlossen. Von diesen Ortschaften gehörten 19 zum früheren Amt Windheim zu Lahde, 18 davon östlich (rechts) der Weser. Dazu kam Schlüsselburg im „hohen Norden" auf der gegenüberliegenden Flussseite. Westlich (links) der Weser liegen zehn weitere Ortschaften, die vor der Neuordnung das Amt Petershagen bildeten. In den 1950er und und auch noch zu Beginn der 1960er Jahre konnten sich viele Einheimische nicht vorstellen, dass der Fährbetrieb von einem großen Bauwerk über die Weser abgelöst werden sollte.

Hochwassersteg, Fährseilsockel und das alte Personenboot erinnern an die alte Petershäger Fähre.
Hochwassersteg, Fährseilsockel und das alte Personenboot erinnern an die alte Petershäger Fähre.

Häufig machte damals in Petershagen und Umgebung der Ausspruch die Runde: „Die Brücke kommt nie". Am Montag, 9. November 1970, war es aber dann doch soweit: Vor zahlreichen Ehrengästen nahm der damalige NRW-Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr, Dr. Horst Ludwig Riemer, auf Lahder Weserseite die offizielle Übergabe vor. Groß war das Interesse der Bevölkerung. Zu Fuß und mit Fahrrädern zog eine riesige Menschenmenge über die Brücke. Eine Feierstunde im Waldhotel „Deichmühle" schloss sich an. Unter den Teilnehmern waren unter anderem die Bürgermeister Hans-Joachim Rauch (Petershagen), Heinrich Wiegmann (Lahde) und alle Bürgermeister der amtsangehörigen Gemeinden.

Die Einweihung der Weserbrücke bedeute das Ende der Fähre, die zwischen Petershagen und Lahde den Fluss kreuzte.
Die Einweihung der Weserbrücke bedeute das Ende der Fähre, die zwischen Petershagen und Lahde den Fluss kreuzte.

Am Tag der Brückeneinweihung startete die Weserfähre, deren Anlegestelle mit Fahnen und Girlanden geschmückt worden war, zu ihren letzten Überfahrten. Auch hier war der Andrang kaum zu bewältigen. Zwischen Petershagen und Lahde gab es bereits vor einigen hundert Jahren Holzbrücken, die für Leben und Handel von großer Bedeutung waren.

Heute ist die Weser ein regulierter Fluss. In früheren Jahren existierte ein flacher Strom, der in zahlreichen Windungen durch die Landschaft zog und sich bei Eisgang und Hochwasser einen neuen Weg suchte. Flurnamen wie „Werder" erinnern daran, dass die Weser über mehrere Arme verfügte.

Da die Holzbrücken im Laufe der Jahrhunderte immer wieder von den Naturgewalten zerstört wurden, konzentrierte sich der Querungsverkehr der Weser auf die Fähre. Der Fährmann war verpflichtet, landwirtschaftliche Fahrzeuge und Geräte mit ihren Begleitern kostenlos von Petershagen nach Lahde zu befördern. Die Zahl der Ackerbürger, die dieses Vorrecht in Anspruch nehmen durften, verringerte sich, da sie aufgrund einiger Großbrände ihre Ländereien jenseits der Weser verkaufen mussten.

Eine kurzlebige Weserbrücke geht um 1900 auf die Mindener Pioniere zurück. Im April 1945 errichteten die alliierten Truppen vorübergehend eine Kriegsbrücke.

Die alte Fährstelle ist in Petershagen nicht in Vergessenheit geraten. Das alte Gelände hat sich zu einem beliebten Naherholungsgebiet entwickelt, auf dem nach einem „Dornröschenschlaf", der bis 1995 dauerte, verschiedene Gestaltungsmaßnahmen durchgeführt worden sind.

Am 9. November 1970 waren Tausende von Menschen auf den Beinen, um ein Großereignis zu feiern, das im Sinne des Wortes den Brückenschlag in eine neue Zeit bedeutete. Nach vier Jahren war das Bauwerk zwischen Petershagen und Lahde fertiggestellt.

Die Durchführung der Baumaßnahme hatte die Straßenbauverwaltung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe übernommen. Endlich war die seit vielen Jahren angestrebte Verbindung zwischen der B 61 in Petershagen und der B 482 in Lahde Wirklichkeit geworden.

Ein Mann hat sich um das Brückenbauprojekt und die damit in Verbindung stehende Straßenplanung besonders verdient gemacht. Es handelt sich um den inzwischen längst verstorbenen Bauingenieur Willi Lange („Langen Willi"), der 13 Jahre lang dem Petershäger Stadtrat angehörte. Seiner im Jahr 1955 verfassten Denkschrift gab er den Titel „Nachweis dringender unverzüglicher Maßnahmen zur wirtschaftlichen Belebung des stark zurückgebliebenen und stets benachteiligten Grenz- und Randgebietes des Amtsbezirkes". Diese Arbeit mit Textbeiträgen, Fotos, Plänen und Skizzen war die Initialzündung für die Stadt- und Gemeindevertretungen, der politischen Parteien und Interessengruppen.

Allerdings war es bis zum Brückenbaubeginn im Jahr 1966 noch ein weiter Weg. Willi Lange ließ nicht locker. In den 50er Jahren war er mit dem Bürgermeister aus Espelkamp, Wilhelm Kern, im Verkehrsausschuss des Bundestages in Bonn zu Gast, um auf die Notwendigkeit der Weserbrücke zwischen Petershagen und Lahde hinzuweisen. Nachdem der Landschaftsverband in Petershagen getagt hatte, wurde die Zusage gemacht, mit der Vorplanung zu beginnen.

Mitte der 60er Jahre wackelte das geplante Projekt, denn wegen anderer Pläne sollte das Bauvorhaben zurückgestellt werden. Dazu kam es aber nicht. Am 20. Oktober 1966 wurde das gigantische Bauwerk in Angriff genommen. Für das Einweihungsprogramm dieses amtsverbindenden Ereignisses im Jahr 1970 hatten die Gewerbe- und Verkehrsvereine Petershagen und Lahde umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Vor dem Petershäger Rathaus war ein Zelt aufgestellt worden. Sieben Bier, sieben Korn und fünf belegte Brötchen gab es für jeweils eine Mark. Unter dem Jubel der Bevölkerung wurden Luftballon-Trauben aufgelassen. Strahlender Sonnenschein und eisige Kälte begleiteten die Brücken-Einweihungszeremonie. Nachdem der letzte Sperrblock beseitigt worden war, zogen die Menschen über die neue Weserüberführung. Am folgenden Samstag richtete der Gewerbe- und Verkehrsverein Lahde einen Familieneinkaufstag mit Freigetränken und Wildschweinbraten auf dem Bismarckplatz aus. Aus dieser Veranstaltung hat sich in den folgenden Jahren der Lahder Herbstmarkt entwickelt.

Brücke in Zahlen

Die Weserbrücke hat eine Länge von 315 Metern. Im Zuge der Maßnahme mussten sieben kleine Brücken in der Umgebung errichtet werden.

Die Gesamtkosten lagen bei 13,1 Millionen Mark. Die Hauptposten dieses Betrages waren Brücken-bau (6,4 Millionen Mark) und Grunderwerb von 160.000 Quadratmetern (1,7 Millionen Mark).

Für die Aufschüttungsarbeiten der Rampen und die Straßen im Verlauf der Trasse der neuen L 770 wurde ein Lkw-Pendelverkehr eingerichtet. Es entstanden acht Brückenpfeiler.

Bei den Bauarbeiten wurden 360.000 Kubikmeter Erde bewegt sowie 5.930 Kubikmeter Beton und 590 Tonnen Baustahl benö-tigt. Die Kronenbreite des Bau-werkes umfasst 14 Meter. Zur 7,50 Meter breiten Fahrbahn kamen an beiden Seiten jeweils 1,50 Meter breite Bankette, 1,25 Meter befestigte Seitenstreifen und 0,50 Meter breite Leitstreifen. (Wes)

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PetershagenDas Ende der Fähre war für Petershagen und Lahde auch ein AnfangUlrich WestermannPetershagen. Mit der Einweihung der Weserbrücke vor 50 Jahren feierten Petershagen und Lahde ein historisches Ereignis. Gleichzeitig endete mit der Einstellung des Fährbetriebes ein wichtiges Kapitel der Stadtgeschichte. Ohne das Brückenbauwerk, das Petershagen, Lahde sowie die nähere und weitere Region miteinander verbindet, wäre die „neue Stadt" in der heutigen Gestalt nicht möglich gewesen. Die Geburtsstunde geht auf das Inkrafttreten der kommunalen Neugliederung am 1. Januar 1973 zurück, als sich nach unzähligen Sitzungen und Diskussionsrunden 29 ehemals selbstständige Gemeinden zur Stadt Petershagen zusammenschlossen. Von diesen Ortschaften gehörten 19 zum früheren Amt Windheim zu Lahde, 18 davon östlich (rechts) der Weser. Dazu kam Schlüsselburg im „hohen Norden" auf der gegenüberliegenden Flussseite. Westlich (links) der Weser liegen zehn weitere Ortschaften, die vor der Neuordnung das Amt Petershagen bildeten. In den 1950er und und auch noch zu Beginn der 1960er Jahre konnten sich viele Einheimische nicht vorstellen, dass der Fährbetrieb von einem großen Bauwerk über die Weser abgelöst werden sollte. Häufig machte damals in Petershagen und Umgebung der Ausspruch die Runde: „Die Brücke kommt nie". Am Montag, 9. November 1970, war es aber dann doch soweit: Vor zahlreichen Ehrengästen nahm der damalige NRW-Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr, Dr. Horst Ludwig Riemer, auf Lahder Weserseite die offizielle Übergabe vor. Groß war das Interesse der Bevölkerung. Zu Fuß und mit Fahrrädern zog eine riesige Menschenmenge über die Brücke. Eine Feierstunde im Waldhotel „Deichmühle" schloss sich an. Unter den Teilnehmern waren unter anderem die Bürgermeister Hans-Joachim Rauch (Petershagen), Heinrich Wiegmann (Lahde) und alle Bürgermeister der amtsangehörigen Gemeinden. Am Tag der Brückeneinweihung startete die Weserfähre, deren Anlegestelle mit Fahnen und Girlanden geschmückt worden war, zu ihren letzten Überfahrten. Auch hier war der Andrang kaum zu bewältigen. Zwischen Petershagen und Lahde gab es bereits vor einigen hundert Jahren Holzbrücken, die für Leben und Handel von großer Bedeutung waren. Heute ist die Weser ein regulierter Fluss. In früheren Jahren existierte ein flacher Strom, der in zahlreichen Windungen durch die Landschaft zog und sich bei Eisgang und Hochwasser einen neuen Weg suchte. Flurnamen wie „Werder" erinnern daran, dass die Weser über mehrere Arme verfügte. Da die Holzbrücken im Laufe der Jahrhunderte immer wieder von den Naturgewalten zerstört wurden, konzentrierte sich der Querungsverkehr der Weser auf die Fähre. Der Fährmann war verpflichtet, landwirtschaftliche Fahrzeuge und Geräte mit ihren Begleitern kostenlos von Petershagen nach Lahde zu befördern. Die Zahl der Ackerbürger, die dieses Vorrecht in Anspruch nehmen durften, verringerte sich, da sie aufgrund einiger Großbrände ihre Ländereien jenseits der Weser verkaufen mussten. Eine kurzlebige Weserbrücke geht um 1900 auf die Mindener Pioniere zurück. Im April 1945 errichteten die alliierten Truppen vorübergehend eine Kriegsbrücke. Die alte Fährstelle ist in Petershagen nicht in Vergessenheit geraten. Das alte Gelände hat sich zu einem beliebten Naherholungsgebiet entwickelt, auf dem nach einem „Dornröschenschlaf", der bis 1995 dauerte, verschiedene Gestaltungsmaßnahmen durchgeführt worden sind. Am 9. November 1970 waren Tausende von Menschen auf den Beinen, um ein Großereignis zu feiern, das im Sinne des Wortes den Brückenschlag in eine neue Zeit bedeutete. Nach vier Jahren war das Bauwerk zwischen Petershagen und Lahde fertiggestellt. Die Durchführung der Baumaßnahme hatte die Straßenbauverwaltung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe übernommen. Endlich war die seit vielen Jahren angestrebte Verbindung zwischen der B 61 in Petershagen und der B 482 in Lahde Wirklichkeit geworden. Ein Mann hat sich um das Brückenbauprojekt und die damit in Verbindung stehende Straßenplanung besonders verdient gemacht. Es handelt sich um den inzwischen längst verstorbenen Bauingenieur Willi Lange („Langen Willi"), der 13 Jahre lang dem Petershäger Stadtrat angehörte. Seiner im Jahr 1955 verfassten Denkschrift gab er den Titel „Nachweis dringender unverzüglicher Maßnahmen zur wirtschaftlichen Belebung des stark zurückgebliebenen und stets benachteiligten Grenz- und Randgebietes des Amtsbezirkes". Diese Arbeit mit Textbeiträgen, Fotos, Plänen und Skizzen war die Initialzündung für die Stadt- und Gemeindevertretungen, der politischen Parteien und Interessengruppen. Allerdings war es bis zum Brückenbaubeginn im Jahr 1966 noch ein weiter Weg. Willi Lange ließ nicht locker. In den 50er Jahren war er mit dem Bürgermeister aus Espelkamp, Wilhelm Kern, im Verkehrsausschuss des Bundestages in Bonn zu Gast, um auf die Notwendigkeit der Weserbrücke zwischen Petershagen und Lahde hinzuweisen. Nachdem der Landschaftsverband in Petershagen getagt hatte, wurde die Zusage gemacht, mit der Vorplanung zu beginnen. Mitte der 60er Jahre wackelte das geplante Projekt, denn wegen anderer Pläne sollte das Bauvorhaben zurückgestellt werden. Dazu kam es aber nicht. Am 20. Oktober 1966 wurde das gigantische Bauwerk in Angriff genommen. Für das Einweihungsprogramm dieses amtsverbindenden Ereignisses im Jahr 1970 hatten die Gewerbe- und Verkehrsvereine Petershagen und Lahde umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Vor dem Petershäger Rathaus war ein Zelt aufgestellt worden. Sieben Bier, sieben Korn und fünf belegte Brötchen gab es für jeweils eine Mark. Unter dem Jubel der Bevölkerung wurden Luftballon-Trauben aufgelassen. Strahlender Sonnenschein und eisige Kälte begleiteten die Brücken-Einweihungszeremonie. Nachdem der letzte Sperrblock beseitigt worden war, zogen die Menschen über die neue Weserüberführung. Am folgenden Samstag richtete der Gewerbe- und Verkehrsverein Lahde einen Familieneinkaufstag mit Freigetränken und Wildschweinbraten auf dem Bismarckplatz aus. Aus dieser Veranstaltung hat sich in den folgenden Jahren der Lahder Herbstmarkt entwickelt. Brücke in Zahlen Die Weserbrücke hat eine Länge von 315 Metern. Im Zuge der Maßnahme mussten sieben kleine Brücken in der Umgebung errichtet werden. Die Gesamtkosten lagen bei 13,1 Millionen Mark. Die Hauptposten dieses Betrages waren Brücken-bau (6,4 Millionen Mark) und Grunderwerb von 160.000 Quadratmetern (1,7 Millionen Mark). Für die Aufschüttungsarbeiten der Rampen und die Straßen im Verlauf der Trasse der neuen L 770 wurde ein Lkw-Pendelverkehr eingerichtet. Es entstanden acht Brückenpfeiler. Bei den Bauarbeiten wurden 360.000 Kubikmeter Erde bewegt sowie 5.930 Kubikmeter Beton und 590 Tonnen Baustahl benö-tigt. Die Kronenbreite des Bau-werkes umfasst 14 Meter. Zur 7,50 Meter breiten Fahrbahn kamen an beiden Seiten jeweils 1,50 Meter breite Bankette, 1,25 Meter befestigte Seitenstreifen und 0,50 Meter breite Leitstreifen. (Wes)