Petershagen

Das Jugendgästehaus Petershagen kämpft ums Überleben -- und der Bund hilft nicht

Oliver Plöger

Die Liquidität nimmt rapide ab, der Jugendherbergsverband schlägt Alarm. Wenn es den „Besselschen Hof“ weiter als Jugendherberge geben soll, muss Hilfe her. MT-Foto: Alex Lehn - © Lehn,Alexander
Die Liquidität nimmt rapide ab, der Jugendherbergsverband schlägt Alarm. Wenn es den „Besselschen Hof“ weiter als Jugendherberge geben soll, muss Hilfe her. MT-Foto: Alex Lehn (© Lehn,Alexander)

Petershagen. Dem Jugendgästehaus in Petershagen geht es wie derzeit vielen Anbietern und Unternehmen. „Uns ist durch Corona mal eben die Geschäftsgrundlage weggebrochen“, sagt Leiter Frank Heublein. Das besondere Problem hier: Trotz dramatischer Hilferufe und Appelle der Landesverbände des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) und des DJH-Hauptverbands an die Bundes- und Landespolitik können die Jugendherbergen als gemeinnützige Betriebe immer noch keine Mittel aus dem Rettungsschirm abrufen. Und: Auf nennenswerte Rücklagen könne der Landesverband nach Informationen vom DJH-Verband Westfalen-Lippe nicht zurückgreifen – diese dürften Jugendherbergen ebenfalls wegen ihrer Gemeinnützigkeit und den damit verbundenen strengen gesetzlichen Vorgaben nicht bilden.

Laut Landesverband sei die Existenz des Jugendgästehauses auch in Petershagen massiv bedroht. Betroffen seien ebenso die 28 weiteren Jugendherbergen in der Region, darunter auch die in Porta Westfalica. Gemeinsam mit den 13 Landesverbänden des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) appelliert der Verband Westfalen-Lippe dringend an die Politik, auch für die gemeinnützigen Jugendherbergen einen Rettungsschirm aufzuspannen. „Ohne Hilfe werden wir die Krise nicht überstehen“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Büttner.

Auf Anordnung des NRW-Gesundheitsministeriums seien die Jugendherbergen seit dem 17. März geschlossen. „Durch diese Schließungen und das Verbot von Klassenfahrten ist unser Umsatz quasi über Nacht auf null gesunken“, bestätigt Wolfgang Büttner die Angaben aus Petershagen. Bis zu den Sommerferien wurden nahezu alle Buchungen storniert. Und auch Frank Heublein spricht von einer aktuell zweiten Stornowelle, die sich auf Buchungen für den Sommer und darüber hinaus beziehe.

Der Landesverband habe umgehend umfangreiche Gegenmaßnahmen eingeleitet: Alle 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendherbergen und der Hagener Zentrale gehen in Kurzarbeit. In Petershagen sind zehn Mitarbeiter betroffen. „Natürlich ist die Stimmung in einer solchen Situation nicht gut“, sagt Heublein, der weiß, dass Corona auch die Seele krank machen kann. Alle Investitionen – beispielsweise in Baumaßnahmen oder Marketing-Aktivitäten – sind bis auf Weiteres gestoppt.

Dabei waren die Gästezahlen allein in Petershagen von 2018 auf 2019 sogar angestiegen, wie DJH-Pressesprecherin Maike Braun auf MT-Anfrage mittelt. Gab es vor zwei Jahren noch 12.682 Übernachtungen in der Jugendherberge Petershagen, waren es im Jahr darauf 12.954, eine Steigerung um immerhin zwei Prozent. Die größte Gästegruppe mit rund 6.200 Übernachtungen sind in Petershagen die so genannten Freizeitgruppen, darunter Musikgruppen, Sportvereine oder kirchliche Organisationen. Aus den Schulklassen zählte die örtliche Jugendherberge 2019 insgesamt 3.300 Übernachtungen. Zu den Besonderheiten der Jugendherberge in Petershagen gehören Klassenfahrten und spezielle Familienprogramme etwa unter dem Leitmotiv „Starke Kinder – starke Eltern.“ Nachdem gastronomische Betriebe in den vergangenen Jahren geschlossen oder pausiert hatten, hatten auch örtliche Vereine oder Gruppen immer wieder die Jugendherberge genutzt. Das Haus hat 116 Betten.

„Unsere Liquidität nimmt rapide ab“, sagt Wolfgang Büttner. „Hinter uns steht auch kein finanzkräftiger Konzern oder Investor, der Kapital nachschießen‘ könnte“, erklärt der Geschäftsführer weiter. „Wir fordern die Politik dringend auf, hier sehr zügig nachzubessern, damit die Jugendherbergen auch im 111. Jahr ihres Bestehens eine Zukunft haben“, so Büttner weiter. Wünschenswert seien Zuschüsse. „Bürgschaften zur Absicherung von Krediten helfen zwar auch, aber nur kurzfristig. Sie verlagern das Problem in die Zukunft“, so Büttner.

„Unser gesellschaftlicher Auftrag, namentlich die Zugehörigkeit zum Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe sowie die Tatsache, dass wir unsere Erlöse immer direkt in die Jugendherbergen reinvestieren, droht uns nun zum Nachteil zu geraten“. Nur durch die Einbeziehung gemeinnütziger Unternehmen in die Rettungsschirme und Hilfspakete könne die seit 111 Jahren erfolgreiche Arbeit des Jugendherbergswerkes fortgeführt werden.

Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882 264 oder Oliver.Ploeger@MT.de

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PetershagenDas Jugendgästehaus Petershagen kämpft ums Überleben -- und der Bund hilft nichtOliver PlögerPetershagen. Dem Jugendgästehaus in Petershagen geht es wie derzeit vielen Anbietern und Unternehmen. „Uns ist durch Corona mal eben die Geschäftsgrundlage weggebrochen“, sagt Leiter Frank Heublein. Das besondere Problem hier: Trotz dramatischer Hilferufe und Appelle der Landesverbände des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) und des DJH-Hauptverbands an die Bundes- und Landespolitik können die Jugendherbergen als gemeinnützige Betriebe immer noch keine Mittel aus dem Rettungsschirm abrufen. Und: Auf nennenswerte Rücklagen könne der Landesverband nach Informationen vom DJH-Verband Westfalen-Lippe nicht zurückgreifen – diese dürften Jugendherbergen ebenfalls wegen ihrer Gemeinnützigkeit und den damit verbundenen strengen gesetzlichen Vorgaben nicht bilden. Laut Landesverband sei die Existenz des Jugendgästehauses auch in Petershagen massiv bedroht. Betroffen seien ebenso die 28 weiteren Jugendherbergen in der Region, darunter auch die in Porta Westfalica. Gemeinsam mit den 13 Landesverbänden des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) appelliert der Verband Westfalen-Lippe dringend an die Politik, auch für die gemeinnützigen Jugendherbergen einen Rettungsschirm aufzuspannen. „Ohne Hilfe werden wir die Krise nicht überstehen“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Büttner. Auf Anordnung des NRW-Gesundheitsministeriums seien die Jugendherbergen seit dem 17. März geschlossen. „Durch diese Schließungen und das Verbot von Klassenfahrten ist unser Umsatz quasi über Nacht auf null gesunken“, bestätigt Wolfgang Büttner die Angaben aus Petershagen. Bis zu den Sommerferien wurden nahezu alle Buchungen storniert. Und auch Frank Heublein spricht von einer aktuell zweiten Stornowelle, die sich auf Buchungen für den Sommer und darüber hinaus beziehe. Der Landesverband habe umgehend umfangreiche Gegenmaßnahmen eingeleitet: Alle 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendherbergen und der Hagener Zentrale gehen in Kurzarbeit. In Petershagen sind zehn Mitarbeiter betroffen. „Natürlich ist die Stimmung in einer solchen Situation nicht gut“, sagt Heublein, der weiß, dass Corona auch die Seele krank machen kann. Alle Investitionen – beispielsweise in Baumaßnahmen oder Marketing-Aktivitäten – sind bis auf Weiteres gestoppt. Dabei waren die Gästezahlen allein in Petershagen von 2018 auf 2019 sogar angestiegen, wie DJH-Pressesprecherin Maike Braun auf MT-Anfrage mittelt. Gab es vor zwei Jahren noch 12.682 Übernachtungen in der Jugendherberge Petershagen, waren es im Jahr darauf 12.954, eine Steigerung um immerhin zwei Prozent. Die größte Gästegruppe mit rund 6.200 Übernachtungen sind in Petershagen die so genannten Freizeitgruppen, darunter Musikgruppen, Sportvereine oder kirchliche Organisationen. Aus den Schulklassen zählte die örtliche Jugendherberge 2019 insgesamt 3.300 Übernachtungen. Zu den Besonderheiten der Jugendherberge in Petershagen gehören Klassenfahrten und spezielle Familienprogramme etwa unter dem Leitmotiv „Starke Kinder – starke Eltern.“ Nachdem gastronomische Betriebe in den vergangenen Jahren geschlossen oder pausiert hatten, hatten auch örtliche Vereine oder Gruppen immer wieder die Jugendherberge genutzt. Das Haus hat 116 Betten. „Unsere Liquidität nimmt rapide ab“, sagt Wolfgang Büttner. „Hinter uns steht auch kein finanzkräftiger Konzern oder Investor, der Kapital nachschießen‘ könnte“, erklärt der Geschäftsführer weiter. „Wir fordern die Politik dringend auf, hier sehr zügig nachzubessern, damit die Jugendherbergen auch im 111. Jahr ihres Bestehens eine Zukunft haben“, so Büttner weiter. Wünschenswert seien Zuschüsse. „Bürgschaften zur Absicherung von Krediten helfen zwar auch, aber nur kurzfristig. Sie verlagern das Problem in die Zukunft“, so Büttner. „Unser gesellschaftlicher Auftrag, namentlich die Zugehörigkeit zum Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe sowie die Tatsache, dass wir unsere Erlöse immer direkt in die Jugendherbergen reinvestieren, droht uns nun zum Nachteil zu geraten“. Nur durch die Einbeziehung gemeinnütziger Unternehmen in die Rettungsschirme und Hilfspakete könne die seit 111 Jahren erfolgreiche Arbeit des Jugendherbergswerkes fortgeführt werden. Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882 264 oder Oliver.Ploeger@MT.de