Petershagen

Buchladen geschlossen: Peter Betz strampelt sich für die Leser ab

Oliver Plöger

Täglich gehen Bestellungen ein, die Peter Betz dann als „Fahrradkurier“ in Petershagen verteilt. Der Laden darf nicht betreten werden. MT-Foto Oliver Plöger
Täglich gehen Bestellungen ein, die Peter Betz dann als „Fahrradkurier“ in Petershagen verteilt. Der Laden darf nicht betreten werden. MT-Foto Oliver Plöger

Petershagen. Im Zweifel bringt Peter Betz auch „Die Pest“ ins Haus. Beim Klassiker von Albert Camus, in dem es um eine schreckliche Epidemie in Oran an der algerischen Küste geht, gibt es gerade Lieferengpässe – das Buch ist in Corona-Zeiten ausgesprochen beliebt. Alles andere ist am nächsten Tag oder – falls im Laden vorhanden – in wenigen Stunden beim Leser.

Auch die Buchhandlung Betz musste das Geschäft an der Hauptstraße in Petershagen für den normalen Publikumsverkehr schließen. Neben stundenweisen Abholzeiten, in denen die Bücher in einer Tüte samt Rechnung vor die Tür gelegt und von dort entgegengenommen werden, hat sich Betz den Lieferdienst per Fahrrad ausgedacht. Auf einer Karte steckt er morgens die Punkte ab, die heute anzufahren sind.

Der Geschäftsmann ist ohnehin gern auf zwei Rädern unterwegs und sieht hier eine Chance, dass der Laden, sollte die Krise noch länger dauern, nicht in die Knie geht. Dabei sieht er durchaus auch die Petershäger in der Pflicht. „Für uns ist es natürlich sinnvoll, wenn per Anruf oder per Mail direkt bestellt wird“, sagt Betz, den es freut, dass sich das Angebot bereits herumgesprochen hat. Täglich zehn oder elf Büchersendungen liefert er per Fahrrad aus; wenn es mit dem Wetter nicht stimmt, auch mal mit dem Auto: Petershagen ist bekannt weitläufig.

Dabei habe er tolle Erlebnisse, wie Betz schildert. Im Ort selbst war er vorgestern bei drei älteren Damen, die Kinderbücher bestellt hatten. „Da sie ihre Enkel gerade nicht sehen dürfen, wollten sie den Kleinen auf diese Weise eine Freude machen.“

Ohnehin Freude: „Ich fand es schon toll, wie das achtjährige Mädchen und der zehnjährige Junge in Ovenstädt gejubelt haben, nachdem ihre Mutter ein Buchpaket bestellt hatte.“ Kinderbücher gehen gerade gut. Und Malbücher. Sie seien eine tolle Beschäftigungsmöglichkeit, findet Peter Betz.

Dabei achtet er auch bei der Auslieferung darauf, keinerlei Personenkontakt zu bekommen. „Ich bin gesund und will das auch bleiben“, sagt er. Und ein möglicher Überträger will Betz auch nicht sein – die Büchertüten legt er in den Vorgarten, an die Haustür oder auch mal in den Kellereingang. Dann verschwindet er wieder.

Ob die Aktion den Buchladen, den Annette Schmidt-Betz und Peter Betz seit jetzt elf Jahren betreiben, wirklich rettet, wissen die beiden nicht. „Die Krise ist schon existenziell“, sagt Peter Betz und setzt noch einmal hinzu: „Ohne Solidarität geht es nicht.“ Nachher wären die Menschen sicherlich traurig, wenn es keinen Buchladen mehr geben würde, oder auch all die anderen kleinen Geschäfte nicht, die jetzt unter der Corona-Krise ächzen. „Ob da wirklich Hilfe vom Bund kommt, kann ich noch gar nicht so recht glauben“, sagt Peter Betz, der dennoch auf eine positive Überraschung hofft.

Mittlerweile hat das Ehepaar aber zumindest die Nachricht aus dem Ordnungsamt bekommen, dass sie bestellte Bücher stundenweise direkt aus dem Laden herausgeben dürfen. Auch dieses Angebot werde bereits angenommen, Abholungen sind täglich von 9 bis 10 und von 17 bis 18 Uhr möglich, samstags von 10 bis 11 Uhr.

Ansonsten verbringen Annette Schmidt-Betz und Peter Betz die meiste Zeit daheim, bearbeiten von dort per Weiterschaltung die Bestellungen, die per Mail, telefonisch oder eben über www.buchhandlung-betz.de eingehen. Am Nachmittag setzt sich Peter Betz dann auf sein E-Bike und strampelt sich ordentlich ab.

Neben Kinder- und Malbüchern seien übrigens Romane und Krimis gerade besonders gefragt, Delia Owens und „Der Gesang der Flusskrebse“ ist bei den Auslieferungen fast immer dabei.

Und wenn Peter Betz den Klassiker „Die Pest“ in den Kellereingang oder an die Haustür legen soll, wäre das auch möglich. Trotz aktuellem Lieferengpass beim Verlag. „Ich besorge das schon“, sagt er zuversichtlich.

Der Autor ist erreichbar unter (0571) 822 264 oder Oliver.Ploeger@MT.de

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PetershagenBuchladen geschlossen: Peter Betz strampelt sich für die Leser abOliver PlögerPetershagen. Im Zweifel bringt Peter Betz auch „Die Pest“ ins Haus. Beim Klassiker von Albert Camus, in dem es um eine schreckliche Epidemie in Oran an der algerischen Küste geht, gibt es gerade Lieferengpässe – das Buch ist in Corona-Zeiten ausgesprochen beliebt. Alles andere ist am nächsten Tag oder – falls im Laden vorhanden – in wenigen Stunden beim Leser. Auch die Buchhandlung Betz musste das Geschäft an der Hauptstraße in Petershagen für den normalen Publikumsverkehr schließen. Neben stundenweisen Abholzeiten, in denen die Bücher in einer Tüte samt Rechnung vor die Tür gelegt und von dort entgegengenommen werden, hat sich Betz den Lieferdienst per Fahrrad ausgedacht. Auf einer Karte steckt er morgens die Punkte ab, die heute anzufahren sind. Der Geschäftsmann ist ohnehin gern auf zwei Rädern unterwegs und sieht hier eine Chance, dass der Laden, sollte die Krise noch länger dauern, nicht in die Knie geht. Dabei sieht er durchaus auch die Petershäger in der Pflicht. „Für uns ist es natürlich sinnvoll, wenn per Anruf oder per Mail direkt bestellt wird“, sagt Betz, den es freut, dass sich das Angebot bereits herumgesprochen hat. Täglich zehn oder elf Büchersendungen liefert er per Fahrrad aus; wenn es mit dem Wetter nicht stimmt, auch mal mit dem Auto: Petershagen ist bekannt weitläufig. Dabei habe er tolle Erlebnisse, wie Betz schildert. Im Ort selbst war er vorgestern bei drei älteren Damen, die Kinderbücher bestellt hatten. „Da sie ihre Enkel gerade nicht sehen dürfen, wollten sie den Kleinen auf diese Weise eine Freude machen.“ Ohnehin Freude: „Ich fand es schon toll, wie das achtjährige Mädchen und der zehnjährige Junge in Ovenstädt gejubelt haben, nachdem ihre Mutter ein Buchpaket bestellt hatte.“ Kinderbücher gehen gerade gut. Und Malbücher. Sie seien eine tolle Beschäftigungsmöglichkeit, findet Peter Betz. Dabei achtet er auch bei der Auslieferung darauf, keinerlei Personenkontakt zu bekommen. „Ich bin gesund und will das auch bleiben“, sagt er. Und ein möglicher Überträger will Betz auch nicht sein – die Büchertüten legt er in den Vorgarten, an die Haustür oder auch mal in den Kellereingang. Dann verschwindet er wieder. Ob die Aktion den Buchladen, den Annette Schmidt-Betz und Peter Betz seit jetzt elf Jahren betreiben, wirklich rettet, wissen die beiden nicht. „Die Krise ist schon existenziell“, sagt Peter Betz und setzt noch einmal hinzu: „Ohne Solidarität geht es nicht.“ Nachher wären die Menschen sicherlich traurig, wenn es keinen Buchladen mehr geben würde, oder auch all die anderen kleinen Geschäfte nicht, die jetzt unter der Corona-Krise ächzen. „Ob da wirklich Hilfe vom Bund kommt, kann ich noch gar nicht so recht glauben“, sagt Peter Betz, der dennoch auf eine positive Überraschung hofft. Mittlerweile hat das Ehepaar aber zumindest die Nachricht aus dem Ordnungsamt bekommen, dass sie bestellte Bücher stundenweise direkt aus dem Laden herausgeben dürfen. Auch dieses Angebot werde bereits angenommen, Abholungen sind täglich von 9 bis 10 und von 17 bis 18 Uhr möglich, samstags von 10 bis 11 Uhr. Ansonsten verbringen Annette Schmidt-Betz und Peter Betz die meiste Zeit daheim, bearbeiten von dort per Weiterschaltung die Bestellungen, die per Mail, telefonisch oder eben über www.buchhandlung-betz.de eingehen. Am Nachmittag setzt sich Peter Betz dann auf sein E-Bike und strampelt sich ordentlich ab. Neben Kinder- und Malbüchern seien übrigens Romane und Krimis gerade besonders gefragt, Delia Owens und „Der Gesang der Flusskrebse“ ist bei den Auslieferungen fast immer dabei. Und wenn Peter Betz den Klassiker „Die Pest“ in den Kellereingang oder an die Haustür legen soll, wäre das auch möglich. Trotz aktuellem Lieferengpass beim Verlag. „Ich besorge das schon“, sagt er zuversichtlich. Der Autor ist erreichbar unter (0571) 822 264 oder Oliver.Ploeger@MT.de