75 Jahre Kriegsende: Ein Lahder erzählt von der schlimmsten Zeit seines Lebens Claudia Hyna Petershagen-Lahde. Fritz Gläser hat sein Leben aufgeschrieben. Kurz nach dem 80. Geburtstag setzte er sich an seinen Laptop und füllte Seite um Seite mit Erinnerungen an das Kriegsende und die Vertreibung aus der Neumark. Zu Ende lesen kann der Lahder den Bericht nicht. „Vor lauter Weinen komme ich einfach nicht weiter“, sagt er. Doch seine Tränen gelten keineswegs dem Verlust der Heimat. „Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle, wo ich aufgenommen werde.“ Für ihn mutet es seltsam an, dass Kinder, die mit zwei Jahren ihren Herkunftsort verlassen mussten, diesen bis heute als Heimat bezeichnen. Für ihn ist Neudamm (heute Debno in Polen) sein Geburtsort und Lahde seit zwei Jahren seine Heimat. Doch von Anfang an. „Meine Kindheit verlief bis zu meinem zehnten Lebensjahr unbeschwert und frei,“ heißt es zu Beginn des 24-seitigen Berichts. Obwohl die Familie mit sechs Kindern nach heutigem Verständnis arm war, gab es immer genug zu essen. In der Neumark bekamen die Einwohner bis kurz vor Kriegsende nichts vom Zweiten Weltkrieg mit. Das änderte sich, als am 30. Januar 1945 die Russen das nahe Landsberg eingenommen hatten. „Einen Tag später hörten wir fernes Geschützfeuer und Maschinengewehr.“ Am 12. Februar wurde die Bevölkerung mit Flugblättern aufgefordert, die Stadt binnen 24 Stunden zu verlassen. Wer danach noch angetroffen wird, der werde standrechtlich erschossen, hieß es. So machte sich Martha Gläser mit fünf Kindern und den Großeltern mit einem Handwagen auf den Weg. Vater Georg und der älteste Bruder Gerhard waren im Krieg. Die Familie verbrachte die Nacht in Decken gehüllt auf umgestürzten Bäumen im Wald und in verlassenen Wohnungen. An alle Strapazen kann der 85-Jährige sich nicht mehr erinnern. „Aber mit zunehmendem Alter wird vieles wieder klar, was verschwunden war und kommt an die Oberfläche“, heißt es in seinen Aufzeichnungen. In Briesenhorst fanden sie ein verlassenes Anwesen, ein Topf mit angebrannter Erbsensuppe stand noch auf dem Herd. Eines Tages kam ein Trupp russischer Soldaten auf das Gelände. Nachdem die Männer sich satt gegessen hatten, zerrten sie nach und nach die Frauen in die Nebenräume. Kurz darauf wurden diese weinend und mit notdürftig zusammengerafften Kleidern in die Küche gestoßen, erinnert sich Fritz Gläser. Auch seine Mutter und die 16-Jährige Schwester Hanni wurden vergewaltigt. Währenddessen saßen jeweils zwei Soldaten am Tisch und spielten mit den Handgranaten. „Es war die Hölle.“ Dann kam der 3. März 1945. Deutsche Kampfflugzeuge schossen mit ihren Bordwaffen auf die Soldaten. Sie trafen nicht nur Russen, sondern auch die eigenen Leute. „Das Rattern höre ich heute noch.“ Auch seine Mutter wurde bei dem Angriff getroffen, wenige Stunden später war sie verblutet. Zusammen mit dem Großvater hoben die Kinder in der gefrorenen Erde ein Grab für die Mutter aus. Was ging da in dem Zehnjährigen vor? „Ich glaube, ich habe nichts gedacht. Ich stand unter Schock.“ Später sei er noch einige Male dort gewesen, doch er erkannte das Anwesen nicht mehr. Bis Juni 45 blieb die Familie in Landsberg, dann ging es weiter gen Norden. Eine Schafherde sollte in den Oderbruch getrieben werden. „Wie wir das alles überlebt haben, weiß ich nicht mehr.“ Hunger war der ständige Begleiter, sagt er rückblickend. Mit Flucht und Vertreibung war es noch nicht vorbei. Vom brandenburgischen Ort Platkow gelangte die Familie ins Durchgangslager in Berlin-Moabit und am 23. Mai 1946 ins Flüchtlingslager Ahlem bei Hannover, wo sie bis Herbst blieben. Der kleine Fritz besuchte nach fast zwei Jahren wieder eine Schule. Eigentlich sollten er und sein Freund Hansi die vierte Klasse wiederholen. Doch die beiden Jungs mogelten sich in die fünfte Klasse. Diesem Tatendrang wollte sich der Lehrer offenbar nicht in den Weg stellen – die Kinder durften bleiben. In Hannover traf Fritz Gläser 1946 endlich seinen Vater wieder, den er seit 1943 nicht gesehen hatte. Als es daran ging, eine Lehrstelle zu finden, entschied sich Fritz nach langem Überlegen für den Beruf des Binnenschiffers. Als Schiffsjunge konnte er wenigstens seiner Leidenschaft am Herd nachgehen – später sollte sich das auszahlen, versorgte er an den Wochenenden doch die Familie mit seinen Gerichten. Wegen seines Berliner Dialekts wurde Fritz von allen nur „Icke“ genannt. In einem besonders harten Winter war der Wesel-Datteln-Kanal eingefroren und sie mussten auf den Rhein-Herne-Kanal ausweichen. Schließlich war auch dort Schluss und die Schiffer lagen vor Herne. Doch der Zwangsaufenthalt brachte ihm Glück: 1963 lernte er seine spätere Frau Aloisia kennen. „Da war das Eis schnell gebrochen“, sagt er heute und lacht. Weiter ging es wie im Märchen, denn später wohnte die junge Familie in einem Schloss. Der Grund: 1969 trat Gläser seinen Dienst in der Haustechnik des Niedersächsischen Landtags an und so zog die Familie ins Landtagsgebäude: das Leineschloss. Schon bald waren sie zu fünft. Die Jahre gingen ins Land und 1993 zogen sie mit Sohn Matthias und der Schwiegertochter nach Neustadt am Rübenberge. Sein jüngster Sohn Markus (Jahrgang 1967) beschäftigt sich intensiv mit dem Familienstammbaum. Er hatte die Idee, dass sein Vater das Erlebte für die Nachwelt aufschreiben solle. „Hinterher weiß es keiner mehr“, meinte er. Zeit seines Lebens hat Fritz Gläser mit seinen drei Kindern über die Vergangenheit geredet und auch die Neumark besucht. Er kann nicht verstehen, dass einige Menschen das nicht tun. Noch weniger Verständnis hat der Vertriebene für rechtsradikale Ansichten. Wer sich mit deutscher Geschichte befasst, der kann doch nicht dafür sein. Ihn erschüttert das. „Gerade ältere Menschen müssten es besser wissen.“ Die Geschichte des Fritz Gläser ist eine Geschichte vom Aufbruch und vom Ankommen. Als seine Frau an Demenz erkrankte, hieß es Abschied nehmen von Neustadt. Wieder ein Neuanfang: Die Eheleute zogen 2018 in eine barrierefreie Wohnung in Lahde, um in der Nähe ihrer Tochter zu sein, die im Ortsteil Wasserstraße lebt. Viel gemeinsame Zeit war ihnen dort nicht gegönnt. Ein halbes Jahr später starb seine geliebte Frau Aloisia Gläser. Von seinen Geschwistern, zu denen er ein inniges Verhältnis hatte, lebt heute nur noch er. Fritz Gläser hat seinen Lebensmut bewahrt. Langeweile kennt er nicht. Er singt im Lahder Shantychor, besucht die Treffen des Seniorenclubs, bastelt Schiffe aus Holz und betreut seine Enkelkinder. Aktiv ist er außerdem auf Facebook. Er hat sich mit seinen Nachbarn angefreundet, mit einem von ihnen fährt er demnächst in die Neumark. Die Nähe zum Wasser gefällt dem ehemaligen Binnenschiffer. Der nächste 14-tägige Segeltörn ist in Planung. Außerdem hofft er auf ausgiebiges Schwimmen im Lahder Freibad. „Es sind die Tage, an denen es eine Freude war zu leben, die in guter Erinnerung blieben“, schreibt Fritz Gläser in seinen Erinnerungen. 75 Jahre Kriegsende Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber. Wer selbst als Zeitzeuge von seinen Erinnerungen erzählen möchte: Kontakt (0571) 882 73 oder lokales@mt.de.

75 Jahre Kriegsende: Ein Lahder erzählt von der schlimmsten Zeit seines Lebens

Für Fritz Gläser spielt die Heimat heute keine so große Rolle mehr. Es habe dort gute Zeiten gegeben, sagt er. „Aber auch Zeiten, die zu durchleben man niemandem wünscht.“ MT- © Foto: Claudia Hyna

Petershagen-Lahde. Fritz Gläser hat sein Leben aufgeschrieben. Kurz nach dem 80. Geburtstag setzte er sich an seinen Laptop und füllte Seite um Seite mit Erinnerungen an das Kriegsende und die Vertreibung aus der Neumark. Zu Ende lesen kann der Lahder den Bericht nicht. „Vor lauter Weinen komme ich einfach nicht weiter“, sagt er.

Doch seine Tränen gelten keineswegs dem Verlust der Heimat. „Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle, wo ich aufgenommen werde.“ Für ihn mutet es seltsam an, dass Kinder, die mit zwei Jahren ihren Herkunftsort verlassen mussten, diesen bis heute als Heimat bezeichnen. Für ihn ist Neudamm (heute Debno in Polen) sein Geburtsort und Lahde seit zwei Jahren seine Heimat. Doch von Anfang an.

„Meine Kindheit verlief bis zu meinem zehnten Lebensjahr unbeschwert und frei,“ heißt es zu Beginn des 24-seitigen Berichts. Obwohl die Familie mit sechs Kindern nach heutigem Verständnis arm war, gab es immer genug zu essen. In der Neumark bekamen die Einwohner bis kurz vor Kriegsende nichts vom Zweiten Weltkrieg mit.

Das änderte sich, als am 30. Januar 1945 die Russen das nahe Landsberg eingenommen hatten. „Einen Tag später hörten wir fernes Geschützfeuer und Maschinengewehr.“ Am 12. Februar wurde die Bevölkerung mit Flugblättern aufgefordert, die Stadt binnen 24 Stunden zu verlassen. Wer danach noch angetroffen wird, der werde standrechtlich erschossen, hieß es. So machte sich Martha Gläser mit fünf Kindern und den Großeltern mit einem Handwagen auf den Weg. Vater Georg und der älteste Bruder Gerhard waren im Krieg. Die Familie verbrachte die Nacht in Decken gehüllt auf umgestürzten Bäumen im Wald und in verlassenen Wohnungen. An alle Strapazen kann der 85-Jährige sich nicht mehr erinnern. „Aber mit zunehmendem Alter wird vieles wieder klar, was verschwunden war und kommt an die Oberfläche“, heißt es in seinen Aufzeichnungen.

In Briesenhorst fanden sie ein verlassenes Anwesen, ein Topf mit angebrannter Erbsensuppe stand noch auf dem Herd. Eines Tages kam ein Trupp russischer Soldaten auf das Gelände. Nachdem die Männer sich satt gegessen hatten, zerrten sie nach und nach die Frauen in die Nebenräume. Kurz darauf wurden diese weinend und mit notdürftig zusammengerafften Kleidern in die Küche gestoßen, erinnert sich Fritz Gläser. Auch seine Mutter und die 16-Jährige Schwester Hanni wurden vergewaltigt. Währenddessen saßen jeweils zwei Soldaten am Tisch und spielten mit den Handgranaten. „Es war die Hölle.“

Dann kam der 3. März 1945. Deutsche Kampfflugzeuge schossen mit ihren Bordwaffen auf die Soldaten. Sie trafen nicht nur Russen, sondern auch die eigenen Leute. „Das Rattern höre ich heute noch.“ Auch seine Mutter wurde bei dem Angriff getroffen, wenige Stunden später war sie verblutet. Zusammen mit dem Großvater hoben die Kinder in der gefrorenen Erde ein Grab für die Mutter aus. Was ging da in dem Zehnjährigen vor? „Ich glaube, ich habe nichts gedacht. Ich stand unter Schock.“ Später sei er noch einige Male dort gewesen, doch er erkannte das Anwesen nicht mehr.

Bis Juni 45 blieb die Familie in Landsberg, dann ging es weiter gen Norden. Eine Schafherde sollte in den Oderbruch getrieben werden. „Wie wir das alles überlebt haben, weiß ich nicht mehr.“ Hunger war der ständige Begleiter, sagt er rückblickend. Mit Flucht und Vertreibung war es noch nicht vorbei. Vom brandenburgischen Ort Platkow gelangte die Familie ins Durchgangslager in Berlin-Moabit und am 23. Mai 1946 ins Flüchtlingslager Ahlem bei Hannover, wo sie bis Herbst blieben.

Der kleine Fritz besuchte nach fast zwei Jahren wieder eine Schule. Eigentlich sollten er und sein Freund Hansi die vierte Klasse wiederholen. Doch die beiden Jungs mogelten sich in die fünfte Klasse. Diesem Tatendrang wollte sich der Lehrer offenbar nicht in den Weg stellen – die Kinder durften bleiben. In Hannover traf Fritz Gläser 1946 endlich seinen Vater wieder, den er seit 1943 nicht gesehen hatte.

Als es daran ging, eine Lehrstelle zu finden, entschied sich Fritz nach langem Überlegen für den Beruf des Binnenschiffers. Als Schiffsjunge konnte er wenigstens seiner Leidenschaft am Herd nachgehen – später sollte sich das auszahlen, versorgte er an den Wochenenden doch die Familie mit seinen Gerichten. Wegen seines Berliner Dialekts wurde Fritz von allen nur „Icke“ genannt. In einem besonders harten Winter war der Wesel-Datteln-Kanal eingefroren und sie mussten auf den Rhein-Herne-Kanal ausweichen. Schließlich war auch dort Schluss und die Schiffer lagen vor Herne. Doch der Zwangsaufenthalt brachte ihm Glück: 1963 lernte er seine spätere Frau Aloisia kennen. „Da war das Eis schnell gebrochen“, sagt er heute und lacht.

Weiter ging es wie im Märchen, denn später wohnte die junge Familie in einem Schloss. Der Grund: 1969 trat Gläser seinen Dienst in der Haustechnik des Niedersächsischen Landtags an und so zog die Familie ins Landtagsgebäude: das Leineschloss. Schon bald waren sie zu fünft. Die Jahre gingen ins Land und 1993 zogen sie mit Sohn Matthias und der Schwiegertochter nach Neustadt am Rübenberge.

Sein jüngster Sohn Markus (Jahrgang 1967) beschäftigt sich intensiv mit dem Familienstammbaum. Er hatte die Idee, dass sein Vater das Erlebte für die Nachwelt aufschreiben solle. „Hinterher weiß es keiner mehr“, meinte er. Zeit seines Lebens hat Fritz Gläser mit seinen drei Kindern über die Vergangenheit geredet und auch die Neumark besucht. Er kann nicht verstehen, dass einige Menschen das nicht tun. Noch weniger Verständnis hat der Vertriebene für rechtsradikale Ansichten. Wer sich mit deutscher Geschichte befasst, der kann doch nicht dafür sein. Ihn erschüttert das. „Gerade ältere Menschen müssten es besser wissen.“

Die Geschichte des Fritz Gläser ist eine Geschichte vom Aufbruch und vom Ankommen. Als seine Frau an Demenz erkrankte, hieß es Abschied nehmen von Neustadt. Wieder ein Neuanfang: Die Eheleute zogen 2018 in eine barrierefreie Wohnung in Lahde, um in der Nähe ihrer Tochter zu sein, die im Ortsteil Wasserstraße lebt. Viel gemeinsame Zeit war ihnen dort nicht gegönnt. Ein halbes Jahr später starb seine geliebte Frau Aloisia Gläser.

Von seinen Geschwistern, zu denen er ein inniges Verhältnis hatte, lebt heute nur noch er. Fritz Gläser hat seinen Lebensmut bewahrt. Langeweile kennt er nicht. Er singt im Lahder Shantychor, besucht die Treffen des Seniorenclubs, bastelt Schiffe aus Holz und betreut seine Enkelkinder. Aktiv ist er außerdem auf Facebook. Er hat sich mit seinen Nachbarn angefreundet, mit einem von ihnen fährt er demnächst in die Neumark. Die Nähe zum Wasser gefällt dem ehemaligen Binnenschiffer. Der nächste 14-tägige Segeltörn ist in Planung. Außerdem hofft er auf ausgiebiges Schwimmen im Lahder Freibad. „Es sind die Tage, an denen es eine Freude war zu leben, die in guter Erinnerung blieben“, schreibt Fritz Gläser in seinen Erinnerungen.

75 Jahre Kriegsende

Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

Wer selbst als Zeitzeuge von seinen Erinnerungen erzählen möchte: Kontakt (0571) 882 73 oder lokales@mt.de.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Petershagen