Der Schlips ist ab: Ovenstädter Jecken stürmen das Rathaus

Claudia Hyna

Der Bürgermeister (Mitte) musste schon dran glauben, jetzt nimmt sich Prinzessin Anna den Schlips von Hartmut Buss vor. MT- - © Foto: Claudia Hyna
Der Bürgermeister (Mitte) musste schon dran glauben, jetzt nimmt sich Prinzessin Anna den Schlips von Hartmut Buss vor. MT- (© Foto: Claudia Hyna)

Petershagen-Lahde. Wenn schon Krawatte, dann am liebsten einfarbig und in gedeckten Tönen, sagt Bürgermeister Dieter Blume. An Weiberfastnacht macht er eine geschmackliche Ausnahme. Sein Modell „Tennisspieler“ ist unverkennbar ein Überbleibsel der achtziger Jahre – und ein gefundenes Fressen für die Ovenstädter Narren. Um 11.11 Uhr übernehmen sie für zwei Stunden die Macht im Lahder Rathaus.

Mindestens 100 Krawatten umfasst seine Sammlung, schätzt der Bürgermeister. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern die haben sich im Laufe der Jahre angesammelt. Wenn er im September aus dem Amt scheidet, braucht er sie nicht mehr, glaubt er. Dieses Jahr hält für ihn viele letzte Male bereit, eines davon ist der traditionelle Sturm aufs Rathaus. Kommt da Wehmut auf? Das gibt er gerne zu, er scheide mit einem lachenden und einem weinenden Auge aus dem Amt. „Das mit dem letzten Mal werde ich heute aber nicht erwähnen. Am Ende klatschen die noch alle“, sagt er und lacht.

Ovenstädter Jecken stürmen Rathaus an Weiberfastnacht (Plus-Inhalt)

Prinzengarde, Elferrat, Tanzgarde und Begleiter machen sich im Sitzungssaal breit. Wo sonst die Politiker mit ihren Unterlagen und Tablets sitzen, liegen heute Luftschlangen, Berliner, Schnittchen und Getränke mit und ohne Prozente. Zeit für zwei Stunden Geselligkeit an einem trüben Tag. Die Ovenstädter Glasturmsänger – zusammen sind sie 400 Jahre alt – animieren die Anwesenden zum Mitsingen und schon bald beginnt die Polonaise durch den Raum. Textsicher singen alle mit bei Karnevals-Klassikern wie „Kornblumenblau“, „Wenn das Wasser im Rhein“ und „Schenk mir heute Nacht dein Herz“. Prinzessin Anna I. und Prinzgemahl Daniel I. haben an der Kopfseite des Tisches Platz genommen.

Ohne Schlüsselgewalt keine Machtübernahme. Doch diese verzögert sich etwas, der Mann mit dem wichtigen Accessoire lässt auf sich warten. Bei der Zeremonie dankt das Stadtoberhaupt den Karnevalisten für ihren Besuch und auch allen, die im Hintergrund diesen besonderen Tag vorbereitet haben. Er habe da so drei bis sieben Problemlagen in Petershagen, mit denen könnten sich die neuen Machthaber gerne beschäftigen. Am Aschermittwoch sei er wieder im Dienst, bis dahin könne er sich nun ausruhen.

Doch vorher müssen er und Hartmut Buss aus dem Hauptamt sich der Prozedur des Krawattenabschneidens unterziehen. Im Anschluss daran ziehen die Ovenstädter Frauen auf der Suche nach weiteren Opfern durch das Verwaltungsgebäude. Komischerweise seien alle Männer heute auf Terminen oder hätten frei, frotzeln sie. Im Büro von Daniel Helmerking brennt Licht, auf seinem Schreibtisch liegen stapelweise Unterlagen zur Kommunalwahl 2020. Sein Schlips ist eindeutig älteren Datums und schnell abgeschnitten. Ein Eierlikörchen für ihn und die Damen setzen ihren Weg durch die Rathaus-Flure fort.

Für Bürgermeister Blume und Hartmut Buss geht es nach der Feierstunde weiter mit Business as usual. Später steht noch eine Verwaltungsvorstandssitzung auf der Tagesordnung. Wenn alles gut läuft, werde er wohl gegen 21 Uhr zuhause sein, meint das kurzzeitig entmachtete Stadtoberhaupt.

Rosenmontag

Die Jecken fiebern dem Rosenmontags-Umzug entgegen, der am 24. Februar um 14.11 Uhr vor dem Glasturm in Ovenstädt startet. Getreu dem dem Motto „Kunterbunt und Trallala, OKV Hipp Hipp Hurra“ geht es durch die Ortschaft. Sieben Wagen und zwölf Fußgruppen haben sich dazu angemeldet. Vorsitzender Markus Kruse rechnet mit 2.500 bis 3.000 Zuschauern.

Über das Wetter macht Kruse sich keine Gedanken. Schließlich werde er wie jeden Rosenmontag morgens bei Petrus anrufen und gutes Wetter anmelden. Nach dem Umzug geht es um 17 Uhr bei der Party mit DJ Torsten Mehring im Festzelt weiter.

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Der Schlips ist ab: Ovenstädter Jecken stürmen das RathausClaudia HynaPetershagen-Lahde. Wenn schon Krawatte, dann am liebsten einfarbig und in gedeckten Tönen, sagt Bürgermeister Dieter Blume. An Weiberfastnacht macht er eine geschmackliche Ausnahme. Sein Modell „Tennisspieler“ ist unverkennbar ein Überbleibsel der achtziger Jahre – und ein gefundenes Fressen für die Ovenstädter Narren. Um 11.11 Uhr übernehmen sie für zwei Stunden die Macht im Lahder Rathaus. Mindestens 100 Krawatten umfasst seine Sammlung, schätzt der Bürgermeister. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern die haben sich im Laufe der Jahre angesammelt. Wenn er im September aus dem Amt scheidet, braucht er sie nicht mehr, glaubt er. Dieses Jahr hält für ihn viele letzte Male bereit, eines davon ist der traditionelle Sturm aufs Rathaus. Kommt da Wehmut auf? Das gibt er gerne zu, er scheide mit einem lachenden und einem weinenden Auge aus dem Amt. „Das mit dem letzten Mal werde ich heute aber nicht erwähnen. Am Ende klatschen die noch alle“, sagt er und lacht. Prinzengarde, Elferrat, Tanzgarde und Begleiter machen sich im Sitzungssaal breit. Wo sonst die Politiker mit ihren Unterlagen und Tablets sitzen, liegen heute Luftschlangen, Berliner, Schnittchen und Getränke mit und ohne Prozente. Zeit für zwei Stunden Geselligkeit an einem trüben Tag. Die Ovenstädter Glasturmsänger – zusammen sind sie 400 Jahre alt – animieren die Anwesenden zum Mitsingen und schon bald beginnt die Polonaise durch den Raum. Textsicher singen alle mit bei Karnevals-Klassikern wie „Kornblumenblau“, „Wenn das Wasser im Rhein“ und „Schenk mir heute Nacht dein Herz“. Prinzessin Anna I. und Prinzgemahl Daniel I. haben an der Kopfseite des Tisches Platz genommen. Ohne Schlüsselgewalt keine Machtübernahme. Doch diese verzögert sich etwas, der Mann mit dem wichtigen Accessoire lässt auf sich warten. Bei der Zeremonie dankt das Stadtoberhaupt den Karnevalisten für ihren Besuch und auch allen, die im Hintergrund diesen besonderen Tag vorbereitet haben. Er habe da so drei bis sieben Problemlagen in Petershagen, mit denen könnten sich die neuen Machthaber gerne beschäftigen. Am Aschermittwoch sei er wieder im Dienst, bis dahin könne er sich nun ausruhen. Doch vorher müssen er und Hartmut Buss aus dem Hauptamt sich der Prozedur des Krawattenabschneidens unterziehen. Im Anschluss daran ziehen die Ovenstädter Frauen auf der Suche nach weiteren Opfern durch das Verwaltungsgebäude. Komischerweise seien alle Männer heute auf Terminen oder hätten frei, frotzeln sie. Im Büro von Daniel Helmerking brennt Licht, auf seinem Schreibtisch liegen stapelweise Unterlagen zur Kommunalwahl 2020. Sein Schlips ist eindeutig älteren Datums und schnell abgeschnitten. Ein Eierlikörchen für ihn und die Damen setzen ihren Weg durch die Rathaus-Flure fort. Für Bürgermeister Blume und Hartmut Buss geht es nach der Feierstunde weiter mit Business as usual. Später steht noch eine Verwaltungsvorstandssitzung auf der Tagesordnung. Wenn alles gut läuft, werde er wohl gegen 21 Uhr zuhause sein, meint das kurzzeitig entmachtete Stadtoberhaupt. Rosenmontag Die Jecken fiebern dem Rosenmontags-Umzug entgegen, der am 24. Februar um 14.11 Uhr vor dem Glasturm in Ovenstädt startet. Getreu dem dem Motto „Kunterbunt und Trallala, OKV Hipp Hipp Hurra“ geht es durch die Ortschaft. Sieben Wagen und zwölf Fußgruppen haben sich dazu angemeldet. Vorsitzender Markus Kruse rechnet mit 2.500 bis 3.000 Zuschauern. Über das Wetter macht Kruse sich keine Gedanken. Schließlich werde er wie jeden Rosenmontag morgens bei Petrus anrufen und gutes Wetter anmelden. Nach dem Umzug geht es um 17 Uhr bei der Party mit DJ Torsten Mehring im Festzelt weiter.