Döhren

Schafhalter: Kein Verständnis für Wolfsromantik

Claudia Hyna

Bauernpräsident Joachim Rukwied warnt, dass zwischen der Ausbreitung von Wölfen und der steigenden Zahl an gerissenen Schafen, Ziegen und Rindern ein Zusammenhang bestehe. MT- - © Foto: Alex Lehn
Bauernpräsident Joachim Rukwied warnt, dass zwischen der Ausbreitung von Wölfen und der steigenden Zahl an gerissenen Schafen, Ziegen und Rindern ein Zusammenhang bestehe. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Petershagen-Döhren. Ein vermisstes Lamm und ein totes trächtiges Schaf: Das ist die traurige Bilanz, die Schafhalter Joachim Kuhn nach der Durchreise eines Wolfes in der vergangenen Woche zieht. Der 57-Jährige befürwortet drastische Maßnahmen.

Wolfssichtung in Ilvese am 7. Februar 2020 from Mindener Tageblatt on Vimeo.

Ein Foto des Wolfes, den eine Autofahrerin am 7. Februar in Ilse gesichtet hat. - © Foto: pr
Ein Foto des Wolfes, den eine Autofahrerin am 7. Februar in Ilse gesichtet hat. (© Foto: pr)

Er spricht sich dafür aus, alle übergriffigen Wölfe zu schießen. Ganz aktuell hat der Bundesrat gestern beschlossen, dass sie nach Angriffen auf Nutztiere leichter abgeschossen werden können. Kuhn hofft, dass sich das Verfahren vor der Tötung nicht lange hinzieht. „Der Wolf soll bleiben, was er ist: ein scheues, im Verborgenen lebendes Wildtier", sagt der Döhrener. Mit Wolfsromantik hat Kuhn nichts am Hut. Sie geht ihm sogar gehörig gegen den Strich. Was ist, wenn ein Schaf in Panik auf die Schienen oder auf die Straße läuft?, fragt er. Und was ist, wenn Jugendliche von einer plötzlich auftauchenden Schafherde erschreckt gegen einen Baum fahren? Das komme in den verklärten Vorstellungen der Naturschützer nicht vor.

Noch gibt es keinen Beweis, dass es sich wirklich um einen Wolf handelt, der am vergangenen Freitag in Ilse gesichtet wurde. Fotos und Videos einer Zeugin legen den Verdacht nahe. Das Landesumweltamt (LANUV) prüft den Fall und wertet DNA-Spuren aus. Für Joachim Kuhn besteht kein Zweifel. Mehrere Personen haben das Tier am darauffolgenden Samstagmorgen ebenfalls gesehen, und zwar nahe Hof Klanhorst zwischen Raderhorst und Ilse, 500 Meter entfernt vom Rissort. Am Freitagabend meldete sich der Nachbar, auf dessen Areal Kuhns Herde geflohen war. Ein Lamm fehlte, ein weiteres fanden sie nach langer Suche im Gebüsch. „Es war verschreckt und wollte nicht mehr trinken. Nach zwei Tagen ist es verendet."

Ein trächtiges Schaf war von hinten gerissen worden, überall lagen Wollfetzen herum. Typisch für Wölfe seien zwar Kehlbisse von vorne, sagt Wolfsberater Norbert Schmelz. Doch bei dem Durcheinander, dass das Tier in der Herde anrichtete, habe er vermutlich die Verfolgung aufgenommen und hinten zugebissen.

Joachim Kuhn befürchtet, dass der Wolf einen ganzen Berufsstand in fünf bis zehn Jahren ruiniert. Der gelernte Krankenpfleger ist seit 1984 Schafhalter. Aktuell hat er etwa 450 Schafe, mit denen er den Großteil seines Lebensunterhalts verdient. Im Sommer hält er die Tiere in eingezäunten Koppeln mitten in der Ortschaft Döhren. Hier bieten Pfostenzäune plus Elektrolitze Schutz. Problematisch wird es, wenn die Schafe von Mitte November bis Anfang April auf Flächen unterwegs sind, die ihm Landwirte zur Verfügung stellen. Dort seien die Tiere dem Wolf schutzlos ausgeliefert. Als Varianten schlug der Wolfsberater höhere Zäune, Litzen- oder Lappenzäune vor. Höhere Zäune würden dem Wind nicht standhalten und kein größeres Hindernis für Tiere darstellen, sagt Kuhn. Das habe er mit seinen Hunden getestet, die problemlos darüber springen konnten. Gestern hat er dieses Szenario per Video festgehalten.

Der Schafhalter aus Döhren hat entschieden, in Zaunapparate mit höherer Stromstärke zu investieren. Erschwerend sei, dass diese Zäune im Winter täglich bewegt werden müssen und es sich um mehrere Kilometer lange Abgrenzungen um Schafgruppen handelt. Natürlich könne mit Herdenschutzhunden einiges erreicht werden, gibt er zu. Doch eine Haltung innerhalb des Ortes sei unmöglich, da die Tiere jeden attackierten. Unbeaufsichtigt sei das nicht denkbar. Joachim Kuhn hat drei altdeutsche Hütehunde, um die Schafe umzutreiben.

Eine Entschädigung für seine Tiere bekommt der Halter übrigens nur, wenn bewiesen ist, dass ein Wolf für die Tötung verantwortlich ist. Bis der Beleg vorliegt, wird es noch dauern.

Mehr Wolfsrudel

Rund 150 Jahre nach seiner Ausrottung in Deutschland ist der Wolf in sieben Bundesländern heimisch – und breitet sich weiter aus. 105 Rudel gibt es nach Angaben des Naturschutz-Bundesamtes in Deutschland. Die Vorkommen konzentrieren sich auf ein Gebiet in der sächsischen Lausitz über Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bis Niedersachsen. Erstmals seit der Ausrottung wurden in NRW, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein einzelne Wölfe beobachtet.

Naturschützer schlagen wegen illegaler Tötungen der Raubtiere Alarm – und Landwirte wegen gerissener Nutztiere. Naturschützer werten den Anstieg der Wolfspopulation als Erfolg und biologisch normal, Landwirte beobachten die Entwicklung mit Sorge.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

2 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

DöhrenSchafhalter: Kein Verständnis für WolfsromantikClaudia HynaPetershagen-Döhren. Ein vermisstes Lamm und ein totes trächtiges Schaf: Das ist die traurige Bilanz, die Schafhalter Joachim Kuhn nach der Durchreise eines Wolfes in der vergangenen Woche zieht. Der 57-Jährige befürwortet drastische Maßnahmen. Wolfssichtung in Ilvese am 7. Februar 2020 from Mindener Tageblatt on Vimeo. Er spricht sich dafür aus, alle übergriffigen Wölfe zu schießen. Ganz aktuell hat der Bundesrat gestern beschlossen, dass sie nach Angriffen auf Nutztiere leichter abgeschossen werden können. Kuhn hofft, dass sich das Verfahren vor der Tötung nicht lange hinzieht. „Der Wolf soll bleiben, was er ist: ein scheues, im Verborgenen lebendes Wildtier", sagt der Döhrener. Mit Wolfsromantik hat Kuhn nichts am Hut. Sie geht ihm sogar gehörig gegen den Strich. Was ist, wenn ein Schaf in Panik auf die Schienen oder auf die Straße läuft?, fragt er. Und was ist, wenn Jugendliche von einer plötzlich auftauchenden Schafherde erschreckt gegen einen Baum fahren? Das komme in den verklärten Vorstellungen der Naturschützer nicht vor. Noch gibt es keinen Beweis, dass es sich wirklich um einen Wolf handelt, der am vergangenen Freitag in Ilse gesichtet wurde. Fotos und Videos einer Zeugin legen den Verdacht nahe. Das Landesumweltamt (LANUV) prüft den Fall und wertet DNA-Spuren aus. Für Joachim Kuhn besteht kein Zweifel. Mehrere Personen haben das Tier am darauffolgenden Samstagmorgen ebenfalls gesehen, und zwar nahe Hof Klanhorst zwischen Raderhorst und Ilse, 500 Meter entfernt vom Rissort. Am Freitagabend meldete sich der Nachbar, auf dessen Areal Kuhns Herde geflohen war. Ein Lamm fehlte, ein weiteres fanden sie nach langer Suche im Gebüsch. „Es war verschreckt und wollte nicht mehr trinken. Nach zwei Tagen ist es verendet." Ein trächtiges Schaf war von hinten gerissen worden, überall lagen Wollfetzen herum. Typisch für Wölfe seien zwar Kehlbisse von vorne, sagt Wolfsberater Norbert Schmelz. Doch bei dem Durcheinander, dass das Tier in der Herde anrichtete, habe er vermutlich die Verfolgung aufgenommen und hinten zugebissen. Joachim Kuhn befürchtet, dass der Wolf einen ganzen Berufsstand in fünf bis zehn Jahren ruiniert. Der gelernte Krankenpfleger ist seit 1984 Schafhalter. Aktuell hat er etwa 450 Schafe, mit denen er den Großteil seines Lebensunterhalts verdient. Im Sommer hält er die Tiere in eingezäunten Koppeln mitten in der Ortschaft Döhren. Hier bieten Pfostenzäune plus Elektrolitze Schutz. Problematisch wird es, wenn die Schafe von Mitte November bis Anfang April auf Flächen unterwegs sind, die ihm Landwirte zur Verfügung stellen. Dort seien die Tiere dem Wolf schutzlos ausgeliefert. Als Varianten schlug der Wolfsberater höhere Zäune, Litzen- oder Lappenzäune vor. Höhere Zäune würden dem Wind nicht standhalten und kein größeres Hindernis für Tiere darstellen, sagt Kuhn. Das habe er mit seinen Hunden getestet, die problemlos darüber springen konnten. Gestern hat er dieses Szenario per Video festgehalten. Der Schafhalter aus Döhren hat entschieden, in Zaunapparate mit höherer Stromstärke zu investieren. Erschwerend sei, dass diese Zäune im Winter täglich bewegt werden müssen und es sich um mehrere Kilometer lange Abgrenzungen um Schafgruppen handelt. Natürlich könne mit Herdenschutzhunden einiges erreicht werden, gibt er zu. Doch eine Haltung innerhalb des Ortes sei unmöglich, da die Tiere jeden attackierten. Unbeaufsichtigt sei das nicht denkbar. Joachim Kuhn hat drei altdeutsche Hütehunde, um die Schafe umzutreiben. Eine Entschädigung für seine Tiere bekommt der Halter übrigens nur, wenn bewiesen ist, dass ein Wolf für die Tötung verantwortlich ist. Bis der Beleg vorliegt, wird es noch dauern. Mehr Wolfsrudel Rund 150 Jahre nach seiner Ausrottung in Deutschland ist der Wolf in sieben Bundesländern heimisch – und breitet sich weiter aus. 105 Rudel gibt es nach Angaben des Naturschutz-Bundesamtes in Deutschland. Die Vorkommen konzentrieren sich auf ein Gebiet in der sächsischen Lausitz über Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bis Niedersachsen. Erstmals seit der Ausrottung wurden in NRW, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein einzelne Wölfe beobachtet. Naturschützer schlagen wegen illegaler Tötungen der Raubtiere Alarm – und Landwirte wegen gerissener Nutztiere. Naturschützer werten den Anstieg der Wolfspopulation als Erfolg und biologisch normal, Landwirte beobachten die Entwicklung mit Sorge.