Petershagen

Was die Schließung des Kraftwerks Heyden für die Stadt Petershagen bedeutet

Jürgen Langenkämper

Das Kraftwerk in Lahde war bis vor 20 Jahren der mit Abstand größte Steuerzahler. Heute geht es mal auf, mal ab. - © Foto: pr
Das Kraftwerk in Lahde war bis vor 20 Jahren der mit Abstand größte Steuerzahler. Heute geht es mal auf, mal ab. (© Foto: pr)

Petershagen. Die „Dekarbonisierung seines Portfolios“ hatte Kraftwerksbetreiber Uniper Ende Januar angekündigt und mit einem Zeitplan verbunden. Was für Laien wie Fachchinesisch klingt, bei Umwelt- und Klimaschützern sogleich Reduzierung der CO2-Emissionen mitschwingen lässt, ruft im Rathaus der Stadt Petershagen sogleich Gedanken über die wirtschaftlichen Folgen für die Stadt und die Region auf den Plan. Denn schließlich gehört zu diesem Portfolio das Steinkohlekraftwerk Heyden in Lahde. Es soll 2025 die Verstromung von Steinkohle einstellen.

Das erste Schreckensszenario für den Stadthaushalt, wenn der wichtigste Gewerbesteuerzahler verschwindet, können Bürgermeister Dieter Blume (CDU) und Kämmerer Dirk Breves gleich abweisen. Das Kraftwerk war mal der wichtigste Steuerzahler, aber das ist schon einige Zeit her. „Bis vor 20 Jahren war Heyden alljährlich der mit Abstand größte Steuerzahler“, sagt Breves, der aufgrund des Steuergeheimnisses keine genauen Beträge nennen darf – nur so viel: Es ging nicht um Peanuts, es ging um Millionen. Das änderte sich ab 2000 aufgrund neuer steuerrechtlicher Bestimmungen. „Bis 2010 gab es in einzelnen Jahren hohe Beträge, aber nicht mehr so verlässlich.“

Wie ein Tsunami wirkte sich für den Stadtsäckel der Super-GAU von Fukushima aus. Er führte zu der Entscheidung, die Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke drastisch zu verkürzen und gänzlich aus der Kernenergie auszusteigen. Dies daraus resultierenden Abschreibungen für die Energiekonzerne und Kraftwerksbetreiber hatte der Steuerzahler und die öffentliche Hand mitzutragen. Die Stadt Petershagen bekam es besonders deutlich zu spüren. „2012 hatten wir sogar ein negatives Gewerbesteueraufkommens seitens des Kraftwerks“, sagt der Kämmerer. Konkret – und diese Zahl darf er nennen: „Wir mussten acht Millionen Euro zurückzahlen.“ Dies verhagelte ihm dermaßen die Bilanz, dass Petershagen ein Minus von 2,5 Millionen Euro aus der Gewerbesteuer hatte. „Das war landesweit einmalig.“

In jüngeren Jahren hat sich Dirk Breves angewöhnt, seine Haushaltsentwürfe aufzustellen, ohne allzu stark auf Gewerbesteuereinnahmen aus dem Kraftwerk zu bauen. Mal geht es auf, mal ab. „Das ist eine Größe, mit der ich gar nicht mehr rechne“, gibt der Kämmerer zu. Für eine relativ hohe Zahlung in einem der Vorjahre ist zudem noch eine Klage von Uniper gegen einen Messbescheid anhängig, wie aus einer Nachricht der Finanzbehörden hervorging. „Eine Verstetigung bei Null“ ab 2025 wäre für die Kämmerei leichter zu handhaben als ein Oszillieren von Einnahmen und Rückzahlungen im jährlichen Wechsel, die insgesamt aber auch nicht viel mehr als ein Nullsummenspiel ergäben.

Außerdem war die Freude über hohe Gewerbesteuereinnahmen ohnehin schon mehr immer eine zweischneidige Angelegenheit. „Es gibt eine hohe Abschöpfungsquote“, erläutert Breves. Steigt die Gewerbesteuer, sinken die Schlüsselzuweisungen des Landes und steigen Umlagen, zum Beispiel an den Kreis. „Am Ende bleiben fünf Prozent über.“

Dennoch lässt die Rathausspitze ein absehbares Ende des Kraftwerks Heyden, wie man es seit der Inbetriebnahme 1951 kannte, keineswegs kalt – im Gegenteil. „Wir hatten immer ein gutes Miteinander“, sagt Bürgermeister Blume.

Kraftwerksleiter Uwe Knorr kann dieses Miteinander anschaulich belegen. „Neben 78 Mitarbeitern haben wir 24 Auszubildende, damit haben wir zehn Prozent der Ausbildung des Konzerns geleistet.“ Dies geschah über den eigenen Bedarf hinaus, aber stets hätten die fertigen Elektro- und Industriemechaniker als „Spezialisten für die ganze Branche“ im Anschluss eine Beschäftigung in Elektrounternehmen der Region gefunden.

„Außerdem arbeiten 35 Mitarbeiter von Partnerfirmen ständig auf dem Kraftwerksgelände.“ Für die mittelständischen Handwerksbetriebe zeichnet sich in fünf Jahren der Wegfall eines wichtigen Auftraggebers ab. „In Revisionszeiten sind sogar 300 Leute auf dem Gelände tätig“, sagt Knorr. Die nächste Revision für den 1987 in Betrieb genommenen Kraftwerksblock ist für Juni/Juli geplant. „Die Auswärtigen müssen auch beherbergt werden“, macht Blume auf einen Randaspekt aufmerksam.

Was dem Kraftwerksleiter auch am Herzen lag und liegt: Sponsoring. „Wir unterstützen Schulen, die Freiwillige Feuerwehr und Sportvereine“, sagt Knorr – schließlich seien die eigenen Mitarbeiter dort Mitglieder.

Und die Kraftwerker sind auch Kunden. „Das wirkt sich auf die Kaufkraft aus“, sagt Knorr. „Mit einem durchschnittlichen Bruttojahresverdienst in Höhe von 68.600 Euro gehörten Vollzeitbeschäftigte in der Energieversorgung auch im Jahr 2018 zur Gruppe der Spitzenverdiener in Nordrhein-Westfalen“, hatte das Statistische Landesamt IT.NRW erst am Montag dieser Woche mitgeteilt.

Doch Verwaltungsspitze und Kraftwerksleitung blicken nicht nur zurück auf vermeintlich „Goldene Zeiten“. Sie schauen auch auf die Zukunft. Was wird aus dem Gelände? „Es ist trimodal zu erreichen“, sagt Dieter Blume und preist sogleich die Vorzüge eines Bahnanschlusses in Verbindung mit einer Bundesstraße und einer Landesstraße vor der Haustür und dem Hafen am Schleusenkanal an. „Da lässt sich eine Menge machen“, sagt Uwe Knorr. Doch die B 482 sei ein Nadelöhr unter Hinweis auf den Regioport in Päpinghausen. Deshalb mahnt er: „Es gibt mehr Verkehr. Die ganze B 482 muss entwickelt werden.“

Der 225 Meter hohe Schornstein und auch der weithin sichtbare Kühlturm könnten der Region über 2025 hinaus erhalten bleiben. „Es gibt keine Rückbauverpflichtung“, sagt der Kraftwerksleiter. Alles hänge von einem noch zu erstellenden Entwicklungskonzept ab.

Das alles in den nächsten Jahren zu stemmen, wäre eine Riesenaufgabe für die Kommune. Ihr Nachteil dabei: „Es gibt keine Strukturhilfen“, wie Kämmerer Breves sagt. Bürgermeister Blume, der im Herbst aus dem Amt scheidet, sieht seine Stadt zwar als strukturschwach, aber aus Düsseldorfer Sicht ist der Kreis Minden-Lübbecke keine Problemzone, die auf Hilfen vom Land angewiesen wäre.

Eine Stilllegung des Kraftwerks wäre aus technischer Sicht eine weitere Herausforderung. Denn um die nötige Netzstabilität zu gewährleisten, musste Heyden bislang immer dann in Betrieb gehalten werden und Strom einspeisen, wenn das AKW Grohnde für Wartungen vom Netz ging. Doch Grohnde geht Ende 2021 endgültig außer Betrieb. Was dann? Wie wird dann die Netzsicherheit gewährleistet? „Das muss sich der Netzbetreiber Tennet überlegen“, sagt Knorr. Eventuell ließe sich eine Gasturbine installieren, möglicherweise in Lahde. „Eine Gasleitung ist vorhanden.“ Gaskraftwerke lassen sich schnell hochfahren, wenn nicht genügend erneuerbare Energie vorhanden sind, wie dies bei Windkraft und Solaranlagen passieren kann. Kohlekraftwerke brauchen dagegen eine längere Anlaufzeit. Doch Gas sei nur wirtschaftlich mit anderem Gewerbe, etwa Chemieanlagen, wie der Kraftwerksleiter meint. Eventuell müsse das Kraftwerk noch länger am Netz bleiben, sagt Knorr, „als Brückenglied, zwei, drei, vier Jahre – aber das entscheiden nicht wir, sondern die Bundesnetzagentur. Da sind wir völlig raus. Tennet gibt vor.“

Vor der Stadt Petershagen liegen spannende Jahre, in denen Entscheidungen auf Jahrzehnte, Generationen, zu treffen sind – so wie damals als Heyden gebaut und 1987 modernisiert wurde. „Wir befinden uns in einer Schicksalsgemeinschaft“, sagt Dieter Blume.

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PetershagenWas die Schließung des Kraftwerks Heyden für die Stadt Petershagen bedeutetJürgen LangenkämperPetershagen. Die „Dekarbonisierung seines Portfolios“ hatte Kraftwerksbetreiber Uniper Ende Januar angekündigt und mit einem Zeitplan verbunden. Was für Laien wie Fachchinesisch klingt, bei Umwelt- und Klimaschützern sogleich Reduzierung der CO2-Emissionen mitschwingen lässt, ruft im Rathaus der Stadt Petershagen sogleich Gedanken über die wirtschaftlichen Folgen für die Stadt und die Region auf den Plan. Denn schließlich gehört zu diesem Portfolio das Steinkohlekraftwerk Heyden in Lahde. Es soll 2025 die Verstromung von Steinkohle einstellen. Das erste Schreckensszenario für den Stadthaushalt, wenn der wichtigste Gewerbesteuerzahler verschwindet, können Bürgermeister Dieter Blume (CDU) und Kämmerer Dirk Breves gleich abweisen. Das Kraftwerk war mal der wichtigste Steuerzahler, aber das ist schon einige Zeit her. „Bis vor 20 Jahren war Heyden alljährlich der mit Abstand größte Steuerzahler“, sagt Breves, der aufgrund des Steuergeheimnisses keine genauen Beträge nennen darf – nur so viel: Es ging nicht um Peanuts, es ging um Millionen. Das änderte sich ab 2000 aufgrund neuer steuerrechtlicher Bestimmungen. „Bis 2010 gab es in einzelnen Jahren hohe Beträge, aber nicht mehr so verlässlich.“ Wie ein Tsunami wirkte sich für den Stadtsäckel der Super-GAU von Fukushima aus. Er führte zu der Entscheidung, die Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke drastisch zu verkürzen und gänzlich aus der Kernenergie auszusteigen. Dies daraus resultierenden Abschreibungen für die Energiekonzerne und Kraftwerksbetreiber hatte der Steuerzahler und die öffentliche Hand mitzutragen. Die Stadt Petershagen bekam es besonders deutlich zu spüren. „2012 hatten wir sogar ein negatives Gewerbesteueraufkommens seitens des Kraftwerks“, sagt der Kämmerer. Konkret – und diese Zahl darf er nennen: „Wir mussten acht Millionen Euro zurückzahlen.“ Dies verhagelte ihm dermaßen die Bilanz, dass Petershagen ein Minus von 2,5 Millionen Euro aus der Gewerbesteuer hatte. „Das war landesweit einmalig.“ In jüngeren Jahren hat sich Dirk Breves angewöhnt, seine Haushaltsentwürfe aufzustellen, ohne allzu stark auf Gewerbesteuereinnahmen aus dem Kraftwerk zu bauen. Mal geht es auf, mal ab. „Das ist eine Größe, mit der ich gar nicht mehr rechne“, gibt der Kämmerer zu. Für eine relativ hohe Zahlung in einem der Vorjahre ist zudem noch eine Klage von Uniper gegen einen Messbescheid anhängig, wie aus einer Nachricht der Finanzbehörden hervorging. „Eine Verstetigung bei Null“ ab 2025 wäre für die Kämmerei leichter zu handhaben als ein Oszillieren von Einnahmen und Rückzahlungen im jährlichen Wechsel, die insgesamt aber auch nicht viel mehr als ein Nullsummenspiel ergäben. Außerdem war die Freude über hohe Gewerbesteuereinnahmen ohnehin schon mehr immer eine zweischneidige Angelegenheit. „Es gibt eine hohe Abschöpfungsquote“, erläutert Breves. Steigt die Gewerbesteuer, sinken die Schlüsselzuweisungen des Landes und steigen Umlagen, zum Beispiel an den Kreis. „Am Ende bleiben fünf Prozent über.“ Dennoch lässt die Rathausspitze ein absehbares Ende des Kraftwerks Heyden, wie man es seit der Inbetriebnahme 1951 kannte, keineswegs kalt – im Gegenteil. „Wir hatten immer ein gutes Miteinander“, sagt Bürgermeister Blume. Kraftwerksleiter Uwe Knorr kann dieses Miteinander anschaulich belegen. „Neben 78 Mitarbeitern haben wir 24 Auszubildende, damit haben wir zehn Prozent der Ausbildung des Konzerns geleistet.“ Dies geschah über den eigenen Bedarf hinaus, aber stets hätten die fertigen Elektro- und Industriemechaniker als „Spezialisten für die ganze Branche“ im Anschluss eine Beschäftigung in Elektrounternehmen der Region gefunden. „Außerdem arbeiten 35 Mitarbeiter von Partnerfirmen ständig auf dem Kraftwerksgelände.“ Für die mittelständischen Handwerksbetriebe zeichnet sich in fünf Jahren der Wegfall eines wichtigen Auftraggebers ab. „In Revisionszeiten sind sogar 300 Leute auf dem Gelände tätig“, sagt Knorr. Die nächste Revision für den 1987 in Betrieb genommenen Kraftwerksblock ist für Juni/Juli geplant. „Die Auswärtigen müssen auch beherbergt werden“, macht Blume auf einen Randaspekt aufmerksam. Was dem Kraftwerksleiter auch am Herzen lag und liegt: Sponsoring. „Wir unterstützen Schulen, die Freiwillige Feuerwehr und Sportvereine“, sagt Knorr – schließlich seien die eigenen Mitarbeiter dort Mitglieder. Und die Kraftwerker sind auch Kunden. „Das wirkt sich auf die Kaufkraft aus“, sagt Knorr. „Mit einem durchschnittlichen Bruttojahresverdienst in Höhe von 68.600 Euro gehörten Vollzeitbeschäftigte in der Energieversorgung auch im Jahr 2018 zur Gruppe der Spitzenverdiener in Nordrhein-Westfalen“, hatte das Statistische Landesamt IT.NRW erst am Montag dieser Woche mitgeteilt. Doch Verwaltungsspitze und Kraftwerksleitung blicken nicht nur zurück auf vermeintlich „Goldene Zeiten“. Sie schauen auch auf die Zukunft. Was wird aus dem Gelände? „Es ist trimodal zu erreichen“, sagt Dieter Blume und preist sogleich die Vorzüge eines Bahnanschlusses in Verbindung mit einer Bundesstraße und einer Landesstraße vor der Haustür und dem Hafen am Schleusenkanal an. „Da lässt sich eine Menge machen“, sagt Uwe Knorr. Doch die B 482 sei ein Nadelöhr unter Hinweis auf den Regioport in Päpinghausen. Deshalb mahnt er: „Es gibt mehr Verkehr. Die ganze B 482 muss entwickelt werden.“ Der 225 Meter hohe Schornstein und auch der weithin sichtbare Kühlturm könnten der Region über 2025 hinaus erhalten bleiben. „Es gibt keine Rückbauverpflichtung“, sagt der Kraftwerksleiter. Alles hänge von einem noch zu erstellenden Entwicklungskonzept ab. Das alles in den nächsten Jahren zu stemmen, wäre eine Riesenaufgabe für die Kommune. Ihr Nachteil dabei: „Es gibt keine Strukturhilfen“, wie Kämmerer Breves sagt. Bürgermeister Blume, der im Herbst aus dem Amt scheidet, sieht seine Stadt zwar als strukturschwach, aber aus Düsseldorfer Sicht ist der Kreis Minden-Lübbecke keine Problemzone, die auf Hilfen vom Land angewiesen wäre. Eine Stilllegung des Kraftwerks wäre aus technischer Sicht eine weitere Herausforderung. Denn um die nötige Netzstabilität zu gewährleisten, musste Heyden bislang immer dann in Betrieb gehalten werden und Strom einspeisen, wenn das AKW Grohnde für Wartungen vom Netz ging. Doch Grohnde geht Ende 2021 endgültig außer Betrieb. Was dann? Wie wird dann die Netzsicherheit gewährleistet? „Das muss sich der Netzbetreiber Tennet überlegen“, sagt Knorr. Eventuell ließe sich eine Gasturbine installieren, möglicherweise in Lahde. „Eine Gasleitung ist vorhanden.“ Gaskraftwerke lassen sich schnell hochfahren, wenn nicht genügend erneuerbare Energie vorhanden sind, wie dies bei Windkraft und Solaranlagen passieren kann. Kohlekraftwerke brauchen dagegen eine längere Anlaufzeit. Doch Gas sei nur wirtschaftlich mit anderem Gewerbe, etwa Chemieanlagen, wie der Kraftwerksleiter meint. Eventuell müsse das Kraftwerk noch länger am Netz bleiben, sagt Knorr, „als Brückenglied, zwei, drei, vier Jahre – aber das entscheiden nicht wir, sondern die Bundesnetzagentur. Da sind wir völlig raus. Tennet gibt vor.“ Vor der Stadt Petershagen liegen spannende Jahre, in denen Entscheidungen auf Jahrzehnte, Generationen, zu treffen sind – so wie damals als Heyden gebaut und 1987 modernisiert wurde. „Wir befinden uns in einer Schicksalsgemeinschaft“, sagt Dieter Blume.