Klare Kante gegen die AfD - Politiker sprechen mit Schülern über Demokratie Claudia Hyna Petershagen. Lügenpresse, Fake news und Umgang mit rechtsextremen Parteien: Beim Demokratietag der Q2 am Gymnasium Petershagen kamen Themen auf den Tisch, die in jede Talkrunde passen. Im Pädagogischen Zentrum entwickelte sich eine facettenreiche Diskussion, die von Janne Möhring und Frauke Walter souverän moderiert wurde. Teilnehmer der Runde waren Nina Pape (Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit), Lennart Ulrich (CDU-Stadtverbandsvorsitzender Minden), Jannes Tilicke (Juso-Vorsitzender Minden), Ingo Ellerkamp (SPD-Fraktionsvorsitzender Petershagen) und Siegfried Gutsche (Landratskandidat von Bündnis 90/Die Grünen). Sie alle hätten nicht gezögert, als sie die Einladung der Schüler erhielten, bekräftigten sie. „Ihr seid unsere Zukunft“, ermunterte Gutsche die rund 110 Schülerinnen und Schüler. In der Runde gab es einen heißen Stuhl, auf dem ein fragender Schüler Platz nehmen durfte. Dieser wurde ausgiebig genutzt. Demokratie stärken Ein Schüler fragte nach einem Mittel, um die Demokratie zu stärken. Denn nur mit gesundem Menschenverstand sei die aktuelle Entwicklung nicht zu stoppen, meinte er. Medienkompetenz müsse Teil eines Schulfachs werden, schlug Ulrich als Lösung vor. Und Schüler sollten wieder lernen, ihr Gegenüber mehr zu respektieren und zu achten. Parlamentarische Demokratie In einer parlamentarischen Demokratie entscheiden die gewählten Politiker, nicht das Volk, kritisierte eine Schülerin. Das könne zu Politik-Verdrossenheit führen, die wiederum extreme Richtungen in der Politik begünstige. Unser System sei so angelegt, dass am Ende die Parteien zuständig sind, sagte Ingo Ellerkamp. Sich in der Form zu engagieren, klinge auf den ersten Blick nicht sexy, sogar miefig. Alle Teilnehmer der Runde seien Beispiel dafür, dass es aber viel Spaß mache, sich einzumischen. Und die Möglichkeiten der Jugend heute seien größer denn je. „Die brauchen Nachwuchs, ihr rennt bei den Parteien offene Türen ein.“ Im übrigen gebe es das Bürgerbegehren als Element der direkten Demokratie. Parteien und soziale Medien Eine Schülerin kritisierte, dass die Parteien zu wenig in den sozialen Medien vertreten sind. Um zu verdeutlichen, wie die Jugend sich informiert, sagte sie: „Wir gucken nicht auf Homepages.“ Tilicke, mit 28 Jahren jüngster Teilnehmer der Runde, nutzt seine Instagram-Seite nicht nur für Fotos, sondern auch zur Abfrage von Meinungen. Wichtig sei es, selbst über den Kanal zu bestimmen, über den man in den Dialog trete. „Die Facebook-Diskussion habe ich aufgegeben.“ Das seien immer die gleichen Leute und die gleiche Debatte. Grünen-Vertreter Gutsche erwähnte verbale und körperliche Angriffe auf Politiker. Er habe das selbst erlebt, eines Tages sei die Polizei bei ihm gewesen und habe ihn mit Vorwürfen konfrontiert, die völlig aus der Luft gegriffen waren. Etikette im Internet Dürfen Nutzer falsche Behauptungen, etwa über Flüchtlinge, ins Netz stellen?, fragte ein Schüler. Das sei ein globales Problem und die Justiz brauche Mittel, um solche Einträge aus dem Internet herauszunehmen, war die Meinung von Siegfried Gutsche. Wir brauchen keine Regeln, widersprach Jannes Tilicke. Die Meinungsfreiheit sei ein zu hohes Gut. Seiner Ansicht nach ist die Zivilgesellschaft gefordert, sich dagegen zu stellen. Alles verbieten will Gutsche nicht. Aber Regeln müssten eingehalten werden. Er bezeichnete die sozialen Medien als neue Weltmacht. Umgang mit der AfD Die Partei AfD hätten die Schüler bewusst nicht eingeladen, sagte Frauke Walter. Bedroht sie unsere Demokratie?, fragte sie. Angesichts der Landtagswahl in Thüringen stellt sich diese Frage im Nachhinein mit noch mehr Vehemenz. Die Alternative für Deutschland sei ein Problem seit 2013, so Tilicke. Mit der Wahrheit, die die Politiker nicht müde werden einzufordern, sei allein ihre Sichtweise gemeint. Und das sei schlecht für die Demokratie. Das müsse unsere Demokratie aushalten, erwiderte Ellerkamp. Momentan sei die AfD in Deutschland noch nicht flächendeckend vertreten. Er hielt es für ein Glück, dass sie selten Kandidaten fänden, die sich aufstellen ließen – und hoffe, dass das einer Ausbreitung entgegen stehe. Deutschland sei das eine, in den Nachbarländern seien rechtsextreme Tendenzen längst eine ernsthafte Bedrohung, meint Siegfried Gutsche. „Wir müssen wachsam sein und dagegen halten.“ Das Kreistagsmitglied vertrat die Ansicht, dass es nicht helfe, den Sitzungssaal zu verlassen, wenn ein AfD-Mitglied spricht. „Wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen – und ihnen einen Zahn nach dem anderen ziehen.“ Was kann jeder tun? Was kann jeder Einzelne in seinem Umfeld tun? fragt Organisatorin Janne Möhring (18): Aufmerksam sein, sich einbringen und sein eigenes Thema finden, rät Nina Pape. Dazu braucht es keine Partei. Die meisten Schüler seien doch in verschiedenen Räumen aktiv – das reicht vom Engagement in Sportverein, Band, Schul-AG oder Feuerwehr, zählt Jannes Tilicke auf. Auch Vereine seien schließlich eine demokratische Institution. Und Demokratie brauche Demokraten. Demokratietalk Ein Kommentar von Claudia Hyna Die Veranstaltung im Gymnasium Petershagen war inhaltlich ein Lehrstück in Sachen Demokratie. Den fragenden Schülern war anzumerken, dass sie sich mehr als einen Gedanken zum Thema gemacht hatten. Da wurde nicht gelacht, wenn sich einer versprach, stattdessen nahmen sie einander ernst. Auf der anderen Seite gaben die Politiker ein positives Bild ab. Sie ließen einander ausreden, hörten zu, antworteten sachlich, waren auch mal einer Meinung – obwohl sie unterschiedlichen Parteien angehören. Von Selbstdarstellung keine Spur. Und damit hat der Demokratietag neben allen Inhalten seinen Zweck erfüllt: Bei der Veranstaltung hatten alle die gleichen Rechte. Welche Pflichten sich daraus ergeben, kann jeder für sich entscheiden.

Klare Kante gegen die AfD - Politiker sprechen mit Schülern über Demokratie

Janne Möhring (rechts) interviewt unter anderem Jannes Tilicke, Ingo Ellerkamp und Siegfried Gutsche (von links).MT- © Foto: Claudia Hyna

Petershagen. Lügenpresse, Fake news und Umgang mit rechtsextremen Parteien: Beim Demokratietag der Q2 am Gymnasium Petershagen kamen Themen auf den Tisch, die in jede Talkrunde passen. Im Pädagogischen Zentrum entwickelte sich eine facettenreiche Diskussion, die von Janne Möhring und Frauke Walter souverän moderiert wurde.

Teilnehmer der Runde waren Nina Pape (Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit), Lennart Ulrich (CDU-Stadtverbandsvorsitzender Minden), Jannes Tilicke (Juso-Vorsitzender Minden), Ingo Ellerkamp (SPD-Fraktionsvorsitzender Petershagen) und Siegfried Gutsche (Landratskandidat von Bündnis 90/Die Grünen). Sie alle hätten nicht gezögert, als sie die Einladung der Schüler erhielten, bekräftigten sie. „Ihr seid unsere Zukunft“, ermunterte Gutsche die rund 110 Schülerinnen und Schüler. In der Runde gab es einen heißen Stuhl, auf dem ein fragender Schüler Platz nehmen durfte. Dieser wurde ausgiebig genutzt.

Demokratie stärken

Ein Schüler fragte nach einem Mittel, um die Demokratie zu stärken. Denn nur mit gesundem Menschenverstand sei die aktuelle Entwicklung nicht zu stoppen, meinte er. Medienkompetenz müsse Teil eines Schulfachs werden, schlug Ulrich als Lösung vor. Und Schüler sollten wieder lernen, ihr Gegenüber mehr zu respektieren und zu achten.

Parlamentarische Demokratie

In einer parlamentarischen Demokratie entscheiden die gewählten Politiker, nicht das Volk, kritisierte eine Schülerin. Das könne zu Politik-Verdrossenheit führen, die wiederum extreme Richtungen in der Politik begünstige. Unser System sei so angelegt, dass am Ende die Parteien zuständig sind, sagte Ingo Ellerkamp. Sich in der Form zu engagieren, klinge auf den ersten Blick nicht sexy, sogar miefig. Alle Teilnehmer der Runde seien Beispiel dafür, dass es aber viel Spaß mache, sich einzumischen. Und die Möglichkeiten der Jugend heute seien größer denn je. „Die brauchen Nachwuchs, ihr rennt bei den Parteien offene Türen ein.“ Im übrigen gebe es das Bürgerbegehren als Element der direkten Demokratie.

Parteien und soziale Medien

Eine Schülerin kritisierte, dass die Parteien zu wenig in den sozialen Medien vertreten sind. Um zu verdeutlichen, wie die Jugend sich informiert, sagte sie: „Wir gucken nicht auf Homepages.“ Tilicke, mit 28 Jahren jüngster Teilnehmer der Runde, nutzt seine Instagram-Seite nicht nur für Fotos, sondern auch zur Abfrage von Meinungen. Wichtig sei es, selbst über den Kanal zu bestimmen, über den man in den Dialog trete. „Die Facebook-Diskussion habe ich aufgegeben.“ Das seien immer die gleichen Leute und die gleiche Debatte. Grünen-Vertreter Gutsche erwähnte verbale und körperliche Angriffe auf Politiker. Er habe das selbst erlebt, eines Tages sei die Polizei bei ihm gewesen und habe ihn mit Vorwürfen konfrontiert, die völlig aus der Luft gegriffen waren.

Etikette im Internet

Dürfen Nutzer falsche Behauptungen, etwa über Flüchtlinge, ins Netz stellen?, fragte ein Schüler. Das sei ein globales Problem und die Justiz brauche Mittel, um solche Einträge aus dem Internet herauszunehmen, war die Meinung von Siegfried Gutsche. Wir brauchen keine Regeln, widersprach Jannes Tilicke. Die Meinungsfreiheit sei ein zu hohes Gut. Seiner Ansicht nach ist die Zivilgesellschaft gefordert, sich dagegen zu stellen. Alles verbieten will Gutsche nicht. Aber Regeln müssten eingehalten werden. Er bezeichnete die sozialen Medien als neue Weltmacht.

Umgang mit der AfD

Die Partei AfD hätten die Schüler bewusst nicht eingeladen, sagte Frauke Walter. Bedroht sie unsere Demokratie?, fragte sie. Angesichts der Landtagswahl in Thüringen stellt sich diese Frage im Nachhinein mit noch mehr Vehemenz. Die Alternative für Deutschland sei ein Problem seit 2013, so Tilicke. Mit der Wahrheit, die die Politiker nicht müde werden einzufordern, sei allein ihre Sichtweise gemeint. Und das sei schlecht für die Demokratie. Das müsse unsere Demokratie aushalten, erwiderte Ellerkamp.

Momentan sei die AfD in Deutschland noch nicht flächendeckend vertreten. Er hielt es für ein Glück, dass sie selten Kandidaten fänden, die sich aufstellen ließen – und hoffe, dass das einer Ausbreitung entgegen stehe. Deutschland sei das eine, in den Nachbarländern seien rechtsextreme Tendenzen längst eine ernsthafte Bedrohung, meint Siegfried Gutsche. „Wir müssen wachsam sein und dagegen halten.“ Das Kreistagsmitglied vertrat die Ansicht, dass es nicht helfe, den Sitzungssaal zu verlassen, wenn ein AfD-Mitglied spricht. „Wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen – und ihnen einen Zahn nach dem anderen ziehen.“

Was kann jeder tun?

Was kann jeder Einzelne in seinem Umfeld tun? fragt Organisatorin Janne Möhring (18): Aufmerksam sein, sich einbringen und sein eigenes Thema finden, rät Nina Pape. Dazu braucht es keine Partei. Die meisten Schüler seien doch in verschiedenen Räumen aktiv – das reicht vom Engagement in Sportverein, Band, Schul-AG oder Feuerwehr, zählt Jannes Tilicke auf. Auch Vereine seien schließlich eine demokratische Institution. Und Demokratie brauche Demokraten.

Demokratietalk

Ein Kommentar von Claudia Hyna

Die Veranstaltung im Gymnasium Petershagen war inhaltlich ein Lehrstück in Sachen Demokratie. Den fragenden Schülern war anzumerken, dass sie sich mehr als einen Gedanken zum Thema gemacht hatten. Da wurde nicht gelacht, wenn sich einer versprach, stattdessen nahmen sie einander ernst. Auf der anderen Seite gaben die Politiker ein positives Bild ab. Sie ließen einander ausreden, hörten zu, antworteten sachlich, waren auch mal einer Meinung – obwohl sie unterschiedlichen Parteien angehören. Von Selbstdarstellung keine Spur. Und damit hat der Demokratietag neben allen Inhalten seinen Zweck erfüllt: Bei der Veranstaltung hatten alle die gleichen Rechte. Welche Pflichten sich daraus ergeben, kann jeder für sich entscheiden.

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