Windheim

Igor Prado und Raphael Wressnig eröffnen das neue Blues-Jahrzehnt in Windheim No. 2

Rolf Graff

Der brasilianische Gitarrist Igor Prado spielt gefühlvolle Blues-Soli.
Der brasilianische Gitarrist Igor Prado spielt gefühlvolle Blues-Soli.

Petershagen-Windheim. Es sieht ein wenig so aus, als hätte jemand seinen Sperrmüll auf der Bühne von Windheim No. 2 entsorgt. Das große alte „Möbelstück“ mit den deutlichen Lackschäden stammt tatsächlich schon aus den 1950er-Jahren und ist eine elektronische Orgel, eine Hammond B-3. Sie wurde damals als preisgünstiger Ersatz für Kirchenorgeln entwickelt, und George Gershwin, Henry Ford und Count Basie waren die ersten Käufer. Schnell fand sie ihre Liebhaber auch im Jazz, Blues und der populären Musik und manche Rockband hätte es ohne die B-3 so nicht gegeben.

Die Orgel die der Österreicher Raphael Wressnig mit nach Windheim gebracht hat, stammt aus dem Jahr 1957 und wird verstärkt über ein Leslie-Kabinett, ein Verstärkersystem mit rotierenden Lautsprechern. Beide sind inzwischen teure Raritäten.

Raphael Wressnig beweist im Verlauf des Konzertes, dass er auf der Orgel gleich in mehreren Stilistiken zu Hause ist. Sogar Funk weiß er mit Klasse und Groove zu präsentieren. Neben Blues und Soul ist das eins der bestimmenden Elemente bei diesem Blues-Café-Konzert, und auch Swing gelingt dem Trio hervorragend.

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Die Übergänge sind dabei fließend. Gitarrist Igor Prado spielt bei den Funk-Nummern nicht automatisch den typischen Chicken-Funk-Stil, sondern integriert auch mal elegant lange Blues-Soli. Beide Musiker spielen inspiriert miteinander, mal unisono, dann wieder im Dialog oder klug miteinander verwebt.

Igor Prado stammt aus Brasilien, was der Linkshänder stilistisch aber nicht erkennen lässt. Sein Spiel ist ebenso geschmackvoll wie emotional und immer wieder entwickelt er seine Läufe auf mitreißende Höhepunkte hin. Dazu kann er auch mit seiner einschmeichelnden Soul-Stimme begeistern.

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Zwischen den beiden Solisten sitzt Hans-Jürgen Bart an seinem Schlagzeug. Er spielt sicher und druckvoll und weiß Akzente zu setzen.

Was im Zusammenspiel der Drei entsteht, hat einen ganz eigenen Charakter und war so bei den „Freunden des gepflegten Zwölftakters“ noch nicht zu hören. Die gespielten Titel stammen von dem gemeinsamen Album von Prado und Wressnig „The Soul Connection“, aber auch aus deren Soloproduktionen und von anderen Musikern wie Booker T. and the MGs, Snooks Eaglin oder Little Milton.

Gitarrist Igor Prado verlässt mit seiner Gitarre auch mal die Bühne und spielt direkt bei den Zuschauern, soweit sein Kabel es zulässt. Das ist dem Organisten natürlich nicht möglich. Er erklimmt stattdessen seine Orgel und spielt sie mit den Füßen weiter. Während Prado heiße Sololinien spielt, gießt Wressnig Feuerzeugbenzin auf die Orgel und setzt sie in Flammen. Nach diesem „heißen“ Finale ist das Publikum ganz aus dem Häuschen und erklatscht sich zwei Zugaben.

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WindheimIgor Prado und Raphael Wressnig eröffnen das neue Blues-Jahrzehnt in Windheim No. 2Rolf GraffPetershagen-Windheim. Es sieht ein wenig so aus, als hätte jemand seinen Sperrmüll auf der Bühne von Windheim No. 2 entsorgt. Das große alte „Möbelstück“ mit den deutlichen Lackschäden stammt tatsächlich schon aus den 1950er-Jahren und ist eine elektronische Orgel, eine Hammond B-3. Sie wurde damals als preisgünstiger Ersatz für Kirchenorgeln entwickelt, und George Gershwin, Henry Ford und Count Basie waren die ersten Käufer. Schnell fand sie ihre Liebhaber auch im Jazz, Blues und der populären Musik und manche Rockband hätte es ohne die B-3 so nicht gegeben. Die Orgel die der Österreicher Raphael Wressnig mit nach Windheim gebracht hat, stammt aus dem Jahr 1957 und wird verstärkt über ein Leslie-Kabinett, ein Verstärkersystem mit rotierenden Lautsprechern. Beide sind inzwischen teure Raritäten. Raphael Wressnig beweist im Verlauf des Konzertes, dass er auf der Orgel gleich in mehreren Stilistiken zu Hause ist. Sogar Funk weiß er mit Klasse und Groove zu präsentieren. Neben Blues und Soul ist das eins der bestimmenden Elemente bei diesem Blues-Café-Konzert, und auch Swing gelingt dem Trio hervorragend. Die Übergänge sind dabei fließend. Gitarrist Igor Prado spielt bei den Funk-Nummern nicht automatisch den typischen Chicken-Funk-Stil, sondern integriert auch mal elegant lange Blues-Soli. Beide Musiker spielen inspiriert miteinander, mal unisono, dann wieder im Dialog oder klug miteinander verwebt. Igor Prado stammt aus Brasilien, was der Linkshänder stilistisch aber nicht erkennen lässt. Sein Spiel ist ebenso geschmackvoll wie emotional und immer wieder entwickelt er seine Läufe auf mitreißende Höhepunkte hin. Dazu kann er auch mit seiner einschmeichelnden Soul-Stimme begeistern. Zwischen den beiden Solisten sitzt Hans-Jürgen Bart an seinem Schlagzeug. Er spielt sicher und druckvoll und weiß Akzente zu setzen. Was im Zusammenspiel der Drei entsteht, hat einen ganz eigenen Charakter und war so bei den „Freunden des gepflegten Zwölftakters“ noch nicht zu hören. Die gespielten Titel stammen von dem gemeinsamen Album von Prado und Wressnig „The Soul Connection“, aber auch aus deren Soloproduktionen und von anderen Musikern wie Booker T. and the MGs, Snooks Eaglin oder Little Milton. Gitarrist Igor Prado verlässt mit seiner Gitarre auch mal die Bühne und spielt direkt bei den Zuschauern, soweit sein Kabel es zulässt. Das ist dem Organisten natürlich nicht möglich. Er erklimmt stattdessen seine Orgel und spielt sie mit den Füßen weiter. Während Prado heiße Sololinien spielt, gießt Wressnig Feuerzeugbenzin auf die Orgel und setzt sie in Flammen. Nach diesem „heißen“ Finale ist das Publikum ganz aus dem Häuschen und erklatscht sich zwei Zugaben.