Petershagen

Ortsheimatpflege Petershagen entschlüsselt Pfarrbuch aus dem 16. Jahrhundert

Oliver Plöger

Petershagen (mt). Sie haben gelesen, übersetzt und gerätselt. Oft bis tief in die Nacht. Und jetzt – nach zwei Jahren – legt die Ortsheimatpflege Petershagen das neunte historische Jahrbuch vor. Es gibt Aufschluss über die Geschichte der „Bruderschaft des Heiligen Leichnams und Unserer Lieben Frauen“, die das religiöse Leben vor Ort maßgeblich mitbestimmt hat. Transkribiert hat der Arbeitskreis Historische Schriften dazu ein Pfarrbuch aus der Zeit um 1550. „Es beinhaltet über 1.500 Namenseinträge und wurde von Pfarrer Henrich Schulrabe angelegt, dem ersten evangelischen Pfarrer in Petershagen“, sagt Ortsheimatpfleger Uwe Jacobsen. Eigentlich sollte die Veröffentlichung schon seit über einem Jahr zum 400-jährigen Bestehen der Petrikirche vorliegen – die Aufzeichnungen in frühem Neuhochdeutsch aber wirkten zunächst kryptisch.

Fleißarbeit: Das Jahrbuch der OrtsHeimatpflege. - © Foto: pr
Fleißarbeit: Das Jahrbuch der OrtsHeimatpflege. (© Foto: pr)

Der Arbeitskreis hatte sich regelmäßig im Gymnasium Petershagen getroffen, um die Handschrift aus dem Reformationsjahrhundert in eine allgemein lesbare Fassung zu bringen. Die Arbeit im Kollektiv sei sinnvoll, sagt Jacobsen, jeder könne Ideen beisteuern, die dann zum schlüssigen Ergebnis führen. Rätsel etwa gab zunächst ein Mann mit zwei Frauen auf, wobei ein Frauenname mit einem Kästchen umrandet ist. Die Kennzeichnung, so erarbeitete es der Arbeitskreis, sei notwendig gewesen, da die Beerdigung aus den Kassen der Bruderschaft gezahlt werden musste.

Der Arbeitskreis Schriften transkribiert das Familienregister von 1553, hier mit Leiter Uwe Jacobsen. MT-Archivfoto: Claudia Hyna - © Claudia Hyna
Der Arbeitskreis Schriften transkribiert das Familienregister von 1553, hier mit Leiter Uwe Jacobsen. MT-Archivfoto: Claudia Hyna (© Claudia Hyna)

Hilfreich bei der teils detektivischen Arbeit waren die Whiteboards der Schule, die die Buchstaben vergrößert haben, hilfreich war aber auch die Unterstützung des Landeskirchlichen Archiv der evangelischen Kirche von Westfalen, das die digitalisierten Akten zur Verfügung gestellt hatte.

Uwe Jacobsen freut sich über das Licht im Dunkel der Geschichte und blickt noch weiter zurück: „Im 14. Jahrhundert bestimmten vielerorts religiöse Bruderschaften das Zusammenleben der Menschen. In Petershagen gruppierten sich vermutlich schon seit der Stadtgründung 1362 mehrere Bruderschaften um die Petrikirche.“ Die Petrikirche sei damals Hauptkirche am Verwaltungssitz der Mindener Bischöfe gewesen. Aus Sorge um ihr Seelenheil hätten sich die Laienvereinigungen der Pflege des gottesdienstlichen und öffentlichen Lebens bis weit über die Reformationszeit hinaus verschrieben. „Sie unterstützten Angehörige durch Ausrichtung feierlicher Begräbnisse und durch Übernahme karitativer Aufgaben“, weiß Jacobsen aus den Aufzeichnungen. Und auch, dass Petershagen wohl schon vor 1563 evangelisch war.

Rund um die Petrikirche in Petershagen entstanden Bruderschaften, die karitative Aufgaben übernahmen. Namensregister gegen Aufschluss darüber. MT-Foto: Oliver Plöger - © Plöger Oliver
Rund um die Petrikirche in Petershagen entstanden Bruderschaften, die karitative Aufgaben übernahmen. Namensregister gegen Aufschluss darüber. MT-Foto: Oliver Plöger (© Plöger Oliver)

Deutlich machen die Aufzeichnungen vor allem dies: Die Zahl der Schwestern und Brüder, die sich durch Beitragszahlungen mit einer Gemeinschaft verbanden, sei im Lauf der Zeit beträchtlich gewachsen. Knapp 1.500 Namen fanden etwa von 1553 bis 1601 Eingang in das Register der Bruderschaft. Uwe Jacobsen ist überzeugt: „Es stellt ein Jahrhundert vor dem Beginn unserer Kirchenbuchaufzeichnungen die wichtigste familiengeschichtliche Quelle des Kirchspiels dar.“ Noch heute auch in Petershagen bekannte Namen ließen sich zurückverfolgen, zu lesen etwa sind Aumann, Kammeier, Klenke, Klöpper, Korf, Kramer, Kuloge, Quesse oder Wehking.

Das 200-seitige Jahrbuch mit Registerabdruck, Übertragung und Aufsatz des Heimatforschers Friedrich Daake (1856 bis 1929) über Reformation und Pfarrbücher ist im Buchhandel oder in Kürze als E-Book zu beziehen.

Wie der Arbeitskreis selbst weitermacht, steht noch nicht fest. Alte Schriften aber gebe es genug, wie Uwe Jacobsen sagt. Zum Beispiel die Stadtchroniken von Petershagen.

Jacobsen, Uwe (Hrsg.): Petershäger Pfarrbücher des 16. Jahrhunderts. Das Register der Bruderschaft des Heiligen Leichnams und Unser Lieben Frauen (1553-1601), Petershagen 2019, Books on Demand, 20 Euro.

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PetershagenOrtsheimatpflege Petershagen entschlüsselt Pfarrbuch aus dem 16. JahrhundertOliver PlögerPetershagen (mt). Sie haben gelesen, übersetzt und gerätselt. Oft bis tief in die Nacht. Und jetzt – nach zwei Jahren – legt die Ortsheimatpflege Petershagen das neunte historische Jahrbuch vor. Es gibt Aufschluss über die Geschichte der „Bruderschaft des Heiligen Leichnams und Unserer Lieben Frauen“, die das religiöse Leben vor Ort maßgeblich mitbestimmt hat. Transkribiert hat der Arbeitskreis Historische Schriften dazu ein Pfarrbuch aus der Zeit um 1550. „Es beinhaltet über 1.500 Namenseinträge und wurde von Pfarrer Henrich Schulrabe angelegt, dem ersten evangelischen Pfarrer in Petershagen“, sagt Ortsheimatpfleger Uwe Jacobsen. Eigentlich sollte die Veröffentlichung schon seit über einem Jahr zum 400-jährigen Bestehen der Petrikirche vorliegen – die Aufzeichnungen in frühem Neuhochdeutsch aber wirkten zunächst kryptisch. Der Arbeitskreis hatte sich regelmäßig im Gymnasium Petershagen getroffen, um die Handschrift aus dem Reformationsjahrhundert in eine allgemein lesbare Fassung zu bringen. Die Arbeit im Kollektiv sei sinnvoll, sagt Jacobsen, jeder könne Ideen beisteuern, die dann zum schlüssigen Ergebnis führen. Rätsel etwa gab zunächst ein Mann mit zwei Frauen auf, wobei ein Frauenname mit einem Kästchen umrandet ist. Die Kennzeichnung, so erarbeitete es der Arbeitskreis, sei notwendig gewesen, da die Beerdigung aus den Kassen der Bruderschaft gezahlt werden musste. Hilfreich bei der teils detektivischen Arbeit waren die Whiteboards der Schule, die die Buchstaben vergrößert haben, hilfreich war aber auch die Unterstützung des Landeskirchlichen Archiv der evangelischen Kirche von Westfalen, das die digitalisierten Akten zur Verfügung gestellt hatte. Uwe Jacobsen freut sich über das Licht im Dunkel der Geschichte und blickt noch weiter zurück: „Im 14. Jahrhundert bestimmten vielerorts religiöse Bruderschaften das Zusammenleben der Menschen. In Petershagen gruppierten sich vermutlich schon seit der Stadtgründung 1362 mehrere Bruderschaften um die Petrikirche.“ Die Petrikirche sei damals Hauptkirche am Verwaltungssitz der Mindener Bischöfe gewesen. Aus Sorge um ihr Seelenheil hätten sich die Laienvereinigungen der Pflege des gottesdienstlichen und öffentlichen Lebens bis weit über die Reformationszeit hinaus verschrieben. „Sie unterstützten Angehörige durch Ausrichtung feierlicher Begräbnisse und durch Übernahme karitativer Aufgaben“, weiß Jacobsen aus den Aufzeichnungen. Und auch, dass Petershagen wohl schon vor 1563 evangelisch war. Deutlich machen die Aufzeichnungen vor allem dies: Die Zahl der Schwestern und Brüder, die sich durch Beitragszahlungen mit einer Gemeinschaft verbanden, sei im Lauf der Zeit beträchtlich gewachsen. Knapp 1.500 Namen fanden etwa von 1553 bis 1601 Eingang in das Register der Bruderschaft. Uwe Jacobsen ist überzeugt: „Es stellt ein Jahrhundert vor dem Beginn unserer Kirchenbuchaufzeichnungen die wichtigste familiengeschichtliche Quelle des Kirchspiels dar.“ Noch heute auch in Petershagen bekannte Namen ließen sich zurückverfolgen, zu lesen etwa sind Aumann, Kammeier, Klenke, Klöpper, Korf, Kramer, Kuloge, Quesse oder Wehking. Das 200-seitige Jahrbuch mit Registerabdruck, Übertragung und Aufsatz des Heimatforschers Friedrich Daake (1856 bis 1929) über Reformation und Pfarrbücher ist im Buchhandel oder in Kürze als E-Book zu beziehen. Wie der Arbeitskreis selbst weitermacht, steht noch nicht fest. Alte Schriften aber gebe es genug, wie Uwe Jacobsen sagt. Zum Beispiel die Stadtchroniken von Petershagen. Jacobsen, Uwe (Hrsg.): Petershäger Pfarrbücher des 16. Jahrhunderts. Das Register der Bruderschaft des Heiligen Leichnams und Unser Lieben Frauen (1553-1601), Petershagen 2019, Books on Demand, 20 Euro.