Friedewalde

Kinderpflegerin geht nach 44 Jahren in Ruhestand

Jürgen Langenkämper

Kehraus zum Abschied: Die Kolleginnen hatten sich für Heidrun Kapust (2. von links) eine Menge einfallen lassen. Das meiste ließ die altgediente Kinderpflegerin lachen, es flossen aber auch Tränen der Rührung. - © Foto: Wolfgang Kapust/pr
Kehraus zum Abschied: Die Kolleginnen hatten sich für Heidrun Kapust (2. von links) eine Menge einfallen lassen. Das meiste ließ die altgediente Kinderpflegerin lachen, es flossen aber auch Tränen der Rührung. (© Foto: Wolfgang Kapust/pr)

Petershagen-Friedewalde (mt). Heidrun Kapust hat wahrscheinlich mehr Friedewalder in ihren ersten Lebensjahren geprägt als irgendjemand sonst. 44,5 Jahre lang war sie Kinderpflegerin im evangelischen Kindergarten am Diekhoff. Jetzt geht die 63-Jährige in Ruhestand. Zum Abschied gab es eine kleine Gala mit vielen Überraschungen, bei der die Gäste generationsübergreifend Spaß hatten und der Mindenerin zwischendurch vor Rührung Tränen in die Augen traten.

„Ich arbeitete bereits seit anderthalb Jahren nach meiner Ausbildung im evangelischen Kindergarten am Albert-Schweitzer-Gemeindehaus in Minden, als Renate Kruse mich fragte, ob ich sie nach Friedewalde begleiten wollte“, erinnert sich die altgediente Kinderpflegerin an die Anfänge des dortigen Kindergartens. Mit ihrem Ja wurde sie quasi Teil der Erziehungsgeschichte des Dorfes.

„Wir fingen im April 1975 an. Einen Monat später folgte die erste Gruppe von 30 Kindern noch auf der Baustelle“, blickt sie auf eine Zeit zurück, „die richtig schön war“. In der Mittagspause machten die beiden jungen Frauen mit in Plastikeimer gehängten Tauchsiedern das im Henkelmann mitgebrachte Essen für die Bauarbeiter heiß.

Im September 1975 weihte Superintendent Dietrich Wilke den Kindergarten ein, der inzwischen zwei Gruppen hatte. Eine dritte kam später dazu, die Kinderzahl stieg und später auch die gesetzlichen Vorgaben, mit denen die Aufgaben wuchsen.

„Schließlich kamen die ersten Kinder als Eltern wieder und wollten ihre Kinder in meiner Gruppe haben“, sagt Heidrun Kapust. Dies war eine Bestätigung, dass ihre Arbeit nicht ganz verkehrt gewesen sein konnte. Und so kannte sie beim Abschied in der vergangenen Woche aus manchen Familien drei Generationen, denn die Eltern von einst kamen als Großeltern der Kinder von heute.

Die pädagogische Arbeit – 43 Jahre mit ihrer Kollegin Elke Gerkowski („Sie kam als Anerkennungspraktikantin zu uns“), davon 25 Jahre gemeinsam in einer Gruppe – hat viel Spaß gemacht. Auch das Umfeld war wichtig. „Nebenan gab es eine Pferdeweide.“ Beim Tierarzt nebenan konnten die Kinder Ziegen und Hühner beobachten. Auf der Ösper hinterm Grundstück konnten sie Boote schwimmen lassen. Im Garten gab es einen Kletterbaum.

Dazu war der Kindergarten in die dörflichen Feste eingebunden, beteiligte sich mit Ständen und Aktionen wie einer Modenschau von Vätern am Programm und an Umzügen. Dafür half mal dieser Verein, mal jener, mal tatkräftig, mal mit einer Spende.

Doch nicht jede Entwicklung gefiel Heidrun Kapust und ihren Kolleginnen. „Der Kletterbaum musste weg – zu gefährlich.“ Und manchmal legte sie sich auch als Mitarbeitervertretung mit ihrem Arbeitgeber, der Kirchengemeinde als Trägerin des Kindergartens, an.

Manche kritisch beäugte Neuerung kam auch von ganz oben, etwa durch die gesetzliche Ausweitung der Betreuungszeiten und die Aufnahme der unter Dreijährigen. „Das hat sich nochmal verstärkt, als die Zweijährigen dazu kamen“, sagt die erfahrene Kinderpflegerin. „Wir hatten von der Ausbildung her eine Ahnung.“

Aber in der Realität war es doch noch mal eine andere Hausnummer. Dabei ist es nicht nur das Wickeln. „Sie brauchen ein anderes Umfeld und sehr viel Zuwendung.“ Und schließlich sei der Personalschlüssel zu gering. Friedewalde bildet dabei keine Ausnahme von anderen Einrichtungen – egal, ob ländlich oder städtisch geprägt. Auch die Aufmerksamkeit der Erzieherinnen ist noch einmal zusätzlich gefordert.

Und körperlich strapaziert sind Erzieherinnen ohnehin, vor allem der Rücken, nicht nur wegen des Hebens kleiner Kinder, „wegen der kleinen Tische und der kleinen Stühle“, und – sie hebt ihre Stimme – „wegen der Stimmbänder“, denen der Arbeitsalltag im Kindergarten Höchstleistungen abverlangt. „Mama, du bist nicht im Kindergarten“, muss ihr manchmal ihre Tochter Nina Holley zu Hause sagen und sie zur Ruhe ermahnen – sie ging übrigens selbst drei Jahre lang in die Gruppe von Elke Gerkowski oder in den Kindergarten.

Besonders trauert Heidrun Kapust den Möglichkeiten hinterher, die Erzieherinnen früher hatten. Denn nach der Schließung am Mittag kamen nur wenige Kinder nachmittags wieder. So blieb Zeit, um die pädagogische Arbeit und besondere Aktionen vorzubereiten oder sich untereinander und mit anderen Kindergärten auszutauschen und fortzubilden. Dafür lässt der Ganztagsbetrieb nur noch wenig Raum und noch weniger Zeit.

Durch eigene berufliche Herausforderungen haben auch Eltern und selbst Großeltern für Engagement im Kindergarten oder Aktionen mit ihren Kindern kaum noch genügend Luft und Muße. Wie schön sei es da früher gewesen, wenn mal die Mütter und mal die Väter Aufrufen zu Angeboten gefolgt seien. „Die Mütter haben gern gebastelt“, erinnert sich die erfahrene Erzieherin. Für Abende mit Vätern musste besondere „Lockangebote“ unterbreitet werden, aber dann zogen die Väter mit. Aber sie verhielten sich vielfach ganz anders als ihre Frauen.

„Bei Aktionen wie Schubkarrenrennen haben Väter hohes Konkurrenzbewusstsein an den Tag gelegt und in hohem Tempo auch schon mal ihr Kind aus der Karre verloren, Hauptsache als Erster über die Ziellinie“, schmunzelt Heidrun Kapust. Andererseits seien sie meist viel gelassener im Umgang mit ihren Kindern als Mütter. „Sie haben mehr einfach laufen lassen.“

„Ich glaube, wenn wir mehr Vorbereitungszeit für Aktionen hätten, könnten wir auch noch mehr Eltern erreichen“, sagt die angehende Rentnerin. Irgendwie hat sich das bei ihrem Abschied gezeigt. Der Kindergarten war geschmückt, es gab eine Andacht, kleine Aufführungen und Aktionen, Musik und Gesang – sie habe viel lachen müssen, aber auch Tränen der Rührung und Wehmut in den Augen gehabt. Sie habe Gänsehaut gehabt. „Es war einfach genial“, sagt sie. Ein letztes Mal fühlte sie ihre Arbeit von Eltern und Kindern wertgeschätzt.

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

FriedewaldeKinderpflegerin geht nach 44 Jahren in RuhestandJürgen LangenkämperPetershagen-Friedewalde (mt). Heidrun Kapust hat wahrscheinlich mehr Friedewalder in ihren ersten Lebensjahren geprägt als irgendjemand sonst. 44,5 Jahre lang war sie Kinderpflegerin im evangelischen Kindergarten am Diekhoff. Jetzt geht die 63-Jährige in Ruhestand. Zum Abschied gab es eine kleine Gala mit vielen Überraschungen, bei der die Gäste generationsübergreifend Spaß hatten und der Mindenerin zwischendurch vor Rührung Tränen in die Augen traten. „Ich arbeitete bereits seit anderthalb Jahren nach meiner Ausbildung im evangelischen Kindergarten am Albert-Schweitzer-Gemeindehaus in Minden, als Renate Kruse mich fragte, ob ich sie nach Friedewalde begleiten wollte“, erinnert sich die altgediente Kinderpflegerin an die Anfänge des dortigen Kindergartens. Mit ihrem Ja wurde sie quasi Teil der Erziehungsgeschichte des Dorfes. „Wir fingen im April 1975 an. Einen Monat später folgte die erste Gruppe von 30 Kindern noch auf der Baustelle“, blickt sie auf eine Zeit zurück, „die richtig schön war“. In der Mittagspause machten die beiden jungen Frauen mit in Plastikeimer gehängten Tauchsiedern das im Henkelmann mitgebrachte Essen für die Bauarbeiter heiß. Im September 1975 weihte Superintendent Dietrich Wilke den Kindergarten ein, der inzwischen zwei Gruppen hatte. Eine dritte kam später dazu, die Kinderzahl stieg und später auch die gesetzlichen Vorgaben, mit denen die Aufgaben wuchsen. „Schließlich kamen die ersten Kinder als Eltern wieder und wollten ihre Kinder in meiner Gruppe haben“, sagt Heidrun Kapust. Dies war eine Bestätigung, dass ihre Arbeit nicht ganz verkehrt gewesen sein konnte. Und so kannte sie beim Abschied in der vergangenen Woche aus manchen Familien drei Generationen, denn die Eltern von einst kamen als Großeltern der Kinder von heute. Die pädagogische Arbeit – 43 Jahre mit ihrer Kollegin Elke Gerkowski („Sie kam als Anerkennungspraktikantin zu uns“), davon 25 Jahre gemeinsam in einer Gruppe – hat viel Spaß gemacht. Auch das Umfeld war wichtig. „Nebenan gab es eine Pferdeweide.“ Beim Tierarzt nebenan konnten die Kinder Ziegen und Hühner beobachten. Auf der Ösper hinterm Grundstück konnten sie Boote schwimmen lassen. Im Garten gab es einen Kletterbaum. Dazu war der Kindergarten in die dörflichen Feste eingebunden, beteiligte sich mit Ständen und Aktionen wie einer Modenschau von Vätern am Programm und an Umzügen. Dafür half mal dieser Verein, mal jener, mal tatkräftig, mal mit einer Spende. Doch nicht jede Entwicklung gefiel Heidrun Kapust und ihren Kolleginnen. „Der Kletterbaum musste weg – zu gefährlich.“ Und manchmal legte sie sich auch als Mitarbeitervertretung mit ihrem Arbeitgeber, der Kirchengemeinde als Trägerin des Kindergartens, an. Manche kritisch beäugte Neuerung kam auch von ganz oben, etwa durch die gesetzliche Ausweitung der Betreuungszeiten und die Aufnahme der unter Dreijährigen. „Das hat sich nochmal verstärkt, als die Zweijährigen dazu kamen“, sagt die erfahrene Kinderpflegerin. „Wir hatten von der Ausbildung her eine Ahnung.“ Aber in der Realität war es doch noch mal eine andere Hausnummer. Dabei ist es nicht nur das Wickeln. „Sie brauchen ein anderes Umfeld und sehr viel Zuwendung.“ Und schließlich sei der Personalschlüssel zu gering. Friedewalde bildet dabei keine Ausnahme von anderen Einrichtungen – egal, ob ländlich oder städtisch geprägt. Auch die Aufmerksamkeit der Erzieherinnen ist noch einmal zusätzlich gefordert. Und körperlich strapaziert sind Erzieherinnen ohnehin, vor allem der Rücken, nicht nur wegen des Hebens kleiner Kinder, „wegen der kleinen Tische und der kleinen Stühle“, und – sie hebt ihre Stimme – „wegen der Stimmbänder“, denen der Arbeitsalltag im Kindergarten Höchstleistungen abverlangt. „Mama, du bist nicht im Kindergarten“, muss ihr manchmal ihre Tochter Nina Holley zu Hause sagen und sie zur Ruhe ermahnen – sie ging übrigens selbst drei Jahre lang in die Gruppe von Elke Gerkowski oder in den Kindergarten. Besonders trauert Heidrun Kapust den Möglichkeiten hinterher, die Erzieherinnen früher hatten. Denn nach der Schließung am Mittag kamen nur wenige Kinder nachmittags wieder. So blieb Zeit, um die pädagogische Arbeit und besondere Aktionen vorzubereiten oder sich untereinander und mit anderen Kindergärten auszutauschen und fortzubilden. Dafür lässt der Ganztagsbetrieb nur noch wenig Raum und noch weniger Zeit. Durch eigene berufliche Herausforderungen haben auch Eltern und selbst Großeltern für Engagement im Kindergarten oder Aktionen mit ihren Kindern kaum noch genügend Luft und Muße. Wie schön sei es da früher gewesen, wenn mal die Mütter und mal die Väter Aufrufen zu Angeboten gefolgt seien. „Die Mütter haben gern gebastelt“, erinnert sich die erfahrene Erzieherin. Für Abende mit Vätern musste besondere „Lockangebote“ unterbreitet werden, aber dann zogen die Väter mit. Aber sie verhielten sich vielfach ganz anders als ihre Frauen. „Bei Aktionen wie Schubkarrenrennen haben Väter hohes Konkurrenzbewusstsein an den Tag gelegt und in hohem Tempo auch schon mal ihr Kind aus der Karre verloren, Hauptsache als Erster über die Ziellinie“, schmunzelt Heidrun Kapust. Andererseits seien sie meist viel gelassener im Umgang mit ihren Kindern als Mütter. „Sie haben mehr einfach laufen lassen.“ „Ich glaube, wenn wir mehr Vorbereitungszeit für Aktionen hätten, könnten wir auch noch mehr Eltern erreichen“, sagt die angehende Rentnerin. Irgendwie hat sich das bei ihrem Abschied gezeigt. Der Kindergarten war geschmückt, es gab eine Andacht, kleine Aufführungen und Aktionen, Musik und Gesang – sie habe viel lachen müssen, aber auch Tränen der Rührung und Wehmut in den Augen gehabt. Sie habe Gänsehaut gehabt. „Es war einfach genial“, sagt sie. Ein letztes Mal fühlte sie ihre Arbeit von Eltern und Kindern wertgeschätzt.