Heimsen

Zughalt auf den Dörfern: Forderung trifft in der Politik auf wenig Interesse

Oliver Plöger

Hofft auf Zughalt auch in Heimsen: Hans-Werner Hanf.
Hofft auf Zughalt auch in Heimsen: Hans-Werner Hanf.

Petershagen-Heimsen (mt). Von einer „Respektlosigkeit sondergleichen“ spricht Hans-Werner Hanf, Sprecher der Bürgerinitiative Verkehrswende Petershagen. Die Gruppe kümmert sich bekanntlich um den „Zughalt auf den Dörfern“ und hatte die Parteipolitik am 22. und 26. August angeschrieben. „Reaktion gleich Null“, sagt Hans-Werner Hanf. Nicht einmal eine Eingangsbestätigung sei den Parteien und ihren Vertretern das Anliegen wert gewesen. Lediglich die AfD-Landtagsfraktion habe Unterstützung signalisiert und die Petershäger Grünen. Letztere haben sich bereits mit den Vertretern der Initiative, die sich ausdrücklich als „politisch neutral“ bezeichnet, getroffen. „Es war ein gutes Gespräch“, sagt Hanf. Einen weitergehenden Kontakt mit der AfD hatte es noch nicht gegeben. „Die FDP hatte ihren Fahrradtour-Abschluss im August am Bahnhof in Heimsen gehabt und uns ebenfalls ihre Hilfe versprochen. Leider ist es bis heute bei dieser Aussage geblieben.“

Die Bürgerinitiative hält die Forderungen für leicht umsetzbar – der Zughalt sei per Meldestation am Bahnhof oder auf Sicht durch den Lokführer möglich. Die Kosten hielten sich in Grenzen, zumal die Infrastruktur mit Bahnsteigen weitgehend vorhanden sei. Neben Heimsen könnten leicht Haltepunkte in Wasserstraße, Windheim oder Frille reaktiviert werden.

Die fehlenden Reaktionen der meisten Politiker sorgten laut Hanf für Politikverdrossenheit. Angeschrieben hatte der Heimser fast 40 Vertreter aus den Fraktionen in Stadt, Kreis, Land und Bund, darüber hinaus die Ortsbürgermeister in Petershagen, aber auch die Deutsche-Bahn-Netz-AG, Kelios Deutschland als Betreiber der Eurobahn, NRW-Landesverkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Antworten seien keine gekommen. „Politiker sollten sich freuen, dass es Bürger gibt, die sich Gedanken über ihr Land machen und sich persönlich, finanziell und ihren Fähigkeiten entsprechend einbringen.“

Mit geringem Aufwand könnte der Bahnsteig in Heimsen wieder reaktiviert werden, meint die Initiative. Bislang sind die Bitten um Unterstützung vielfach verhallt. MT-Fotos: Oliver Plöger
Mit geringem Aufwand könnte der Bahnsteig in Heimsen wieder reaktiviert werden, meint die Initiative. Bislang sind die Bitten um Unterstützung vielfach verhallt. MT-Fotos: Oliver Plöger

Die Frage, warum die Anfragen der Initiative ignoriert wurden, soll jetzt auch mit einer Bürgeranfrage im Rat der Stadt beantwortet werden. Hanf hatte bereits einen Termin mit dem Hauptamt der Stadt Petershagen, um diese Anfrage formal korrekt vorzubereiten.

Mittlerweile hat die Initiative, die Anfang Juni auf einer Dorfversammlung in Heimsen gegründet worden war, auf Dorffesten Werbung für die eigene Sache gemacht. Jacob Grossmann, aktiv im Initiative-Vorstand und als Schüler selbst vom fehlenden Zuganschluss in Heimsen betroffen, hat ein großes Transparent bei Fridays for Future in Minden ausgerollt. Vor 1.900 Menschen hatte er auf den dringend gebotenen Zughalt hingewiesen. Die Initiative hat sich darüber hinaus beim Ideenwettbewerb Deutscher Mobilitätspreis beworben, wie Hanf sagt.

Um in die Städte Minden oder Nienburg zu kommen, sei es derzeit nur möglich, mit dem Bus oder Taxibus nach Lahde zu fahren, um dort den Zug zur Weiterfahrt zu nehmen. Jugendlichen in den Dörfern seien meist auf ein eigenes Fahrzeug angewiesen, um zu Schulen, Berufsschulen und Ausbildungsstellen oder gar Arbeitsplätzen zu gelangen. „Deswegen gibt es in manchen Familien zwei oder drei Autos“, sagt Hans-Werner Hanf. Ihm ist wichtig: „Unser Konzept bezieht sich nicht nur auf die dörflich strukturierte Stadt Petershagen mit ihren zwei Hauptorten und 27 angeschlossenen Dörfern. Bevor über Steuererhöhungen, CO²-Steuer und Verbote nachgedacht wird, sollten wir die vorhandenen Infrastrukturen bundesweit einsetzen.“

Doch gibt es überhaupt Möglichkeiten, den ÖPNV anders zu gestalten? Dieser Frage will eine Veranstaltung der Grünen auf den Grund gehen, über die Corinna Stöxen, Grüne und Initiative-Mitglied, jetzt informiert. Gelegenheit zum „kollektiven Brainstorming“gebe es am Mittwoch, 6. November, ab 18.30 Uhr im Jugendgästehaus „Besselscher Hof“ in Petershagen. Gastrednerin ist Sophia Gross-Fengels von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, die den Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit auf die Mobilitäts- und Verkehrsforschung in ländlichen Räumen legt. Ihr Thema am 6. November: „Welche Mobilität brauchen wir in Zukunft? Innovative Konzepte für den ländlichen Raum.“ Interessierte können sich zu dieser Veranstaltung, bei der es auch eine Diskussionsrunde gibt, unter smart-mobility@posteo.de anmelden.

Hans-Werner Hanf hofft derweil, dass der Zughalt bald umgesetzt wird. Nicht nur Heimsen könne profitieren.

Die Bedeutung der Bahnlinie

Die Bahnlinie und das Bahnhofsgebäude wurden 1914 bis 1921 gebaut. Mit der neuen Bahnstrecke sollte eine Verbindung zwischen Minden und Nienburg für den Güter- und Personennahverkehr geschaffen werden. Die Bahnhofsgebäude an der Bahntrasse sind allesamt im gleichen Baustil wie das Gebäude in Heimsen errichtet worden.

Die Haltestelle in Heimsen war anfangs auch Umschlagplatz für Vieh und Getreide aus Heimsen. Zur Ermittlung der Mengen und Gewichte diente die Fahrzeugwaage des Landhändlers Dressler.

In den Achtzigerjahren legte die Bahn Bahnhof und Haltepunkt in Heimsen still. Im Gebäude befindet sich nach wie vor ein Betriebsraum, ansonsten wird es privat genutzt. Wie Hans-Werner Hanf von der Initiative Verkehrswende Petershagen berichtet, habe man sich damals bereits gegen die Stilllegung gewandt, sei aber ebenfalls nicht gehört worden. (plö)

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HeimsenZughalt auf den Dörfern: Forderung trifft in der Politik auf wenig InteresseOliver PlögerPetershagen-Heimsen (mt). Von einer „Respektlosigkeit sondergleichen“ spricht Hans-Werner Hanf, Sprecher der Bürgerinitiative Verkehrswende Petershagen. Die Gruppe kümmert sich bekanntlich um den „Zughalt auf den Dörfern“ und hatte die Parteipolitik am 22. und 26. August angeschrieben. „Reaktion gleich Null“, sagt Hans-Werner Hanf. Nicht einmal eine Eingangsbestätigung sei den Parteien und ihren Vertretern das Anliegen wert gewesen. Lediglich die AfD-Landtagsfraktion habe Unterstützung signalisiert und die Petershäger Grünen. Letztere haben sich bereits mit den Vertretern der Initiative, die sich ausdrücklich als „politisch neutral“ bezeichnet, getroffen. „Es war ein gutes Gespräch“, sagt Hanf. Einen weitergehenden Kontakt mit der AfD hatte es noch nicht gegeben. „Die FDP hatte ihren Fahrradtour-Abschluss im August am Bahnhof in Heimsen gehabt und uns ebenfalls ihre Hilfe versprochen. Leider ist es bis heute bei dieser Aussage geblieben.“ Die Bürgerinitiative hält die Forderungen für leicht umsetzbar – der Zughalt sei per Meldestation am Bahnhof oder auf Sicht durch den Lokführer möglich. Die Kosten hielten sich in Grenzen, zumal die Infrastruktur mit Bahnsteigen weitgehend vorhanden sei. Neben Heimsen könnten leicht Haltepunkte in Wasserstraße, Windheim oder Frille reaktiviert werden. Die fehlenden Reaktionen der meisten Politiker sorgten laut Hanf für Politikverdrossenheit. Angeschrieben hatte der Heimser fast 40 Vertreter aus den Fraktionen in Stadt, Kreis, Land und Bund, darüber hinaus die Ortsbürgermeister in Petershagen, aber auch die Deutsche-Bahn-Netz-AG, Kelios Deutschland als Betreiber der Eurobahn, NRW-Landesverkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Antworten seien keine gekommen. „Politiker sollten sich freuen, dass es Bürger gibt, die sich Gedanken über ihr Land machen und sich persönlich, finanziell und ihren Fähigkeiten entsprechend einbringen.“ Die Frage, warum die Anfragen der Initiative ignoriert wurden, soll jetzt auch mit einer Bürgeranfrage im Rat der Stadt beantwortet werden. Hanf hatte bereits einen Termin mit dem Hauptamt der Stadt Petershagen, um diese Anfrage formal korrekt vorzubereiten. Mittlerweile hat die Initiative, die Anfang Juni auf einer Dorfversammlung in Heimsen gegründet worden war, auf Dorffesten Werbung für die eigene Sache gemacht. Jacob Grossmann, aktiv im Initiative-Vorstand und als Schüler selbst vom fehlenden Zuganschluss in Heimsen betroffen, hat ein großes Transparent bei Fridays for Future in Minden ausgerollt. Vor 1.900 Menschen hatte er auf den dringend gebotenen Zughalt hingewiesen. Die Initiative hat sich darüber hinaus beim Ideenwettbewerb Deutscher Mobilitätspreis beworben, wie Hanf sagt. Um in die Städte Minden oder Nienburg zu kommen, sei es derzeit nur möglich, mit dem Bus oder Taxibus nach Lahde zu fahren, um dort den Zug zur Weiterfahrt zu nehmen. Jugendlichen in den Dörfern seien meist auf ein eigenes Fahrzeug angewiesen, um zu Schulen, Berufsschulen und Ausbildungsstellen oder gar Arbeitsplätzen zu gelangen. „Deswegen gibt es in manchen Familien zwei oder drei Autos“, sagt Hans-Werner Hanf. Ihm ist wichtig: „Unser Konzept bezieht sich nicht nur auf die dörflich strukturierte Stadt Petershagen mit ihren zwei Hauptorten und 27 angeschlossenen Dörfern. Bevor über Steuererhöhungen, CO²-Steuer und Verbote nachgedacht wird, sollten wir die vorhandenen Infrastrukturen bundesweit einsetzen.“ Doch gibt es überhaupt Möglichkeiten, den ÖPNV anders zu gestalten? Dieser Frage will eine Veranstaltung der Grünen auf den Grund gehen, über die Corinna Stöxen, Grüne und Initiative-Mitglied, jetzt informiert. Gelegenheit zum „kollektiven Brainstorming“gebe es am Mittwoch, 6. November, ab 18.30 Uhr im Jugendgästehaus „Besselscher Hof“ in Petershagen. Gastrednerin ist Sophia Gross-Fengels von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, die den Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit auf die Mobilitäts- und Verkehrsforschung in ländlichen Räumen legt. Ihr Thema am 6. November: „Welche Mobilität brauchen wir in Zukunft? Innovative Konzepte für den ländlichen Raum.“ Interessierte können sich zu dieser Veranstaltung, bei der es auch eine Diskussionsrunde gibt, unter smart-mobility@posteo.de anmelden. Hans-Werner Hanf hofft derweil, dass der Zughalt bald umgesetzt wird. Nicht nur Heimsen könne profitieren. Die Bedeutung der Bahnlinie Die Bahnlinie und das Bahnhofsgebäude wurden 1914 bis 1921 gebaut. Mit der neuen Bahnstrecke sollte eine Verbindung zwischen Minden und Nienburg für den Güter- und Personennahverkehr geschaffen werden. Die Bahnhofsgebäude an der Bahntrasse sind allesamt im gleichen Baustil wie das Gebäude in Heimsen errichtet worden. Die Haltestelle in Heimsen war anfangs auch Umschlagplatz für Vieh und Getreide aus Heimsen. Zur Ermittlung der Mengen und Gewichte diente die Fahrzeugwaage des Landhändlers Dressler. In den Achtzigerjahren legte die Bahn Bahnhof und Haltepunkt in Heimsen still. Im Gebäude befindet sich nach wie vor ein Betriebsraum, ansonsten wird es privat genutzt. Wie Hans-Werner Hanf von der Initiative Verkehrswende Petershagen berichtet, habe man sich damals bereits gegen die Stilllegung gewandt, sei aber ebenfalls nicht gehört worden. (plö)