Heimsen

Bürgerinitiative Verkehrswende Petershagen fordert Zughalt auf den Dörfern

Oliver Plöger

Auf Petershäger Gebiet hält die Eurobahn zwar in Lahde, nicht aber in den Dörfern. Symbolfoto: pr
Auf Petershäger Gebiet hält die Eurobahn zwar in Lahde, nicht aber in den Dörfern. Symbolfoto: pr

Petershagen-Heimsen (mt). In Heimsen hat sich eine Bürgerinitiative unter dem Titel „Verkehrswende Petershagen“ formiert. Ziel ist die direkte Anbindung von Ortschaften an die Bahnstrecke Minden-Nienburg. Nicht nur Lahde soll die Eurobahn künftig ansteuern, Haltepunkte müssten zunächst Heimsen, aber etwa auch Wasserstraße, Windheim und Frille sein, fordert Sprecher Kai-Uwe König. Und: Die Eurobahn fahre doch sowieso, da könne sie auch in den Orten halten, in denen es eine Gleisanbindung und teilweise auch noch Bahnsteige gibt. „Wir haben beobachtet, dass in manchen Eurobahnen nur fünf Personen sitzen, zwei davon sind dann Zugpersonal“, so König. Bei Umsetzung der Forderung der Bürgerinitiative gebe es eine deutliche Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs. Sinnvoll wäre das auch für Schüler und Berufspendler, sogar für Reisende. „Ich setzte mich hier in den Zug und komme per Schiene bis zum Flughafen“, sagt König, der bei einer Zusammenkunft in Heimsen gemeinsam mit Jacob Grossmann zum Vorsitzenden benannt wurde. Unter www.verkehrswende-petershagen.org äußert sich die Initiative bereits im Internet.

Um aus Heimsen nach Minden oder Nienburg zu kommen, sei es derzeit nur möglich, mit dem Bus oder dem Taxibus nach Lahde zu fahren und dort den Zug zur Weiterfahrt zu erreichen. König nennt ein Beispiel und hat den Mittwoch dieser Woche ausgewählt: Mit dem Bus der Linie 505 gehe es um 6.50 Uhr, 7.32 Uhr und 13.16 Uhr nach Lahde. Oder eben mit dem Anruf-Sammeltaxi um 9.47 Uhr, 10.47 Uhr, 15.47 Uhr und 17.47 Uhr. In Lahde angekommen, steige man dann in den Regionalexpress (RE) 78 um. „Zusammengefasst fährt man von Heimsen nach Lahde mit dem Bus, um anschließend von Lahde an Heimsen vorbei mit dem Zug zu fahren“, erklärt Kai-Uwe König. Dies sei ein nicht hinnehmbarer Zustand, der selbstverständlich auch viele weitere Ortschaften betreffe.

Laut König ergeben sich von Wasserstraße nach Nienburg Reisezeiten von einer Stunde und 16 Minuten bis hin zu drei Stunden und vier Minuten. „Wohlgemerkt für einen Weg“, so König.

Jugendliche in den Dörfern seien zudem meist auf ein eigenes Auto angewiesen, um zu Schulen, Berufsschulen, Ausbildungsstätten oder Arbeitsplätzen zu kommen. „Nicht wenige Familien haben zwei oder sogar drei bis vier Autos, nur weil es keine vernünftige Anbindung an den Schienen-Personen-Nahverkehr gibt.“ Ältere Mitbürger, die eventuell Angehörige in Krankenhäusern oder Pflegeheimen besuchen möchten, müssten sich schon fast ein Hotelzimmer im Zielort, buchen, da eine Hin- und Herreise an einem Tag fast ausgeschlossen ist.

„Im Blick auf eine geplante CO2-Steuer bleibt festzustellen, dass wir Bewohner auf dem Land zahlen sollen, uns jedoch keine Möglichkeit gegeben wird, etwas dagegen zu unternehmen“, erklärt König und weiß nach eigener Angabe bereits 40 Aktive in der Initiative hinter sich. Wie schon Volker Burmann, der sich im Verkehrsclub Deutschland engagiert und Kontakt zur Politik aufgenommen hatte, fordert die Bürgerinitiative auch eine Ausweitung der Fahrzeiten.

Gegenüber dem MT reagiert die Keolis als Eurobahnbetreiber mit Verständnis auf die Forderung der neuen Bürgerinitiative, weist aber ausdrücklich auf die Komplexität der Umsetzung hin. Sprecherin Nicole Pizzuti: „In erster Linie freuen wir uns, dass die Bürger und Bürgerinnen die Notwendigkeit des Schienen-Personen-Nahverkehr sehen und einfordern.“ Ein Ausbau von Strecken und Anbindungen sei grundsätzlich zu begrüßen. „Jedoch sind wir als Eisenbahnverkehrsunternehmen nicht in der Position, hier Entscheidungen zu treffen. Aufgabenträger und die Politik prüfen stetig, welche Strecken gegebenenfalls erweitert werden können, ob es neue Knotenpunkte oder auch Reaktivierungen von Bahnstrecken gibt“, so Pizzuti, und: „ Das Ganze ist sehr komplex.“

Kommentar: Zurück zur Kanne

Von Oliver Plöger

Ich erinnere mich an Zeiten, da wurden jene Züge belächelt, die „an jeder Milchkanne“ hielten. Und wer besonders lustig sein wollte, zitierte den Satz eines Hinweisschilds, das es innerhalb solcher Zugwagen gegeben haben soll: „Blumen pflücken während der Fahrt verboten.“ In den dann folgenden Jahren ging es vor allem darum, besonders rasch von A nach B zu kommen. Milchkannen hatten keine Schnitte – und überhaupt: Der Regionalexpress verströmte den leicht abgestandenen Duft der Gemächlichkeit.

Genau die könnte allerdings jetzt zu neuen Ehren kommen. Dann nämlich, wenn die Bahn wieder an jeder Milchkanne halten würde. Der Vorschlag kommt von einer soeben gegründeten Bürgerinitiative, die sich „Verkehrswende Petershagen“ nennt. Bahnsteigkanten aus alten Tagen könnten – teils mit geringen Mitteln – nutzbar gemacht werden.

Der Vorschlag ist nachvollziehbar und man fragt sich, warum Mobilitätsprobleme nicht längst auf diese Weise gelöst wurden. Die zusätzlichen Kosten beim Bremsabrieb wären zu verkraften, die Halte-Minuten in Wasserstraße, Heimsen, Windheim oder Frille würden sich relativieren.

Die Antwort kommt von der Eurobahn selbst: „Das Ganze ist sehr komplex“, hieß es dort. Verwiesen wird auf „Aufgabenträger und Politik“. Das jedoch dürfte nicht nur der Initiative schwer zu vermitteln sein. Denn eigentlich sind einfache Lösungen doch immer die Besten.

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HeimsenBürgerinitiative Verkehrswende Petershagen fordert Zughalt auf den DörfernOliver PlögerPetershagen-Heimsen (mt). In Heimsen hat sich eine Bürgerinitiative unter dem Titel „Verkehrswende Petershagen“ formiert. Ziel ist die direkte Anbindung von Ortschaften an die Bahnstrecke Minden-Nienburg. Nicht nur Lahde soll die Eurobahn künftig ansteuern, Haltepunkte müssten zunächst Heimsen, aber etwa auch Wasserstraße, Windheim und Frille sein, fordert Sprecher Kai-Uwe König. Und: Die Eurobahn fahre doch sowieso, da könne sie auch in den Orten halten, in denen es eine Gleisanbindung und teilweise auch noch Bahnsteige gibt. „Wir haben beobachtet, dass in manchen Eurobahnen nur fünf Personen sitzen, zwei davon sind dann Zugpersonal“, so König. Bei Umsetzung der Forderung der Bürgerinitiative gebe es eine deutliche Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs. Sinnvoll wäre das auch für Schüler und Berufspendler, sogar für Reisende. „Ich setzte mich hier in den Zug und komme per Schiene bis zum Flughafen“, sagt König, der bei einer Zusammenkunft in Heimsen gemeinsam mit Jacob Grossmann zum Vorsitzenden benannt wurde. Unter www.verkehrswende-petershagen.org äußert sich die Initiative bereits im Internet. Um aus Heimsen nach Minden oder Nienburg zu kommen, sei es derzeit nur möglich, mit dem Bus oder dem Taxibus nach Lahde zu fahren und dort den Zug zur Weiterfahrt zu erreichen. König nennt ein Beispiel und hat den Mittwoch dieser Woche ausgewählt: Mit dem Bus der Linie 505 gehe es um 6.50 Uhr, 7.32 Uhr und 13.16 Uhr nach Lahde. Oder eben mit dem Anruf-Sammeltaxi um 9.47 Uhr, 10.47 Uhr, 15.47 Uhr und 17.47 Uhr. In Lahde angekommen, steige man dann in den Regionalexpress (RE) 78 um. „Zusammengefasst fährt man von Heimsen nach Lahde mit dem Bus, um anschließend von Lahde an Heimsen vorbei mit dem Zug zu fahren“, erklärt Kai-Uwe König. Dies sei ein nicht hinnehmbarer Zustand, der selbstverständlich auch viele weitere Ortschaften betreffe. Laut König ergeben sich von Wasserstraße nach Nienburg Reisezeiten von einer Stunde und 16 Minuten bis hin zu drei Stunden und vier Minuten. „Wohlgemerkt für einen Weg“, so König. Jugendliche in den Dörfern seien zudem meist auf ein eigenes Auto angewiesen, um zu Schulen, Berufsschulen, Ausbildungsstätten oder Arbeitsplätzen zu kommen. „Nicht wenige Familien haben zwei oder sogar drei bis vier Autos, nur weil es keine vernünftige Anbindung an den Schienen-Personen-Nahverkehr gibt.“ Ältere Mitbürger, die eventuell Angehörige in Krankenhäusern oder Pflegeheimen besuchen möchten, müssten sich schon fast ein Hotelzimmer im Zielort, buchen, da eine Hin- und Herreise an einem Tag fast ausgeschlossen ist. „Im Blick auf eine geplante CO2-Steuer bleibt festzustellen, dass wir Bewohner auf dem Land zahlen sollen, uns jedoch keine Möglichkeit gegeben wird, etwas dagegen zu unternehmen“, erklärt König und weiß nach eigener Angabe bereits 40 Aktive in der Initiative hinter sich. Wie schon Volker Burmann, der sich im Verkehrsclub Deutschland engagiert und Kontakt zur Politik aufgenommen hatte, fordert die Bürgerinitiative auch eine Ausweitung der Fahrzeiten. Gegenüber dem MT reagiert die Keolis als Eurobahnbetreiber mit Verständnis auf die Forderung der neuen Bürgerinitiative, weist aber ausdrücklich auf die Komplexität der Umsetzung hin. Sprecherin Nicole Pizzuti: „In erster Linie freuen wir uns, dass die Bürger und Bürgerinnen die Notwendigkeit des Schienen-Personen-Nahverkehr sehen und einfordern.“ Ein Ausbau von Strecken und Anbindungen sei grundsätzlich zu begrüßen. „Jedoch sind wir als Eisenbahnverkehrsunternehmen nicht in der Position, hier Entscheidungen zu treffen. Aufgabenträger und die Politik prüfen stetig, welche Strecken gegebenenfalls erweitert werden können, ob es neue Knotenpunkte oder auch Reaktivierungen von Bahnstrecken gibt“, so Pizzuti, und: „ Das Ganze ist sehr komplex.“ Kommentar: Zurück zur Kanne Von Oliver Plöger Ich erinnere mich an Zeiten, da wurden jene Züge belächelt, die „an jeder Milchkanne“ hielten. Und wer besonders lustig sein wollte, zitierte den Satz eines Hinweisschilds, das es innerhalb solcher Zugwagen gegeben haben soll: „Blumen pflücken während der Fahrt verboten.“ In den dann folgenden Jahren ging es vor allem darum, besonders rasch von A nach B zu kommen. Milchkannen hatten keine Schnitte – und überhaupt: Der Regionalexpress verströmte den leicht abgestandenen Duft der Gemächlichkeit. Genau die könnte allerdings jetzt zu neuen Ehren kommen. Dann nämlich, wenn die Bahn wieder an jeder Milchkanne halten würde. Der Vorschlag kommt von einer soeben gegründeten Bürgerinitiative, die sich „Verkehrswende Petershagen“ nennt. Bahnsteigkanten aus alten Tagen könnten – teils mit geringen Mitteln – nutzbar gemacht werden. Der Vorschlag ist nachvollziehbar und man fragt sich, warum Mobilitätsprobleme nicht längst auf diese Weise gelöst wurden. Die zusätzlichen Kosten beim Bremsabrieb wären zu verkraften, die Halte-Minuten in Wasserstraße, Heimsen, Windheim oder Frille würden sich relativieren. Die Antwort kommt von der Eurobahn selbst: „Das Ganze ist sehr komplex“, hieß es dort. Verwiesen wird auf „Aufgabenträger und Politik“. Das jedoch dürfte nicht nur der Initiative schwer zu vermitteln sein. Denn eigentlich sind einfache Lösungen doch immer die Besten.