Neuenknick

Feldpost aus dem Zweiten Weltkrieg erreicht Familie in Neuenknick nach 79 Jahren

Oliver Plöger

Die Feldpost, abgestempelt am 5. Juli 1940, kam jetzt in Neuenknick an. Wo der Brief in all den Jahren gelegen hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. MT-Fotos: Oliver Plöger
Die Feldpost, abgestempelt am 5. Juli 1940, kam jetzt in Neuenknick an. Wo der Brief in all den Jahren gelegen hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. MT-Fotos: Oliver Plöger

Petershagen-Neuenknick (mt). Plötzlich ist alles wieder da: die Trauer über die Kindheit ohne Vater, die Erinnerung, als der Ortsgruppenleiter vor der Tür stand, die Hand zum „Hitlergruß“ hob und die Todesnachricht überbrachte, überhaupt die Unfassbarkeit dieses sinnlosen Krieges. Ein Brief ihres Vaters hat Christa Kleinschmidt und Günter Reinking in die eigene Kindheit zurückkatapultiert. Der grüne Feldpostumschlag, abgestempelt am 5. Juli 1940, erreichte die Familie jetzt, fast 79 Jahre später. Ein Brief aus dem Jenseits.

Verblasst, aber lesbar: der Brief von Fritz Reinking. Immer wieder spricht er die „liebe Sophie“ an.
Verblasst, aber lesbar: der Brief von Fritz Reinking. Immer wieder spricht er die „liebe Sophie“ an.

Fritz Reinking war 30 Jahre alt und Unteroffizier einer Grenadier-Kompanie, als er am 28. Oktober 1944 bei Kämpfen in Holland Opfer des Zweiten Weltkriegs wurde. Er habe „den Heldentod gefunden“, wie es damals in einer Zeitungsanzeige heißen musste. Vier Jahre davor hatte er den Brief an seine geliebte Frau Sophie geschrieben, war danach noch auf Fronturlaub zuhause, wobei Günter Reinking, wie er sagt, nur schemenhafte Erinnerungen an Vater Fritz hat. Christa Kleinschmidt kennt Fotos, die sie zusammen mit dem Vater zeigen, mehr nicht.

Glücklich über den Brief, traurig über die Geschichte: Günter Reinking, hier mit seiner Frau Marianne.
Glücklich über den Brief, traurig über die Geschichte: Günter Reinking, hier mit seiner Frau Marianne.

Günter Reinking, bald 79 Jahre alt, erinnert sich an den Tag, als die Todesnachricht kam, wie alle weinten, an seine Mutter, die plötzlich Witwe war und bis zu ihrem eigenen Tod 1972 ohne Partner blieb. „Vater fehlte immer, besonders als ich ein kleiner Junge war“, sagt Günter Reinking.

Und Christa Kleinschmidt (77) war unendlich traurig, als sie bei ihrer Hochzeit nicht vom Vater zum Altar geführt wurde. „Da habe ich den Verlust so richtig gespürt“, sagt sie noch heute. Immer wieder sei Fritz Reinking Thema gewesen, immer wieder habe Sophie an ihn erinnert, die Eltern von Fritz sowieso, Minna und Konrad, die auch ihren zweiten Sohn verloren hatten: Von Walter fehlt bis heute jede Spur. „Im Osten vermisst“, hieß es damals. „Wahrscheinlich liegt er in irgendeinem Massengrab“, vermutet Günter Reinking.

Unteroffizier Fritz Reinking starb in Holland am 28. Oktober 1944, zwei Tage vor seinem 31. Geburtstag.
Unteroffizier Fritz Reinking starb in Holland am 28. Oktober 1944, zwei Tage vor seinem 31. Geburtstag.

Fritz nicht. Er ist zwar zunächst in Holland beerdigt worden, Mitte Januar 1945 – so ist es in der Familie bekannt – wurde der Sarg durch einen Alteisenhändler und den damaligen Rektor der Neuenkicker Schule, Karl Schrage, nach Neuenknick überführt. In der Windheimer Kirche gab es einen Gottesdienst, dann die erneute Beerdigung auf dem Friedhof in Reinkings Heimatdorf. Von einem Brief an Sophie war bis heute nichts bekannt.

„Ich will nur kurz ein paar Zeilen senden“, schreibt Fritz am 4. Juli 1940 in Sütterlin und mit Bleistift, und: „Liebe Sophie, wie geht es dir und dem kleinen Prinzen? Hoffentlich gut.“ Der kleine Prinz war Günter Reinking, geboren erst wenige Wochen zuvor am 3. Juni. Dann geht es um „Onkel Karl“, der „mir diese Tage einen Brief geschrieben wegen der Kindtaufe.“ Es passe gut, dass Karl Pate sein wolle, zumal er, Fritz, in zwei Wochen zuhause sei. „Dann kann ich doch wenigstens bei der Kindtaufe dabei sein.“ Und weiter: „Liebe Sophie, soweit sind wir nun, dass wir jetzt wissen, dass wir nach Hause kommen. Aber den Tag kann ich Dir noch nicht angeben. Heute Abend marschieren wir von hier ab, haben 120 Kilometer bis zur nächsten Bahnstation. Von da werden wir verladen nach Deutschland.“ Offenbar, so vermuten die Reinkings, ist der Brief aus Frankreich abgesendet worden. Der Feldpoststempel vom 5. Juli zeigt den Reichsadler mit Hakenkreuz.

Warum der Brief nicht gleich nach „Neuenknick Nr. 108, Windheim Weser in Westfahlen“ zugestellt wurde, können sich die Reinkings nur mit den Kriegswirren erklären.

Momentan lasse sich auch nicht feststellen, wo der Brief in all den Jahren nach dem Krieg gelegen hat, sagt der Neuenknicker Detlef Dex, der 1999 ein Erinnerungsbuch über die örtlichen Kriegsteilnehmer geschrieben hatte und der Familie jetzt bei der weiteren Erforschung behilflich ist. Fest steht, dass der Umschlag samt Inhalt zuletzt bei einem Militaria-Sammler in Radebeul aufgetaucht war. Von dort aus geriet er nach Stadthagen und in die Hände eines weiteren Sammlers. Der wiederum gab die Feldpost weiter an die Reinkings.

„Eine unglaubliche Geschichte“, sagt Günter Reinking und hofft auf weitere Informationen zum Brief. Fest steht aber bereits jetzt: Obwohl die Erinnerung und der Verlust des Vaters unterschwellig immer Thema war, wurde schon lange nicht mehr so oft und intensiv über Fritz und Walter Reinking gesprochen wie in diesen Tagen. Oder über die trauernde Mutter und die Großeltern. Die Wunden, die der Krieg gerissen hat, verheilen nicht.

Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882 264oder Oliver.Ploeger@MT.de

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NeuenknickFeldpost aus dem Zweiten Weltkrieg erreicht Familie in Neuenknick nach 79 JahrenOliver PlögerPetershagen-Neuenknick (mt). Plötzlich ist alles wieder da: die Trauer über die Kindheit ohne Vater, die Erinnerung, als der Ortsgruppenleiter vor der Tür stand, die Hand zum „Hitlergruß“ hob und die Todesnachricht überbrachte, überhaupt die Unfassbarkeit dieses sinnlosen Krieges. Ein Brief ihres Vaters hat Christa Kleinschmidt und Günter Reinking in die eigene Kindheit zurückkatapultiert. Der grüne Feldpostumschlag, abgestempelt am 5. Juli 1940, erreichte die Familie jetzt, fast 79 Jahre später. Ein Brief aus dem Jenseits. Fritz Reinking war 30 Jahre alt und Unteroffizier einer Grenadier-Kompanie, als er am 28. Oktober 1944 bei Kämpfen in Holland Opfer des Zweiten Weltkriegs wurde. Er habe „den Heldentod gefunden“, wie es damals in einer Zeitungsanzeige heißen musste. Vier Jahre davor hatte er den Brief an seine geliebte Frau Sophie geschrieben, war danach noch auf Fronturlaub zuhause, wobei Günter Reinking, wie er sagt, nur schemenhafte Erinnerungen an Vater Fritz hat. Christa Kleinschmidt kennt Fotos, die sie zusammen mit dem Vater zeigen, mehr nicht. Günter Reinking, bald 79 Jahre alt, erinnert sich an den Tag, als die Todesnachricht kam, wie alle weinten, an seine Mutter, die plötzlich Witwe war und bis zu ihrem eigenen Tod 1972 ohne Partner blieb. „Vater fehlte immer, besonders als ich ein kleiner Junge war“, sagt Günter Reinking. Und Christa Kleinschmidt (77) war unendlich traurig, als sie bei ihrer Hochzeit nicht vom Vater zum Altar geführt wurde. „Da habe ich den Verlust so richtig gespürt“, sagt sie noch heute. Immer wieder sei Fritz Reinking Thema gewesen, immer wieder habe Sophie an ihn erinnert, die Eltern von Fritz sowieso, Minna und Konrad, die auch ihren zweiten Sohn verloren hatten: Von Walter fehlt bis heute jede Spur. „Im Osten vermisst“, hieß es damals. „Wahrscheinlich liegt er in irgendeinem Massengrab“, vermutet Günter Reinking. Fritz nicht. Er ist zwar zunächst in Holland beerdigt worden, Mitte Januar 1945 – so ist es in der Familie bekannt – wurde der Sarg durch einen Alteisenhändler und den damaligen Rektor der Neuenkicker Schule, Karl Schrage, nach Neuenknick überführt. In der Windheimer Kirche gab es einen Gottesdienst, dann die erneute Beerdigung auf dem Friedhof in Reinkings Heimatdorf. Von einem Brief an Sophie war bis heute nichts bekannt. „Ich will nur kurz ein paar Zeilen senden“, schreibt Fritz am 4. Juli 1940 in Sütterlin und mit Bleistift, und: „Liebe Sophie, wie geht es dir und dem kleinen Prinzen? Hoffentlich gut.“ Der kleine Prinz war Günter Reinking, geboren erst wenige Wochen zuvor am 3. Juni. Dann geht es um „Onkel Karl“, der „mir diese Tage einen Brief geschrieben wegen der Kindtaufe.“ Es passe gut, dass Karl Pate sein wolle, zumal er, Fritz, in zwei Wochen zuhause sei. „Dann kann ich doch wenigstens bei der Kindtaufe dabei sein.“ Und weiter: „Liebe Sophie, soweit sind wir nun, dass wir jetzt wissen, dass wir nach Hause kommen. Aber den Tag kann ich Dir noch nicht angeben. Heute Abend marschieren wir von hier ab, haben 120 Kilometer bis zur nächsten Bahnstation. Von da werden wir verladen nach Deutschland.“ Offenbar, so vermuten die Reinkings, ist der Brief aus Frankreich abgesendet worden. Der Feldpoststempel vom 5. Juli zeigt den Reichsadler mit Hakenkreuz. Warum der Brief nicht gleich nach „Neuenknick Nr. 108, Windheim Weser in Westfahlen“ zugestellt wurde, können sich die Reinkings nur mit den Kriegswirren erklären. Momentan lasse sich auch nicht feststellen, wo der Brief in all den Jahren nach dem Krieg gelegen hat, sagt der Neuenknicker Detlef Dex, der 1999 ein Erinnerungsbuch über die örtlichen Kriegsteilnehmer geschrieben hatte und der Familie jetzt bei der weiteren Erforschung behilflich ist. Fest steht, dass der Umschlag samt Inhalt zuletzt bei einem Militaria-Sammler in Radebeul aufgetaucht war. Von dort aus geriet er nach Stadthagen und in die Hände eines weiteren Sammlers. Der wiederum gab die Feldpost weiter an die Reinkings. „Eine unglaubliche Geschichte“, sagt Günter Reinking und hofft auf weitere Informationen zum Brief. Fest steht aber bereits jetzt: Obwohl die Erinnerung und der Verlust des Vaters unterschwellig immer Thema war, wurde schon lange nicht mehr so oft und intensiv über Fritz und Walter Reinking gesprochen wie in diesen Tagen. Oder über die trauernde Mutter und die Großeltern. Die Wunden, die der Krieg gerissen hat, verheilen nicht. Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882 264oder Oliver.Ploeger@MT.de