Friedewalde

Drei Generationen auf dem Hochsitz

Oliver Plöger

„Uns eint der Naturschutz“, sagen Willi Traue, Reik Traue und Sascha Traue (von links). Der Jüngste hat gerade das „Grüne Abitur“ bestanden und zeigt den Jagdschein. MT- - © Foto: Oliver Plöger
„Uns eint der Naturschutz“, sagen Willi Traue, Reik Traue und Sascha Traue (von links). Der Jüngste hat gerade das „Grüne Abitur“ bestanden und zeigt den Jagdschein. MT- (© Foto: Oliver Plöger)

Petershagen-Friedewalde (mt). Früher hat ihn Opa Willi mit zur Jagd genommen. Reik Traue war damals acht Jahre alt. Dann hat er hautnah erlebt, wie sehr sich sein Vater für den Naturschutz einsetzt. Und jetzt – mit 16 Jahren – hat er selbst das „Grüne Abitur“ geschafft: den Jagdschein, mit Lichtbild und in echt. Einschränkung: Reik darf noch keine Waffen besitzen und nur unter Aufsicht auf den Hochsitz. Die Prüfung aber hat sich nicht von der eines volljährigen Jägers unterschieden. Und dass Reik Jäger werden wollte, sei ihm immer klar gewesen. Opa Willi Traue meint sogar, es liege in den Genen.

Dass die Traues eine Jägerfamilie sind, liegt auf der Hand: Willi Traue (75) hatte seine Prüfung 1963 absolviert, Sascha Traue (45) dann im Jahr 2000, jetzt Reik. Die grüne Kluft tragen sie nicht, weil sie Lust haben, auf Tiere zu schießen, entgegnen sie den Kritikern (die es reichlich gibt). Nein, sie wollen die Natur schützen, erhalten und – nur wenn es nötig ist – regulierend eingreifen. Willi Traue sei selbst unter Waidleuten oft angeeckt, wenn er sich gegen die sinnlose Hasenjagd bei sinkender Population ausgesprochen hat. Klipp und klar sagt er aber auch: „Wir müssen etwas unternehmen, wenn wir 25 Stück Rehwild auf einem Haufen sehen.“ Und auch Reik sagt: „Ein schwaches Kitz schießt man nur, weil es den Winter nicht überleben würde.“

Für die Traues steht fest: Der Umgang mit den Waffen ist nur der kleinste Teil des Engagements. „Uns verbindet der Naturschutz“, sagt Sascha Traue. Und dieser Naturschutz gehöre zur Jagd untrennbar dazu. Willi Traue hat über Jahrzehnte in Friedewalde Hecken gepflanzt, sich für die Biotopbildung eingesetzt und an die Landwirtschaft appelliert, Schutzzonen für Insekten zu schaffen. Sascha Traue ist Umweltpädagoge bei der Biologischen Station und hatte zuhause in Hauskämpen dafür gesorgt, dass aus einer 14.000 Quadratmeter großen Ackerfläche eine Naturfläche entsteht: mit Streuobstwiese, Vogelschutzhecke, Teichanlage, Insektenhotel. Besonderheit: Schüler sorgen für den Aufbau. Bei der Einweihung im November war Reik dabei und hatte von der Schule eigens frei bekommen.

Als der Junge dann ein Praktikum bei einem Berufsjäger in Uchte absolviert hat, war das der letzte Kick. Sieben Monate hat der 16-jährige bei der Kreisjägerschaft Minden-Lübbecke gebüffelt, musste sich für die schriftliche Prüfung mit Wildbiologie auskennen, mit dem Jagdbetrieb und den Jagdzeiten, mit Waffentechnik und Jagdrecht. Aus einem Katalog von 500 Fragen kamen hundert in der Prüfung dran, fast alle hat er beantwortet. Geschossen wurde auf den Ständen Wittloge und Heisterholz. Und dann: Mit Bravour bestanden.

Opa Willi war beim großen Tag dabei und fieberte mit. Ob er auch noch mal geprüft werden wolle, hätten ihn die Jäger im Anschluss gefragt. Nein, habe er gesagt, aber er selbst könne die Prüfer ja mal prüfen. Typisch Willi Traue. Und Reik? „Jetzt will ich Opa und meinen Vater so gut es geht bei ihrem Engagement unterstützen.“ Und: „Ich will mich für das Wild einsetzen.“ Das mache ihm Spaß. Und ohne Spaß und Verantwortungsbewusstsein müsse man nicht Jäger werden.

Für Sascha Traue ist der Netzwerkgedanke wichtig. Jäger, Landwirte, Naturschützer – sie alle treten sich wertschätzend gegenüber, eigentlich immer im Bewusstsein der Verantwortung. Willi Traue, da sind sich Reik und Sascha Traue einig, habe eine sehr wertvolle Vorarbeit geleistet.

Und sicher wird das Engagement für die Natur, so Reik, „auch meinen beruflichen Weg bestimmen.“ Dafür habe er aber noch ein wenig Zeit.

Mit seinem „neuen“ Leben als richtiger Jäger geht Reik übrigens nicht hausieren. Einige seiner Mitschüler am Gymnasium in Petershagen wüssten das zwar, einige würden das sicher auch kritisch sehen, ein großes Thema sei das dort aber nicht. Dass sich junge Leute jetzt so sehr für die Natur einsetzen, findet Reik gut, auch wenn er die freien Freitage eher kritisch sieht und dann doch lieber für die nächste Klausur übt. Reik geht lieber am Wochenende mit Opa ins Revier oder arbeitet mit seinem Vater an der Naturschutzfläche in Hauskämpen. Arbeit gibt es da genug. Immer.

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FriedewaldeDrei Generationen auf dem HochsitzOliver PlögerPetershagen-Friedewalde (mt). Früher hat ihn Opa Willi mit zur Jagd genommen. Reik Traue war damals acht Jahre alt. Dann hat er hautnah erlebt, wie sehr sich sein Vater für den Naturschutz einsetzt. Und jetzt – mit 16 Jahren – hat er selbst das „Grüne Abitur“ geschafft: den Jagdschein, mit Lichtbild und in echt. Einschränkung: Reik darf noch keine Waffen besitzen und nur unter Aufsicht auf den Hochsitz. Die Prüfung aber hat sich nicht von der eines volljährigen Jägers unterschieden. Und dass Reik Jäger werden wollte, sei ihm immer klar gewesen. Opa Willi Traue meint sogar, es liege in den Genen. Dass die Traues eine Jägerfamilie sind, liegt auf der Hand: Willi Traue (75) hatte seine Prüfung 1963 absolviert, Sascha Traue (45) dann im Jahr 2000, jetzt Reik. Die grüne Kluft tragen sie nicht, weil sie Lust haben, auf Tiere zu schießen, entgegnen sie den Kritikern (die es reichlich gibt). Nein, sie wollen die Natur schützen, erhalten und – nur wenn es nötig ist – regulierend eingreifen. Willi Traue sei selbst unter Waidleuten oft angeeckt, wenn er sich gegen die sinnlose Hasenjagd bei sinkender Population ausgesprochen hat. Klipp und klar sagt er aber auch: „Wir müssen etwas unternehmen, wenn wir 25 Stück Rehwild auf einem Haufen sehen.“ Und auch Reik sagt: „Ein schwaches Kitz schießt man nur, weil es den Winter nicht überleben würde.“ Für die Traues steht fest: Der Umgang mit den Waffen ist nur der kleinste Teil des Engagements. „Uns verbindet der Naturschutz“, sagt Sascha Traue. Und dieser Naturschutz gehöre zur Jagd untrennbar dazu. Willi Traue hat über Jahrzehnte in Friedewalde Hecken gepflanzt, sich für die Biotopbildung eingesetzt und an die Landwirtschaft appelliert, Schutzzonen für Insekten zu schaffen. Sascha Traue ist Umweltpädagoge bei der Biologischen Station und hatte zuhause in Hauskämpen dafür gesorgt, dass aus einer 14.000 Quadratmeter großen Ackerfläche eine Naturfläche entsteht: mit Streuobstwiese, Vogelschutzhecke, Teichanlage, Insektenhotel. Besonderheit: Schüler sorgen für den Aufbau. Bei der Einweihung im November war Reik dabei und hatte von der Schule eigens frei bekommen. Als der Junge dann ein Praktikum bei einem Berufsjäger in Uchte absolviert hat, war das der letzte Kick. Sieben Monate hat der 16-jährige bei der Kreisjägerschaft Minden-Lübbecke gebüffelt, musste sich für die schriftliche Prüfung mit Wildbiologie auskennen, mit dem Jagdbetrieb und den Jagdzeiten, mit Waffentechnik und Jagdrecht. Aus einem Katalog von 500 Fragen kamen hundert in der Prüfung dran, fast alle hat er beantwortet. Geschossen wurde auf den Ständen Wittloge und Heisterholz. Und dann: Mit Bravour bestanden. Opa Willi war beim großen Tag dabei und fieberte mit. Ob er auch noch mal geprüft werden wolle, hätten ihn die Jäger im Anschluss gefragt. Nein, habe er gesagt, aber er selbst könne die Prüfer ja mal prüfen. Typisch Willi Traue. Und Reik? „Jetzt will ich Opa und meinen Vater so gut es geht bei ihrem Engagement unterstützen.“ Und: „Ich will mich für das Wild einsetzen.“ Das mache ihm Spaß. Und ohne Spaß und Verantwortungsbewusstsein müsse man nicht Jäger werden. Für Sascha Traue ist der Netzwerkgedanke wichtig. Jäger, Landwirte, Naturschützer – sie alle treten sich wertschätzend gegenüber, eigentlich immer im Bewusstsein der Verantwortung. Willi Traue, da sind sich Reik und Sascha Traue einig, habe eine sehr wertvolle Vorarbeit geleistet. Und sicher wird das Engagement für die Natur, so Reik, „auch meinen beruflichen Weg bestimmen.“ Dafür habe er aber noch ein wenig Zeit. Mit seinem „neuen“ Leben als richtiger Jäger geht Reik übrigens nicht hausieren. Einige seiner Mitschüler am Gymnasium in Petershagen wüssten das zwar, einige würden das sicher auch kritisch sehen, ein großes Thema sei das dort aber nicht. Dass sich junge Leute jetzt so sehr für die Natur einsetzen, findet Reik gut, auch wenn er die freien Freitage eher kritisch sieht und dann doch lieber für die nächste Klausur übt. Reik geht lieber am Wochenende mit Opa ins Revier oder arbeitet mit seinem Vater an der Naturschutzfläche in Hauskämpen. Arbeit gibt es da genug. Immer.